Vergiss dein Lachen nicht, wenn du weinst.

 

R. B.

Tragikomische Geschichten

Inhalt:

 

Eine kurze Geschichte von Liebe und Tod 

Zwei hausen

Kleiner, weisser Kämpfer

Rike und Dirk

Max

Desperados

Eine kurze Geschichte

von Liebe und Tod

 

 

Herbst.

Seit Tagen Sprühregen. Ebenso lange ringt Agathe mit dem Ge-

danken, ob sie das Haus für einen Spaziergang verlassen soll, oder

nicht.

Sie geht, schon wegen der Stille im Haus, die sie fast erdrückt.

Unten, an der Haustür, nochmals Zögern. Nach links, nach rechts, 

oder geradeaus, zum Park?

Ihre Stirn kräuselt sich. > Was soll ich bei dem Schietwetter im

Park rumtappen? <

Die Unentschlossenheit, ob ein Spaziergang bei Regen überhaupt

sinnvoll ist, macht ihr außerdem zu schaffen.

Sie klatscht auf’s Rahmenholz der Tür, was soviel wie: Abmarsch,

und: sei mal nicht so zimperlich, Agathe!, bedeuten soll.

 

Links. Richtung Innenstadt. Knapp zwanzig Schritte. Dann biegt

sie, einer undefinierbaren Eingebung folgend ab, Richtung Park.

Der Wind hebt an, weht ihr wütend Nässe ins Gesicht.

Der Schirm. Mist, sie hat den Schirm vergessen! Wieder mal. 

In letzter Zeit vergisst sie öfter mal was. Könnte am Alter liegen. 

Ach, Unfug. Fünfzig ist doch kein Alter. Vielleicht ist sie einfach nur

zuviel allein in dem großen Haus, am Park. Die Kinder sind längst

ausgeflogen. Keine wirklichen Aufgaben mehr. Viel Ruhe. Zuviel da-

von. Da lässt man sich schon gerne mal hängen, lässt einiges schlei-

fen und wird im Sog der Langeweile etwas tütelig.

Na ja, so lange man den eigenen Namen noch weiß, halb so wild.

 

Der Park ist menschenleer. Nicht ganz - da drüben, hinter der

Reihe aus dicken Eichen, erkennt sie eine Gestalt. Zwei Gestalten, 

besssergesagt. Eine, die schleppt und eine, die geschleppt wird.

Ist ziemlich merkwürdig, überlegt Agathe. Wer nimmt schon frei-

willig einen ausgewachsenen Bekannten huckepack?

Genau jetzt blickt die schnaufende, also schleppende Gestalt herü-

ber. Agathe will sich sich trollen - möglichst flott und unauffällig -

doch das Rufen des Anderen ist schneller.

> Hallo, Sie da! Wären Sie vielleicht so freundlich, mir zu helfen? <

Bin doch nicht verrückt!, denkt Agathe, die Unauffällige.

Warum eigentlich nicht... Das ist Agathe, die Hilfsbereite.

 

Agathe zwei gewinnt.

Sie geht näher. Das Gesicht des Mannes wird sichtbar, wenn auch

nur kurz. Hübscher Kerl: nicht mehr ganz jung, flott gekleidet, die

Haare ein wenig zerzaust - Folge der mühseligen Schlepperei, also

verzeihbar - helles, klatschnasses Haar. Die Augen... Moment...

Sie geht noch näher... dunkel, eher finster. Und das Unsichtbare -

sprich: Seele...offenbar stockfinster. Alles in allem also ein Kerl mit

düsterer Vergangenheit und nicht ganz so schlimmer Visage.

Das anhängliche Wesen auf der Schulter des Mannes: tot. Der Kopf

schaukelt zwar - aber nur, wenn der Träger es zulässt.

Der Mann will einen Toten loswerden, den er vielleicht sogar auf 

dem Gewissen hat.

Agathe zittert wie die letzten Blätter schwarzer Bäume.

> Sie haben sich da aber ein dickes Problem aufgeladen. <

Was sagt man nicht alles, um den eigenen Kopf zu retten. Könnte ja

sein, daß der Kerl vorhat, die einzige Zeugin seines Verbrechens spä-

ter dazu zu legen, wenn das Loch erstmal tief genug ist.

 

Nun kann sie auch erkennen, daß der Tote alt ist. Ein alter Mann. 

Das lässt den logischen Schluss zu, daß er immerhin ein langes Leben

hatte, ehe er ‘hinüber ging’. Ob dieses Leben auch erfüllt und schön

war, kann sie unmöglich einschätzen - ist in Anbetracht des jetzigen

Zustands auch weniger von Bedeutung.

Fakt ist lediglich: der alte Herr ist tot. Und der Jüngere rackert sich

ab, ihn möglichst schnell und unauffällig unter die Erde zu bringen. 

Nach geltenden Regeln sollte der Verstorbene auf einen Friedhof -

selbst dann, wenn er von zwanzig oder einundzwanzig Messerstichen

durchlöchert ist. 

Wenigstens gibt es im Regelfall eine Sterbeurkunde - eventuell Frau

und Geliebte, die um ihn weinen, und es gibt einen Grabstein mit Ge-

burts - und - Todesdatum. Immerhin.

Aber hier? In einem Park gibt es Bäume, Blumen, Vögel, schlafende

Stadtstreicher und reichlich Stille - immerhin.

Eventuell hatte der alte Herr seinen eigenen Kopf - und einen letz-

ten, großen Wunsch.

> Er war so gern hier, < schnauft der Jüngere. > Wir haben alles

versucht, ihm die Idee auszureden. Aber Großvater hat drauf be-

standen, hier, im Park, die letzte Ruhe zu finden. Heute früh ist er

gestorben. Ganz friedlich. Im Schlaf. <

 

Agathes Anspannung löst sich.

> Dann sollten Sie seinen letzten Willen respektieren und ein gutes

Plätzchen für ihn aussuchen. <

Was redest du denn da für einen Blödsinn!, holt die Vernunft sie ein.

Lass ihn, findet Agathe, die Hilfsbereite. 

 

> Würden Sie mir helfen? <

Sein jammervoller Blick spricht Bände.

> Nur achtgeben, daß niemand kommt, während ich die Grube

aushebe, ja? <

> Nie und nimmer mach’ ich da mit!, < entgegnet sie wildent-

schlossen.

 

 

Etwa drei Stunden vergehen.

Es ist weit nach Mitternacht. Und Agathe steht immer noch auf

Wachposten - hat sich doch breitschlagen lassen.

Endlich ist die Kuhle so tief, daß kein Grund mehr zu sehen ist -

also tief genug. Nach einer kurzen Verschnaufpause und einem:

> Ruhe in Frieden, Großvater, < rutscht der Leichnam sanft in

die Tiefe. Der Wunsch des alten Mannes ist erfüllt. 

Nun schläft er neben einer windschiefen Eiche und einer Bank, 

die zu wärmeren Zeiten auch nachts besetzt ist. Gegen schlaf-

hungrige Desperados wird der alte Herr sicher nichts einzuwen-

den haben.

Aufgewühlt und dennoch auf eine unbestimmte Art zufrieden, 

legt der Jüngere den Klappspaten aus der Hand. Er wischt

Schmutz von seinen Wangen. Und Tränen.

 

Nass bis auf die Haut sind beide. 

Sie blickt ihn an. 

Er sie. 

Langes Schweigen.

 

> Ich gehe jetzt. <

> Ja, < sagt er, obwohl er hofft, sie würde noch bleiben.

Ihr Lächeln tut gut.

> Ich wohn’ gleich da drüben. <

> Dann können Sie Großvater ja vom Fenster aus seh'n! <

Jetzt wirkt ihr Lächeln müde.

> Ich sollte wirklich verschwinden. <

> Verstehe, natürlich. Na denn...auf Wiedersehn. Und vielen

Dank! <

Er würgt einen Halskloß herunter.

Zwei, drei Schritte. Beim Vierten stoppt Agathe.

> Möchten Sie, daß ich noch etwas bleibe? <

> Ja doch!, < schreit er fast.

 

 

Einige Wochen danach.

 

Der Winter streckt seine frostigen Fühler umher.

Aus dem Haus, am Park, dringt Lachen.

Dann zwei Gesichter am Fenster. Und an der Haustür ein

Sprüchlein, in Holz geritzt: 

 

Alles was zählt, ist Liebe.

 

Der schlafende Mann hinter der kahlgewehten Eiche hätte 

seine Freude daran.

Geschichte & Bild: (c) Ralph Bruse

Zwei hausen

 

 

An jenem Morgen, Ende September, ließ sich ein großer Vogel

auf der Linde nieder. Übrigens der einzige Baum weit und breit.

Und der Vogel sah einem Adler ähnlich. Sein Gefieder war weiss -

so hell, daß er unmöglich Adler, sondern ein Albatros sein mußte.

Dennoch war er Adler - kühn, lautlos und schnell. Der Zweig, auf

dem er saß, klopfte ans Fenster des Hauses, das einstmals schon

aus der Ferne blinkte. Jetzt ist es staubig und verwittert.

 

Das zweite Haus, einige Meter weiter, wirkt ebenso trostlos -

scheinbar unbewohnt. Trotzdem leben hier Menschen. Zwei, ge-

nauergesagt. Zwei Häuser, zwei Menschen - fern von allem, mit-

ten in der tiefsten Provinz. Hier plündert der Wind wahrlich je-

den Grashalm. Die wenigen Schönwetter-Wolken jagt er fort.

Drum regnet es soviel in Zweihausen, wie der Ort auch genannt

wird. Kurzum: die Gegend könnte trostloser nicht sein. Auch dem

weißen Vogel fällt dies sofort auf. Dennoch wippt er munter weiter 

auf seinem Ast, dessen Ende am blinden Fenster ratscht.

Da drinnen, im Haus, rührt sich nichts.

Also, nicht gleich, aber dann...

Die Tür fliegt auf. Ein wohlgeformtes Bein ist zu erkennen, dann

noch eins, ein grauer, löchriger Kittel - darüber ein schiefes, weit

vorgestrecktes Kinn; darüber wiederum eine tropfende Hakenna-

se, die aus einem düster wirkenden Gesicht ragt - dem Gesicht ei-

ner Frau in den mittleren Jahren.

Sie ist unachtsam, oder noch verschlafen - so genau kann man

das nicht erkennen. Jedenfalls stolpert sie, wie schon öfter, über

das lose Holzbrett der Türschwelle - segelt sozusagen in den be-

ginnenden Tag. Immerhin ist sie solch einen radikalen Tagesbe-

ginn gewöhnt, so daß sie sich lediglich zu einem knappen > Schei-

ße! < durchringt.

 

Nun ja, die Abgeschiedenheit dieses Wohnortes und der immer-

gleiche Trott bringen so manchen Frust mit sich. Ein Fremder

würde sich hier draußen ohnehin nicht wohl fühlen. Trotzdem

hat Zweihausen überzeugende, erfreulichere Seiten zu bieten.

Die unfassbare Stille, zum Beispiel. Hier ist es so still, daß nicht

nur der schwach säuselnde Wind zu hören ist, sondern auch das

Wühlen eines Maulwurfs, tief in der Erde. Manchmal, wenn der

Wind ganz einschläft, ist sogar das Klappen einer Tür im zwei Kilo-

meter entfernten Gehöft von Jean Malou, dem Ziegenbauer, zu

vernehmen.

Jetzt aber klappt dort keine Tür mehr, denn Jean Malou, der ab

und an hierher, nach Zweihausen kam, hat seinen eigenen Hof

verlassen - unfreiwillig. Das nur nebenbei.

 

Herrliche Ruhe also dort, wie hier. Wenn da nicht Nora wäre, die

allen Frieden des Öfteren mit flotter Zunge durchbricht. Gerade

wischt sie sich den klebrigen Matsch notdüftig vom Leib, tritt wü-

tend nach der kaputten Türschwelle und ruft nach kurzer Ver-

schnaufpause zum Nachbarhaus gewandt: > Heeh Julie, komm 

mal! Da sitzt ein weisser Adler. Hab ich hier noch nie gesehn.

Könnte auch 'n Habicht sein. Was weiß denn ich! Jedenfalls ko-

misch, das Viech! <

 

Keine Antwort. Julie, die einzige Nachbarin, liegt offenbar noch

im Bett. Das stachelt Nora erst richtig an. Ein schiefes Lachen er-

scheint zwischen ihren Lippen. > Julie!, < ruft sie. > Stell dir vor,

da sitzt 'n großer Kerl im Baum. Und der sieht aus, wie Jean! <

> Jean?!, < kommt es pfeilschnell zurück. > Im Baum? Willst

mich wohl auf'n Arm nehmen! <

Da taucht Julies Kopf im Fenster auf. Ein hübscher Kopf, mit eher

freundlichen Gesichtszügen, aber angstvollen, blauen Augen darin.

Nora kichert ausgelassen, denn im Baum sitzt natürlich nicht be-

sagter Jean, sondern nur jener große, weiße Vogel.

Julie will Nora gerade zurecht weisen, mit Toten lieber keine Spä-

ße zu treiben, da geschieht etwas Merkwürdiges...Der Vogel - ein

äußerst zutrauliches Tier - schnellt in die Luft und landet wenig

später am offenen Fenstersims des Nachbarhauses, direkt neben

Julie. Die wird bleich und bleicher und weicht zurück. Doch der

weiße Vogel folgt ihr. Schließlich stößt er Laute aus, die dem hoh-

len Lachen Jean Malous wirklich schrecklich ähneln - undzwar so

sehr, daß der Verdacht entstehen könnte, der Kerl sei garnicht tot.

Und wenn doch, dann ist er offenbar in Gestalt eines Riesenvogels

wieder auferstanden. Grauenvoll, die bloße Vorstellung...!

 

Julie holt weit von hinten aus und trifft den anhänglichen Vogel

hart am Kopf. Der schreit auf und stürmt davon.

 

Eine ganze Weile lang ließ sich das Tier nicht mehr blicken. Bis

zum Abend, genauergesagt. Er nahm seinen alten Platz im Baum

ein und schrie nun erstrecht in einer Tour, daß einem Angst und

Bange wurde.

Die beiden Frauen - übrigens Schwestern - saßen gerade zu Tisch;

aßen, tranken Wein und ließen es sich gut gehen - bis zu dem Mo-

ment, als der Vogel sein leierndes Schreien anstimmte.

> Daa, dddas Biiieest!, < stammelte Nora unruhig. Sie wies zur Lin-

de, vor'm Haus, dessen höchster Ast sich unter der Last des Tieres

bog. Es schien so, als würde das Tier auf irgendetwas; auf irgend-

wen warten, denn es glotzte dauernd umher und hielt Ausschau

nach...ja, wonach...? Der Nacht...? Wird wohl so sein, daß es die

Nacht abwartete...

 

Die kam bald.

Dunkelheit schluckte die zwei Häuser; schluckte den Baum, samt

Vogel. Alles ringsum wurde in tiefe Schwärze getaucht. Nur die Sil-

houetten zweier Frauen waren im Schein einer flackernden Kerze

erkennbar. Und von draußen hörten sie das Klopfen...

Es will herein - will eingelassen werden.

Die Frauen zitterten.

Julie stellte das Kofferradio auf volle Lautstärke ein.

Wieder das Klopfen. Drei, viermal.

Aus dem Klopfen wurde Gepolter. Schließlich schwerste Tritte ge-

gen die Tür.

Es will herein. Er will herein...

Julie, die Jüngere der Beiden, hat genug Wein getrunken, um der

Gefahr ins Auge blicken zu können. Sie strebt zur Tür, holt noch

ein paarmal tief Luft, und öffnet ruckartig...

Nichts passiert. Garnichts...Kein Tier stürmt herein; kein Mensch;

erstrecht kein Totgeglaubter. Selbst Motten meiden das Kerzen-

licht im Haus. Laute Stille. Ja, laut.

> Jean liegt doch unter der Linde?, < will Julie wissen. Und fügt

schnell hinzu: > Sollten wir nicht besser nachsehn? <

> Der liegt still. Ganz sicher, < meint Nora. Und: > Der kommt

auch nicht als Vogel wieder. <

Julie überzeugt das nicht.

> Meinst du? <

> Mein' ich nicht. Weiß ich, Schwesterherz. Komm, ich gieß' uns

noch' n ordentlichen Schluck ein. <

 

Sie tranken Wein, wie jeden Tag. Tranken viel Wein.

> Weißt du, < erzählte Nora zum soundsovielten Mal. > War nicht

gut, daß wir uns in Jean verliebt haben. Er war es nicht wert...<

> Aaanfangs schon, < nuschelte Julie mit schon schwerer Zunge.

> Wenn schooon, < lallte Nora. Wie sie so sprach, wirkte sie viel

älter, als sie in Wahrheit ist. Und wenn Julie sie verbesserte, starb

sie fast, so zerbrechlich war sie dann.

 

So starb auch die Zeit. Zwei Schwestern, die auf niemanden mehr

warteten. Einst warteten sie auf Jean - alle Beide - doch der wollte

nur das Land unter ihren Füßen - sonst nichts. Er wickelte sie ein -

alle Beide - bis er hatte, was er wollte. Ihnen blieb schließlich nur

die Wahl zwischen halb und ganz tot. Als er eines Tages abermals

herkam und die zwei Häuser, samt Land forderte - höhnisch grin-

send den abgeluchsten Vertrag hochhielt - da fiel ihre Wahl auf  

halb - und ganz tot. Das halbe Sterben für sie - das Ganze für

ihn. Sie erschlugen ihn - auch alle Beide. Und räumten ihn weg.

Seitdem liegt Jean Malou an der Linde - liegt da und kommt und

grinst nicht mehr. Geliebter Jean...

 

Und sie warten auf die Stille der Nächte. Und die der Tage. Im

Herbst. Jeden Herbst, wenn Blätter wie Erinnerungen fallen.

Manchmal sitzen sie auch nur da - sagen nichts, essen nichts. Trin-

ken Wein. Noch mehr Wein. Mitunter glauben sie, draußen Gestal-

ten, oder zumindest weiße Schemen zu erkennen, die vorbeiziehn

und  - je nachdem - auch manchmal um Einlass oder Nachtlager

bitten. Bis zum Morgen blieb aber nie jemand - wenn denn über-

haupt jemand da war.

Was gibt es hier auch schon zu sehen?

Zwei Häuser.

Zwei Menschen.

Ein Baum.

 Geschichte und Bild: (c) Ralph Bruse

Kleiner, weisser Kämpfer

 

 

Schon als kleiner Fratz wusste er, daß er mal ein ganz Großer 

werden würde. Zunächst war da seine resolute Mutti, die ihn 

auf diesen verheißungsvollen Weg schubste. Weil die Mutter- 

milch in ihrer schlaffen Brust ständig knapp war, mußte der 

ganz kleine Bruno sich schon sehr anstrengen, um halbwegs 

satt zu werden - also saugte er wie besessen - um nicht zu 

sagen: er soff wie ein Irrer - und so schüttelte seine Mutti je- 

des Mal mit gequältem Gesichtsausdruck den hageren Kopf, 

um mehr oder weniger resigniert festzustellen: Mein lieber 

Scholli. Der Bengel wird mal ein Riese von einem Kerl, so wie 

der säuft..! 

 

Natürlich wurde der Fratz Bruno größer, aber nicht sehr viel. 

Bei genau einem Meter und siebenundvierzig Zentimetern 

blieb er stecken. Es ging einfach nicht weiter - also war Bru- 

no ein kleiner Riese - und das betrübte ihn sehr. 

Er begann zu trinken. Nicht Milch, sondern Prozentiges. Mit 

knapp achtzehn Jahren hatte er seinen ersten Vollrausch, 

dem viele weitere folgten. Brunos Kindheit war eben hart - 

die Muttermilch reichte nie - aber das wisst Ihr ja schon. 

Auch die ständigen Hänseleien wegen seines Bonsaiwuchses 

rissen Narben in seine Seele. 

So blieb er also seinem einzigen Freund, dem Alkohol treu - 

soff und litt unter den wüsten Beschimpfungen seiner Mutti, 

die mit Rausschmiss drohte und ihn hin - und wieder auch ei- 

nen ‘Mistzwerg’ nannte - freilich nur, wenn Bruno wieder be- 

sonders viel Fusel getankt hatte. 

 

So zog das armselige Leben zwei weitere Jahre an Bruno vor- 

bei, und als er schon drauf und dran war, sich vom höchsten 

Kran einer Baustelle zu stürzen, rannte ihm Rosi über den 

Weg. Genauer gesagt: Rosi saß in dem Kran, den er dringend 

zur Vollendung seines Vorhabens benötigte. Noch ehe er, 

mächtig torkelnd, das Führerhaus erreichte, schrie Rosi von 

oben: Tickste noch ganz richtich, Blödmann?!... Sieh zu, daß 

du Land gewinnst, oder biste lebensmüde?! 

> Bin ich, < lallte Bruno. > Wären Sie wohl so freundlich, mir 

für eine Minute ihren Ausblick zu leihen? Länger dauert's be- 

stimmt nicht! < 

Weiß der Geier, warum, aber plötzlich fand die Kranfahrerin 

das irgendwie drollig und sie konnte sich ein Kichern nicht 

verkneifen. Doch dann nahm ihr schwitziges Gesicht wieder 

den Ernst der Lage an. Sie rief: Bleib da stehn, Blödi! Rühr 

dich bloß nicht vom Fleck! 

Sie sprang auf die oberste Eisensprosse und kurze Zeit spä- 

ter war sie auch schon bei ihm. 

Die Ohrfeige, die sie ihm verpasste, war nicht von schlech- 

tem Kaliber. 

Nocheine. 

> Los, komm schon mit runter! < 

Bruno zögerte noch, aber nicht sehr lange, denn Rosis Ge- 

duld war bei Null. 

> Soll ich Dir noch eine scheuern, damit Du wieder klar- 

siehst, Arschloch?! < 

Das Argument hatte was für sich. Er kletterte ins Leben zu- 

rück. Rosi fuhr ihn im vollbeladenen Kipplaster nach Hause. 

Seine Mutter verstand sich auf Anhieb prima mit der bulligen 

Kranfahrerin. Sie tranken Kaffee, löffelten Kuchen und 

schwatzten ausgelassen. 

 

Drei Tage später waren Bruno und Rosi ein Paar - sehr zur 

Freude seiner Mutti - während sich Brunos Freude darüber in 

Grenzen hielt. Rosi entpuppte sich außerdem als Feger, im 

wahrsten Sinne des Wortes. Sie fegte sein bisheriges, eigent- 

lich gemütliches Lotterleben sozusagen auf einen Haufen zu- 

sammen. Dann setzte es einen schwungvollen Tritt! - und 

weg war sie - die schöne, alte Zeit. Geleerte, aber auch halb- 

volle und volle Bierflaschen wanderten sackweise in den Müll- 

container. Rosi machte ihm Beine, und sie setzte ihm Hörner 

auf, als sie ihm eines Abends eröffnete: Ich hab Dir ‘n Job be- 

sorgt, Bruno. Hier ist die Adresse. Morgen früh sollste da an- 

tanzen. Punkt sieben Uhr! 

Sieben Uhr, Bruno!, wiederholte sie in scharfem Tonfall. 

Er gehorchte und zockelte am nächsten Morgen reichlich ver- 

schlafen zur angegebenen Adresse. 

 

 

Bruno hatte Glück- er wurde sofort eingestellt. Jetzt ist er

der einzige Klomann im Atlantik-Hotel. 

Natürlich merkte er schon bald, daß diese monotone Arbeit 

ganz und garnicht seinem eher wilden Naturell entsprach. 

Doch er fand, daß er mit Rosi einen guten Fang - wenn auch 

mit einigen Abstrichen gemacht hatte - und sie nicht enttäu- 

schen durfte. Er war sich nicht sicher, ob er das burschikose 

Mädel auch liebte, aber wenn doch, dann liebte er sie min- 

destens genauso wie seine alte Mutti - das heißt: zu gleichen 

Teilen - mal die eine mehr und dann die andere weniger, oder 

umgekehrt, oder so ähnlich. Bruno war sich nie klar darüber, 

welche der Beiden er gerade favorisierte. Es gab auch Tage, 

wo er Mutti wie Rosi in die Wüste wünschte, doch dann fiel 

ihm ein, daß er ohne sie wohl ganz schön allein auf der Welt 

sein würde - allein und hilflos, wie ein dreibeiniges Kalb. 

Vielleicht kannte Bruno das wirkliche Gefühl von Liebe auch 

garnicht - doch das nur nebenbei. 

 

Nun sitzt er also täglich acht Stunden im Kloeingangsbereich 

des ‘Atlantik’ und zählt die paar Cent im Kaffeeteller, oder 

pufft Spray der Marke ´Motherdream´ in die furzgeschwän- 

gerte Raumluft und träumt vor sich hin, oder sonstwas. 

Drei, vier Sätze reichen hier unten völlig aus, um den an- 

spruchsvollen Herrschaften diskret und so freundlich wie 

möglich zu dienen. 

> Guten Tag, der Herr. Kondome? Bitte sehr, gleich dort, ne- 

ben dem Waschbecken. Aufwiedersehn. Ihr Atlantik-Team 

wünscht einen erfolgreichen Tag...< 

Das übliche Einerlei. Bruno langweilt sich fast zu Tode. Zudem 

bemerkt er bald Ausschlag an seinen Händen, der von dort aus 

konstant den Siegeszug über sämtliche Gliedmaßen antritt. 

Schließlich blühten sogar eines nichtsahnenden Morgens win- 

zige Eiterbläschen in seinem Gesicht und Bruno beschloss, die 

mitunter nach Gebrauch versifften Klobecken nicht mehr oh- 

ne Gummihandschuhe zu putzen. 

Doch der Ausschlag wucherte weiter und bald war es selbst 

den Gästen unangenehm, ihm über den Weg laufen zu müs- 

sen. Jedenfalls hatten sie es nun sehr eilig, sich ihrer Notdurft 

zu entledigen. Dementsprechend nahm auch die Spendierfreu- 

digkeit der Kundschaft rapide ab. 

 

Schluss. Aus! Die ‘Klofrau’ Bruno nahm sich fest vor, wie- 

der ein Mann zu werden. Er schmiss die Schrubbürste hin 

und spürte im gleichen Moment, daß er für etwas Anderes 

bestimmt war. Was dieses Andere auch sein mochte - es war 

noch in ihm verborgen - wartete vielleicht noch auf den richti-

gen Tag, den richtigen Augenblick, das erlösende: Blinnngggg!

Er wußte, daß es Bling machen würde, undzwar schon bald...

Bruno war jetzt einundzwanzig Jahre alt, und zum ersten Mal

tat er et-was, das nicht Mutti und auch nicht Rosi für ihn vorsa-

hen: er dachte selbst über seine Zukunft nach. Und je länger er

nachdachte, desto schneller schlug sein Herz! Da war dieser

Traum, letzte Nacht... 

Bruno war im Reich der Mitte....Mönche waren da. Kahlköp- 

fige Mönche. Sie boten lächelnd an, ihm die Kunst des Kung 

Fu zu lehren. Er hat alles sauer Ersparte geopfert, um in Sha- 

olin, dem winzigen Bergkaff mit Weltruf, trainieren zu dürfen- 

und kaum da, waren die Kahlköpfe schon seine Freunde. 

Bruno trainierte wie ein Besessener und sein Fleiss wurde 

reich belohnt. Nach wenigen Wochen aß er gemeinsam mit 

den Mönchen im sonnendurchfluteten Garten des Shaolin- 

Klosters, was einer besonderen Ehre gleichkam. Er lernte, wie 

sie zu sprechen, zu denken, zu fühlen, im Einklang mit Budd- 

ha und der sanftschimmernden Natur, ringsum. Er wurde ein 

völlig anderer Mensch - äußerlich, wie auch innen. Die Bizeps 

wuchsen an, selbst an Körpergröße legte er noch zwei Zenti- 

meter zu. Sein Ausschlag verschwand auf Nimmerwiederse- 

hen und mit ihm die Erinnerung an trost - und geistarme Jah- 

re in Kleinstieten, des Bezirks Großstieten. 

Einer der Mönche im Kloster nahm sich seiner besonders an, 

weil auffiel, daß Bruno sogar weit mehr Training auf sich nahm,

als nötig, ohne je zu klagen. 

Sie wurden Freunde - Bruno aus Kleinstieten und Sung Peih, 

der gutmütige Mönch mit den lächelnden Augen. Nie er- 

schien Bruno die Welt schöner, als in dieser Zeit seiner Kung 

Fu-Lehre. Schon in aller Frühe, wenn die Sonne von den Ber- 

gen ins Tal kam, liefen sie hinaus, um den neuen Tag willkom- 

men zu heißen. Sie meditierten an glasklaren Bächen, bis sie 

Karma, die innere Ruhe und Mitte, erreichten. Manchmal be-

wegten sie sich wie Schlangen, langsam und bedächtig; dann

wieder schnell und geschmeidig wie Tiger im Sprung - immer

darauf bedacht, nicht die Schatten ihrer Körper zu kreuzen. 

Oft dauerten diese Übungen Stunden, doch wenn Schlappheit 

sie übermannte, war immer ein Dickbauchbuddha in der Nä- 

he, zu dessen Füßen es sich wunderbar Karma machen, oder 

einfach nur dösen ließ. 

Und dann, an irgendeinem Spätsommertag, in einem gewöhn- 

lichen Nachbartempel mit ungewöhnlich hübschen Tempel- 

tänzerinnen, trifft Bruno, den weisshäutigen Kung Fu-Lehr- 

ling fast der Schlag und die erste, wirkliche Liebe seines Le- 

bens. Schon als er ihren wohlklingenden Namen hört und in 

ihren schön bemalten Augen versumpft, kann er immer nur 

an sie denken: Miet Zu Meih. 

Von da an ist es um Bruno geschehen. Er flüstert ihren Na- 

men, er summt und singt ihn: Miet Zu Meih. Miet Zu Meih... 

Der Einfachheit halber wird er sie bald nur noch Mietz Mietz 

nennen. 

 

Zunächst ist die schüchterne Tänzerin jedoch sehr verwirrt. 

Sie spürt seine Zuneigung, gibt sich aber noch sehr scheu. 

Doch dann kommt jener Tag, an dem Bruno ihr seine Kung 

Fu-Künste demonstrieren kann - und Mietz Mietz neigt ihren 

Kopf langsam nach vorn, was soviel bedeutet, wie: ich bin 

Dir wohlgesonnen, weisser Kämpfer. 

Nun ziehen sich die Liebenden jeden Abend in Shaolins 

schützende Berge zurück und kitzeln sich mit den Nasen, 

vollziehen Karma, oder sind einfach nur stumm, vor Glück. 

Und wenn der Traum nicht zu Ende wär, würden sie immer 

noch inmitten der Berge.... 

 

 

2. 

> Der Mistzwerg hat tatsächlich die Arbeit im Atlantik hinge- 

schmissen!, < plärrt seine Mutter vorwurfsvoll. 

Rosi ist noch weniger begeistert. Sie droht ihm, wie so oft in 

letzter Zeit, mit totalem Liebesentzug. 

Den ganzen Tag und auch noch spät am Abend liegen sie 

Bruno in den Ohren, den ‘tollen Klomannjob’ morgen früh 

schleunigst wieder aufzunehmen. 

Bruno hat nicht die geringste Chance, gegen den Lärm der 

zwei Weibersirenen anzukommen. Aber er verspricht auch 

nichts. Es regnen Verwünschungen und Drohungen auf ihn 

nieder – doch Bruno schweigt. 

Hundemüde betrachtet er sich vor dem Zubettgehen im Bad- 

spiegel. Die Eiterbeulen auf seiner Haut sind noch dicker ge- 

worden. Wenn sie weiter so wuchern, ist schon bald nicht 

mehr zu erkennen, daß Bruno hinter diesen Eiterbergen 

wohnt. Dann ist er nur noch eine einzige, kloschrubbende 

Pestbeule - ist neuen Hänseleien ausgeliefert und bestimmt 

bald dem Nervenkollaps nahe. 

Er putzt sich die Zähne - langsam, sehr langsam, weil die

Gesichtshaut spannt und höllisch wehtut. Trotzdem kann er 

nicht verhindern, daß gleich zwei überreife Eiterblasen auf 

einmal platzen. Ihr gelblicher Inhalt seilt sich von der ge- 

schält aussehenden Nase ab und tropft direkt in Brunos gur- 

gelnden Mund. 

Er trägt es mit Fassung. 

 

Auch später, im Bett, als er mit Rosi schmusen will und sie 

ihm das üppige Hinterteil zudreht, ist Bruno noch ganz die 

Ruhe selbst. 

Als aber kurz vor dem Einschlafen seine Mutter ins Zimmer 

stürmt, um ihm freudestrahlend mitzuteilen, daß sie Bruno 

für heute im ‘Atlantik’ erfolgreich entschuldigt hat und daß 

er morgen wieder als Klomann anrücken darf - und weil er 

ziemlich erschrocken hochschnellt und die fetten Eiterblasen 

auf seiner Haut fast der Reihe nach platzen - weil Rosi kalther- 

zig und naserümpfend noch weiter von ihm wegrückt - ja, und 

weil dies ein verdammt guter Zeitpunkt ist, endlich Dampf 

rauszulassen - springt Bruno auf und rennt mindestens zehn 

Minuten lang schreiend in der Wohnung umher..!! 

Er schreit sich alle Qualen aus der Seele, schreit die Schmer- 

zen des Leibes heraus. Schreit und schreit! Bis nichts mehr 

geht. 

Doch - etwas geht noch. 

Er. 

 

> Wo willst du denn mitten in der Nacht hin, Junge?, < flennt

Mutti kleinlaut. Und: > Du hast dich irgendwie verändert, Bru-

nolein, < stellt sie treffend fest und setzt sich erstmal. 

> Ja, ich hab mich verändert, M u t t i! Schön, daß du das auch

mal bemerkst!, < keucht er heiser. > Ich seh nämlich aus, wie’n

Bratapfel mit Ohren! Die Leute ekeln sich schon vor mir! Und

und... und: ich pfeif auf die Leute, und und...auf Euch! < 

Seine Stimme versagt. 

Schnurstracks stapft er zur Tür. 

> Wo willst Du denn hin, Brunolein?, < jammert Mutti einge- 

schüchtert. 

> Nenn mich nie wieder Brunolein, verstanden?! < 

Sein Krächzen gewinnt wieder an Stärke. 

> Brunolein gibts nicht mehr, ist das in deiner dunklen Rumpel-

kammer, da oben, angekommen?! < 

Die alte Mutter sieht nun ganz alt aus. Sie ist blass um die Nase.

Sie wagt keine Widerrede mehr, müht sich stattdessen,  ihn

schnurrend umzustimmen. 

> Bruno. Mein Junge...< 

 

Ohne Erfolg. 

Sie heult. 

Bruno fordert Geld. 

> Geld? Wofür Geld?!, < hechelt sie. 

Ihre Stimme hat Operettenniveau. 

> Wohin willst du? Willst du deine arme Mutti etwa verlas- 

sen?! W o w i l l s t d u h i n ???

> Jedenfalls nicht zum Klodienst!, < übertrifft er die

schrillen Töne. 

 

Mutti hat verloren. Langsam, in Zeitlupe, wackelt sie nach ne- 

benan, in die Wohnstube und gibt ihm sein Erspartes. Merk- 

würdig - es ist das erste Mal, daß sie freiwillig etwas hergibt. 

 

 

3. 

Acht Wochen danach trudelt eine Ansichtskarte bei Muttern 

und Rosi in Kleinstieten ein. Die Vorderseite füllt ein lächeln- 

der Dicker aus. Ein Buddha. 

Bruno schreibt: 

 

Ich fühle mich hier sehr wohl. 

 

Und weiter:

 

Ich hatte mal einen Traum...Da war ein kleines  Nest,

mitten in den Bergen. Dort lebten kahlköpfige Mönche 

friedlich amFuß der Berge. Und ich war ihr Schüler... 

Wie gesagt, mir gehts gut. Meinen alten Namen hab ich

an der Klosterpforte abgegeben. Alle nennen mich jetzt

Weih Jungh Oh, was soviel wie: kleiner, weisser Kämp-

fer heißt. 

Mietz Mietz und ich trinken gerade Tee mit Hanfsamen

und Kirschblüten. Wiiir kiiichern ddannn immer ummm 

diiie Wwwette... 

 

 

(c) Ralph Bruse 

Rike und Dirk

 

 

Er strolcht durch Kaufhäuser - scheinbar ohne Ziel. Manchmal

lässt er Socken mitgehen; gelegentlich ein Oberhemd. Wenn in

der Lebensmittelabteilung die Luft rein ist, wandert auch schon

mal ein gutes Stück Schinken in seine Tasche, oder Naschzeug;

je nach dem.

Dirk klaut nur für den Eigenbedarf. Das ist natürlich keine 

Entschuldigung, aber immerhin auch kein Schwerverbrechen.

Und außerdem trägt er seine Schuld regelmäßig in der Pfarrei

ab. Sieben Vaterunser heute, vier morgen - immer der Anzahl

seiner Beutestücke angemessen. Montags sind es in der Regel

mehr Vaterunser, wegen der geschlossenen Läden am Sonntag.

Dafür hält er sich von Dienstag bis Samstag zurück, und das

ist ja auch schon was.

Der Diener Gottes, Pfarrer Knaumel, macht ihn bei jedem 

Kommen zur Schnecke.

> Dein Tun ist erschreckend übel, mein Sohn!, < warnt er. 

Dirk gelobt jedesmal hoch und heilig Besserung - bis; ja, bis

es Zeit wird, den störrischen Magen wieder aufzufüllen.

Dann ist der Schwur einstweilen außer Kraft - und Pfarrer 

Knaumel ist sauer. Dennoch zeigt er ein gewisses Maß an Ein-

sicht, daß der arme Mensch im Beichtstuhl ja ohne Fressalien

glatt eingeht. Deshalb verpfeift er sein Schäfchen auch nicht.

Ein guter Mann, der Knaumel. Soll doch sein Chef, da oben

über die Verirrungen richten - was entschuldbar und was ver-

werflich ist... Eins der gebeuteltes Schäfchen stiehlt. Punkt.

In den Pausen, dazwischen, beobachtet Dirk furchtbar gern

Leute, die dem überreichen Angebot im Kaufhaus ebenfalls

nicht widerderstehn können. Die ältere Dame bei Salzmann, 

zum Beispiel, fiel ihm gleich auf. Warum?... Vielleicht wegen

des Dauerlächelns, das zwischen ihren rosa geschminkten

Lippen hing.

Eine feine Dame; auffallend anders, unverschämt gut gelaunt

und deshalb unerhört hübsch - jedenfalls für ihr Alter.

Sie fuhr die Rolltreppe runter; das bunte Haar in rotschwarz-

goldenen Strähnen zum Zopf, nach rechts, gebunden.

Eine Dame mit Nationalstolz. Der nagelneue Mantel lag über

ihrem linken Arm. So kam sie ihm entgegen. Sie zog eine Tü-

te aus dem Nichts und sackte den Mantel in aller Ruhe ein.

Dirk, der nach oben, in die Sportabteilung rollte, sah ihr ver-

wundert nach. Weniger wegen ihres unverwüstlichen Lä-

chelns, auch nicht wegen der schrillen Haarpracht, oder Ähn-

lichem, sondern wegen des Mantels, der soeben in der Tüte

verschwand...Niemand würde ein so großes, schweres Klei-

dungsstück über'm Arm nach Hause tragen und auch nicht 

erst auf der Rolltreppe eintüten. Um sowas kümmert sich 

gleich nach Bezahlung eine fleißige Verkäuferin. Und weil die

Sachlage hier weit von Regel abweicht, gibt es nur eine lo-

gische Antwort: der Mantel ist auf  dem besten  Weg, illegal 

ausgeführt zu werden - ist also geklaut.

Sofort gehen in Dirks Kopf Sirenen an...Gleich wird sie, samt

Mantel, am Ausgang sein. Da warten Alarmschranken auf sie -

und später wartet sie dann auf die Polente, die Tantchen das

schöne Stück weniger galant wieder weg - und Tantchen mit-

nehmen...

Ziemlich dämlich ist das, schöne Frau - sieht doch 'n Blinder,

daß hier überall Plastikscheiben an den Klamotten baumeln -

nicht überall, aber an den Sachen, ab etwa 2o Euro aufwärts.

Der Mantel ist bestimmt das Zehnfache im Preis - und das

heißt, daß es am Ausgang gleich mächtig piepen wird..!

Zunächst übermannt Dirk sanfte Wut. Soviel Leichtsinn tut ja

schon weh! Warum tut sie das? Sie weiß garantiert, daß die 

Ware bestens gesichert ist. Oder hat die wirklich von nix ne

Ahnung?

Unwahrscheinlich. Jede Wette - die legt es drauf an, weil ihr 

alles schnuppe ist...Wie ein armes Mütterchen sieht sie jeden-

falls nicht aus. Warum also bezahlt sie den Mantel nicht ein-

fach und zieht Leine? Versteh einer die Verrückten..! Und 

überhaupt...was geht mich das an?! Tantchen wird aus dem

Verkehr gezogen; fertig, aus. Die hat gleich ein Problem am

Hals - nicht ich!, brabbelt Dirk mit sich selbst.

Allerdings gibt es da noch ein Problem...Er muß nämlich zu-

sehn, wie Tantchen hoppsgenommen wird - und das kann er 

nicht. Mist, verdammter!

Er hat sich nie elender gefühlt, als in diesem Moment. Einer-

seits, andererseits... Das Hin - und Her zerrt an seinen Nerven.

Was tun? Den edlen Retter spielen? Oder einfach verschwin-

den?

Er entscheidet sich für den Retter - ohne edel.

Viel Zeit bleibt ihm nicht mehr. Also los!... Er sprintet waghal-

sig in Richtung Parterre; muß über die Rolltreppe, da stehn

viele Leute - viel zu viele! - einige rempelt er aus dem Weg - sie

schicken ihm deftige Flüche hinterher - egal! Er rennt..!

Tantchen...gleich hat sie die Alarmsäulen erreicht...Er aber noch

lange nicht...Also: Tempoverschärfung! Das Fuchteln seiner Ar-

me wird wilder; immer mehr Leute fliegen in die Botanik, mot-

zen zu Recht, treten sogar nach ihm, oder in die Luft. Drauf ge-

pfiffen. Dirk ist schneller als alle. Adlerähnlich rauscht er sei-

nem Zielpunkt entgegen. Noch knappe zwanzig Meter, dann

ist er bei Tantchen...! Plötzlich der Schock...es könnten auch

dreißig Meter sein - und das sind entschieden zuviel, um als

Retter Erfolg zu haben.

Er muß zusehn, wie Gräfin Koks geradeaus und völlig un-

beeindruckt in die Fänge der Alarmfalle stolziert.

Das Gepiepe hat es in sich. An die hundert Hälse verrenken

sich fast synchron. Alles glotzt in Richtung Ausgang - ge-

bannt, verzückt, beeindruckt. 

Und die alte Dame..?

Die hat die Ruhe weg; marschiert unerschrocken gerade-

aus. Das Dauerlächeln in ihrem Gesicht ist sogar breiter, als

vorher.

Dirk will retten, was zu retten ist. Linkerhand erkennt er je-

manden vom Wachdienst. Der Typ ist ihr schon gefährlich na-

he...Dirk rennt ins Ziel, also durch die Alarmschranke - vor

dem Wachfritzen, erreicht Tantchen, schnappt nach der pral-

len Tüte, um sie in Sicherheit zu bringen; er packt hart zu - 

etwas zu hart - zieht...die Tüte reisst. Tantchen bückt sich nach

dem Mantel am Boden, glättet ihn, presst ihn wie einen gefun-

denen Goldbatzen an sich. Und Dirk hält nur noch einen Fetzen

der Tüte zwischen den Fingern... 

 

Sein Plan ist hin. Sie starren sich an; verblüfft und ziemlich von

der Rolle. 

Das wars denn wohl. Mitgehangen, mitgefangen...Jetzt wandern 

sie beide ins Kittchen.

> Schön brav da stehnbleiben!, < schnauzt der Wachmann wie-

hernd und höchsterfreut. Er zieht seinen Schlagknüppel blank.

> So ist brav...<

Überflüssigerweise grinst er auch noch wie ein Ackerpferd

nach einem gelungenen Zehnstundentag - mit Schaum im

Mund und problematischer Schweißabsonderung. Aus dem

langgezogenen Schädel schnauft es: > Tja, dumm gelaufen, ne?

Da haben wir doch mal gleich zwei Schmalzfliegen auf einen

Streich erwischt. <

Wo er Recht hat, hat er Recht.

 

Kurze Zeit später werden die Übeltäter abgeholt und ins Prä-

sidium gebracht. Nett sind die Polizisten nicht gerade. Warum

sollten sie auch nett sein? Aber wenigstens darf Dirk sich für

einige Minuten splitternackt ausziehn, was bei der Bullenhit-

ze im Verhörraum durchaus erfrischend sein kann. Weniger

erfrischend ist der übereifrige Beamte, der die Leibesvisite 

vornimmt - und auch nicht vergisst, zwischen die Arschbac-

ken zu schauen.

Dieselbe Prozedur muß auch Rike Sand, die Diebin im Ne-

benzimmer erdulden - immerhin in Anwesenheit einer jungen 

Polizistin.

Gegen Abend wird Dirk wieder auf freien Fuß gesetzt. Er ist

nicht vorbestraft - wurde bisher nicht erwischt, genauerge-

sagt, und er hat einen festen Wohnsitz.

 

Bei seiner Komplizin dauert das Gezetere länger. Ihre Vor-

strafenlatte wegen Ladendiebstahls ist beachtenswert und es

steht auf der Kippe, ob sie eingesperrt wird, oder nicht.

Der Haftrichter hat einen guten Tag. Drum entscheidet er 

sich dagegen, die ziemlich betagte Dame einzulochen. > Nur

aus Rücksicht auf Ihr hohes Alter!, < wie er mehrmals betont.

Rike Sand wird entlassen.

 

Draußen, vor dem Gefängnistor, wartet jemand auf sie. Na,

wer wohl..? Seit Jahren hat niemand auf sie gewartet - hier

schon garnicht.

Sie wirkt locker und gelöst. Auch ihr Dauerlächeln wappnet 

sich erneut zum Durchbruch.

> Haben Sie eine Freundin?, < fragt sie ohne Umschweife.

> Eieinne Fffreundin?, < stottert Dirk überrumpelt. > Ja. 

Nee...<

Eine Pause entsteht.

> Nun? <

Ihre Augen nehmen ihn fest ins Visier.

> Ja oder nein? <

> Ja, also...nee, < antwortet er zögernd, in der Hoffnung, seine 

Zurückhaltung wird ihr gründlich die Lust verderben, dauernd

so direkte Fragen zu stellen.

War wohl nichts.

> Gut, < freut sie sich. > Ich kann einen Freund brauchen, 

der’n bisschen auf mich aufpasst. <

Sprach’s und hängte sich bei ihm ein.

> Und n Schnaps könnt ich jetzt auch vertragen. n großen

Schnaps! Der Trubel dadrin war doch nicht ganz ohne. <

 

So schlimm kann der Trubel nicht gewesen sein, denn ihre

Schritte werden schnell leichter. Fast tänzelnd. Und der üppi-

ge Haarschopf im Nationallook weht wie wildes Gestrüpp dazu.

> Sagen die doch glatt, ich hätte sie nicht alle beisammen,

weil ich andauernd solchen Unsinn verzapf..! Was sagen Sie

dazu? <

> Na ja, was soll ich schon...<

> Lassen wir das!, < fegt sie die Frage weg.

Sie schlendern dahin. Stoppen plötzlich.

> Würde es Ihnen etwas ausmachen, einer alten Frau nachträg-

lich, zur Begrüßung, die Wange zu küssen? <

Er zögert. Die ist wirklich plemplem, sagt er sich. Als er Rikes

listiges Lächeln entdeckt, weiß er, daß sie die Überrumpe-

lungsmasche wohl noch öfter anwenden wird - und im Grun-

de hat er nichts dagegen.

Ihre Blicke treffen sich.

> Ganz unverbindlich? <

> Jes. Ohne jede Verpflichtung! <

Er küsst sie.

Ihre Augen schließen sich - öffnen sich nur langsam. Etwas

Röte erobert ihr Gesicht.

> Wie alt sind Sie? <

> Neunzehn. Und Sie? <

> Mal überlegen. Seit eben bin ich gefühlte Fünfundzwanzig. <

Sie greift sich seine Hand. Die will ihr entwischen. Zweck-

los - sie ist schneller, drückt fester zu.

> Du siehst aus, als könntest Du auch ne Freundin brauchen.

Komm...<

 

Sie lädt Dirk ins Cafe ein; später zum Tanzen, nach Hause.

Auf der Kommode, im Wohnzimmer, schmollt ihr verstorbe-

ner Mann. 

> Mewes war schon immer furchtbar eifersüchtig, < sagt sie

achselzuckend.

Sie verhängt das Bild.

Am andern Morgen, in aller Frühe, bummeln Rike und Dirk

im nahen Park, lauschen der Stille. Danach sammeln sie sechs 

Tüten, gefüllt mit frischen Brötchen ein, die der Bäckerjunge

gerade erst vor die Haustüren, im Viertel, legte. Den Inhalt

zweier Tüten verzehren sie. Vier Tüten tragen sie in Windes-

eile zurück, zu den eigentlichen Empfängern.

 

 

Einige Tage danach - während einer Spritztour im geklauten

Wagen - sagt Rike, daß ihr Leben nie schöner war, als jetzt.

Sie fahren von der Chaussee ab, stoppen am Waldrand, schlen-

dern zu Fuß weiter; lassen zuwuchernde Wege hinter sich und

finden sich schließlich an einem einsam gelegenen See wieder.

Ihnen ist, als wären sie am Ziel.

 

Hierher werden sie oft kommen. Sehr oft. Noch zwei Sommer

und einen Winter. Dann stirbt Rike. Einfach so. Lächelnd - 

ganz nah bei Dirk. Mit einundachtzig Jahren.

 

 

(c) Ralph Bruse

Max                                                 

 

 

Er mag das Bistro, den glatzköpfigen Wirt, mag die Huren, die

um die Mittagszeit vorbeischaun, die alten und jungen Leute -

buntes Volk mit bunten Eigenarten - Hunde, die mehr oder

weniger dösend in den Ecken lungern und unter Tischen - er

kennt alle beim Namen, Tier wie Mensch, und das mag er.

Was er nicht so sehr mag, ist sein eigenes, armseliges Leben.

Seit ihn das Militär entließ - unehrenhaft, wegen unmotivier-

ter Schießereien im Kasernenhof - war es nur eine Frage der

Zeit, bis er an den Rand der Gesellschaft gespült wurde.

 

Nun saß er täglich in jenem Bistro, nahe des Stadtzentrums

und dachte über mancherlei liderliche Dinge nach. Liderlich

deshalb, weil er trotz großer Anstrengungen keine Arbeit

fand, nur flüchtige Freunde hatte, in seiner schäbigen Bleibe

türmten sich Rechnungen - da kommt man notgedrungen

auf krumme Ideen.

Soldat war er, wie gesagt. Berufssoldat. Bis zum Unteroffizier

hatte er es gebracht. Und dann der Rauswurf nach fünf ge-

dienten Jahren. Schweine, die! Alles Schweine, die beim Mili-

tär! Er wird es ihnen zeigen - wird beweisen, daß er nach wie

vor ein hervorragender Soldat und Stratege ist!

Über Monate hat er die Gegend ausgekundschaftet und er kam

zu dem Schluss, daß sich die Bank, direkt gegenüber, immerhin

zur Lösung seiner finanziellen Probleme eignet. Natürlich bewah-

ren die da nicht sein Geld, sondern das Geld anderer Leute auf,

aber wer weiß, ob nicht auch der eine oder andere Euro aus sei-

ner Tasche über Umwege dort durchwandert. Seine paar Kröten

sind sicher nicht der Rede wert, und dennoch: der Tag ist gekom-

men, die ziellose Wanderschaft des Zasters endlich in seine Rich-

tung umzuleiten, was heißen soll: er holt ihn sich prompt gegen-

über. Dort hat er kein Konto, prima ist das. Ist ja auch nicht rat-

sam, ausgerechnet die Bank zu plündern, bei welcher das eigene

Konto ist.

Max ist bestens vorbereitet, hat präzise nachgerechnet - elf

Schritte von hier bis vor die Bistrotür, weitere fünf bis zur Am-

pel. Die Ampel steht genau achtundzwanzig Sekunden auf

rot, die Grünphase dauert exakt vierzehn Sekunden - bis zur

anderen Straßenseite sind es siebzehn Schritte, nochmal vier bis

an die Glastür der Bank. Dort wird er die olivgrüne Militärmüt-

ze andersherum aufsetzen, also den Innenstoff nach außen stül-

pen und im Bankinnern weiß dann jeder gleich, was Sache ist,

denn im Mützenfutter steht mehr als deutlich geschrieben:

 

Dies ist ein Bankraub! Maul halten! Geld her, aber fix!

 

Sicherheitshalber hat er noch klein drunter geschrieben - für

den unwahrscheinlichen Fall, daß eventuell doch was schief

läuft:

 

Okay. Dann nicht. Haben Sie wenigstens lohnende

Arbeit für mich?

 

Einem Bankräuber wird wohl kaum jemand Arbeit anbieten.

Die Floskel ist auch nur dazu gedacht, das Mitleidspotential

seines Gegenübers zu steigern, also auch indirekt den Fleiß

beim Eintüten des Geldes. Verwirrung dürfte die Frage nach

Arbeit allemal stiften und damit ist schon viel gewonnen, denn

wer verwirrt ist, denkt nicht logisch, vergisst wohlmöglich den

Alarmknopf und drückt ihn erst, wenn der arbeitssuchende

Räuber, samt Beute, um die Ecke verschwunden ist.

 

Nun, er ist guter Dinge, daß sein Plan gelingt. Er muß kein

einziges Wort sagen, die Armeemütze wird Stirn und Augen

verbergen; in der Manteltasche steckt der Faschingsrevolver

vom Enkel der Nachbarin, mit allen Schikanen und täuschend

echtem Knall. Bedrohlich aus der Wäsche gucken kann er, ren-

nen auch. Und was die Ampel vor der Bank betrifft: er wird

genau in dem Moment dort ankommen, wenn sie für Fußgän-

ger zwölf Sekunden auf grün war, also zwei Sekunden vor

rot. Sprint zur anderen Straßenseite, die Autokarawane fährt

an, und schon ist Max, der alte Stratege, weg. Keine Augen-

zeugen, keine Gefahr, kein Problem. Kinderspiel!

 

Er lacht sich eins, winkt dem Wirt, zahlt, gibt reichlich Trink-

geld. Der Wirt strahlt, blickt dann etwas irritiert drein, weil Max

sonst knickert, wenn es um Extras geht. Jaja, is ’n schöner Tag

heut, meint Max gutgelaunt und klopft dem Wirt ins Kreuz,

was er sonst auch nie tut. Laut singend stapft er nach draußen.

Der glatzköpfige Wirt sieht ihm ungläubig nach.

 

Die Ampel ist auf rot, dann wird es grün, wieder rot... Der singen-

de Max ist längst im Hin - und Her des Straßenlärms abgetaucht.

Da steht er noch ein Weilchen am Fenster - der Wirt, starrt Lö-

cher in die Luft und denkt so bei sich: jetzt ist er völlig verrückt,

der arme Soldat. Ansonsten eher kratzig und schweigsam - fängt

der plötzlich an zu singen, gibt fünf Euro Trinkgeld, obwohl er nur

drei zu zahlen hat. Komischer Kauz.

Ehe er die Grübeleien vertiefen kann, ruft ihn Helene zu sich.

Sie muß zur Arbeit, zwei Straßen weiter. Eigentlich schade, daß

Helene mit jedem daherlaufenden Kerl aufs Zimmer geht, denkt

sich der Wirt. Er jedenfalls würde ihr sein Reich und sonstwas zu

Füßen legen.

Helene will sein Reich nicht. Sie will nur in Ruhe Kaffee trinken.

Schade, denkt sich der Wirt.

 

 

Max hat Sorgen ganz anderer Art.

Kaum in der Bank, die Mütze in Position gebracht, fertig zur

´Geldausgabe´, den Griff hart am Revolver, marschiert er

schnurstracks in Richtung Schalter, oder besser: er will drauf

zu marschieren - da rempelt ihn noch im Eingangsbereich

eine offenbar senile Alte an, die doch wahrhaftig ihren Vogel

sucht. > Haben Sie ihn nicht gesehn, meinen kleinen Filou?, <

fragt sie jeden - also auch Max.

Der steht da, starrt die Alte bitterböse an, als meine sie den

eigenen Vogel, nämlich den hinter ihrer runzligen Stirn - will

sich vorbeischieben, weil ausgeflogene Vögel ihn herzlich we-

nig interessieren - doch die Alte lässt nicht locker - im Gegen-

teil. Er ist der Letztbefragte in der Bank und sie muß ihn auf

irgendeine Art furchtbar gern haben.

> Ich muß Filou finden, bevor’s draußen dunkel wird!, < jam-

mert sie herzzerfetzend.

Max hört garnicht richtig hin. Durch seinen Kopf sausen

schlimmste Vorahnungen. Seine ausgeklügelte Strategie ist

jedenfalls hin. Die Oma krallt sich an seinem Arm fest - ausge-

rechnet da, wo dieser in die rechte Hand übergeht, die samt

Revolver in der Manteltasche stecken. Er ist gezwungen, zu

improvisieren. Das heißt Erstens: die anhängliche Alte loswer-

den. Zweitens: notfalls mit Gewalt. Und Drittens: das kann er

nicht, Mist verdammter! Viertens: na gut, dann halt auf die

sanfte Art...

> Wenn ich so nachdenk’, hab ich Ihren Vogel vorhin, auf der

Straße gesehn, Madame, < lügt er.

> Ja, wirklich?, < weint sie fast. > Wo denn?? <

> Na, draußen. Einfach raus und links die Straße lang, ungefähr

fünfzig Meter, beim Fischhändler, oben, auf der Mansarde, da

sitzt er...<

> Beim Fischhändler? <

Sie ist zwar etwas verknotet im Kopf, aber so heftig auch wie-

der nicht. Von ‘draußen links’ kam sie nämlich gerade hier he-

rein.

Wie sah er denn aus?, will sie wissen.

> Der Fischfritze? <

> Nicht der. Na, Filou. Mein kleiner Filou! <

> Naja, wie so’n Stubenflieger eben aussieht. Groß, bunt, laut.

Wie’n Papagei halt...<

Die Alte wird zur plötzlichen Bedrohung, drischt wütend auf

ihn ein.

> Sie elender Lügenbold, Sie! Mein Filou ist ein Wellensittich

und kein Papagei. Und Sie sind ein ganz mieser Lügner, daß

Sie’s wissen! <

Zu den Schlägen prasselt es Spucke aus ihrem Mund.

> Gemeiner Lügner ! Betrüger, elender ! Mistkerl ! <

> Jetzt reichts!,< schnauzt er dazwischen und hält ihre Hände

fest. > Setz dich dahin, aber hurtig! Na los, wirds bald?!, <

brüllt er noch eine Spur schärfer.

Er deutet auf eine Kinderschaukel.

> Setz dich dahin; schaukel, oder mach sonstwas, bis ich hier

fertig bin, verstanden?! <

Seine Stimme überschlägt sich fast und in seinem Gesicht,

oder das, was davon zu sehen ist, ziehen kleine, dunkelrote

Flecken auf, die immer größer werden, bis sie das ganze

schweissüberströmte Gesicht besetzt haben.

Jetzt ist wirklich nicht mehr gut Kirschen essen, mit Max.

Auch die Alte spürt das. Drum lässt sie sich ohne den kleinsten

Protest auf dem Schaukel-Entchen nieder und bleibt da traurig

hocken, bis der Mann mit der Militärmütze fertig ist, wie er

sagte.

 

Es dauert nicht lange. Nach Ablauf weniger Minuten rennt

der Mann raus, hetzt rechts die Straße runter. Und was macht

die Alte? Die rennt hinterher, weil ja ihr Liebling in der Nähe

sein könnte und weil der Kerl offenbar mehr darüber weiß,

als er zugeben will. Denn warum sonst macht er in der Bank

so ein Remmidemmi und läuft dann vor ihr weg. Da stimmt

doch was nicht im Staate...

Womit sie garnicht mal Unrecht hat.

Während sie beherzt, aber auch reichlich mühsam, hinter

dem Mann herhetzt, reisst der sich im Lauf die Mütze vom

Kopf, stülpt das Futter nach innen, setzt das Ding wieder auf -

was der alten Dame unlogisch erscheint, denn Abkühlung ver-

spricht das Mützenmanöver ja wohl nicht. Und warum, bitte-

schön, rennt der Kerl reihenweise Leute um, oder rempelt sie

an..?

Ist es die pralle Einkaufstüte in der Rechten, die es zu vertei-

tigen gilt? Warum rennt er, als ginge es um sein Leben? Etwa

wegen Filou? Hat er den kleinen Filou etwa gekidnappt?

Das wird es sein. Er hat sich meinen Liebling gekascht, um

ihn meistbietend zu verhökern. Da wird nix draus, Freund-

chen. Ich werde dich jagen, bis einem von uns die Puste aus-

geht..!

 

Sie japst zuerst nach Luft.

Der Abstand zwischen ihnen vergrößert sich. Bald wird sie

ihn nicht mehr sehen können.

Doch dann passiert, was keinem Räuber passieren darf. Er

stürzt hin und aus der dicken Einkaufstüte purzeln die Schei-

ne. Binnen weniger Sekunden liegt Max in einem Kreis aus

neugierigen, eher gierigen Gaffern - und der Kreis wird im-

mer enger. Und die Alte schreit nach Kräften herüber, weil

sie im gleichen Moment kaum ihren Augen traut... Da, wo

der Flüchtende liegt, keine drei Armlängen darüber, auf dem

Dach eines parkenden Autos, hockt doch tatsächlich ihr ge-

liebter Filou und glotzt treudoof in die ihm fremde Welt...

Doch nicht so gierig, die Leute...Sofort wenden sie ihr Interes-

se dem entfleuchten Vögelchen zu. Der alten Dame muß man

doch helfen können...Schon schwärmt die Versammlung aus

und bildet einen neuen Kreis, wenige Meter weiter.

Schnell, eine Decke!, ruft jemand.

Nein, Ihren Rock!, ruft ein anderer. > Gefahr im Verzug. Also,

her mit dem Rock, Fräulein! <

Könnte Ihnen so passen!, ruft es zurück.

> Nun ja, wegen dem Vogel. Sehn Sie sich doch die alte Frau

an. Ist ja völlig aufgelöst, die Ärmste! <

Besagte Dame im Rock ist nun wirklich bereit, sich ihres Klei-

dungsstücks zu entledigen. Die Zeit drängt und die schreien-

de Vogelbesitzerin ist vollends aus dem Häuschen.

Da kommt endlich jemand mit rettender Decke angerannt.

Eine Rettung, die nicht so ganz gelingen will, denn Filou ist ein

sehr cleverer Vogel. Zwar erkennt er Frauchen und ist auch

nicht abgeneigt, sich in ihre weitoffenen Hände zu begeben.

Doch dann sieht er die Decke heranfliegen und Decken sind

ihm zuwider.

Filou ist schneller als die Decke. Zum Glück legt er kurze Zeit

später auf den Äpfeln einer Obsthandlung eine riskante Zwi-

schenlandung hin, beknabbert die verbotenen Früchte, wettert

wie ein Rohrspatz in Sittichverkleidung und spielt den Beleidig-

ten.

Die Ladeninhaberin schließt geschwind die Außentür.

Geschafft. Filous halbtägiges Abenteuer findet ein schlichtes

Ende. Die alte Dame ist glücklich. Die Leute gratulieren, sind

ebenfalls glücklich. Gerade wollen sie sich wieder den auf der

Straße verlorenen Geldscheinen widmen, da müssen sie fest-

stellen, daß keine mehr da sind, daß der Mann weg ist, und

mit ihm der Geldsegen.

 

 

2.

Und Max?

Im Gefängnis?

Iwo. Der sitzt wie immer im Bistro, gibt reichlich Trinkgeld,

singt beim Rausgehn und neuerdings auch beim Kommen.

Hier ist er für alle nur der singende Soldat, den sie zu Unrecht

entließen, weil er einem Oberst im Kasernenhof die Fenster

der Dienstwohnung zerschoss, weil der wiederum seine Unter-

gebenen aus Spaß am Piesacken stundenlang durch Wald

und Flur marschieren ließ.

Nun ja, die andere Hälfte der Wahrheit ist, daß auch die Frau

des Herrn Oberst nicht ohne war. In die verliebte sich Max

seiner Zeit, und als er ihr auf die schöne Nase zusagte, daß sie

auch mit anderen Soldaten ihre Nestspielchen trieb, daß er

aber dennoch nicht anders könne, als sie weiterhin zu lieben -

da lachte sie ihn aus.

Sie war schon ein Luder, die hübsche Frau Oberst; interes-

sierte sich nur für teure Kleider und potente Soldaten, aber

nicht für seine Liebe.

Und so griff Max nach langer Qual zum Notventil - nein, zum

Schnellfeuergewehr und schoss der holden Dame das Fens-

terglas aus den Schotten ihres Lotterkabuffs.

Durchgedreht. Er konnte nicht anders. Aber sonst war er ein

guter Soldat.

Trotzdem warfen sie ihn raus. Er war sich sicher, daß die Ar-

mee einen ihrer besten Männer verloren hatte. Warum also

schämen und schlaflose Nächte haben, wegen eines genialen

Bankraubs, oder besser: wegen eines fast genialen Bank-

raubs. Hektische Omas, die entwichene Piepmätze suchen,

sind riskant, aber nicht unkalkulierbar. Es kommt auf die

Kunst der Improvisation an, auf den kühlen Strategen. Das

ist er ohne jeden Zweifel.

 

                                        

3.

Seine Geschichte endet hier. Schade, denn ich höre ihm ger-

ne zu, weil er ein hervorragender Erzähler ist. Manchmal sit-

zen wir zusammen auf einen Schwatz im Bistro. Dann spa-

ziert sein Blick des öfteren über die Straße, zur Bank. Und

dann frage ich mich manchmal, warum er ausgerechnet mir

und sonst keinem die Geschichte vom fast genialen Bankraub

erzählt. Ich könnte den Leuten doch glatt verraten, wo er die

geretteten Fünfzigtausend verbunkert hat...

Dann lacht er jedes Mal, daß Tisch und Stühle wackeln und legt

mir eine Hand auf den Kopf.

Keiner hat Hände wie er. Weich und schwer. Und sein Lachen

ist die Antwort: tief und vertraut.

> Komm, Junge. Hol uns beiden noch ’n Schokocrossoint. <

> Ja, Papa...<

 

 

 (c) Ralph Bruse

Desperados

(Eine Kurzerzählung)

 

 

Hotte und ich quarzen wie Schlote. 

Wegen Geldknappheit suchen wir neuerdings die Straßen

nach Kippen ab. 

Gestern sah Hotte neben ´ner Kippe einen Fuffi liegen. Er

bückte sich zuerst in aller Seelenruhe nach der Kippe, knipp-

ste sie an und seine zahnlose Mundlandschaft grinste mich

an.

> Was is´n, Hotte? Warum grinste denn so doof?, < fragte 

ich ihn. Und: > Willste den Fuffi etwa liegenlassen?! <

Er grinste immer noch, nahm einen tiefen Lungenzug und

meinte: > Kippen halten länger. <

Irgendwie logisch, dachte ich. Ist zwar manchmal ziemlich

beknackt, der Typ - aber da hat er mal Recht.

Trotzdem sammeln wir seitdem getrennt - er seine gelieb-

ten Kippen, und ich suche nach fallengelassener Kohle.

 

Irgendwie hab ich inzwischen das Gefühl, daß Hotte wegen

fetter Ausbeute immer glücklicher wird, auch weil er viel frü-

her Feierabend hat, als ich. Und nachts, unter unserer Brücke

am Elbdeich, schnarcht der Kerl sowas von zufrieden vor sich

hin, als wären Buddha und er eineiige Zwillinge - während ich

knurrig die paar Kröten von Klimpergeld zähle, die allenfalls

für´s Klo am Neumarkt reichen.

 

 

Nach siebenundsechzig elend langen Tagen breche ich meine

Solotouren ab und schließe mich wieder dem dauergrinsenden

Doofmann, Namens Hotte, an. 

Wir fahnden jetzt in Mülltonnen und auf Straßen. In Tonnen

nach Essbarem; auf Straßen nach Kippen. Hotte scheint glück-

lich zu sein - oder wenigstens zufrieden. Jedenfalls grinst er im-

mer in einer Tour. Nur neulich nicht. Da fragte ich ihn, ob wir

für´s Abendbrot nicht mal ´ne Flasche guten Schnaps mopsen

sollten?

Er scheuerte mir eine und schnauzte: > Saufen ist tabu. Wir

sind schließlich ordentliche Landstreicher! <

Noble Einstellung, sah ich ein. 

 

Später klauen wir dann unser Abendbrot im Supermarkt zu-

sammen - er den Schinken und Käse - ich Butter und Himbeer-

Marmelade. Brot nahmen wir auf dem Rückweg aus Bio-Ton-

nen mit.

 

Schön vollgefressen lagen wir abends da, unter der Brücke -

glotzten die Nacht, vorbeifahrende Schiffe und den Mond an.

Und auf einmal  - ganz plötzlich - wußte ich, daß alles gut ist -

mit mir, mit Hotte und der Welt hier draußen. Alles okay.

Nur die Möwe, die spätnachts ein Marmeladenbrot mitnahm

und mir zum Dank im tiefsten Tiefschlaf hinterhältig in den

sperrangelweit aufstehenden Mund schiss, störte ein biss-

chen.

 

 

2.

Heute - zehn Jahre später - sehen wir uns wieder.

Stimmt nicht ganz... Also, ich betrachte sein Armengrab und

er guckt von oben zu. Hotte hat´s damals nicht über den Win-

ter geschafft, als der große Schnee kam.

Und ich hab doch noch die Kurve gekriegt, wie man so schön

sagt.

 

Fast jede Mittagspause bin ich hier draußen. Nachher langwei-

le ich mich wieder im Großraumbüro einer Überrumpelungs -

Agentur und albere mit Kollegen herum. Aber jetzt bin ich bei

Hotte und lege ihm ´ne nigelnagelneue Pfeife hin. Bis vor kur-

zem umzingelten Einkaufstüten ständig sein Holzkreuz - gefüllt

mit, na, was wohl....

Bis es den Friedhofs-Aufpasserfritzen zu doll wurde. All die vie-

len, mühsam von Hand eingesammelten Kippen - manche sogar

fingerlang! - haben die einkassiert. Restlos weg.

> Mußt dich halt mit ´ner Pfeife begnügen, oller Desperado, <

nuschle ich und will gerade in Richtung Agentur zurück marschie-

ren. In dem Moment kommt wie aus dem Nichts eine mordsgroße

Möwe angetrudelt - und das kreischende Viech scheisst mir doch

glatt....

 

Schlagartig wird mir klar, daß Hotte seine heissgeliebten Kippen

zurück haben will - keine kostspielige Spießer-Pfeife.

Bescheiden ist er - das muß man ihm lassen.

 

 

 

(c) Ralph Bruse

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