Tick tack

 

 

Der Wasserhahn quietschte, als er ihn öffnete. Paul mochte 

dieses Geräusch. Es passte zu seiner Vorstellung von Gebor-

genheit.

Er beugte sich noch tiefer, um sein schrumplig aussehen-

des Gesicht zu waschen. Ein paar Tropfen hangelten sich in 

seine ädrigen Hände ab. Mehr nicht. Es zischte und spuckte 

Luft. Das war´s.

Jetzt geht es also los, dachte er. Sie haben mir das Wasser 

abgedreht. Was ihnen wohl als nächstes einfällt..?

Paul drehte den Hahn wieder zu und humpelte rüber, in die

kleine Wohnstube.

lm gleichen Augenblick donnerte es ohrenbetäubend vom

Hausflur her. Das ganze Haus bebte vom Lärm. Die Decken-

lampe zitterte, taumelte hin und her und der Schrank rappel-

te furchterregend. Die halbgeleerte Kaffeetasse hüpfte, samt 

Unterteller, über den Tischrand und fiel klirrend zu Boden.

Sie kommen: die Leute vom Bautrupp!

Jeder Andere an Pauls Stelle hätte jetzt wohl die Nerven ver-

loren; würde stinkwütend die Tür zum Treppenhaus aufrei-

ßen, um sich ebenso erregt und lautstark über die Ruhestö-

rung zu beschweren.

Doch nichts dergleichen geschah.

Paul klammerte sich nur etwas fester an seinen Stock, hum-

pelte ans Fenster und sah hinunter auf die Straße.

Er lächelte. Wahrhaftig: zwischen seinen schmalen Lippen

spielte ein Lächeln, und dieses Lächeln wirkte weißgott nicht

erzwungen. Es war frei von jeder Bitterkeit.

Er liebte diesen Ausblick auf die Straße, auch wenn er nur 

knatternde Autos und gehetzt aussehende Leute vorbei hu-

schen sah. Das wuselige Treiben da unten gab ihm das Gefühl, 

zu Hause zu sein, etwas zu haben, das sich Heimat nennt. Und

so harrte er dort, am Fenster aus, als stünde er auch in tiefer 

Ruhe über den Dingen, die eigentlich zu Unruhe Anlass gaben.

Gerade sah er den nervös wirkenden Hausherrn, drüben, auf 

der anderen Straßenseite.

Jetzt trafen sich ihre Blicke.

Paul hob langsam den Arm und winkte freundlich herüber.

Der Vermieter schlug seinen Gruß in den Wind, reckte eine 

Faust und rief zornig herauf: > Sie haben´s ja nicht anders ge-

wollt, Flamm. > Zeit genug, sich ´ne andere Bleibe zu suchen,

war jedenfalls. Sechs Monate...die sollten ja wohl dicke reichen.

Aber nee: der alte Herr macht auf stur...Na gut, das können wir

auch! <

Seine Stimme überschlägt sich vor Zorn.

> Sie wollten´s ja nicht anders, Flamm!, < wiederholt er noch

übelgelaunter.

Paul öffnete das nur angelehnte Fenster ganz und sagte, so laut

es seine heisere Stimme zuließ: > Würden Sie das Wasser bitte 

nochmal kurz anstellen? Nur für etwa zehn Minuten, wegen des

vielen Geschirrs in der Küche, wissen Sie?! <

Der Hausherr Namens Klaukow starrt ihn an, als würde Paul vom

Mond, eventuell auch vom Mars kommen.

> Nur für zehn Minuten, Herr Klaukow. Die sollten ausreichen, < 

sagt Paul nocheinmal seelenruhig.

Ehe der Hauseigentümer vor Wut platzt, wechselt er noch ein paar-

mal die Gesichtsfarbe. Erst knallrot, dann lakenweiss. Für einen 

Moment sieht es sogar danach aus, als würde es grünlich aus sei-

nem arg verzerrten Gesicht schimmern.

Ein Donnerwetter wüstester Beschimpfungen fliegt zu Paul rauf. 

> Sie sind ja nicht dicht, Flamm! Ich dreh' ihnen doch nicht erst 

das Wasser ab, um es dann für zehn Minuten wieder anzudreh´n! 

Spülen Sie ihr Drecksgeschirr doch sonstwo, aber hier nicht 

mehr! <

Aus seinem Mund regnet es Spuckefontänen. Er reckt nun beide

Fäuste; schreit ungehemmt: Mach endlich, daß du hier verschwin-

dest! Sonst muß ich dich....<

Paul verschließt das Fenster, ehe der rasende Kerl auf der Straße

seinen Satz beenden kann.

Er atmet tief ein und aus. Dann humpelt er zu seinem Lieblings-

sessel in der Ofenecke und versinkt darin. Sein schrumpliger 

Kopf schmiegt sich in die Lehne. Paul lächelt nun nicht mehr, 

ist aber auch nicht sonderlich betrübt. Jedenfalls lässt er sich 

nichts anmerken. Der Herr Klaukow ist eben ein bisschen über-

reizt, wegen der Handwerker in seinem Haus. Sicher hat er auch

sonst viel zu tun. Wenn er sich erst wieder beruhigt hat, wird er 

das Wasser schon wieder andrehen. Heute abend werde ich ihn 

auf ein Gläschen in mein bescheidenes Nest einladen, und dann 

werden wir uns schon einig. Man muß nur in Ruhe über alles re-

den. Reden hilft in der Regel immer. Und so ein schlechter Kerl

ist der Herr Klaukow auch wieder nicht. Vor Jahren war er jeden-

falls öfter hier, in Pauls Wohnung. Beide verstanden sich auf An-

hieb. Nun ja: ganz nebenbei hatte ihm der Vermieter bei der Ge-

legenheit eine happige Mieterhöhung unter geschoben, die sich

jedoch noch stemmen ließ.

> Jaja, so ist das mit dem lieben Geld, < krächzte er leise vor sich

hin. > Schon seltsam, wie es die Menschen verändern kann. <

 

Paul streckte die müden Beine noch weiter von sich. Er gähnte 

ausgelassen. > Nanu, am frühen Morgen schon müde?, < nuschel-

te er. > Ist vielleicht doch etwas zuviel, der Hickhack im Haus. 

Na denn: ein Nickerchen hat noch keinem geschadet. <

Sein Kopf trudelte noch ein paarmal hin und her. Dann rollte er 

träumend seitwärts. Das gleichmäßige Schnarchen schwang sich 

irgendwie tröstlich in den Lärm, der scheinbar von überall her 

in sein schützendes Zuhause - sein Nest - eindrang. Da war es 

wieder: jenes kleine Lächeln in dem sanftmütigen, alten Gesicht.

 

Kaum eine Stunde später wurde Paul unsanft aus seinem Schlum-

mer gerissen. Er blinzelte verwirrt ins grell gewordene Tageslicht.

Ehe er einen klaren Gedanken fassen konnte, flog seine Wohnung-

stür auf!

Im Rahmen stand ein Riese von einem Mann. Seine bullige Statur 

schob sich vor, in Richtung Wohnstube. Der Kerl sieht nicht gerade 

aus, als würde er mit mir Halma spielen wollen, dachte Paul noch.

Der Sessel, in dem er saß, wurde gepackt und der Kerl schleppte Mo- 

biliar, samt Paul, ins Treppenhaus, ohne auch nur sonderlich einen

Gesichtsmuskel zu verziehen.

> Ende der Schonzeit, Opa!, < sagte der Bulle von Kerl ziemlich kühl.

> Deine Bude wird jetzt auf Vordermann gebracht, und dann hast du

die längste Zeit hier gewohnt. <

Der Hühne baut sich drohend vor ihm auf.

> Wenn du deinen Plunder noch mitnehmen willst, denn mach voran,

aber dalli, ! < schnauzt er. Heute nachmittag rücken wir an, um hier 

endgültig Ordnung zu schaffen! <

Sein übler Atem umweht Pauls Nase. Doch das stört den alten Mann

nicht sonderlich.

Was für ein Riesenkerl: mit Händen wie Schaufeln und einem Schädel 

wie scharf geschliffener Felsstein!

Paul ist beeindruckt, und diese Tatsache überlagert jede nur sichtbare 

Angst, die sein Innerstes verraten könnte.

> Sie haben sicherlich schon eine Menge von Lasten bewegt, an die 

sich sonst keiner wagt, < sagt er mit ruhiger Stimme. > Ich möchte wet-

ten, daß jeder vor ihren gewaltigen Fäusten gehörigen Respekt hat! <

Der Hühne blickt irritiert auf ihn hinab.

Paul berührt zaghaft, fast ehrfurchtsvoll die groben Pranken des Hüh-

nen und sagt: > Mein Gott, Gnade demjenigen, den diese Hände pac-

ken! Ich wünschte, ich hätte jemals solche Hände gehabt! Hunderte

von Häuser hätte ich damit bauen können! Wieviele Träume dürfte 

ich mit ihnen wahr werden lassen und erleben! Viele Menschen hätte

ich glücklich machen können mit diesem Händen! Und alle hätten sie 

gesagt: Was ist das nur für ein starker Kerl, der unser Haus gebaut 

hat..! <

Der Hühne starrt ihn immer noch aus ungläubigen Augen an. Am lieb-

sten wäre er davon gepoltert, um sich nicht länger das Gefasel des Al-

ten anhören zu müssen. Aber dann würde er jene schmeichelnden Wor-

te vielleicht auch niemals wieder hören...Er konnte garnicht anders: er

wollte das anerkennende Lobpreisen einfach hören; nahm es an wie

frische Luft zum Atmen; saugte jedes einzelne Wort tief in sich ein und

blieb still stehen, wo er stand.

Und Paul fuhr fort.

Er sprach und gestikulierte ununterbrochen mit zittriger Krächze. Wie-

der und wieder zog er die wuchtigen Hände des Riesen zu sich und 

strich bewundernd an ihnen entlang. Es goss schmeichelnde Worte und 

Anerkennendes, wie sie sonst wohl nur im Leitbuch eines Heiligen zu 

finden sind, der den Herrn preist.

Zu guter Letzt, als sein Krächzen schon fast wie das tiefste Grunzen ei-

nes verwundeten Tieres erstarb, sagte er: > Mein Vater war auch so ein 

starker Mann, wie Sie. Aber er war dennoch auch sehr gutmütig. Konnte

keiner Fliege ein Leid antun. Niemals hat er seine ungeheure Kraft dazu

benutzt, einem Schwächeren die Freude am Leben zu nehmen. Er liebte 

die Menschen, liebte das Leben, also liebten die Menschen auch ihn.

Naja, ein paar Gegner hat man wohl immer, gerade weil das eigene Herz 

zu gutmütig ist. <

 

An dieser Stelle angekommen, seufzte Paul auf wie eine Blume im Zau-

berland, deren Schönheit im gleichen Moment erloschen ist.

Er fühlte sich leer und ausgebrannt. Über seine zerfurchten Wangen roll-

ten Tränen. Sein dürrer Leib wurde von einem heftigen Zittern erfasst.

Mit letzter Kraft stammelte er: > Als mein Vater ein alter Mann war, 

kamen andere, die jetzt stärker waren als er. Sie schlugen grundlos 

auf ihn ein. Obwohl er noch Kraft genug besaß, um sich wenigstens 

wehren zu können, tat er nichts. Er stand einfach nur da und erdulde-

te die Schläge der anderen. Er hatte nie gelernt, Schlechtes mit Schlech-

tem zu vergelten. Alles, was geschah, nahm er hin. Er war wie ein Bär,

der nicht kämpfen will. <

Vor seinen Augen verschwamm alles.

Er hörte den Hühnen sagen: > Ein Bär, der nicht kämpfen will, ist ein

Teddybär. <

Paul nickte. Er wusste jetzt, daß er verloren hatte. Er war schon im-

mer auf der Verliererseite. Vielleicht ist es wirklich so, daß am Ende 

immer der Stärkere, der Eisenharte, gewinnt. Eisen kennt ja kein Mit-

gefühl. Es ist kalt.

Mühsam rappelte er sich hoch und stützte sich unsicher auf seinen 

Stock. > Wird Zeit, meine paar Sachen zu holen, < sagte er unendlich

schwach.

Er wandte sich von dem Hühnen ab, um aufzustehen. Doch dessen 

starke Hand hielt ihn fest. Die Hand zog ihn behutsam, fast zärtlich, 

in den Sessel zurück.

> Setz dich schon hin, Mann!, < sagte eine Stimme, die schon viel

freundlicher, wenn auch bestimmend, klang.

Der Sessel, samt Paul, wanderte per Muskelkraft zurück, ins Wohn-

zimmer. Bevor der Hühne die Tür zum Treppenhaus hinter sich zu-

donnerte, sagte er noch: > Ich muß bescheuert sein... aber ich hol' 

dich hier nicht raus. Wenn dich ein anderer hier wegholt, denn ist 

das den sein Bier. Irgendein ldiot für die Drecksarbeit findet sich ja

immer...Gut. Nee, nicht gut. Jedenfalls ohne mich. Leb wohl, alter 

Mann! Scheiße, nochmal!, < brüllte er gequält.

Letzteres klang fast wie eine Entschuldigung.

Die Tür fiel krachend ins Schloss.

Paul hörte polternde Schritte, die sich einstweilen wie das angstvol-

le Hämmern hinter den Schläfen entfernten.

Stille im Haus.

 

 

Er humpelte ans Fenster. Sah müde hinaus.

Er flehte, daß nichts mehr geschehen möge, an diesem Tag, in die-

sen Wänden.

Das Pendel der Wanduhr hinter seinem Rücken schlägt immer wei-

ter. Seine Ohren schmerzen davon.

Aber das Schlagen geht weiter.

Tick tack

tick tack

tick tack

tick...

 

 

(c) Ralph Bruse

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