Sturmnacht

 

 

Die Chaussee lag leer und verlassen da. Rabenschwarz strich die Nacht 

über das schlafende Land hin. Drohend jagten Gewitterwolken am halb-

vollen Mond vorbei. Ein Sturm braute sich zusammen.

Der Mann am Steuer seines Wagens gähnte übermüdet. Er fuhr ziellos 

umher. Im Radio dudelte einschläfernde Musik. Es war eine jener letzten

schwülwarmen Spätsommernächte, in denen sich die Luft klammfeucht 

auf der Haut räkelt.

Der Mann kramte ein Taschentuch hervor und wischte sich damit über 

Stirn und Nacken. Sein müder Blick schärfte sich ein wenig. Bad Dobe-

ran, zehn Kilometer.

Gleichzeitig zuckte der Mann zusammen...Spazierte da nicht gerade eine 

menschliche Gestalt am Straßenrand lang? Sein Blick fixierte den Rück-

spiegel. Wahrhaftig - dort lief zu nachtschlafender Zeit jemand umher.

Einige Sekunden vergingen. Reichlich unbeholfen trat er auf die Bremse.

Der kreischende Motor streikte und soff ab. Der Mann stieg aus und sah 

die Gestalt direkt auf sich zukommen. Etwas mulmig war ihm schon zu 

Mute. Schließlich strolcht normalerweise keiner nach Mitternacht auf 

einer unbelebten, tintenschwarzen Landstraße einher - es sei denn, der - 

oder diejenige ist ziemlich kauzig, lebensmüde, oder einfach nur plem-

plem.

Die Gestalt kam näher. Der Mann erkannte ein krumm vornübergebeug-

tes Mädchen in weißen, schleiernden Kleidern. Was aber noch mehr sei-

ne Wachsamkeit und Vorsicht schürte, war die Tatsache, daß sie ein

Kind im Arm trug.

Ein paar Meter kam sie noch auf ihn zu. Schließlich standen sie sich auf 

Armeslänge und Auge in Auge gegenüber.

Eine Flut übervollen Mitleids ergriff den Mann. Etwas stotternd fragte er,

ob er sie ein Stück ihres Weges mitnehmen kann. Sie schüttelte ihr blässli-

ches Haupt mit dem strähnigen, dünnen Haar, das ihr schweissnass an der 

Stirn klebte. Sie mußte schon lange hier an der Straße entlang gelaufen sein, 

ohne daß jemand besonderes Interesse an ihr gezeigt hätte. Ihr Atem ging 

schnell und etwas pfeifend. Das schlabbernde, knöchellange Kleid hing 

übergroß und beinah durchsichtig an ihr herab.

> Ich lasse nur ungern Leute in der Dunkelheit stehn. Erstrecht nicht mit 

Kind, <  brummelte der Mann. 

Da sie nichts sagte, versuchte er zu beschwichtigen.

> Hast du etwa Angst?...Unsereiner will ja nur helfen. Und die nächste Ort-

schaft ist zu Fuß mindestens noch ´ne Stunde hin...Na komm...Bitte einstei-

gen, Frollein...<

Er kam auf sie zu, wollte ihr das schlafende, in eine Decke gewickelte Kind, 

abnehmen.

Das Mädchen aber erschrak heftig und sprang ins unergründliche Dunkel ra-

schelnder Alleebäume davon. Dann, aus sicherer Entfernung beobachtete 

sie ihn sehr genau und wohl auch misstrauisch.

Was mußte das Mädchen schon durchmachen, daß es dermaßen in Angst 

gerät, wenn man ihm nur aufrichtig helfen möchte. Oder war sie einfach nur

verrückt und irrte ziellos umher?

Den Fahrer übermannte wieder das riesige Ungeheuer, welches Mitleid hieß.

Nochmal und nochmal bat er sie freundlich, doch einzusteigen. Aber sie lehnte

wortlos und energisch ab, indem sie ihren Krauskopf nur um so heftiger schüt-

telte.

Was sollte er also tun?! 

 

Minuten vergingen.

Schließlich forderte er das Mädchen immer noch freundlich, aber doch auch  

forsch auf, sich endlich ins Auto zu setzen. 

Sie aber stand nur da und belauerte ihn abwartend.

Es war schon aberwitzig. Der Mann bekniete das Mädchen fast, nicht auf 

der nachtumschwärzten Landstraße zu bleiben...Jeder andere wär längst 

davongefahren, nicht ohne ihr zuvor noch einen Vogel zu zeigen. 

Auch der Mann stieg bald ins Auto und fuhr einige Meter die Holperstraße

weiter. Dann jedoch hielt er wieder an. Sein Blick huschte abwechselnd in 

den Rückspiegel und rauf, zum bedrohlich wirkenden Nachthimmel. 

Ein Donnerhall krachte nieder und erste Regentropfen schlugen an die stau-

bige Frontscheibe. Böiger Seitenwind erfasste den Wagen und drückte ihn, 

mächtiger werdend, näher zu den Alleebäumen am Straßenrand. 

Zum Teufel nochmal! Er konnte doch nicht so einfach weiterfahren..! 

Bremsen quietschten. Er sprang hinaus und lief die Straße zurück. Das Mäd-

chen war wie vom Erdboden verschwunden. Er suchte den Straßengraben ab, 

sah sogar in die unheimlich rauschenden Kronen der Bäume hinauf. 

Nichts. Die Finsternis hatte sie geschluckt. 

Dann eben nicht!, fluchte er.

Gerade will er sich auf den kurzen Rückweg machen, da erkennt der Mann

auf dem angrenzenden Acker schwach eine Gestalt. Sie läuft querfeldein. Das 

dünne, weisse Kleid weht, schaurig anzusehn, durch schier unendliche Nacht-

schwärze. Das muß sie sein!

Blindlings lief er der Gestalt nach. Sie konnte ihm nun nicht mehr entkommen,

denn ihr beinah leuchtend helles Kleid wies ihm deutlich den Weg.

Einmal stolperte er und fiel hin. Dann hatten sich die gekniffenen Augen in 

das abscheuliche Dunkel gewöhnt.

 

Der Abstand zwischen ihnen wurde kleiner. Das Mädchen hatte ihr Kind 

geweckt. Es schrie herzzerreissend. Das Schutzbedürfnis des Mannes wurde 

übermächtig. Jetzt galt es, wenn schon nicht die Mutter, so doch wenigstens

ihr Kind in vorläufige Sicherheit zu bringen...Viele Gedankenblitze auf einmal 

durchjagten seinen Leib. Ganz plötzlich war jenes schreiende Kind eigentlicher

Kernpunkt wilder Gedanken geworden. Das Kind und nur das Kind! Ihm war, 

als würde er ausschließlich dafür rennen, hinfallen, wieder aufstehn - weiter!

Das Kind retten!...Er wusste schon, daß er es seiner Mutter wegnehmen wird,

um ihm ein lohnendes, zweites Leben zu schenken.

Seine zwei wirklichen Augen sahen die weisse Mädchengestalt über den Acker 

davonlaufen, doch das dritte, geistige Auge sah bereits Unheil nahen...Tiefste 

Tragik, die sich in dieser gespenstischen Spätsommernacht erfüllen wird.

Er lief um ein - nein, zwei Leben. Um seines und das des Kindes. Immer 

klarer wurde dieser eine unumkehrbare Gedanke.

 

Fast hat er die Fremde eingeholt, als etwas zu Boden fällt. Er kann nicht se-

hen was, spürt aber instinktiv, daß das Kind in seiner Decke zurückgelassen 

wurde, damit die Mutter schnellstmöglich entkommen kann.

Er sucht fieberhaft den schlammigen Acker ab. 

Wie wahr und erschreckend: das Kind lag, mit dem Gesicht voran, in einer 

Furche und drohte zu ersticken. 

Der Mann warf sich in den Dreck und riss das Bündel hoch. Dabei keuchte

er: atme, Kind! Na los, atme..!!

Gottseidank - es kam zu sich. Lebte also. Und schrie nun aus voller, unschul-

diger Seele. Es sah den Mann aus weit aufgerissenen Augen an. Ganz behut-

sam nahm er das Kind nah zu sich und sprach beruhigend, so gut das bei al-

ler Aufregung eben ging.

Es wirkte. Das Kind lallerte schließlich nur noch kaum hörbar und schloss 

zusehends seine großen, verwundert glotzenden Augen.

Er blickte auf. Die Fremde in dem wehenden Kleid ist weg - hat ihr Kind zu-

rückgelassen - wild entschlossen, dem Verfolger zu entkommen.

Unheimliche Stille umschließt den Mann. Ihm fröstelt. Langsam schleicht 

kalte Ernüchterung ins Wirrwarr wilder Gedanken zurück. Unmerklich 

nimmt kühle Vernunft wieder Platz am trommelnden Puls. War er als mitfüh-

lender Helfer gekommen, so war er nun zum Entführer eines Kindes gewor-

den. Unversehens hat sein gütiger Übermut jenen Makel beschworen, der ihn

nun ein Leben lang als Fluch verfolgen wird. Einer Mutter das Kind vom 

Arm - ja, vom Herzen gerissen. Gibt es je eine größere Schuld, als diese...?!

 

Wie betäubt taumelte er zur Straße zurück. Das Kind in seinen Armen schien 

wohlig zu schlafen. Hundeelend fühlte er sich, gemein und hinterhältig.

Alle Hast fiel von ihm ab. Endlose Müdigkeit kroch in ihm hoch und breitete 

sich, mächtiger werdend, aus. Jetzt erst wurde ihm auch bewusst, wie lange 

er schon nicht mehr richtig durchgeschlafen hatte. Drei Tage war es her, daß

er für wenige Minuten Ruhe fand. Gestrandet in selbstgefälliger Trübsinnig-

keit lag er zuletzt nur noch traum - und friedlos in der Koje seines klappri-

gen Kleintransporters und goss Schnaps härterer Sorte flaschenweise in die 

immer dürre Kehle. Dabei wünschte er oft, der Tod möge ihn im Rausch 

holen. 

Aber er erwachte wieder, um dem verdammten Dasein weiter zu trotzen. 

Alles hatte er verloren...Seine Frau, die ihm zeitlebens treu zur Seite stand - 

und darüber verlor er auch bald den eigenen Verstand. Lilo starb letztes 

Jahr, nicht unversehens und doch viel zu früh. Sie hatte Krebs. Tapfer hat 

sie den Schmerz bis zum Ende ertragen. Kein Wort hat sie je darüber ver-

loren. Er konnte ihr das Schweigen nicht übelnehmen. Sein Schnäpschen 

hat er immer schon getrunken, abends am bulligen Kachelofen, in der klei-

nen Wohnstube. Das widerum nahm sie ihm auch nicht übel.

Als Lilo starb, war niemand da, der ihn auffing. Sie hatten immer nur sich, 

sonst niemanden. Und waren glücklich damit. 

Dann plötzlich war er allein. Es ging bergab mit ihm. Der Feierabendtrinker

wurde zum maßlosen Säufer, der volltrunken die Landstraßen befuhr, mit 

dem einzigen Überbleibsel aus besseren Zeiten: dem uralten, klappernden 

Kohlen-Kleinlaster.

 

Er hob das Deckenbündel schützend zur Brust und torkelte auf die weitstrah-

lenden Autolichter zu. Kindsräuber, verdammter!, faselte er tränenschwer.

> Was hast du nur getan..? Niemandem wirst du mehr in die Augen sehn 

können, ohne vor Scham im Boden zu versinken! <

Um sich zu vergewissern, daß es dem Kind wenigstens gut geht, hielt er das

Bündel in den gleißenden Lichtstrahl. Und erstarrte!!

Das Kind war kein Kind, sondern eine leblos daliegende Puppe! Er hatte 

eine Puppe geraubt..!

Angewidert warf er das Bündel zu Boden und zertrat es mit den Füßen, bis 

ihm Schweiss in den Augen brannte. Schnaufend beugte er sich hinab und 

hielt einen Plastikarm hoch... Du elender Narr!, schrie er in die Nacht hi-

naus. > Du versoffenes, altes Nichts! Hast dir eine Puppe für ein Kind vor-

machen lassen!...Wie erst muß das Mädchen froh gewesen sein, dir die elen-

de, leblose Puppe hinwerfen zu können, um dir zu entkommen...! <

 

Er kicherte irre. Es klang, als würde ein verwittertes Haus röchelnd in sich 

zusammenbrechen. Gurgelig und hohl kroch das Gekicher aus seiner Kehle

empor. 

Er taumelte zum Wagen, stürzte hinein und fuhr davon. 

Es gab viele Straßen, aber jene dort lag leer und einsam da. Kein Lichtfet-

zen drang hierhin und es war, als wolle das Morgendämmern niemals wie-

der an diesen Ort kommen.

Kein Sturm heulte so unbändig und wütend, wie in jener Nacht, da drau-

ßen. Und kein Menschenkind soll jemals wieder solch einen Mordsschrec-

ken bekommen, wie in dieser Nacht, schwor sich der alte Mann. > Nie 

wieder...! <

 

Er wimmerte und kicherte gleichzeitig. Er trank eine weitere Flasche

leer.

Dann brach der Sturm krachend los. Heftiger Regen umpeitschte die Wa-

genscheiben. In Minuten überschwemmten Sturm und Nässe die gerade 

noch spiegelglatt daliegende Chaussee.

Die Straße schlängelte sich in eine kurze, scharf gezogene Rechtskurve.

Aber der windgepeitschte Wagen rollte geradeaus weiter.

 

 

 

(c) Ralph Bruse

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