Wer schön sein will, muss lachen.

Vier schräge

Stories zum Ablachen

Inhalt: 

 

Der Fisch ist tot

Der Fisch ist tot (Teil 2)

Prinzenlatein

Dame mit Hut

Der Fisch ist tot

 

 

Wieder mal war ich ganz unten. Ich verkaufte Fische. Dreimal

die Woche. Fische hinter Thekenglas, in Eiswürfel gequetscht

und an den Bäuchen aufgeschlitzt. Widerlich! Ihre starren Au-

gen glotzen mich den ganzen Tag lang vorwurfsvoll an. Jeden-

falls scheint es so, als würden die meuchlings hingeschlachte-

ten Kreaturen allen stummen Zorn einzig gegen mich richten.

Dabei bin nicht ich es, der Ihnen den Garaus macht. Ich könn-

te nicht mal einem Dackel, der mir bei Dunkelheit vorsätzlich

auf die Schuhe kackt, böse sein.

Dichter sind ja sowas von sensibel!

 

So sieht es also aus...Ich verkaufe Fische, obwohl ich doch

zum Poeten bestimmt bin. Nur lässt der Erfolg meiner schrei-

benden Arbeit ewig auf sich warten. Habe mal mitgezählt, nur

so aus Spaß und Zeitvertreib - mein achtzigseitiges Tatsachen-

krimi - Manuskript mit dem vielversprechenden Titel: ‘Alle

Neune’- Tod einer neunköpfigen Kegelrobbensippe, bei

Ebbe, vor Helgoland  war genau 123mal bei Verlagen ge-

floppt. Einhundertdreiundzwanzig Absagen - das ist des Un-

guten denn doch zuviel - zumal fünf Jahre intensivster Re-

cherchen in der Buchvorlage steckten.

Geknickten Herzens beschloss ich, die Schreibfeder ein - für

allemal aus der Hand zu legen, um mich drängender Zah-

lungsschwierigkeiten zu widmen. Noch recht lustlos sprach

ich beim Arbeitsamt vor und bat noch lustloser um Arbeit,

jeglicher Art.

 

So wurde ich Fischverkäufer. Eigentlich hab ich es noch gut

getroffen - ich hätte auch Straßenfeger oder Fensterputzer -

sogar Keksvertreter für eine bekannte Süsswarenfirma wer-

den können. Der Vermittler auf dem Amt war wirklich nicht

kleinlich. Er ließ mich großzügig zwischen seinen Angeboten

wählen. Und als ich mich spontan für den Fischverkauf ent-

schied, sprang er vom Stuhl, drückte mir herzlich die Hand

und schob mich noch herzlicher und beglückt zur Tür raus.

> Sie werden es weit bringen, Freundchen!, < krähte er mir

nach.

Sein albernes Gekicher verfolgte mich noch tagelang. Zudem

fand ich nur mühsam Schlaf, weil die olle Keller - unsere Haus-

wirtin, nun andauernd vor meiner Wohnungstür herumschnüf-

felte und lautstark vier ausstehende Monatsmieten forderte.

> Sie fliegen hier raus, wenn das Geld nicht bis Ende der Woche

beikommt. Undzwar achtkantich!, < keifte sie so erregt durch's

Haus, daß mir Angst und Bange wurde.

 

Höchste Zeit also, zu handeln.

Und wie ich handelte..! Schon am gleichen Tag, in aller Herr-

gottsfrühe, stand ich bei dem Fischfritzen auf der Matte. Herr

Schollie - so heißt mein Arbeitgeber - war gerade dabei, der

Reihe nach den Kutterfang der letzten Nacht auszuweiden. Der

Anblick schwabbelnder Innereien bereitete mir auf Anhieb ern-

ste Probleme - konkret: Magensausen. Dreimal gab ich mich an

diesem, meinem ersten Arbeitstag, der Kloschüssel hin und je-

desmal dachte ich schwach daran, vielleicht doch besser Scherz-

keks-Vertreter, oder Fenstermob zu werden.

Doch ich blieb. Trotz heftiger Magenallüren und voll heimli-

cher Verachtung für Herrn Schollie, der tagtäglich Armeen

von Fischchen auf seinem blutigen Seziertisch massakrierte,

hielt ich durch. In Schollies ochsenähnlichem Gesicht machte

sich keinerlei Mitleid breit; daher redete ich mir ein: du mußt

jetzt übermenschlich tapfer sein! Der Anblick dieses barbari-

schen Gemetzels ist zwar schlimmer als Waterloo, aber du

schaffst das irgendwie. Denk immer nur an die drückenden

Schulden, die zu tilgen sind..! Vielleicht hilft dir die erbauen-

de Vorstellung, daß die hysterische Hauswirtin hier eines Ta-

ges als Haifisch auf Eis liegt, nachdem Herr Schollie - mein

lieber Scholli - sie irrtümlich bei Stromausfall mit dem Hacke-

beil in viele kleine Filetteile zerlegt hat.

Wie findest du das?

Na also, geht doch...

> Heeh, Junge, was quasselste denn dauernd mit dir sel-

ber?!, < motzt Herr Schollie und holte mich roh aus meinen

Träumen in die harte Wirklichkeit zurück.

> Du sollst hier Fisch verscheuern und nich’ rumdösen. Mach

voran und hol gefälligst die Leute hierher! <

Ich beiße die Zähne zusammen - nuschel’: > Fisch. Guter Fisch.

Frisch und günstig...<

> ‘n bisschen lauter, wenn ich bitten darf!, < flaumt der Schollie.

> Das is’ viel zu lahmarschich! Mit der Piepse holste nich’ mal

‘ne Zehnzentnersau zum Fresstrog! <

Der Typ nervt - und wütend macht er mich auch. Also schwin-

ge ich mich zur Höchstform auf.

> Ach-tung! Alles mal herhör’n!! Hier gibts Fisch, verdammt-

nochmal! Haufenweise Fisch! Der ist ja sowas von frisch, der

Fisch! Und saubillig ist der auch noch!! <

Nicht mehr Herr von Sinne und Stimme schreie ich munter

weiter.

> Hört Ihr mir überhaupt zu?! Der Fisch ist billig, also los, ran

an die Beute! So frischen Fisch gibt's nicht mal im Wasser! <

Ich werfe einen Fisch in die Luft; warte, bis er Meter weiter

knapp vor die Füße der Leute klatscht.

> Der Fisch ist tot. Das ist der Beweis! Und frisch ist der alle-

mal, der arme Fisch, der! Kaufen, kaufen, kau...! <

Die Stimme versagt.

Ich starre in die Runde.

Eine Oma kichert erheitert. Auch ihr Nebenmann, ein dicker

Typ, der mir irgendwie leicht dämlich vorkommt, lacht sich

einen Ast.

Ich japse nach Luft und denke schon an den endgültigen Raus-

wurf - da geschieht das Unmögliche - die Leute kaufen mir

die Fische unter den Händen weg.

Herr Schollie reibt sich vergnügt die Pranken, klopft mir hart

ins schmale Kreuz und brabbelt: > Siehste, klappt doch, der

Laden. Aus dir mach ich noch’n fähigen Spitzenverkäufer! <

Ich nicke leicht verwirrt und schiebe den nächsten toten Karp-

fen über die Theke.

 

So geht das den ganzen Tag lang. Ich brülle mir allen Frust

von der Seele - und die Leute kaufen ratzfatz unser’n ‘ver-

dammten Fisch’. Mitunter denke ich schon, die Leute sind

tendenziell plemplem, oder zumindest für kleine Gemeinhei-

ten zu haben; frei nach dem Motto: gib uns Saures! - und den

Fisch dazu. Das verstehe, wer will.

 

Jedenfalls wurde ich bald ein Fischverkäufer der Extraklasse.

Herr Schollie bot mir freiwillig mehr Gehalt, weil er spitzge-

kriegt hatte, daß der Gemüsefritze, am Stand gegenüber, mir

Avancen machte, sein Angestellter zu werden. Auch der La-

kritzverkäufer, eins weiter, umwarb mich. Das ließ ich meinen

jetzigen Chef wissen, und der mußte meinen Lohn nochmals

aufstocken. Inzwischen verdiene ich mehr Geld, als Herr

Schollie sich auf Dauer leisten kann. Eines Tages meinte er

darum zerknirscht: > Bürschchen, du bist einfach zu gut für

den Verkauf. Und zu teuer. Willste mein Teilhaber werden? <

Und ob ich das will!

Da gibt es nur ein Problem - zwei, genauergesagt: tote Fische

kann ich nach wie vor nicht ausstehen, und der Schollie ist mir

trotz dramatischer Lohnerhöhung immer noch genauso un-

sympathisch, wie seine leblose Ware.

Ich bat mir Bedenkzeit aus und beschloss, mich bei solch

schwerwiegender Entscheidung mit Willi, meinem besten

Freund, kurzzuschließen.

 

Noch am gleichen Abend suchte ich ihn auf.

Schon mein erster Eindruck war der, daß Willi sich in der Zwi-

schenzeit reichlich verändert hatte. Nicht äußerlich - er war

wie eh der glubschäugige Zwergenmensch mit nicht einwand-

freien Manieren. Speziell die Frauen aus Rotlichtgefilden hiel-

ten ihn und ‘den kleinen Willi’ auf Trab. Daran ändert auch

die Tatsache nichts, daß dieser hässliche Gnom Namens Willi

Tramm seit Jahren im Rollstuhl sitzt.

Trotz gravierender Unterschiede in Art und Alter, mögen wir

uns. Willi ist doppelt so alt wie ich und weiß viel vom Leben.

Ich wiederum weiß nichts vom Leben, obwohl ich, dem Alter

nach, wenigstens die Hälfte wissen müßte. Macht nichts - des-

halb bin ich ja hier. Ich brauche Willis Rat. Und Willi braucht

mich, weil ich ihm hin - und wieder eine Dame mit großer O-

berweite (er besteht auf Riesenbrüste) zuführe - ausschließ-

lich Nutten, wie gesagt, aber das ist nicht weiter wichtig. Willi

ist sich bewusst, daß er nicht gerade mit Schönheit gesegnet

ist. Seine Chance, eine Freundin zu finden, tendiert gegen Null -

das weiß er, und sagt es auch. Dazu das Handicap, im Rollstuhl

zu sitzen - aus mit Maus, meint Willi. Ich sehe das etwas an-

ders, bin aber nicht sein Aufpasser.

Natürlich denke ich manchmal drüber nach, ihm keine Frauen

mehr zu besorgen. Aber dann sag ich mir auch: nein, dieser

hässliche, kleine Kerl im Roller ist dein Freund, und Freunde

lässt man bekanntlich nicht im Stich - auch wenn es Summa

Sumarum... ja, wieviel? - sagen wir: ganz schön viel kostet.

Kurzum: wir sind zwei total unterschiedliche Typen und trotz-

dem eins: Brüder im Geiste.

> Na Jung’, alles senkrecht?, < begrüßt Willi mich vollmundig.

Das ist der Willi, den ich kenne.

Doch das ändert sich rapide...In seiner kargen Bude hängen

lauter Heiligenbilder herum. Früher baumelten hier Bilder von

nackten Frauen.

Räucherkerzen. Überall Räucherkerzen. Und auf dem einzigen

Tisch, in der Zimmermitte, steht eine Kugel aus Glas; im Hal-

ter; fast kopfgroß und schön bunt.

Willi ein Heiliger, ein Eunuche, ein Klosterbruder?

Kann nicht sein. Unwillkürlich muß ich lächeln.

Die Gardinen im Zimmer sind zu. Nur ein Fetzen Tageslicht

kämpft gegen Zimmergefunzel und Rauchschwaden an.

Der sonst muntere Willi ist auf einmal mucksmäuschenstill.

Seelenruhig zündet er eine fette Kerze an. Sein Knautschge-

sicht wirkt jetzt glatter - irgendwie zufrieden. In seinen vor-

stehenden Augen spiegelt sich die bunte Kugel.

> Gehts dir gut, Willi?, < frage ich ihn sicherheitshalber.

> Klar gehts mir gut. <

Seine Glubscher fixieren mich. Dieser intensive Blick ist mir

unangenehm.

> Wieso fragste? <

> Och, nur so. Ich dachte grade, daß es dir hier drinnen zu

heiss sein könnte. Draußen ist nämlich Hochsommer, weißte? <

> Weiß ich, Jung’. Schon klar, < sagt eine völlig veränderte

Stimme aus dem Halbdunkel. Ehe ich mein schwerwiegendes

Problem zur Sprache bringen kann, brummt Willi in tiefst-

möglichem Bariton: > Ich bin ein See. Ein tiefer See. Wirf

deine Sorgen da rein...(denn schon lieber mich selbst, weil es

in deiner Bude abartig warm und stickig ist!) Wirf deine Sor-

gen in meinen See. Du wirst die Lösung aller Fragen auf dem

Grund finden. <  

Sein schrumpliger Schädel schiebt sich noch näher an die Glas-

kugel. Die zwei sind quasi in Kussnähe. Dichter geht's wirklich

nicht.

Der Rollstuhl knarrt.

Mein Stuhl knarrt.

Die Kerzenflamme knackt vor sich hin.

> Du hast den Kanal, < raunt es nach einer Weile.

> Was denn für’n Kanal, Willi? Ich dachte, ich wär’n See! <

> Ich bin der See!, < korrigiert mich die grausigtiefe Lokus-

stimme.

> Du hast den Kanal. Du bist empfänglich für die Wahrneh-

mungen anderer. <

> Ach so. Hättst ja auch gleich sagen können, daß mein Kanal

Ohren hat! <

Ich straffe mich.

> Na klar bin ich auf Empfang und ich hör dir auch bestimmt

zu, Willi, aber so allmählich finde ich, du solltest...<

Er macht eine wegwerfende Handbewegung, die keine Wider-

rede duldet. Die Geisterstille im Zimmer beunruhigt mich zu-

nehmend. Ich erwäge ernsthaft, die Flucht anzutreten. Doch

Willi spricht plötzlich wieder mit normaler Stimme, so daß ich

Hoffnung habe, er wird wieder ganz der Alte sein.

So kann man sich irren: die Stimme ist zwar im Lot, doch Wil-

lis' Geist hängt noch im Nirvana fest. Seine Glubscher treten

noch weiter aus den Augenhöhlen, kleben wie Motten an der

Kugel. Die Gichtfinger flattern fledermaushaft in der rauch-

schwangeren Luft - ebenso die großen Ohren. Ein Bild für die

Götter - und für den Arzt mit der Beruhigungsspritze.

> Sieh in der Zeitung nach...Am Freitag. Es wird dein Leben

zum Guten verändern und die Lösung all deiner Sorgen sein.

Vertrau deinem Kanal (der schon wieder!). Sieh in die Zei-

tung. Freitag...! <

Die Anstrengung ist ihm deutlich anzumerken. Schweißtrop-

fen fallen wie Regen von seiner Stirn.

> Du wirst ein Mädchen treffen...Nein, du bist ihr schon be-

gegnet. Tina heißt sie. Ihr kauft euch bald ein Haus und ei-

nen blauen Porsche. <

Er stockt für einen Moment.

Und ich halte die Luft an und kriege das große Zittern.

Dieser Willi Tramm weiß tatsächlich mehr, als jeder andere

seines Fachs! Er stiert noch gieriger in das bunte Allerlei der

Glaskugel. > Du bist ein Fisch in meinem See...Ich kann dich

sehn...Du bist der Herr der Fische. Der Dickste von allen. Vie-

le Fische seh' ich...<

Er zuckt zusammen.

> Ihre Bäuche schwimmen oben. Alle tot! Nur du bist noch

da. < Sein Tonfall wird schärfer. > Du willst nicht Herr der

toten Fische sein. Das ist gut. Wir sind alle die gleichen, irdi-

schen Geschöpfe...Kauf Bohnen, hol' Bohnen und fütter' die

toten Fische in meinem See, damit sie zum Leben erwachen.

Bohnen sind ihre Rettung. Kauf Bohnen, viele viele Bohnen,

am besten gleich in Säcken! Du wirst sie brauchen! <

 

Er seufzt. Dann trudelt sein Kopf erschöpft neben die Glas-

kugel. Ich stürze hin; richte ihn auf, so gut es eben geht.

Leider sackt der Kopf wieder vornüber. Willis Glubschaugen

glänzen irre und vom Mund seilt sich grünliche Spucke ab.

Grünlich! Ist der noch zu retten! Schreck lass endlich nach!!

> Eeeh, Willi. Mensch, komm zu dir! <

Ich scheuer’ ihm eine.

Nochmal.

Er lächelt mich an; glotzt aber durch mich hindurch.

> Rette die Fische. Du kannst sie retten. <

> Erstmal rette ich dich, du Doofi! <

Die nächste Klatsche. Hilft endlich. Er kommt zu sich. Ich rüt-

tel ihn wie den Birnbaum meiner Oma - gründlich.

> Du kannst ein’ vielleicht erschrecken, Mann!... Na, wieder

auf’m Damm?<

Er nickt.

> Du rettest doch die Fische, ne?, < brabbelt er seelenruhig

weiter.

Sturkopf, der.

> Okay, ich rette sie. <

Ich verspreche ihm auch, morgen wieder herzukommen. Da-

mit ist er einverstanden. Da ist es wieder - sein bekanntes,

schiefes Grinsen.

> Und bring was zu Kuscheln mit, ne? <

> Blondine? <

> Weißte doch. < Und er fügt schmatzend hinzu: > Schön

mollich. Große Möppse. Kennst ja mein' Geschmack. <

Kenn ich.

> Nich’ vergessen, ne?! <

Vergesse ich nicht - schon wegen der zweihundert Mäuse

nicht, die ich Vollpfosten wieder mal vorstrecke und denen

ich wochenlang nachrennen muß.

Na ja, werd’s überleben. Willi mag es nun mal weich. Viel

Geschmuse. Ohne Eile.

> Ich lass dich jetzt ungern allein. Muss aber los. Kommste

klar? <

> Jo, < meint er schon viel besser gelaunt und geleitet mich

noch zur Tür.

 

Unten, auf der Straße, fallen mir Willis Weissagungen wieder

ein, und mir wird leicht frostig bei dem, was er so alles wuß-

te. Schnurstracks steuere ich auf eine Telefonzelle zu; wähle

Tinas Nummer.

> Willi Tramm?, < sagt sie. > Kenn ich nicht. Wer soll das

sein? <

Das Frösteln nimmt zu.

Wir verabreden uns fürs Wochenende, dann lege ich auf.

Auf dem Heimweg grübele ich angestrengt darüber nach, wo-

her Willi - der eingebildete Seher- den Namen meiner Freun-

din weiß? Tina und ich kennen uns ja erst wenige Tage - und

in der Zeit war ich kein einziges Mal bei Willi. Der dürfte ei-

gentlich von nichts wissen. Und überhaupt: der Kerl ist mir

nicht geheuer!

 

 

2.                                     

Schon bald überstürzen sich die Ereignisse.

Ich schlage das Angebot von Herrn Schollie ohne jeden Skru-

pel aus und heuere beim Gemüsehändler, gegenüber, an.

Bohnen sind zur Zeit der absolute Renner. Die Leute sind

wild auf Bohnen. Wir kaufen und verkaufen fleißig. Mein neu-

er Chef ist voll des Lobes über mich.

Je mehr Bohnen wir verkaufen, desto weniger Fische gehen

da drüben, über die Theke von Herrn Schollie. Dessen Miene

wird täglich säuerlicher.

Schließlich - es ist ein Freitag im Juli - bleibt die Ladenklappe,

gegenüber, ganz zu. Herr Schollie verkauft keine Fische mehr.

Das liegt sicher daran, daß er seinen fähigen Mitstreiter ver-

loren hat. Aber auch daran, daß dieser undankbare Ex-Tage-

löhner - also ich - derweil einen Bericht an die örtliche Zeitung

schickte, in dem stand, daß Herr Schollie seinen Fischen bei

lebendigem Leib die Gedärme rausreisst – was durchaus der

Wahrheit entspricht. Er ist einfach zu faul, ihnen vorher was

mit dem Holzhammer überzubraten.

Fische gelten bekanntlich als Nutztiere, ohne Beistand und

ohne jede Lobby.

Der Bericht löste somit nicht gerade einen Skandal aus, aber

die präzisen, grausigen Schilderungen aus meiner Schreibfeder

wurden immerhin ein Aufreger mittelgroßen Ausmaßes, der

das staubtrockene Sommerloch der Zeitungsfritzen mit bele-

bendem Nass füllte.

 

An diesem heissen Freitagmorgen steht mein Bericht also

schwarz auf weiß in der Zeitung - und Schollies Laden ist dicht.

Inzwischen glaube ich wahrhaftig an sowas wie ausgleichende

Gerechtigkeit und auch daran, daß es so weitergeht, wie Willi

mir prophezeit hat. Ich werde sackweise Bohnen verkaufen

und nebenher für das Ortsblatt schreiben. Und die Glücks-

strähne wird solange anhalten, bis sie vorbei ist - doch bis

das passiert, ist der Hase längst über’n Berg. Soll heißen: ich

bin reich. Eventuell auch stinkreich...Vielleicht heirate ich dann

Tina. Vielleicht auch ‘ne Andere. Oder garnicht. Jedenfalls

kaufe ich mir ganz bestimmt ‘nen blauen Porsche und das da-

zu passende Angeberhaus, am Stadtrand. Das bin ich meinem

alten Freund einfach schuldig.

 

Und Willi?

Der zieht logischerweise mit ins Haus. Ist ja genug Platz da.

Ihm werde ich dann scharenweise betuchte Herrschaften vor-

beischicken, damit er ihnen die Zukunft voraussagt.

Etwas Kleingeld kann ja auch nicht schaden. ‘Kuschelige'

Bordelldamen kosten nämlich auf Dauer ein Schweinegeld.

Storie: (c) Ralph Bruse

Grafik: open clipart org.

 

veröffentlicht im Erzählband ´Sommer-Abenteuer´

Netnovela-Verlag;  ISBN: 978 - 1490522906

Der Fisch ist tot

 

( Teil 2 )

 

 

> Scheisshitze!, < stöhnt Willi. Er blinzelt zerknirscht in die

heiss brennende Sonne, zieht ein Taschentuch aus der Hosen-

tasche. Wie in Trance wienert er seine Glatze.

> Kannst ruhig noch 'n Gang zulegen, < meint er. > Fahrwind 

kann nich' schaden, bei der Affenhitze! <

> Jawoll, der Herr, < erwidere ich wenig begeistert, gebe aber

trotzdem mehr Hackengas. 

Einige Spaziergänger glotzen uns ziemlich verwundert an. 

Eine ältere Frau ereifert sich: Das ist kein Rennplatz. Hier gilt 

Schritttempo! 

Was sie nicht sagt. So ermuntert macht rasantes Fahren ja noch

mehr Spaß!

Auch Willi scheint reichlich Spaß zu haben. Noch jedenfalls...

> Hau rein, Ralphbärbel!, < kräht er.

> Na warte!, < japst 'Ralphbärbel' . > Volle Kraft voraus! <

Rollstuhl, samt Schieber und Insasse, sausen am Flussufer lang.

Willi quietscht wie ein Kleinkind vor Vergnügen - und ich

keuche wie ein Ackergaul in seinem Windschatten.

Okay, die Rennerei ist ziemlich arbeitsintensiv, aber die ratz-

fatz zur Seite springenden Leute entschädigen allemal dafür.

> Idioten! <

>Arschlöcher! <

> Gesocks! <

Wie nett die Leute heut wieder sind...

Eine Oma schlägt sogar mit 'nem Gehstock nach uns.

Willi schnappt sich die Krücke, um sie kurz darauf wieder hinter

sich zu schleudern. Nur meiner guten Reaktionsfähigkeit ist es

zu verdanken, daß der Stock nicht mit meinem Kopf zusammen- 

trifft.

Wir sausen fröhlich weiter.

> Weg daaaa!, < johlt Willi. Volle Granate! Die Irren kommen! <

Der geteerte Weg führt bald leicht bergab. Das bedeutet, daß wir

ordentlich Fahrt machen. 

Dann führt der Weg plötzlich steil bergab und wir haben ebenso

plötzlich einen Affenzahn drauf.

Willi geht die Düse - wild rudert er mit seinen kurzen Armen in

der Luft und schreit: Das reicht, Kollege. Jetzt kannste die Kar-

re wieder runterfahren!

> Runterfahren...jes, Herr Kollege. Nur: wie?!, < japse ich müh-

sam.

Der Weg fällt noch steiler ab und ich kann Willis' Sausestuhl bei

bestem Willen nicht mehr stoppen. Außerdem versagen zeitgleich

meine unkontrolliert dahinstelzenden Beine ihren sonst treuen

Dienst.

> Halt die Kiste an!, < blökt Willi, dem schon Böses schwant.

> Biste überhaupt noch da??? <

Bin ich nicht, denn ich fliege ihm nicht mehr nach, sondern der

Länge nach auf's Maul. Willi jagt denn so ganz allein, samt Rolli,

mit gut dreißig Sachen in Richtung Flussbett. Armer Kerl...

Dann die Wasserlandung...Willi reisst beide Arme hoch...Sein

helles Schreien geht mir durch und durch...Armer Kerl, sag ich

doch...Und: platschschsch! 

Das war's denn wohl....Scheiße, elende!

Trotzdem: für den winzigen Teil einer Minute - also etwa für 

zwei, drei Sekunden, zuckt es heftig in meinen Mundwinkeln.

Obwohl ich bestimmt nicht schadenfroh beim Anblick des hero-

isch schreienden 'Geisterfahrers' bin, so muß ich mir doch ein- 

gestehn, daß der johlende Willi schon eine ulkige Nummer ab-

gibt, wie er da so in den Fluss kracht. 

Schließlich höre ich sein herzzerfetzendes > So eine Kaaaacke! <

und bin auch schon wieder ganz ernst und hellwach. 

Willi kippt im gleichen Augenblick vornüber, um sich dem Tod

durch Ertrinken zu fügen. 

Mir stehn dicke Tränen tiefster Trauer in den Augen, und ich ma-

le mir schon aus, wie man Willi zu Grabe tragen wird - Mangels

finanzieller Masse im selbstgezimmerten Sarg aus Sperrholzlat-

ten; obenauf die heissgeliebte Wahrsagerkugel. Willi kann denn

auch nichts mehr sehn - nicht mal, ob wenigstens eine seiner

Liebschaften  auf der Friedhofsmatte steht. Bei den bezahlten

Damen war er ja nie knickig - also stehn die Chancen gut, daß

mindestens eine auftaucht.

Dann dämmert mir, daß Willi keineswegs reif zum Sterben  - und

mit 61 noch viel zu jung ist, und daß sein manchmal liderlicher

Lebenswandel mitnichten ein solch grausames Ende rechtfertigt! 

Und schon springe ich mit allerletzter Kraft wieder auf die Beine, 

um den einzigen Freund zu retten...renne und renne; stürze mich

tollkühn in die reissenden Fluten, die heute garnicht so reissend 

sind, wie ich erleichtert feststelle...zerre den zentnerschweren

Willi ans Ufer und somit ins Leben zurück. 

 

Geschafft!

Dreimal kotzt er in die saftiggrüne Wiese; dann taucht endlich

wieder ein Fleck gesunder Röte in seinem Gesicht auf. Er öffnet

die Glubschaugen, schnappt wie ein Karpfen nach Luft. Ich 

streiche ihm die Wange. Er nickt; grinst sachte. Wenn er grinst,

wird alles gut....Ich bin so froh, daß er grinst!

Der Rollstuhl!, fällt mir ein. Ohne Stuhl wird nichts gut. Also

spurte ich nochmal los und rette auch noch den Roller.

 

Völlig am Ende, aber über alle Backen glücklich, falle ich neben

Willi in's Gras und brauche ungefähr - vielleicht auch mehr - 

Minuten, um die strapaziösen Rettungsmaßnahmen zu kurieren.

> Hast mich gerettet, weißte ja, ne?, nuschelt Willi nach einer

Weile.

Ich lache zufrieden und auch ein bisschen stolz.

Willi lacht mit.

Gutes Gefühl - zwei Verrückte, die lachend im Gras liegen.

 

Kurze Zeit später meint Willi: ich muss schiffen, Kamerad. Sein

Gesicht ist schon knallrot, und das heißt: es eilt!

Ich hieve ihn schnaufend in den Rolli; schiebe ihn Richtung

Fluss.

> Ich hasse nasse Füsse!, < mosert Willi.

> Wasser zu Wasser, < flappse ich.

> Scherzkeks, < presst Willi hervor, während ich ihn bauchtief

im Fluss parke. Willi lässt laufen, was laufen muß. Sonnenanbe-

ter - Halbnackte und ganz Nackte - glotzen amüsiert. Während

sich Willis' zerknautschtes, rotes Gesicht lichtet, haben die Gaffer

nichts Besseres zu tun, als weiterzuglotzen. Keine drei Meter ne-

ben Willi planscht ein Junge. > Was machst du da?, < quietscht

er laut. Die Augen des Knilchs werden immer größer. > Hast du

zu warm? <

Er schiebt eine Ladung Matsch auf seine Plastikschaufel und 

schleudert sie nach Willi.

Treffer - mitten im Gesicht landet der Dreck. Willi grinst tapfer.

> Fertig?, < rufe ich.

> Immer die Ruhe, < zischt er. Seine Froschaugen huschen um-

her. Er ist längst als Wildpinkler enttarnt. Die Leute gaffen wie blö-

de und sind nicht gerade begeistert. > Schwein!, < giftet jemand. 

Schwein finde ich doch etwas übertrieben, drum fahre ich den

Mittelfinger aus, um denn mal Flagge zu zeigen. 

Der Jemand ist ein Kerl - etwa in meinem Alter, aber fast doppelt

so groß. Er baut sich vor mir auf. Oha, was ein Hühne...! Okay,

okay...ich hol denn mal Fahne und Stinkefinger wieder ein. Noch

ein nettes Unschuldslächeln - das beruhigt den Hühnen, also zieht

er wieder Leine, fletzt sich ins warme Gras, zehn Meter weiter.

Schon wieder der vorlaute Bengel: > Mutti, was macht der dicke

Opa da?, < fragt er zum x-ten Mal.

> Der Opa pinkelt ins Wasser, < antwortet Mutti wahrheitsgemäß

und zieht 'ne Flunsch, in Richtung Willi. Der zuckt zusammen. Im

gleichen Moment trifft ihn die nächste Ladung Matsch, und der

Piefke lacht auch noch ziemlich dämlich.

> Hol mich hier raus!, < schreit Willi stinkewütend.

Ich stapfe ins Wasser, ziehe ihn an Land. Auf dem Trockenen an-

gekommen, flunkert Willi, zu Mutti gewandt: Süsser Junge, den

Sie da haben. Und so aufgeweckt...Ganz liebreizend, das Kind!

Mutti glotzt ihn ungläubig von oben bis unten an.

> Ihnen ist da grade was aus der Tasche gefall'n, < schwindelt

Willi.

Der breite Schädel der Brünetten fliegt herum. Im gleichen Mo-

ment schubst Willi den kleinen Stinkstiefel ins Wasser - nur ganz

leicht - doch das reicht völlig, um sämtliche Heulsirenen des Ben-

gels in Gang zu setzen.

> Schönen Tach noch!, < nickt Willi und gibt mir Zeichen zum

unverzüglichen Abmarsch. Ehe Mutti einordnen kann, daß Willi

ihr einen Bären aufband, um dem aufgeweckten Piefke 'ne Ab-

kühlung zu verschaffen, sind wir außer Sichtweite.

 

 

Später sitzen wir zusammen in seiner Wohnung und reden über

dies und das.

Zwischendurch kommt Katja, die gute Seele vom Pflegedienst.

Die resolute, alte Dame ist nicht gerde begeistert, weil Willi un-

tenrum und auch sonst klitschnass ist. Gemeinsam schaukeln wir

ihn ins Bett; legen ihn trocken. Bevor Katja ihm frische Kleider

überstreift, tätschelt sie Willis' nacktes Hinterteil flüchtig - nur

ganz kurz - und doch lange genug, daß sich mein Verdacht erhär-

tet, Willi könnte was mit ihr haben.

Na und, warum auch nicht, denke ich mir und lächle.

Katja schlappt in die Küche; brüht Kaffee auf. Wir schlürfen das

köstliche Gesöff wie die Weltmeister.

 

Etwa eine Stunde später verduftet Katja. > Bis morgen! <

> Bis moin, Schnucki!, < ruft er ihr nach. Und denk mal an den

ollen Willi, ne...<

Katja bleibt im Türrahmen stehn. Sie errötet. Irgendwie schön, 

wenn sie verlegen ist, die nicht mehr junge, treue Seele. Sie

blickt erst mich, dann Willi an.

> Keine Bange - der petzt nicht, < grinst Willi und klopft mir ins

Kreuz. Katjas' eher strenge Züge lösen sich etwas. Sie versucht

ein Lächeln , und mir kommt in den Sinn: die Gute ist manchmal

genauso einsam, wie mein Freund Willi; also sollten sich die Bei-

den zusammentun.

Kaum ist sie zur Tür raus, grinst Willi vielsagend. > Das Weib ist

zwar rappeldürr, aber der Arsch...< Er schmatzt. > Wie 'ne Birne. <

Er malt Kreise in die Luft.

> Oder Appel? <

Im Kopf arbeitet es.

> Ja, Appelarsch passt besser. Noch schön in Form, der Puper. <

Seine Stirn wird kraus. > Nu' ja, obenrum hat se nich' viel zu

bieten. Erbsenkultur halt...<

Er wird ernster. > Aber ansonsten schwer in Ordnung, unse'

Katja. Ich steck ihr immer mal 'n paar Euros zu, obwohl sie 's nicht

will. Ist doch auch 'ne arme Sau. Bei den Pflegeheinis verdient sie

ja so gut wie nix. Und ich komm noch ganz gut rum, mit 'n paar

Piepen weniger im Beutel. <

Sein kurzes Schweigen sagt mehr als Worte.

> Bist in sie verknallt, ne? <

> Verknallt?...Iwo, < wiegelt er ab.

Schlechter Lügner. Sein Lächeln sagt alles.

Die Glubschaugen suchen hilflos das Zimmer ab. > Mich würd'

sie sofort heiraten, hat sie neulich mal gesagt. <

> Na denn, vorwärts!, ermuntere ich ihn.

> Nee, so blöde bin ich denn doch nicht, < meint er.

> Wieso nicht? <

> Weil sie bereits mit 'nem Andern verheiratet ist...Ihr Oller is'

'n ganz Fieser. Dreht jeden Cent zweimal um. Totaler Geizhammel.

Zu Weihnachten gab's bei denen Linsensuppe aus der Dose - sonst

nichts. Null Geschenke. Keine neue Strumpfhose, wenn die alte

hin ist. Nicht die kleinste Kleinigkeit. Hast ja gesehn, in was für olle

Plünnen die Arme rumlaufen muß...Hat doch 'n Rad ab, der Geiz-

arsch, ne? <

> Allerdings, < sag ich und spüre im gleichen Augenblick, daß sich

in meiner Brust was zusammenknautscht.

Schließlich dauert mir das allgemeine Trübsalblasen zu lange.

> Wie läuft's denn mit der Wahrsagerei?, < wechsle ich das Thema.

Er winkt ab.

> Beschissen ist noch geprahlt....Die Leute wissen die Dienste ei-

nes wahren Genies eben nicht zu schätzen. <

Er kratzt sich hinter den Ohren.

> 'n bisschen Reklame würde den Laden vielleicht wieder zum 

Laufen bringen...Kannste nich' mal nachhelfen? So'n ganz klein

büschen...? Ihr Zeitungsfritzen seid ja immer was am drehn...<

Sein Grinsen finde ich reichlich unverschämt, also mache ich mir

Luft. > Na hör mal, ich bin ein seriöser Zeitungsfritze. Ich dreh

rein garnichts, sondern recherchiere grundsätzlich korrekt und

sauber, und....<

> Jaja, krich dich wieder ein!, < macht Willi auf beleidigt. Dachte

nur so, daß ich die Katja irgendwann doch noch heiraten werd'...

Also, wenn sie den andern erst los ist, weißte. Und denn will man

ja was bieten können, ne...<

Das wiederum ist Musik in meinen Ohren. Willi ist schließlich

mein bester Kumpel, und über nichts wär ich mehr erfreut, als ihn

endlich wieder in ordnenden Händen zu sehn. Die Nutten, von de-

nen er nicht lassen kann, und die ich mitunter beiholen muß, sind

ja kein guter Umgang für ihn. Also werde ich wohl oder übel für

den verdorbenen Nuttenpriester einspringen, um ihn auf den Pfad

der Tugend zurückzuführen - undzwar mit Hilfe einer deftigen Not-

lüge....Mein Großhirn brütet bereits auf Hochtouren. Und als ich am

Abend dieses Tages Willis' Kabuff verlasse, steuere ich zielstrebig

und auf kürzestem Weg meine eigenen vier Wände an. 

Genauso unerschrocken reisse ich die Tür meines kargen Zimmers

auf, batsche sie ins Schloss und geh zackigen Schritts auf meine

Schreibmaschine zu. Während draußen ein superschöner Sommer-

abend zur Nacht wird, tippe ich aus rein solidarischem Mitgefühl

die erste, happige Lüge meines Redakteurdaseins auf Papier.

 

 

Zwei Wochen später.

> Hopp, rein mit dir!, < flötet Willi schon von Weitem höchster-

freut. 

> Da, les mal! <

Vor mir, auf dem Stubentisch, liegt der 'Tagesanzeiger'. Die Schlag-

zeile auf der Titelseite lautet:

 

Prominenter Seher sagt zeitnahe, schwere Inflation voraus!

 

Willi knallt mir seine Hand ins Kreuz.

> Astrein, der Bericht! Hat echt Stil, deine Schreibe! Die Leute renn' 

mir schon seit Tagen die Bude ein, weil sie Schiss um ihre Piepen ha-

ben - vor allem die mit den vielen Piepen, weißte...

Jesses, die sind voll aufgedreht, wegen der Meldung. Woll'n alle wis-

sen, wohin mit der Kohle, wenn sie bald nix mehr wert ist. <

Er hebt unschuldsvoll die Arme. > Tja, was soll ich den Leuten 

sagen?...'n bisschen was von den Moneys zu mir; den Rest in Lände-

reien und Dosenfressalien stecken. Viel mehr fällt mir dazu erstmal

auch nicht ein...<

Er feixt sich eins. > Volltreffer, Kamerad! Da haste die Meute ganz

schön aufgemischt!

> Stimmt, < knurre ich. > Deshalb bin ich ja seit gestern auch nicht

mehr bei dem Scheissblatt! Fristlos gefeuert, weil irgend so'n ande-

rer Wahrsager 'ne Gegendarstellung angezettelt hat...Das mit der

Inflation wär blanker Unsinn und nichts als Panikmache. Und ein

Wirtschaftsexperte fügte hinzu, daß der Export - Laden wie ge-

schmiert läuft, daß die Währung härter, denn je ist, und daß es

auch so bleiben wird...Ende Gelände...Das hab ich jetzt davon.

Ich hasse Zeitungsenten! <

 

Willis' Ohren zucken nervös. > Machste nix dran. Du hast dein

Bestes gegeben. Und außerdem ist Irren menschlich, ne. <

Kein Trost. Überhaupt kein Trost, sein Gesülze!

Willi fährt alte Geschütze auf. > Das soll so sein...Is' alles Fügung,

Jung', wirst sehn...! Bin ganz sicher, daß...

> Aber sonst gehts dir gut?, < unterbreche ich ihn.

> Klar. Warum fragste? <

> Nur so. Dachte, daß du vielleicht zu lange in deine Glaskugel

glotzt. Sowas schlägt nämlich manchmal nicht nur auf die Au-

gen. <

Bin nahe dran, vor Wut zu platzen!

> Setz dich hin!, < sagt Willi hart und die Ruhe selbst. Er zieht

mich zur Couch, rollt zur Schrankvitrine, kommt mit zwei Glä-

sern und großer Schnapspulle an; gießt ein; sagt in Befehlston: 

> Los, rein damit! <

Was bildet der sich ein?!, denke ich - gehorche aber, weil seine 

unkaputtbare Ruhe einfach göttlich ist.

> Ich kauf mir 'n Strick und erschieß mich!, < kann ich nur noch

sagen. > Gib mir noch einen! <

Er schüttet das Glas randvoll.

Auf Ex.

> Du bist der See, < meint Willi todernst.

(Er nun wieder. Fehlt bloß noch, daß er seine Glaskugel raus-

kramt, um weitere Überraschungen zu verkünden...Nee danke,

die eine reicht völlig)

Die Kugel bleibt, wo sie ist. Willi schenkt nach, plappert irgend-

was von Bestimmung - daß die 'ne ganz andere für mich ist.

> Wie anders?, < will ich wissen.

> Na, anders eben. Das wirste im nächsten Traum sehn. <

> Aha. Und was gibts da so zu sehn? <

Er wiegelt ab, verrät lediglich, daß er meine Bestimmung kennt,

nur eben noch nicht ganz klar erkennen kann.

Armleuchter, der.

> Konzentrier' dich auf die nächste Nacht; den nächsten Traum!, <

meint er beschwörend und garantiert scherzfrei.

> Jo, mach ich. Aber aufhängen tu ich mich trotzdem, und danach

erschieß ich mich! <

> Ist schon klar...Aber erst, wenn der Traum dir Bescheid gegeben

hat, weil nämlich Wunderbares passieren wird...! <

 

Der nächste Muntermacher.

> Aber zuallererst kriegen wir nachher holden Besuch. Hab da

zwei ganz entzückende Mädels aufgetrieben...Hier, vorletzte Sei-

te...< Er blättert in der Zeitung. Seine Wurstfinger flitzen; dann

stoppen sie. Der weinerliche Blick meiner Augen schärft sich et-

was.

Brandneu! Judith und Natascha! steht da groß in der Anzeige.

Und etwas kleiner darunter: 

Erfrischend wie Sommerregen. Weiss wie Schäfchenwolken.

Spitz wie Lumpi.

 

> Weiss wie Schäfchenwolken, < schwärmt Willi sabbernd. 

> Klingt irgendwie nach Unschuld und Keuschheit. <

(wer's glaubt...)

> Ist alles schon geritzt!, < beeilt er sich zu sagen. > Punkt sieben

stehn die beiden Schäfchen auf der Matte. Sozusagen als erstes

Wunder dieser Nacht. Na, is' das nix? <

 

Mensch Willi, du Gurke. Ich kann mich - um es mit seinen Wor-

ten zu sagen - nur wundern. Seine Begeisterung  und das munte-

re Gesabber machen mich jedenfalls auch nicht froher. Und ich

sträube mich in der Regel auch energisch gegen Geschenke solch 

´abscheulicher´ Art. 

Dennoch: hier liegt eindeutig ein Notfall vor - also eine seelische 

Katastrophe! Dann der viele Schnaps, riesiggroßer Kummer, zer-

störerische Depressionschübe und was weiß ich noch. Selbst der 

Frömmste muß in dem Fall einsehen, daß Willis' Schenkung ir- 

gendwie Hand und Fuß hat, mir Heulsuse wieder auf die Sprün-

ge zu helfen, weil ich ja praktisch moralisch im Eimer bin und 

garnicht mehr weiß, wie und wo es langgeht - daß ich also für je-

des, noch so kleine Trösterchen dankbar sein werde; kurzum: 

an einer warmen Frauenbrust werde ich - grottenschlecht, wie's 

mir geht - höchstwahrscheinlich für ein Weilchen alles Unrecht 

der Welt verschmerzen.

Na gut, einverstanden, Willi  Tramm, du verdorbener Hirte 

'weisser Schäfchen'.

 

> Und Katja?, < laller ich so vor mir hin.

> Was soll mit ihr sein?, < meint Willi grinsend.

> Du willst sie doch heiraten? <

> Schon. Na klar heirate ich die Gute! <

Er kratzt sich erst die Bauch - dann die Beutelgegend.

> Aber doch nicht heut abend!...<

 

 

Übrigens hab ich in der folgenden Nacht nichts weiter geträumt -

erstrecht nichts Erleuchtendes, oder Wegweisendes, wie Willi pro-

phezeite. Lediglich abends, jene 'weisse Schäfchen' - die sah ich

noch - schemenhaft - ehe es fast gleichzeitig draußen, wie drin-

nen - also, im eigenen Kopf - dunkelte.

 

 

(c) Ralph Bruse

Prinzenlatein

 

 

Ein Frühlingstag auf Burg Heidemarsch.

Zehn Uhr, vormittags.

Pssst. Prinz Lothar schläft noch.

Halb elf.

Pssst. Prinz Lothar schläft immer noch. Er wird doch nicht ver-

schnupft sein? Grete, das Zimmermädchen, klopft zaghaft an

die Tür. Der Herr schmollt. Er ist leidenschaftlicher Lang-

schläfer und mag es überhaupt nicht, zu solcher Herrgotts-

frühe geweckt zu werden!

Trotzdem gewährt er dem Mädchen Einlass, damit es das Zim-

mer notdürftig reinigen kann.

Während Grete Lappen und Staubsauger schwingt, blinzelt der

junge Prinz unter der Bettdecke hervor. Welch geschmeidige Be-

wegungen...

Grete bemerkt seine Blicke und kichert belustigt.

Als sie ihm die ganze Schönheit ihrer milchweißen Beine dar-

bietet, errötet Lothar. Schnell schließt er den Aussichtsschlitz.

Nach etwa zehn Minuten trippelt das Stubenmädchen leise

hinaus. Er kann das sanfte Getrippel vom Flur her hören.

Etwas verstimmt entschlüpft er dem Bett und kleidet sich an.

Währenddessen muß er immer wieder an Gretes weisse Beine

denken. Und ihm wird an diesem Tag - ja, genau in diesem Au-

genblick bewusst, daß er nicht länger auf sein Burgfräulein

warten - sondern dem Schicksal etwas auf die Sprünge helfen

sollte. Torschlusspanik nennt man das wohl. Ganz so schlimm

ist es nicht, doch er bekommt Gretes Beine nicht mehr aus sei-

nem Kopf - und das heißt: Prinz Lothar ist flügge geworden.

Fest entschlossen, die neue Aufgabe, ein passables Fräulein zu

finden, mit heller Freude anzugehen, eilt er die Treppen hinab.

> Du willst mich verlassen?, < entrüstet sich seine Mutter.

Aber nein, Mutti, beruhigt er. > Mir fiel nur ein, daß ich jetzt

fünfunddreißig bin. Und die Beine, pardon, die Grete...<

> Was für Beine, Junge? Und welche Grete? Etwa unser Putz-

mädchen?! Du willst doch nicht allen Ernstes unser Stuben-

mädchen heiraten?! <

Ihr sonst krummer Rücken spannt sich auf wundersame Weise

kerzengerade.

> Das werde ich nie und nimmer zulassen, Lothar! <

Ihre Worte purzeln wie Blindgänger umher.

> Völlig indiskutabel...Nicht standesgemäß...Bist du denn völ-

lig verrückt?! <

Eine Serviette, neben ihr, auf dem Teetisch, segelt in hohem

Bogen davon. Sie ist kurz vor einem Herz - oder mindestens

vor einem Heulanfall.

Ich will die Grete nicht heiraten, beeilt er sich zu sagen. > Ich

dachte doch nur...<

Stopp. Die Burgmutter ist schneller.

> Du willst sie nicht heiraten? Da bin ich aber beruhigt, mein

Junge. < Sie holt tief Luft - hätschelt seine Hand.

> Du mußt dir wirklich keinerlei Sorgen um deine Zukunft ma-

chen, Lothar. Und wozu heiraten? Du hast doch deine Mutti,

nicht wahr? Du bist mein kleiner Junge und das bleibst du

auch!, < sagt sie erst zärtlich und dann in schneidigem Befehls-

ton.

> Ja, Mutti...<

 

Lothar hat verloren. Wieder mal. Doch diesmal will er wenigs-

tens ein aufrechter Verlierer sein. Drum nimmt er sich vor,

seine brennende Neugier umständehalber heimlich zu stillen.

Ihm kommt da auch schon eine Idee...Er lächelt milde. Haar-

klein malt er sich schon vieles aus, was da kommen mag...

Sein Lächeln wird breiter - ein wenig listig auch.

Sie blickt ihn prüfend an.

> Geht es dir gut, Junge? <

> Aber ja. Sehr gut, Mutter. <

> Lothar? <

> Ja, Mutti? <

> Dein Lächeln gefällt mir irgendwie nicht. Es ist so...ich weiß

nicht, wie ich es erklären soll. Es ist so...<

> Undurchschaubar? <

> Ja, genau. Es ist undurchschaubar. Irgendwie unheimlich. <

Er rutscht auf seinem Stuhl hin - und her. Zeit für einen Vor-

wand. > Ich reite aus!, < kommt es pfeilschnell geflogen. Und

schon ist er um die Ecke.

> Wohin so schnell, mein Junge?, < will sie noch wissen.

> In den Wald!, < hallt es vom Burghof herauf.

> Pass um Himmelswillen auf und reite nicht zu übermütig, Lot-

har!, < ruft sie vom Fenster aus. Das kann Sohnemann nicht

mehr hören, weil er dem Wallach bereits kräftig die Sporen gibt.

 

2.

Unter ihm lebt es.

Er legt die Kleider ab, setzt einen Fuß vorsichtig in den wu-

selnden Haufen - in den Händen Block und Bleistift, notiert

er seine Beobachtungen.

 

Dibo Libo Consorcium. Auch rote Waldameise genannt. Ihre

Zahl ist augenscheinlich dezimiert worden. Ein Grund hierfür

ist derzeit noch nicht erkennbar.

 

Während die Ameisen seine Beine bestürmen und relativ

schnell den ganzen Leib besiedeln - was übrigens, wie jeder

weiß - ein durchaus angenehmes Kribbeln verursacht, erspäht

Lothar einen verkohlten Stock, gleich neben dem Ameisenhü-

gel. Ihn packt der Zorn. Wieder waren irgendwelche Halbstar-

ke hier, um die harmlosen Tierchen durch Brandstiftung zu

vernichten. Er muß der ‘Gesellschaft gegen die Unterdrückung

der Waldameise’, deren erster Vorsitzender er ist, schnells-

tens ein Aktionsprogramm vorschlagen. Notfalls müssen Wa-

chen im Wald postiert werden. Lichtschranken könnten eben-

falls hilfreich sein, den Brandteufeln das üble Tun zu vermas-

seln. Oder Videokameras unauffällig im Geäst, ringsum, ins-

tallieren. Gute Idee. Notiere:

 

Zur wirksamen Schadenabwehr mindestens, sagen wir,

sechs Überwachungskameras auftreiben. Eventuell auch

Stolperfallen, sprich: Drahtschlingen.

 

Gegen die Feuerstrolche muß endlich hart durchgegriffen

werden! Letztendlich hängt vom Fortbestand der roten Wald-

ameise ja auch das Bestehen der Gesellschaft gegen ihre Un-

terdrückung ab. Wirklich schade, wenn dieser illustre Kreis

engagierter Naturschützer seine Bedeutung verlöre. Dann

sind nämlich auch die damit einhergehenden Festivitäten -

also Tanz - Tee - und Schlemmerabende futsch - und das

wär, wie gesagt, sehr bedauerlich.

 

Inzwischen haben die wackeren Waldbewohner auch die Gän-

ge seiner dezent abstehenden Ohren in Beschlag genommen.

Das stört Lothar nicht im Mindesten. Das muntere Gekrabbel

beruhigt sogar seine flattrigen Nerven. Schon bald sind seine

Gedanken frei für neue Ideen, ganz anderer Art.

Der Bleistift knackt leise, so wie das sprießende Grün der Bäu-

me, wie der Biber am nahen Bach und die winzigen Arbeits-

kolonnen in seinen Ohrhöhlen. Jetzt hat wieder dieses listige

Lächeln die Oberhand - und Lothar muß sich kneifen, um vor

lauter Begeisterung nicht ohnmächtig zu werden. Fast wie von

selbst schreibt der Bleistift:

 

Wohlhabender, gutaussehender Herr von edlem Geblüt,

Mitte dreißig, wünscht sehnlichst die Bekanntschaft einer

adequaten Partnerin.

 

Nun ja, das ist doch wohl etwas umständlich, findet er und

streicht es durch. Nächster Versuch.

 

Junger Herr - nicht schön, aber reich ( was der Wahrheit 

schon viel näher kommt ) sucht die Frau seines mitunter 

ereignislosen Lebens.

 

Jammerlappen, elender! Völlig indiskutabel. Gestrichen.

Letzter Versuch.

 

Prinz mit Schloss sucht Traumgirl.

 

Schmucklos, knapp, präzise, ohne das übliche Süßholzgeras-

pel. Perfekt!

Er reisst das Blatt ab und will es in die Tasche stopfen. Da erst

merkt er, daß eine Abordnung der Waldameisen nun auch

schon in den Nasenlöchern steckt, um von da aus sein Innen-

leben zu erobern. Lothar bewahrt die Ruhe. Ganz langsam

tappt er zum Bach - steigt hinein. Nach wenigen Minuten fühlt

er sich neugeboren und rein wie Prinz Heinrich nach der es-

siggefluteten Waschung im Desinfektionszuber.

Den Ameisen bekommt das Baden nicht. Einige können sich

allein - manche mit Lothars Hilfe - ans Ufer retten. Der Rest

geht unter. Leider.

Der Prinz schlüpft tropfnass in seine Kleider, schwingt sich

aufs Pferd und reitet davon.

 

 

 

Eine Woche später.

Die Anzeige ist ein Riesenerfolg. An die hundert Briefe hat er

bekommen. Zum Glück ist Mutter gerade zum Lunch, auf dem

Gut ihrer Schwester. Drum hat Lothar viel Zeit zum Sortieren.

Schon bald merkt er, daß Sortieren anstrengend ist, also kommt

kommt die logische Einsicht, das Prinzip Zufall, oder: Schicksal

walten zu lassen. Er glaubt fest an dieses Prinzip. Sämtliche

Zuschriften werden zum Haufen getürmt. Er schließt die Augen,

betastet einige Briefe ausgiebig, andere flüchtig, zieht erst den

einen, dann den nächsten heraus, wühlt lange in dem Briefberg,

der ja immerhin über die nahe Zukunft, wenn nicht gar über

sein ganzes Leben richten wird - und entscheidet sich schließlich.

Er öffnet die Augen und wirkt etwas enttäuscht, über das Ergeb-

nis in seiner Hand. Eine schlichte Postkarte, auf der gerade mal

drei Zeilen, plus Absender, stehen.

 

Hei, Traumprinz!

Du solltest dich mit mir treffen.

Wenn du nix anderes vorhast - kommenden Dienstag

findest du mich im ‘Rattenkeller’. Um acht, okay? Und

sei pünktlich!

 

Tschüß Micha

 

Micha? Etwa ein Mann...?

Sicher nicht. Rattenkeller - das hört sich irgendwie robust; boden-

ständig an. Schon das Wort ‘Ratte’ ruft in Lothar den Beschützer

auf, der immer dann erwacht, wenn es um bedrohte Tierarten

geht. Rari Haari Unicum, zum Beispiel - eine weitverbreitete Art

der Wanderratte - stark in ihrem natürlichem Bestand gefährdet,

weil ihre Wanderschaft meist mit dem Tod durch chemischen

Giftköder endet. Langsames, inneres Austrocknen der armen Kre-

atur - grauenvoll! Lothar muß gleich dreimal schlucken. Ist natür-

lich sonnenklar, daß er den ‘Rattenkeller’ aufsuchen wird - schon

aus rein solidarischen Gründen. Wer weiß: vielleicht kann er ja

gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: den Wanderratten

die rettenden Wege, Richtung Wald weisen, und seiner eventuell

neuen Freundin den Pfad zum Ameisenhügel. Dort werden sie

dann in stummer Glückseligkeit verweilen - nackt wäre schön -

und langsam steigt das Kribbeln an ihren Beinen hoch. Und

dann...Dann springen sie erhitzt in den Bach, um sich abzu-

kühlen.

 

 

Dienstag

Lothar wartet, piekfein zurechtgemacht, vor dem ‘Rattenkel-

ler’ auf Micha.

Er wartet und wartet. Halb neun. Von Micha keine Spur.

Die Nervosität ist kaum auszuhalten. Hat sie ihn versetzt?

Er will gerade gehen, da schwingt die Tür des Rattenhauses

von innen auf und heraus kommt ein recht zotteliges Ding,

das heißt: ein junges Mädchen, das ihn argwöhnisch mustert.

> Na, Mann. Du mußt Lothar sein..! <

Er nickt, bleibt aber stumm, was auch daher kommt, daß ihr

trockener, erdiger Umgangston ihm die Sprache verschlägt.

Auch das Aussehen des Mädchens ist mehr als sonderbar.

Recht hübsch. Ja schon, hübsch ist sie, findet er. Nur ein we-

nig zu - wie soll man sagen - etwas zu bunt, vielleicht. Vorne

ist ihr Fransenhaar neongrün, hinten rosa und im Scheitel

gelb - eine Mischung, die recht selten ist und deutlich macht,

daß auch in der Großstadt Geschöpfe existieren, die schüt-

zenswert sind. Ihr weiter Pullover ist sackähnlich, die Hose,

eins tiefer, völlig verschlissen. Bis zu den Turnschuhen mit

Lochfraß kommt er garnicht, denn sie nimmt ihn prompt an

die Hand und zieht ihn mit sich, in den dröhnenden Unter-

grund.

Zuckende Lichter springen Lothar an, laute Musik; eigenar-

tige Musik, die dem Hufgetrappel seines Wallachs in vielem

ähnelt.

> Siehst ja ziemlich verschärft aus in dem Nadelstreifen,

Mann!, < brüllt Micha - die eigentlich Michaela heißt - gegen

den Lärm an. > Aber lass ma’; nich’ schlecht die Verkleidung! <

Ehe Lothar erklären kann, daß er eigentlich fast immer so he-

rumläuft, zieht Micha ihn zur Tanzfläche. Sie tanzen - oder

bessergesagt: Lothar tanzt; die anderen bunten Leute stehn

nur da, lockern Arm - und Halsmuskulatur; hin - und wieder

auch die der Augen. Lothar wundert sich, daß das Rauchen

während des Tanzens ausdrücklich gestattet ist. Zudem ist

das Rauchmaterial der meist jungen Leute nicht edel, oder

sagen wir der Fairnis halber: qualitativ minderwertig. Neben

ihm steht gar jemand, der gefülltes Zeitungspapier raucht.

Nun ja, denkt Lothar, wenns schmeckt und nicht so ungesund

ist, wie der Kerl aussieht, warum nicht. Soviel Toleranz sollte

jedenfalls sein.

Gerade reicht der Nebenmann das gefüllte Zeitungstütchen

an ihn weiter.

> Astreiner Superskunk, Karlerwin! <

Bei dem Wort ‘Skunk’ knautscht sich Lothar die Brust.

> Sie rauchen Stinktiere? <

> Wat sagste? Die stinken tierisch, jaja. Aber hundertpro Wir-

kung, Alter! Da gewitterts wie blöde im Kopp, Erwin. Hier..! <

> Nein, vielen Dank, < wiegelt Lothar ab und schiebt den Dampf-

stummel von sich. Um nicht unhöflich zu wirken, sagt er lau-

ter, zum Nebenmann gebeugt: Verstehen Sie mich bitte nicht

falsch, mein Herr. Ich möchte Ihre Gastfreundschaft in keins-

ter Weise verletzen, aber es ist so, daß ich mich für bedrohte

Tiervölker einsetze, vor allem für Ameisen, wissen Sie? Den

Geruch von Rauch mögen die roten Waldameisen nicht. Des-

halb möchte ich Sie um Nachsicht bitten....<

Sein Nebenmann glotzt ihn reichlich verwundert an. Das Weiss

seiner Augen ist hellrot - ein untrügliches Zeichen für begin-

nende Ausfallerscheinungen. Trotzdem versucht er, sich auf

ein klares Statement zu konzentrieren.

> Schon klar. Wir sind doch alle bedroht, Alter. Nenn mir irgend-

einen, der nich´ bedroht is’. Auch ich bin bedroht. Und du. Die

ganzen Freaks, hier, sollten unter Naturschutz stehn...! Aber

uns beschützt ja keiner! <

Bevor er in Sentimentalitäten abrutscht, lallt er: Eeh, Mann,

ich verrat´ dir was, aber pschscht, is top secret, alles klaro?

Er kommt dicht an Lothars Ohr, sondert etwas Spucke ab -

nuschelt: Du bist cool, Alter. Irgendwie anders, aber cool. Daß

du die toten Wildameisen...<

Rote Waldameisen, verbessert Lothar.

> Egal, Mann. Absolut oberscharf, deine Äkschen! <

Er holt sich die gefüllte Zeitung zurück, zieht dran, rollt die

Pupillen, bis schließlich nur noch Weiss und weit und breit kei-

ne Pupille mehr zu sehen ist.

> Nich’ zu toppen, Alter. Voll geil, Deine Feldameisen!...Hier

sind auch welche...<

> Sie meinen, hier?, < staunt Lothar.

> Arschklar. Kuck doch ma´ rum in der Bude. Überall Ameisen -

siehste, hier - und da drüben auch. ‘n lupenreiner Ameisenpar-

teitach is´ das hier. Kuck ma´- sogar anner Decke häng´ die

rum. Und dem DJ kriechen die schon die ganze Zeit aus’m Maul.

Der merkts bloß nich´. Siehste...? <

Der leere Blick des spendierfreudigen Herrn - wie der einer

toten Hauskatze - wird Lothar immer unheimlicher. Deshalb

zieht er sich etwas zurück und wendet sich wieder seiner

Gastgeberin zu. Gerade will er eine belanglose Floskel fallen-

lassen - da fällt etwas anderes zu Boden - undzwar der ge-

sprächige Herr mit der immer noch rauchenden Wundertüte,

daneben.

Er wird weggetragen, in ein dunkles Eckchen, wo er ein biss-

chen ausruht, um später den Kampf gegen allerlei nicht vor-

handene Ungeheuer wieder aufzunehmen.

 

Das Mädchen bemerkt Lothars leichtes Unbehagen. Er muß

unbedingt an die frische Luft, soviel ist klar.

Also dann.

Sie folgt ihm.

Draußen stehen sie dicht beieinander. Irgendwie ist der A-

bend, der alles in allem vielversprechend begann, nun doch

etwas im Eimer. Lothars Neugier ist gestillt. War wohl auch

etwas zuviel des Guten auf Neuland. Er könnte nun gehen, oh-

ne je wiederzukommen.

Aber Micha hält ihn am Arm fest.

> Sei nich’ gleich eingeschnappt und bleib noch ‘n bisschen,

ja? Nur’n Stündchen, okay? Hier kann man prima rumbum-

meln..! <

Den Vorschlag findet Lothar gut.

Sie schlendern durch die City. Einige Leute sehen sich nach

dem recht eigenwiligen Paar um. Dem Mädchen ist das egal -

Lothar nicht, doch er arbeitet dran.

> Ich hab nur aus Spaß auf deine Anzeige geschrieben, < er-

zählt sie. > Wollte nur mal sehn, ob du wirklich so’n Spießer

vor dem Herrn bist. <

Er schweigt. Und sie seufzt.

> Du hast es gut. Bist’n richtig Reicher, stimmt doch, ne?

Wollt ich erst nich’ glauben. Hab denn aber fix gerafft, daß

du nich’ so dolle in die Rattenbude reinpasst. <

Ehe er antworten kann, schwärmt sie: Is’ schon nich’ schlecht,

wenn man immer fette Kohle dahat, ne? Schicke Fummel.

Schiffsreisen. Monsterschlitten. Supersache..!

> Rennpferde hast du vergessen, < fügt er nicht gerade be-

geistert hinzu. > Die kosten auch eine Stange Geld. <

Sie spürt seine Unruhe.

> Ach, drauf geschissen! <

Ihr plötzliches Lachen reisst ihn mit. Sie schnappt nach seiner

Hand. > Komm! <

> Wohin? <

> Wirst schon sehn. <

 

Der Film hat längst angefangen. Trotzdem ergattern sie noch

zwei Kinokarten, die Micha unbedingt bezahlen will.

Lothar kann ihr das nicht ausreden, versucht es garnicht erst.

Während der Film auf der Leinwand lebt, schmiegt sie sich an

ihn - einfach so.

Wie warm sie ist, geht es ihm durch den Sinn. Warm und etwas

zu dünn. Ja, zerbrechlich wie Glas. Sofort meldet sich sein Be-

schützerinstinkt.

Näher - noch näher kommen sie sich - bis er sich ein Herz fasst

und das Mädchen küsst.

 

> Wie alt bist du?, < will er später wissen.

> Siebzehn. Und du? <

> Das Doppelte. <

> Is’ das ‘n Problem für dich?, < fragt sie.

> Für mich nicht. Für meine...vielleicht.<

Er vermeidet das Wort ‘Mutter’ - was in dem speziellen Fall

ohnehin nicht viel bedeutet.

Alle Zweifel außen vor.

> Kein Problem. Überhaupt kein Problem! <

Der nächste Kuss. Lothar errötet etwas. Zum Glück sieht das

niemand. Die Dunkelheit schützt ihn.

 

 

 

Mittwochmorgen. Auf Burg Heidemarsch. Zehn Uhr.

Der Prinz schläft noch.

Halb elf.

Elf.

Halb zwölf.

Grete, das Zimmermädchen, klopft an.

Keine Reaktion.

> Kein ‘Herein’, kein sauberes Zimmer!, < schimpft Grete und

flitzt die Treppen hinab, um sich bei der Hausherrin zu beschwe-

ren. Die wundert sich ebenfalls. Zusammen steigen sie die Treppe

rauf, um das Zimmer des Prinzen notfalls zu stürmen. Verschlos-

sene Türen - das gab es auf Burg Heidemarsch schließlich noch nie!

Sie klopfen. Dann trommeln sie - sieben, acht Mal.

Endlich öffnet jemand, aber nur einen Spalt breit.

Die Mutter des Hauses wird blass um die Nase.

> Wo ist mein Sohn? Was haben Sie im Zimmer meines Jungen

zu suchen?! Wer sind Sie...? Verlassen Sie auf der Stelle mein 

Haus! <

> Aber Mutti. Ich bin´s doch. Dein Lothar..! <

Du bist das? <

Sie kneift die kurzsichtigen Augen.

> Tatsächlich...Sag mal, wie siehst du denn aus? Was soll die-

ses grüne und rosa Zeugs da, auf deinem Kopf? Wasch dir das

bitte sofort ab! <

> Das is’ farbecht, Mama. Waschen hilft da nicht viel. Und au-

ßerdem is’ das jetzt scharf im Trend. <

> Scharf im Trend? <

> Um nicht zu sagen: rattenscharf, Mutti. <

Sie schnappt nach Luft.

> Du machst mir Sorgen, Lothar. Wir müssen mal ein ernstes

Wort reden. Zieh dich an und komm bitte sofort in den Tee-

salon! <

> Jetzt nicht. Später vielleicht. Hab Besuch...<

Mama ist fassungslos.

> Besuch? Du? Ja, von wem denn?? <

> Erzähl ich dir nachher. Und jetzt wollen Micha und ich noch

n bisschen abhängen. <

Er verschließt die Tür wieder. Davor steht eine Mutter, die gleich

einen Tobsuchtsanfall erleidet.

> Abhängen? Mit Micha? Wer, zum Kuckuck, ist Micha? Etwa

ein Kerl?! <

> Das ist zuviel!, < japst sie unerhört aufgewühlt. > Grete, meine

Tabletten, schnell! < Und zur Tür gewandt:

> Mach sofort auf, Lothar! Ich befehle dir, sofort die Tür zu

öffnen! L o t h a r!!! <

Sie stampft auf. Drischt gegen die Tür.

 

Nichts. Keine Reaktion. Die Tür bleibt zu.

Mama ist sauer. Ihr Sprössling nicht, denn der hat eine völlig neue

Wesensart in sich entdeckt: Totalum Verliebtum.

 

 

(c) Ralph Bruse

Dame mit Hut

 

 

Jasmin rückt ihren Hut zurecht.

Ein Blick zur Uhr.

> Höchste Eisenbahn! <

Die Tür schwingt ins Schloß. Der Fahrstuhl. Wieder mal be-

setzt. Ein paar Minuten vergehen.

Das üppige Arrangement auf Jasmins Hut wiegt schwer. Der

Hut kippt etwas zur Seite. Ihre reichlich mit Klunker bestück-

ten Hände bringen alles wieder in Ordnung.

Sie hört den Fahrstuhl kommen. Wie ein schnaufender Ochse,

geht es ihr durch den Sinn. Sie kräuselt die Unterlippe.

> Ich mag den Klapperkasten nicht. Aber er ist mir nützlich. <

Ihre schmalen Hüften schaukeln hin - und her. Die Füße trip-

peln auf der Stelle. Jetzt öffnet sich der Klapperkasten... von

wegen. Der rauscht an der alten Dame vorbei, als wolle er sie

wieder mal zum Narren halten. Abwärts. Pause. Geklapper.

Dann endlich der achte Stock. Jasmin lächelt säuerlich. > Na

also.. < Sie setzt einen Fuß vor, doch das Mistding zockelt

weiter, rauf bis ins 13te Stockwerk. Kurze Pause, und weiter

gehts, abwärts. 11,1o, 9, 8. Endlich stockt der verdammte

Kasten. Das übliche Scharren, beim Aufziehen der Tür.

Das knutschende Punkerpärchen im Fahrstuhl nimmt den

‘Neuzugang’ zunächst garnicht wahr.

Jasmin räuspert sich. > Dürfte ich mal, junger Mann..? <

Wie - Du auch, Oma?, flappst der Flegel, räumt seine Geni-

taliengegend auf, grinst unverschämt, stellt seine Glubschau-

gen auf Geradeaus und latscht mürrisch einen Schritt zur Sei-

te. Nur einen Schritt, damit Jasmin gerade so an die Null he-

rankommt, den Knopf fürs Parterre.

Abwärts.

Die Punkerbraut zieht etwas Lebendes aus der schloddernden

Hose. Eine weisse Ratte.

> Süß, ne? <

Sie hält ihr das wild rumschnuppernde Viech direkt vor die

Nase. Jasmin lächelt tapfer.

> Ja, niedlich.<

Sie bemerkt den Argwohn der Rattenbesitzerin, also fügt sie

schnell hinzu: wie heißt der stramme Bursche denn?

> Er ist eine Sie. Und sie heißt Lollobrigida. Gina Lollobrigida. <

Jasmin muß sich anstrengen, nicht laut loszulachen.

> Ein merkwürdiger Name für eine...<

Sie schüttelt sich und schwindelt: Gina Lollobrigida... entzüc-

kend! Wirklich ein hübsches Mädchen, das Fräulein Gina. Und

so wohlerzogen..!

Hast es erfasst, Oma, stimmt die Punkergöre zu. Ihr stechender

Blick bleibt an Jasmins Hut hängen.

> Gehste auf’n Wochenmarkt, oder warum schleppste das gan-

ze Grünzeug durch die Gegend? <

Ihr wieherndes Kichern wirkt nicht gerade respektvoll. Jasmin

sehnt das schnelle Ende dieser Fahrt herbei.

 

Dann ist es soweit.

Sie strafft sich, wünscht einen guten Tag und stolziert raus,

auf die Straße. Währenddessen kurven die zwei Punks noch

ein bisschen durchs Haus - immer rauf und runter, weil’s irre

Spaß macht, im Fahrstuhl zu knutschen.

Jasmin hingegen schwört, laut mit sich selbst redend, nie wie-

der mit dem Mistding von einem Fahrstuhl zu fahren.

> Lieber huste ich mir die Lunge aus dem Leib und krabbel’

auf allen Vieren die Treppe rauf!<

Hallo, Madame Noel!, grüßt ein Nachbar von Gegenüber.

Jasmin zuckt zusammen.

Jaja, Tag auch, stottert sie und hastet weiter.

An der nächsten Straßenecke knickt ihr der linke Fuß um. Sie

stöhnt auf vor Schmerz und humpelt weiter.

Ein junger Kerl, der seinen Hund Kacken führt, rempelt sie

an. Ehe er eine kurze Entschuldigung stammeln kann, tritt

Jasmin in den Haufen eines anderen Hundes.

Jetzt tut ihr der verstauchte Fuß nicht nur weh, sondern er

riecht auch noch hundert Meter gegen den Wind. Soviel Kac-

ke am Fuß kann manchmal Glück, aber eher wohl einen

schlechten Tag bedeuten.

Sie hat Mühe, die Schuhe im nächsten Brunnenbecken, zwei

Straßen weiter, zu säubern. Die Kacke ist offenbar von ges-

tern und daher zäh. Jasmin gibt nicht auf. Sie opfert neun Pa-

piertaschentücher. Das ist wenig im Vergleich zu dem, was

sie heute noch opfern muß...

Ihr schöner Hut plumpst ins Wasser und geht, der Schwere

wegen, sofort unter.

Mein Hut! Liebe Güte, mein Hut!, jammert sie und blickt sich

hilfesuchend um.

Ein süßer, schmächtiger Fratz von etwa zehn Jahren kräht

vorlaut: dies ist ein heiliger Brunnen, Madame! Wer was rein-

wirft, darf es nicht mehr rausholen!

Er deutet auf die Münzen in der Brunnenmitte.

Für Hüte gilt das ja wohl nicht, oder?!, klagt sie wütend.

Für Hüte auch. Leider, Madame!, kräht der Bengel mit en-

gelsgleicher Unschuldsmiene.

Sie nickt traurig; stolpert weiter.

Kaum ist sie außer Sichtweite, fischt der blonde Fratz nach

dem Hut, um ihn später auf dem Wochenmarkt an Touristen

zu verkaufen.

 

Kurz bevor Jasmin die Pfandleihe betritt, in der sie arbeitet,

rast ein Lastwagen mit Karacho durch eine große Ölpfütze

am Rinnstein. Dies ist ein verdammt übler Tag und die alte

Frau auf dem Gehweg ist zu langsam, um nicht von der

schwarzen Fontäne erwischt zu werden.

Zum Glück hat sie wenigstens zwei hilfsbereite Mitarbeiter,

die den ganzen Schlamassel mit ansehen und sich rührend um

die von oben bis unten beschmutzte Kollegin kümmern.

 

Eine halbe Stunde danach lächelt Jasmin wieder - noch etwas

mühevoll, aber es macht sich. Sie öffnet ihren Schalter und er-

wartet, relativ gutgelaunt, ihren ersten Kunden. Der kommt in

Gestalt eines Mannes in den mittleren Jahren. Der Mann trägt

schäbige, um nicht zu sagen: zerlumpte Kleider, und ebenso

zerlumpt sieht er aus. Sein speckiges Haar ist vorne lang und

hinten kahl - eine Variante, die recht selten ist. Von seiner

Nase tropft Schnotter. Auf der rechten Wange klebt der Rest

getrockneter Farbe - eher Blut. Das Nuscheln seines Mundes

verrät, daß er im Zuge der letzten Schlägerei die restlichen

Zähne eingebüßt hat. Der Kerl kaut an einem Zigarrenstum-

mel, der seinen krummen Fingern in vielem ähnelt. Rauch

steigt nicht aus diesem Stummel. Rauchen ist im Pfandhaus

auch streng untersagt - er kaut und sabbert nur daran he-

rum, schmatzt, rülpst, sabbert und brummt schließlich:

Wären Sie wohl so freundlich, mir die Einnahmen des heuti-

gen Tages auszuhändigen, Madame?

Er deutet auf seine zerbeulte Manteltasche, aus der der Lauf

eines Revolvers hervorblinzelt.

Jasmin wird bleich und bleicher. Sie will schreien, kann aber

nichts sagen, außer: es ist acht Uhr, morgens. Wir haben ge-

rade erst geöffnet, und... Und es gibt noch keine Einnahmen!

Sie starrt den Kerl an, dann das Sichtbare seines Revolvers

und sie hat Angst. Große Angst!

Acht Uhr, morgens? Soso...wiederholt der Fremde äußerst

gelassen und ruhig. Er versucht zu begreifen, bekratzt eine

Braue seiner glasigen Augen, denkt nach, oder versucht es

wenigstens - und endlich fällt der Groschen.

> Na dann. Ich sehe vielleicht heute abend nochmal bei Ihnen

herein, wenn es recht ist...Besten Dank jetzt schon mal für Ih-

re Freundlichkeit. <

Er verbeugt sich vor ihr, verbeugt sich auch vor Jasmins Kol-

legen - dann vergehen nicht mal drei Sekunden und der Kerl

ist wie vom Erdboden verschwunden.

 

Die Angst fällt nur langsam von Jasmin ab. Dafür kommt nun

ein Zittern zu ihr, das stundenlang andauert. Sie ist mit den

Nerven am Ende; schlottert, friert, und während sie gut um-

sorgt im Hinterzimmer der Pfandleihe hockt, um das Flirren

der Glieder abklingen zu lassen, stürmt Yvette, ihre Jüngste

herein, um ihr schonungslos und freudestrahlend beizubrin-

gen, daß sie nach zehnjähriger Abwesenheit wieder bei ihr

einziehen wird.

> Pierre ist ein Schwein, Mamon! Er hat mich immer wieder

mit anderen Weibern betrogen! <

Ehe Jasmin erklären kann, daß ihr das jetzige, ruhige Leben

- mit heutiger Ausnahme natürlich - eigentlich ganz gut ge-

fällt, klammert sich Yvette heulend an ihren Hals und klagt

herzerweichend: ein Schwein, Mamon. Ein Riesenschwein!!

Und keinen Atemzug später: ach Mama, wie lieb von Dir, daß

ich wieder bei Dir wohnen darf!

 

 

So geht dieser elende Tag endlich zur Neige. Mit einem Kopf,

schwer wie Stein, stolpert Jasmin ihrem Zuhause entgegen.

Als sie an dem Monstrum von Haus hochsieht, in dem sie lebt,

erkennt sie Licht in ihrem Wohnzimmer.

Yvette will doch erst morgen kommen...

Dann sieht sie flüchtig die Gestalt eines Mannes im Fenster -

eines fremden Mannes - und schon ist sie zurück, die Angst,

die ihren Hals packt! Sie denkt - nein, eigentlich denkt sie

garnichts. Und dann doch...Polizei. Ich muß die Polizei holen,

undzwar schnell!

Doch urplötzlich kommt ihr ein völlig anderer Gedanke, eine

zunächst noch absurd scheinende Idee...Hat sie nicht schon

immer davon geträumt, diesem grässlichen Hochhaus und

der ganzen wuselnden Großstadt adieu zu sagen?

Und ob! Viel zu oft hat sie nur geträumt, immer nur ge-

träumt. Aus den Schatten der Träume herauszutreten aber

wagte sie nicht... Immer war da dieses kleine Häuschen, ir-

gendwo in der Provinz...bunte Hühner im Garten, eine Kuh,

vier Ziegen(sie hat genau mitgezählt, im letzten Traum). Zwei

riesige Doggen, die jeden ungebetenen Gast draußen lassen.

Sieben Wuschelkatzen und präzise 23 Spatzen im Birnen-

baum. Sommer ist praktisch immer, die Luft riecht nach Blu-

men und Pfannekuchen, weil die immer schmecken. Und Jas-

min spaziert im dampfenden Gras, wenn die Sonne den Re-

gen von der Erde leckt. Ameisen; richtig, sie hat Ameisen ge-

zählt. Dabei ging die Nacht drauf. Es waren einfach zuviele.

 

Sollen die Leute doch nach ihr fahnden - Yvette und die gan-

ze, egoistische Sippschaft kann ihr gestohlen bleiben! Schluß,

aus. Nägel mit Köpfe...Die Mama taucht ab; ist unauffindbar!

Und die Arbeit im Pfandhaus?

Kann ihr ebenfalls gestohlen bleiben! Lange genug hat sie

sich dafür krumm gemacht. Alte Zöpfe soll man abschneiden,

und jetzt ist die beste Gelegenheit!

 

Der Fahrstuhl spinnt mal wieder. Also schnappt Jasmin nach

ihrer Handtasche, zirkelt Block und Kulli raus; kniet sich hin,

um ihre Vorfreude in nette Worte zu fassen.

Sie notiert:

 

Werter Herr Einbrecher,

wären Sie wohl so freundlich, oder unfreundlich - das kann

man durchaus von zwei Seiten sehen - die Wohnung, in der

Sie sich gerade bedienen, im Anschluß daran recht gründlich

zu verwüsten? Sie werden ohnehin leider nicht viel Brauchba-

res finden, dessen Sie sich erfreuen. Meine Ersparnisse sind

nicht bei der Bank, gegenüber; nicht im Kopfkissen, oder zwi-

schen den Nachthemden, wie mitunter üblich. Wertvollere

Schmuckstücke trage ich selbst, also wäre es weitaus klüger

gewesen, wenn Sie auf mich gewartet hätten.

Nun, Sie haben weißgott genug Gründe, furchtbar wütend zu

sein. Ich möchte Sie ermutigen, dem angestauten Frust frei-

en Lauf zu lassen. Also, nur zu! Sie werden sehen, daß Ihnen

danach sehr viel wohler ist.

Ich gewähre Ihnen; sagen wir: drei Stunden Zeit. Bis dahin

sollten Sie sich keinen Zwang antun und das Mobiliar zerlegt

haben. Ich zähle auf Sie!

In freudiger Erwartung und zu Dank verpflichtet

Ihre Jasmin Noel

 

p.s. Ich erlaube mir, ihre großen Kraftanstrengungen von

der Straße aus zu beobachten.

 

 

Sie kichert; drückt den Zettel an ihre schlaffe Brust.

Das wird ihn bestimmt rasend machen..!

Der Fahrstuhl sitzt wieder mal irgendwo fest. Sie wendet sich

schon zum Gehen, da ratscht es zu ihrer Rechten und die

Tür klappt auf. Aus dem Fahrstuhl kommen alte Bekannte. Das

Punkerpärchen.

Hei Oma. Na, alles senkrecht?, schnarrt der Typ und zieht be-

tont langsam seinen Hosenstall zu.

> Wiste mit? <

Will ich, entgegnete Jasmin knapp, aber gutgelaunt.

> Na denn, rein in die Kombüse! <

Eine Spur zu freundlich tritt er zurück. Und sein Grinsen wirkt

so wenig einladend, wie die Höhle eines Wilden. Verwundert

stellt er fest, daß irgendetwas fehlt. Irgendetwas, das sonst

immer da ist...Richtig - der Hut der Alten ist verschwunden.

> Na hoppla. Heut’ ohne Gemüse? <

> Wie Sie sehen, Herr...<

Sie streckt die freie Hand hin.

> Einfach Jojo. <

> Sehr angenehm, Herr Jojo.<

Plötzlich diese Idee.

> Kommen Sie mich doch bald mal besuchen. Sie und Ihre

Freundin. Ich würde mich wirklich freuen! <

> Jop. Ist geritzt, die Einlade. <

Seine Stirn kräuselt sich.

> Ziehste aus? <

Sie wirft ihr weisses Haar zurück; lacht übermütig.

> In die Provence! <

> Kann man da ein’ losmachen? <

Interessiert bekratzt er seine Hosenmitte.

> Soviel Sie wollen, Herr..<

> Jojo.<

> Sie werden es erleben, Herr Jojo! <

Jojo, verbessert er. > Einfach nur Jojo. Den ‘Herr’ schenk ich

Dir. <

Wieder das Kratzen, diesmal im Nacken.

> Schade, daß du abdüst, Oma. Scheinst nämlich in Ordnung

zu sein. <

> Bin ich das? <

> Wenn ich’s doch sag. Los, schieb ein, drauf! <

Er packt ihre schmale Hand; drückt sie danach schon viel

sanfter.

Gib den Provinzeiern fett Saures!, schnauzt seine Freundin

und küsst ihr überfallartig zum Abschied die Wange.

Ich schreibe Ihnen demnächst mal, verspricht Jasmin, ehe

sie die Beiden aus den Augen verliert.

Ja, mach das, hört sie noch. Dann ist sie allein.

Aufwärts, in den achten Stock.

Sie zittert noch ein wenig, als sie den Zettel unter der Woh-

nungstür durchschiebt. Danach ist ihr wohler.

 

Etwa eine Viertelstunde später sieht sie von der Straße aus,

daß einige Dinge kreuz und quer hinter den Fensterscheiben

entlangfliegen. Da ist der Schatten eines wild umherspringen-

den Menschen. In der Hauptsache aber segeln Möbelstücke

durch die Wohnung - kleine, große, ganz große. Der Mensch,

da oben, hat wirklich viel Kraft - und Wut.

 

Das merkwürdige Spektakel dauert noch eine ganze Weile.

Zu guter Letzt kracht ihr guter, alter Fernsehsessel durchs

Fenster und zerbirst mitten auf der Straße.

Aber da ist Jasmin schon fort.

 

                                  

2.

Die störrische, alte Dame lehnt jeden Besuch ab.

Nur Jojo und seine Freundin mit der weissen Ratte dürfen zu

ihr. Sie nennen Jasmin jetzt ‘Tantchen’.

Sie albern viel. Jojo prahlt mit wüsten Sexgeschichten im Fahr-

stuhl. Seine Freundin, die Marleen heißt, spielt derweil aus-

giebig mit Gina Lollobrigida, der weisshaarigen Ratte. Und die

alte Dame hört und schaut ihnen amüsiert zu.

Hin - und wieder spaziert ihr Blick verliebt über die sanften

Hügel der Provence, draußen, vor dem Panoramafenster.

Sie ist am Ziel; ist im Traum angekommen - nicht ganz, aber

immerhin...Die Singvögel im weitläufigen Garten der Nerven-

klinik sind zwar für alle und nicht nur für sie allein da, auch

die paar Hühner, drüben im Freigatter und die drei streunen-

den Katzen im Vorratskeller. Regeln gibt es hier, und feste

Zeiten, schlafen zu gehen. Doch das ist halb so schlimm. Jas-

min ist angekommen.

Nur selten reden sie von früher. Jojo sagt dann immer:

Der Typ hatte echt ‘nen Bums. Die Bude war jedenfalls Klein-

holz...Aber das mit dem Zettel war nicht so clever, Tantchen.

Arschklar, daß die Bullen den Wisch finden..!

Er zertritt eine Kippe auf dem schönen Teppich.

> Und jetzt biste zur Strafe inner Klappse. <

> Zur Strafe? <

> Was denn sonst? <

Sie lächelt - nimmt Jojos‘ Hand.

> Hitzkopf. <

 

 

(c) Ralph Bruse

 

 

 

veröffentlicht im Erzählband ´Sprung´, Mönnig-Verlag, Iserlohn.

ISBN 978-3-933519-48-1

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