Saure-Gurken-Zeit

 

 

13. September. Autobahn Köln - Aachen. Morgens, sechs Uhr.

Nebel über dem Asphalt.

> Wo treffen wir die Typen?, < frage ich meinen Nebenmann.

> In Heerlen, < schnakst Kalle. Is' 'ne ziemlich große Lieferung. 

Zehn Kilo. <

Ich bin aufgekratzt und drücke das Gaspedal durch. Kalle pennt 

noch 'ne Runde. Er wirkt keineswegs morgenfrisch. Letzte Nacht 

hatte er wieder mal eine Schlampe in seiner Bude. Um gnadenlos

ehrlich zu sein: wer so wie er aussieht, hat keine große Wahl: 

klein, fett, Glatze und Froschaugen. Und der Jüngste ist er auch

nicht mehr.

Unwillkürlich muß ich grinsen. Kalle hat wahrlich den Charme 

einer Salzgurke - und er weiß das. Also gibt er sich auch garnicht 

erst großartig Mühe, den stinkfreundlichen Macker zu spielen. Im

Grunde endet jeder seiner liderlichen Grübeleien in der Frage: wo 

kriege ich die nächste Braut her?

Da seine enorme Hässlichkeit jenem Drängen nicht gerade entge-

gen kommt, schnippt Kalle halt mit blauen Geldscheinen. Und tat-

sächlich: das zieht, zumindest bei den Schlampen. Manchmal sind 

auch ganz junge Dinger dabei. Mädchen, die von zu Hause abge-

hauen sind und die schon mit sechzehn meist sturzbesoffen im 

Stadtpark abhängen. Astrein sind die Mädels nicht gerade - ich mei-

ne: in Bezug auf körperpflegende Maßnahmen mit Wasser und Sei-

fe. Auch sonst lassen die so ziemlich alles schleifen. 

Halb so wild: Kalle ist ja nicht wählerisch. Seine kleine Bude ist 

sowas, wie ´ne Anlaufstelle für heimatlose Halbwüchsige. Und 

Kalle mimt den Herbergs-Vater...Lachhaft! Wer in warmen Federn

nächtigen will, muß erstmal über seinen nimmersatten Ständer 

klettern.

Um es vornehm auszudrücken: Kalle ist eine Sau - und das nicht 

nur, weil er reihenweise junge Rumtreiberinnen vögelt, sondern 

weil er deren persönliche Notlage zudem schamlos ausnutzt.

 

Ich blicke zur Seite.

Kalles hässliche Rübe liegt schaukelnd in der Kopflehne. Er 

schnarcht mit weit offenem Mund. Die Sonnenbrille sitzt bereits 

auf seiner Nasenspitze, um jeden Moment abzustürzen. Noch ist 

nirgendwo die Spur einer aufgehenden Sonne zu erkennen - aber 

Kalle Kasunke trägt ´ne Sonnenbrille! Ob er wohl gerade wieder 

von eine der 'Schnecken' träumt, wie er sie nennt? Dämliche Fra-

ge... Kalle denkt immer an Muschis, die er beharken kann, ob nun 

Tag ist, oder Nacht.

Wieder juckt es in meinen Mundwinkeln. Einmal wollte er mir glatt

eine seiner Mädels aufschwatzen. Geschenkt, sozusagen... > Die Tus-

si hat´s voll drauf, Bürschchen!, < johlte er schwärmend. > Is' noch 

ganz eng, die Höhle und die bläst dir den Marsch', daß dir 'n zweites 

Rohr wächst! < Und leise hinterher: > Naja, weißt ja, daß ich 'n her-

zensguter Mensch bin, und nich' nee sagen kann. Das Problem is´nur: 

die Kleine will sich für länger bei mir einnisten, und da fiel mir zufäl-

lich ein, daß in deiner Bude ja auch noch 'n bisschen Platz is´, ne. <

Das Bürschchen - also unsereiner - lehnte dankend ab, aber am näch-

sten Morgen steht das Mädel trotzdem bei mir auf der Matte. Als ich 

zögernd die Tür öffnete, durchraste mich blanker Schrecken...Die 

Kleine war wirklich noch klein - kaum fünfzehn, schätzungsweise. 

Okay, sie war bildhübsch, und daran änderten ihre schmutzigen Kla-

motten auch nichts.

> Hallöchen!, < flötete sie vorlaut. > Kalle hat mich zu dir geschickt. 

Du wüsstest Bescheid. < 

Schwups - schon stand sie in meiner Wohnung.

> Alles klar, Kalle Arschloch! Keiner weiß Bescheid, < fluchte ich 

eher laut, als leise.

> Is' ja 'ne scharfe Bude!, < quietschte die Göre. > Kann doch 'ne Wei-

le hierbleiben, oder?! <

Sie spielte mit meinem Ohrläppchen. > Ich mach dir auch keinen Stress

und so. Ganz lieb werd' ich sein. <

Sie kam in Kussnähe und kraulte mir die Schenkelgegend.

> Ach übrigens, ich heiß´ Mona, < schnurrte sie. Ihre Lippen spitzten 

sich. > Du, ich hab das gute Gefühl, daß wir beide prima miteinander 

klarkommen. <

Ihre Grapschereien wurden konkreter. Ich bin wahrlich kein Eisklotz, 

bin auch kein Schwein - okay, manchmal schon - egal...Jedenfalls 

schob ich ihre Hand weg und sagte so hart wie nötig: > Vergiss es, 

Mona. Hier ist kein Platz für dich. Also mach bitte ´n Abflug! <

Natürlich war sie stinkesauer wegen der Verarsche, die ja Kalle - nicht

ich - verbockt hatte. Sie schnappte wieder nach ihrem Rucksack und 

stolzierte wutentbrannt zur Tür raus. > Fick dich  ins Knie!, < krähte

sie. > Fickt euch doch alle ins Knie, ihr Wichser! < 

Wenn das ginge, würde ich´s glatt tun, dachte ich irgendwie reuemütig.

Dennoch auch heilfroh, die Göre los zu sein, warf ich die Tür zu.

 

Und Kalle? 

Den hab ich am nächsten Tag zusammengeschissen, daß die Straße wac-

kelte! > Tickst wohl nicht richtig! Du bist ja total bekloppt! So junge Wei-

ber abzuschleppen, und mir nach Gebrauch anzudreh'n..Völlich pervers,

Mann! <

So ging das eine ganze Weile weiter.

Kalle wurde immer kleiner und druckste herum. Und was der für einen 

Mist zusammenbrabbelte! > Ich geb den Mädels ja bloß 'n Dach über´n 

Kopp...Kann halt nich' nee sagen, weißte? <

Weiß ich jetzt. Weiß ich seit Ewigkeiten. Und ist trotzdem Mist. > Du ar-

mer, armer Samariter!, < flaumte ich ihn an. > Mach doch, was du willst, 

aber lass mich mit dem schrillen Weiberkram in Ruhe, klaar?! Ich such' 

mir meine Freundinnen schon selbst! <

> Ist registriert, < meinte er eingeschnappt. > Dachte nur, daß dir ´ne lüt-

te Wärmflasche auch nich´ schaden kann, weißte. Und....<

> Halt´s Maul, Kalle!, < krachte ich dazwischen.

Ruhe war's. Das Thema war durch. Kalle vögelte auch weiterhin unge-

hemmt in der Gegend herum. Immerhin: er wurde umsichtiger, das heißt:

seine Bräute hatten zumindest achtzehn Jahre auf dem Zähler. > Würde

ja schon lieber die jungen Dinger knacken, < sagte er später mal. Dabei

zog er eine Regenwetterflunsch und bekratzte ausgiebig seine Beutel.

> Aber da fängste dir anscheinend noch schneller 'n paar Flöhe und Trip-

per ein. <

 

Die Einsicht kam ohnehin zu spät. Kalle hatte sich schon was eingefan-

gen. Die heftige Juckerei in seiner Leistengegend verging erst wieder

nach einer Woche. In dieser Zeit verdonnerte ich ihn dazu, hinten im

Auto zu sitzen. Schon wegen der Sackratten.

 

 

Die Morgensonne saugt die Nebelwolken auf. Ich schalte das Radio ein.

Staumeldungen. Zu spät - wir sind schon mittendrin.

Kalle gähnt. Schnarcht. Dann erwacht er. Das Nasenfahrrad liegt in sei-

nem Schoß. Sofort setzt er die getönte Brille wieder auf, weil die aufstei-

gende Sonne seine Froschaugen blendet.

> Schon da? <

> Nee, nur Stau. <

Er rülpst und steckt sich eine an.

> Stau is´ Scheiße, < brummelt er.

Seine Rauchwolken stürzen auseinander. Er wirkt nervös. Wenn Kalle 

pafft, ist er unruhig. Er pafft viel - also ist er so gut wie immer zappelig.

> Denn müssen die Typen eben auf uns warten, < meint er scheinbar un-

gerührt.

Er spielt mit seinen krummen Fingern. Seine Glubschaugen fixieren die 

Tasche auf der Rückbank.

> Sieht ja schon aus, wie ´ne gewöhnliche Arbeitstasche, ne. Is´ aber kein

Werkzeuch und Pausenbrote drin...< 

Sein Grinsen. Er grapscht hinter sich. Das Taschen-Schloss schnappt auf.

Er prüft, ob die Knarre, darin, geladen ist.

> Haste noch alle am Sender!, < zische ich. > Steck das Ding weg! Wenn 

uns wer damit sieht, gibt´s gesiebte Luft zum Abendessen! <

Er grinst noch breiter. > Macht doch nix. Vielleicht löst sich der Stau denn 

schneller auf, wenn wir mal´n bisschen damit rumfuchteln. <

Nur widerwillig steckt er die Knarre dahin zurück, wo sie herkam und stiert

gelangweilt aus dem Seitenfenster.

 

Der Stau scheint sich zu lösen. Auf der linken Spur rollt derweil im Schritt-

tempo ein nigelnagelneuer Luxusschlitten vorbei. Sein Inhalt ist hübsch an-

zusehen. Kalle lässt es sich nicht nehmen, der vornehm wirkenden Dame 

einen Handkuss rüber zu werfen.

Sie aber streckt den Mittelfinger aus und rauscht weiter.

> Jede Wette, die fährt voll auf mich ab, < meint Kalle schmatzend. > Die 

macht nämlich nur auf Schmolli. <

> Schon klar. Und wie die auf dich abfährt! < gifte ich. 

Einstweilen schmollt auch Kalle betrübt.

> Vergiss doch wenigstens mal für 'n paar Minuten die Weiber!, < motze

ich.

 

Geschärfter Blick. Die Straße ist wieder frei.

Ich gebe Gas, um die verlorene Zeit reinzuholen, was im Grunde sinnlos ist,

wenn man nur hundert Sachen fahren darf.

Kalle versinkt in Grübeleien. Nach einem ausgiebigen Furz meldet er sich 

wieder.

> Gestern war Leon bei mir. Der kommt auch nur noch, um seinen Papa um 

Kohle anzuschnorren....Konnt ihm nix geben, weil ja nix da war... Hättst 

mal sehn sollen, was der für 'ne Fresse gezogen hat! Und denn hat der Ben-

gel noch rumgenörgelt, daß der liebe Paps garkein guter Papa ist...Der Jun-

ge zwitschert eingeschnappt ab, und ich steh' da, wie ´n Wackeldackel im

Schaufenster. <

Er seufzt tief. > Die Bengels heutzutage haben eh keinen Respekt mehr vor 

ihren alten Herrn. <

Eine Pause entsteht. Dann grinst er wieder dieses dämliche Grinsen, das 

immer dann auftaucht, wenn sowas wie freudige Erregung in ihm hoch-

kommt.

> Zehn Kilo, < rechnet er. > Macht zehn Riesen durch zwei. <

Er klatscht mir auf´s Bein.

> Heute abend geht Onkel Kalle wieder auf Brautschau! < 

Er überlegt kurz. > Und dir spendier ich 'ne ganz schnuckelige Biene, vom

Allerfeinsten. Gut, oder gut? <

Knauserig war er ja noch nie, überlege ich, und begrüße seinen Vorschlag 

mit saurem Grinsen.

Die Straße kreuzt sich.

Während wir von der Autobahn abfahren, plappert Kalle wie aufgezogen. 

> Ich kenn' da 'n ganz putziges Ding, mit riesigen Wundertüten! Is' nich' mal

teuer. Nur 250 Piepen für die Nacht. <

Hab schon geahnt, daß er mir 'ne Nutte andrehen will. 

> Von mir aus. < Ich lache laut auf und lenke den Wagen weiter, über die 

ramponierte Landstraße, Richtung Grenze.

Zehn Minuten später sind wir am Ziel.

 

Auf der Waldlichtung stehen zwei Gestalten.

Eine winkt herüber.

Kalle klemmt sich die Arbeitstasche fester unter den Arm. Dann zockelt er 

los.

Ungefähr fünfzig Meter.

Sein Gang wirkt unsicher. Irgendwas stimmt da nicht. Ich hab das vage Ge-

fühl, daß die Sache diesmal in die Hose geht. Zig mal haben wir den Deal 

ruckzuck hinter uns gebracht - an die hundert Mal. Den Stoff prüfen, bezah-

len, dann ab durch die Mitte, und retour. Doch irgendwie scheint dieses so-

undsovielte Mal unter schlechten Sternen zu stehen. Ich spüre es instinktiv!

 

Öffnen der Wagentür. Ich halte die Luft an, um nicht laut loszuschreien.

Kalle hat noch etwa zehn Meter zu gehen. Schließlich hebt er die Tasche 

hoch und zerrt ein Bündel Geldscheine hervor.

Einer der Kerle nickt zufrieden, aber der andere wird unruhig. Er hat offen-

sichtlich etwas zu bemängeln. Ich kann aus der größeren Entfernung nicht 

verstehen, was. Kalle wird ebenfalls nervös. Er fuchtelt erregt mit seinen 

kurzen Armen herum. Das Wortgefecht nimmt bedrohliche Formen an!

Ich höre Kalle brüllen, dann wieder den käsebleichen Holländer. Die Luft 

ist zum Schneiden gespannt!

Plötzlich peitscht ein Schuss durch die Stille der Waldlichtung.

Ich presche vor und muß zusehen, wie Kalle in sich zusammensackt. Die 

Typen haben ihn voll gelinkt - wollten nur die Kohle, aber keine Ware dafür 

liefern. Verfluchte Penner!

Sie springen im Höllentempo in ihr Auto und rauschen davon. Was bleibt ist 

eine Staubwolke - und ein erledigter Kalle.

Ich stehe wie angefroren da. Kann mich nicht mehr rühren. Die Staubwolke 

lichtet sich. Ein Arm reckt sich schwach in die Höhe...Er lebt. Kalle lebt!!

Endlich kann ich mich aus meiner Starre befreien.

Ich renne los, beuge mich über ihn.

Es sieht nicht gut aus.

Hinter seiner rechten Schläfe klafft ein stark blutendes Loch.

> Das Geld, < schnauft er. > Die Kohle...! <

Ich weiß aus schlechter Erfahrung, daß ich nicht mehr danach suchen 

muß. Die Scheißtypen haben es sich natürlich unter den Nagel gerissen.

> Drauf geschissen!, < presse ich hervor. > Du bist wichtiger, Mann! <

Schlagartig weiß ich, daß mir der stockhässliche Kalle Kasunke näher 

ist, als ich mir jemals eingestehen wollte.

Die Zeit rennt uns davon.

Kalles Augenlider kriegen plötzlich die große Flatter, und die Luft in sei-

ner Kehle wird scheinbar auch immer knapper, so wie er japst.

Ich grübele nicht lange darüber nach, was jetzt klug ist, und was dumm. 

Einzig der Instinkt bestimmt jedes Handeln!...Zurück zum Wagen. Ich 

schaffe es mit Mühe, Kalle auf die umgeklappten Rücksitze zu hiefen;

streiche ihm kurz über die verschwitzte Stirn. Aus seinem röchelnden 

Mund seilt sich Blut ab.

Scheiße! Das wird eng!

Rein in den Wagen; ich wende ihn und jage in Richtung Chaussee davon.

Die nächste Stadt ist ungefähr fünf Kilometer weit weg. Wertvolle Zeit 

verrinnt wie der klägliche Rest in einer kopfstehenden Sanduhr.

Mein Blick hetzt abwechselnd auf die Straße, und in den Rückspiegel.

Kalle atmet noch, aber er ist bereits ohne Bewusstsein.

> Scheiße, Scheiße! Scheieißeee, nochmal!!! < Gebe Gas bis zum An-

schlag. Vorwärts, weiter, los doch!!

Ich fahre einhändig. Eine am Lenker, die andere Hand zerrt an Kalle 

herum. > Penn mir jetzt bloß nicht ein, Mann! <

Seine Antwort, ein schwaches Geröchel, jagt mir frostige Schauer durch

und durch.

> Nicht einpennen, Kalle!, < schreie ich voller Panik.

Keine Antwort mehr.

Jetzt ist es aus mit ihm, dämmert es mir. Schicht, endgültig...Tränen 

schießen mir in die Augen.

Keine Zeit für Geflenne...Da vorn, endlich, die Stadt! Überfüllte Straßen. 

Ampeln auf rot. Bin farbenblind, sehe nur grün. Augen auf und durch!

Wildes Gehupe. Erregte Schreie. Erhobene Fäuste. Quietschende Reifen.

Nicht unsere - wir jagen weiter!

Endlich - das Krankenhaus! Der freie Platz, direkt vor der Eingangshalle, 

gehört dem Chefarzt - jetzt gehört er mir! Ich springe raus, und nach einer 

Minute, in der ich selbst fast an Atemnot sterbe, merkt endlich mal jemand, 

daß nicht ich Gefahr laufe, dem Sensenmann direkt in die Arme zu fallen -

sondern Kalle.

Als sie ihn in die Notaufnahme schieben, sacke ich völlig erschöpft vor der 

OP-Schwingtür zusammen.

Jetzt kann die Heulerei sich endlich Bahn brechen.Wie ein gottverlassener

Jungwolf jammere ich die nackten Flurwände an. > Du darfst nicht sterben, 

Kalle. Darfst nicht ster....<

 

 

26. Oktober. Vormittags.

Es riecht nach Essig in der Halle. Riecht es hier immer. Erntezeit für Gur-

ken. Die Produktion läuft auf vollen Touren. Der Chef macht seinen Rund-

gang. Er ist scheissfreundlich - kein Wunder bei den mickrigen Löhnen, 

die er seinen Arbeitern zahlt.

Schräg links, am Fliessband: ein kleiner, hässlicher Mann im Rollstuhl.

> Na, Kasunke. Wir haben uns ja richtig gut eingearbeitet!, < schreit der

Boss den Rollihocker gegen den Lärm klirrender Gläser an. > Wenn wir

so weitermachen, gibts nächsten Monat acht Euro die Stunde! <

Kalle grinst mühevoll. > Jawoll, danke auch, Chefchen. <

Er zockelt, samt Rollstuhl, ans hintere Förderband, um die nächsten Eti-

ketten aufzukleben. Seine Beine wollen noch nicht so, wie er will. Aber 

es macht sich. Kalle ist ein zäher Hund. Nächste Woche wird er die er-

sten Gehübungen in Angriff nehmen.

Zwanzig Hallenmeter weiter stehe ich. Meine Aufgabe ist es, die streng

riechende Essigbrühe für die Gurken anzurichten. Da steh ich also: eine 

zwei Meter lange Holzkelle in der Hand, und rühre, und rühre. Kein ge-

mütlicher Job, aber besser als nichts. Und die Kohle ist ehrlich verdient.

Der spacke Chef kratzt die Kurve, um sich wieder seinen schwarz auf 

weiß geschriebenen Umsatzbilanzen zu widmen. Kalle wartet ab, bis er 

außer Sichtweite ist. Dann rollt er los, in meine Richtung. > Na, wie 

gehts denn unserer bestmotivierten Kraft am Essigtöpfchen? < 

> Ging schon besser. Das Zeug stinkt wie Pisse!, < knurre ich, nicht 

gerade gut gelaunt. > Und aus der Kloake fischen die Leute ihre heiss

geliebten Gurken! <

Kalle scheint das nicht sonderlich zu jucken.

> Immerhin is' der Fraß nich' lebensgefährlich, und 'ne Kugel kriste auch 

nich' in die Birne, wenn mal was schief läuft. Hat doch schon mal was, 

ne. <

Sein dämliches Grinsen steckt mich an.

Und während wir vor uns hinkichern, tuschelt Kalle: > Hab heut abend 'n 

Rondewu mit der ollen Gerda aus der Kantine...Naja, 'ne Schönheit isse 

nich' grade. 'n bisschen zu schrumplig. <

Er schmatzt. > Man muß die Ansprüche halt 'n bisschen runterschrauben,

wenn Beine und was weiß ich noch im Arsch sind. Na, jedenfalls...<

Er bohrt in seiner Knollennase herum, erwischt einen dicken Popel und

verputzt ihn an Ort und Stelle.

Alte Sau, denke ich. Du änderst dich nie.

> Jedenfalls lassen wir heut abend so richtich den Hirsch röhrn, Kolle-

ge. < Er bekratzt ausgiebig seine Weichteile und trudelt gemächlich an 

seinen alten Platz zurück: Etiketten kleben. Das Geschäft muß brummen. 

Ist ja schließlich Saure-Gurken-Zeit.

 

 

 

(c) Ralph Bruse

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