Rabaukenviertel

 

 

Geschichten aus Alt-Bukow

von

Ralph Bruse

Inhalt:

 

Manni

Schwarzer Mann

Weisse Mäuse

Das Blaue vom Himmel

Die Dicke

Die Allerschönste

Ein ganzer Kerl, dank Papi

Schneewittchen küsst Streuselbeere

Hermann ist tot

Mit allem Sörvis

Grün und blau

Zeichnungen: Hermann Freese

 

Alle sonstigen Rechte für Text und Gestaltung hat der

Autor inne. Nachdruck oder Kopieren (auch auszugsweise)

sind nur mit schriftlicher Zustimmung des Autors erlaubt.

(c) Ralph Bruse

hallo Freunde,

 

stellt Euch mal vor, eine Schokoladenfabrik würde

für eine Nacht uns allen gehören...

Ist ja riesig - geht aber nicht, werdet Ihr vielleicht

denken.

Doch - schon ziemlich zu Anfang der folgenden Ge-

schichten geht alles! Und ganz nebenbei wird dem

dem Märchen vom ´bösen, schwarzen Mann´ auch

noch tüchtig Saures gegeben.

Oder wie wär’s mit ner Kahnfahrt auf dem Meer -

mitten in der Nacht, und das bei schweinischer

Kälte?

Aber Vorsicht - Opa Paul torkelt meistens genau-

so, wie sein Schiff!

Dann ist da noch Manni, der Kippensammler, der

Euch von seinen Abenteuern in Afrika erzählt und

auch sonst (fast) alles im Griff hat. Der Manni ist

schon ´ne Marke für sich. Mit ihm fing der ganze

Trabbel ja erst richtig an...

 

Viel Spaß beim Lesen wünscht Euch

 

Ralph

 

 

Zuallererst also die Geschichte von...

 

 

Manni

 

 

Manni wohnt im schmutzigsten Viertel von Alt-Bukow. Max -

Pietsch - Straße; gleich hinter’m Schrottplatz. Hier hausen die Ver-

gessenen; arme Schlucker, wie man so sagt. Fast immer sitzt er zu

Füßen einer nackten Skulptur aus Bronze. Die dicke Bronzefrau,

mit den noch dickeren Brüsten, scheint es Manni angetan zu haben.

Von Zeit zu Zeit hebt sich sein Blick, um nachzuforschen, ob seine

Rassefrau noch da ist. Manchmal, wenn er sich unbeobachtet 

fühlt, streichen seine zittrigen Hände über die Keulenbeine der 

Traummuse.

Der Manni ist schon ein seltsamer Kauz. Seine einzige, brauchbare

Beschäftigung besteht darin, uns Kindern Lügenmärchen zu erzäh-

len - natürlich nur gegen Honorar. Und das besteht aus Naturalien

wie Schnapsflaschen, Bierflaschen und Zigarettenkippen. Manni 

raucht fast nur gebrauchte Zigaretten - ob kurz, ob lang - Hauptsa-

che es qualmt. Ist halt kein Zuckerschlecken, das Leben. Schließ-

lich ist man arm dran; da darf man nicht wählerisch sein. Nehmen,

was kommt, heißt die Devise. In Bukow wird sowieso geschachert,

was das Zeug hält. Backt der Bäcker, dann dauert’s nicht lange, bis

ihm jemand einen Batzen Pferdefleisch zum Tausch gegen drei 

oder vier Brote anbietet. Und so geht’s munter weiter...Der Schnei-

der schnippelt für den Käse vom Milchmann; der Milchmann

tauscht Butter gegen Briketts; Brikettpaule liefert die nächste Fuhre

bei Frau Dittmer ab, und darf dafür mit ihr schmusen. Die hübsche

Frau Dittmer verkauft Schmusestunden. Hier stört das niemanden.

Manchmal schmust auch der Schneider mit ihr, oder der Bäcker.

Danach geht es Frau Dittmer gut. Im Winter ist es bei ihr schön 

mollig warm. Und zu Mampfen ist auch genug da. Dann lädt sie

auch schon mal ein paar Kinder ein, die sich knüppeldickesatt es-

sen dürfen.

Kurzum: Frau Dittmer ist ne tolle Frau!

 

Manni ist auch toll, aber viel bescheidener. Seine Schnapsbuddeln

dürfen halb leer sein und die Zigaretten nur noch Stummel. Wenn

es im Kopf nebelt, ist er schon mehr als zufrieden. Die Leute im

Viertel warnen uns oft vor dem Nichtsnutz, wie sie ihn nennen.

Drauf gepfiffen - wir lieben Manni! Zu acht sitzen wir meistens 

bei ihm und lauschen seinen Geschichten. Wenn wir die gesammel-

ten Kippen vor ihm ausbreiten, dann grapscht er mittenrein, pafft

sich eine an und legt los.

> Hab ich Euch eigentlich schon die Schtorie von Tanger erzählt? <

Mindestens hundert Mal. Trotzdem schütteln wir heftig die Köpfe.

> Nu denn... < brummelt er. > Ich fuhr also seiner Zeit auf der Ma-

ry um die ganze, weite Welt...Seit Wochen hatten wir kein Land

gesehn, und die See funkelte in der Affenhitze. Kein einziges Lüft-

chen regte sich, und auf dem Schiff herrschte ebenfalls totale Flau-

te - stimmungsmäßig betrachtet....Doch plötzlich rief unser Steuer-

mann: Land, Käptn! Land in Sicht, daaa!

Der Käptn; ein strenger, stets skeptischer Hühne von ungefähr zwei

Meter Größe, knurrte mürrisch: Welches Land?

Unser Steuermann kratzte sich grübelnd am Bart.

Grönland?

Grönland?, wiederholte der Käptn. Du bist und bleibst n Dussel!

Grönland liegt doch ganz woanners!

Ja, was denn, Käptn?

Einmal darfste noch raten...!

Afrika?

Richtich. Nord oder Süd?

Süd?

Sowas von ei’m Dussel aber auch!... Norden, Schlafmütze! Und

so’n Blindgänger steuert das Schiff!

Der beleidigte Steuermann verschwand für ein Weilchen unter Deck.

Der Käptn kaperte das Steuerrad und schaukelte den Frachter

höchstselbst an Land. 

 

Das Schiff fuhr in den Hafen von Tanger. Die Fracht wurde ent-

laden; Frischwasser, Obst und Konserven eingeladen; Treibstoff

für die Mary - und dann endlich Treibstoff für die Matrosen -

Landgang!

Da herrscht natürlich helle Aufregung. Schnell gewaschen, rasiert

und schick rausgeputzt stehn wir an Deck und fiebern dem Ab-

marschbefehl entgegen. Bevor der Käptn sich dazu durchringt, hält

er erstmal n Vortrag über gutes Benehmen...Im Ausland seid Ihr

Gäste; Repräsentanten unser Nation, daß dat ma klar is, ne?! Al-

so macht mir kein Ärger und sauft nich gleich die ganze Stadt leer.

Und die Frau’n ...na, Ihr wisst schon...Jedenfalls will ich keine Kla-

gen hörn, klaar?!

Arschklaaar!, brüllen wir fröhlich im Chor.

Sag ich doch...Jo, Männer, denn bis morgen früh; punkt Acht. Auf

los gehts los...!

Erstmal ziehn wir relativ gemächlich von Bord. Kaum außer Sicht-

weite, rennen wir wie ne Horde Wilder in Richtung Innenstadt. <

 

Manni stoppt.

Er zertritt eine bis zum bitteren Ende gequälte Kippe, spießt so-

gleich die nächste auf seine gelben Fingernägel; zieht den Rauch 

nach der Flamme gierig ein.

> Wo war ich? Ach ja, die Stadt....ne riesige Stadt is das; voll mit

Leute und Autos; schön laut und staubich...grade richtich, um in 

dem Durcheinander ein draufzumachen. Am Anfang sind wir ja

noch hin-und weg von dem ganzen, orientalischen Budenzauber. 

Unse Augen werden immer größer, wie wir so durch die Straßen

streifen. An jeder Ecke ne Moschee, in denen Leute hinfallen, um 

ihren Allah anzubeten - drinnen, draußen, vor der Kirchentür... 

überall Leute, und Allah. Nur wir könn ihn nich sehn; wahrschein-

lich, weil’s so heiss und staubich is. Halb so schlimm. Schließlich

sind wir auf Landurlaub und haben ja nich soviel Zeit, dauernd 

hinzuknien. Wir woll’n nämlich noch ne Menge erleben - also, nix

is mit Allah. Später vielleicht.

Weiter gehts. Ja, wenn’s nur weitergeht....Dauernd versuchen ir-

gendwelche Leute, uns Teppiche und Berberschmuck anzudrehn.

Nur: was soll’n Seemann mit Teppich und so’n Krimskrams?

Immer schön freundlich. Klopfe dem lästigen Typen munter ins 

Kreuz; sag: Nee, laß ma, Kumpel. Mein bisschen Geld reicht grade

für den gröbsten Durst.

Er natürlich nix verstehn; setzt Bettlermiene auf, jammert wie blö-

de, und verzieht sich erst, als ich ihm per Mimik und Zeichenspra-

che erklär, daß ich mitunter auch ziemlich rabiat werden kann. Da

versteht er endlich; schüttet an die zwanzich Flüche über mich aus,

und verduftet.

Aus einem abbruchreifen Steinschuppen, direkt im Stadtkern, dringt

lautes Gelächter an unsre Ohrn. Wolln doch ma’ sehn, ob’s da auch

was gegen die elende Hitze gibt...

Volltreffer. Wir landen in einer Kneipe, die finstrer nich sein kann.

ne richtige Spelunke is das. Und der Wirt, ein fetter, sabbernder

Fiesling mit stechendem Blick, is noch das Netteste in dem Stein-

bruch von ei’m Gasthaus. Überall flegeln sich besoffene Männer an

den Tischen. Immerhin nehmen sie noch wahr, daß grade Fremde

ihr Allerheiligstes betreten.

Is Rum da?!, ruft einer aus unsrer Truppe.

Is wohl. Der Wirt knurrt zwar miesgelaunt, macht aber die erste

Runde startklar. Vorher befreit er unsre Tische noch fix mit blan-

ker Pranke von Fliegen und anderem Kleingetier.

Prost.

Eine Flasche nach der andern wandert an die Tische; wandert von

Matrose zu Matrose. Die Flaschen werden leer; wir voll; wir lachen,

singen, gröhlen, umarmen einander; trinken, lachen, singen...

Ganz plötzlich verspür ich so einen unheimlichen Drang, mich

einfach mal für ne Weile zu verdrücken, um noch n bisschen in 

der Stadt rumzustrolchen...Gedacht, getan.

 

Die frische Abendluft tut mir gut. Der Kopf wird wieder klarer. 

Nach etwa zehminütigem Spaziergang stoppe ich unwillkürlich an

einem Haus, das auch nicht besser aussieht, als die Bruchbude, vor-

her. Da spielt ein zerlumpter Bengel, halb sitzend, halb liegend, im

Hauseingang mit Glasscherben. Ich will weitergehn, da zupft es an

meiner Hose. Ist schon klar - grinse halt und gib dem Steppke n

bisschen Kleingeld. Er steckt es ein und zieht mich ins Haus. Knar-

rende Treppenstufen führ’n uns an eine Holztür. Der Junge stößt

die Tür auf, zieht mich in das verrauchte Reich, dahinter. Mulmig

is mir schon, aber Neugier is ja bekanntlich größer, als jede Vor-

sicht...Wir kommen in ein Zimmer, das von süsslichem Rauch be-

wohnt is - und von einem spacken, uralten Weib. Meine Augen 

tränen. Muß mich anstrengen, um in dem dicken Qualm überhaupt

was zu erkennen...Der erste Gedanke is, daß hier akuter Tapeten-

mangel herrscht, denn an Wänden und Decken baumeln speckige

Teppiche. Möbel gibts keine, oder fast keine, nur ne zerfledderte

Couch und ein Sessel. Da hockt die krumme Oma drin und glotzt

mich an, als käm ich vom Jupiter. Die Alte nuckelt an einer riesigen

Papiertüte, in der das verdächtige Kraut steckt, das den Raum lang-

sam, aber sicher, zunebelt.

Der Junge zerrt mich näher zur Alten. Dann lässt er mich stehn und

macht sich aus dem Staub.

Die Alte weist auf die Couch.

Man hat ja Manieren - also platze ich. Durch die süsslichgrauen

Wolken kommt eine rappeldürre Hand auf mich zu.

Bin ja wirklich n netter Gast; schieb ihr also meine Flosse auf

halbem Weg entgegen. Als sich unsre Hände treffen, packt die

Alte hart zu, dreht mir das Gelenk um und starrt die Linien in der

Handmitte genauer an, als mir das lieb is... Aha, sie will also mein

Schicksal deuten. Was gibts dagegen zu sagen? Nix. Na, denn 

kuck mal, denk ich amüsiert.

Nach ungefähr zwei Minuten gibt die Alte grässliche Töne von sich.

Ihr Gekrächze wirkt hochgradig erregt. Schließlich plappert sie so 

wild durcheinander, daß sie anfängt, mir auf den Wecker zu fallen.

Bin ja geduldig; nur: ihr Kauderwelsch kann ich bei bestem Willen

nicht verstehn. Versuchen wir’s mal mit Gebärdensprache.

Das klappt besser. Sie schaukelt hin-und her; her-und hin, hoch und

runter; wieder hoch. Dabei zischt es zwischen ihren restlichen drei

Zahnstumpen gewaltig!....Das Zischen soll wohl Wind sein, oder

Wasser....Hin und her....Das Schiff! Logisch, sie ahmt die Mary

nach!

Ich nicke zustimmend; ermuntere sie, weiterzumachen, mit dem

Ratespiel.

Wieder zischt und regnet es Spucke aus dem schlaffen Mund. Sie

hebt warnend den Zeigefinger, glotzt auf meine Armbanduhr und

will sich das gute Stück krallen.

Nix da, die kriste nich, bucklige Brothexe!, denk ich und zieh den

Arm zurück. Sie hält ihn fest; gewinnt schließlich. Und ich kapier

endlich. Ach so, nur ausleihn....Na gut, eine Minute - aber keine Se-

kunde länger!, schärf ich ihr ein. Mache also das Armband los und

geb ihr die Uhr. Ihr dürrer Zeigefinger kreist munter im Kreis;

bleibt jedesmal bei der Zahl 8 stehn.

Stimmt, morgen, Punkt acht dampfen wir ab, Richtung Heimat.

Woher weiß sie das?

Die Alte scheint völlig den Verstand zu verlieren. Sie schüttelt die

graue Haarmähne immer wilder; überschüttet mich mit wüstem

Wortgeprassel. Dabei zeigt sie immer wieder auf die 8 an der Arm-

banduhr.

Vielleicht will sie mich warnen. Aber wovor?...Das Schiff säuft

doch nich ab, oder?

 

Es säuft ab - ihr Gezische und das wüster werdende Geschwätz sa-

gen alles. Schließlich springt die Alte wie ne Furie hoch; packt

mich, zerfetzt beinah mein Hemd; wirft die Uhr in die Luft; stürzt

sich wieder auf mich, um wie irre an mir rumzugrapschen.

Allerhöchste Zeit, abzuhaun!, sag ich mir. Gib Hackengas, Manni,

sonst frisst dich die Irre eventuell noch auf!

Schnappe hurtich nach der Uhr; renne einstweilen rückwärts, dann

vorwärts - aha, die rettende Tür! Treppe runter. Haustür auf - da

hockt der Bengel mit den bunten Scherben... ich segel über ihn rü-

ber, lande im Scherbenpuzzle; rappel mich hoch und stolper in die

dustre Nacht - das Kreischen der bekifften Alten noch lange im Ohr.

 

Drei Schnittwunden am Ellbogen; eine am Zinken - aber ich lebe.

Irgendwie finde ich die Kaschemme wieder, in der meine Kamera-

den dabei sind, den Rest Nüchternheit endgültich auszupusten.

Wwwarrsst abeeer lllange pppinkeln!, kräht der Steuermann, als

er mich nach ner Denkpause endlich erkennt. Verstoppte Llleiei-

tung, ne?!

Sein Lachen klang schon mal besser. Ich setz mich; greif zum 

erstbesten Schnapsglas in Reichweite. So viel Abenteuer is denn

doch zuville.

Mach nochmal voll!

Schon besser.

Nase und Ellbogen bluten nich mehr und die verdorbene, gute

Laune macht sich. Ich seh den mordshässlichen Wirt an...Mann, is

der schön geworden! Die Kumpels singen; ich stimme ein. Zu guter

Letzt lieg ich heulend im Arm des stämmigen Schiffkochs und ge-

stehe ihm, daß sein elender Fraß eigentlich so übel garnich is. 

Kurzum: ich bin ziemlich blau, fühl mich aber deutlich wohler, als

in der Räucherbude der hektischen Wahrsagertante.

 

So vergehn Stunden.

Der Morgen dämmert. Draußen schluckt der Tag die Nacht. In der

Stadt regt sich neuer Trubel. Nur kriegen das die seh - und hörge-

schwächten Männer in der Spelunke nich so richtich mit, bis...ja,

bis von irgendwo das Echo eines Schiffhorns in die benebelten Sin-

ne vordringt. Nochmal, und nochmal dröhnt das Horn.

Kenn ich doch, dat Geräusch, nuschelt mein Nebenmann. Mühsam

reisst er sich vom Tisch los, den er grade noch so innich umarmte.

Schluss mit Feiern!, lallt ein anderer. Wir müssen zurück, aufs 

Schiff!

Jo, geh schon ma vor...

Nix is. Alle, oder keiner!

Wir schubsen uns wach; dann vorwärts, im Entenmarsch; immer

schön auf Armlänge hintereinander, und immer schööön laaaang-

sam, damit nichts hochkommt....Der Schiffskoch muß trotzdem 

ko...., pardon, sich übelst übergeben....Na los, weiter!

Die kühle Morgenbrise schafft es tatsächlich, mein klammes Hirn

mit etwas Klarheit zu fluten. Und da ist sie auch schon, die Erinne-

rung....Das Schiff wird sinken! Der Mary wird was Schreckliches

zustoßen...!

Iwo, blödes Geschwätz; nichts weiter.

Trotzdem - so’ne ganz merkwürdige Ahnung hält mich zurück. Will

noch weitergehn, doch das Bild der durchgedrehten Alten steigt le-

bensecht vor mir auf. Feg die Nervensäge mit starker Hand weg.

Aber kurze Zeit später isse wieder da. Also schrei ich die Ollsche

an; latsch ihr sogar ans Schienbein und zeig ihr nen Vogel... Doch

der warnende Finger der Alten tippt mich nur an - und schon weiß

ich: das arme Seemannswürstchen hat gegen die Macht ihrer Worte

null Chance. Ein Unheil wird passier’n...!

Je näher wir dem Hafen kommen, desto größer die Gewissheit, daß

wir mit Mann und Maus untergehn werden. Kann einfach nich’ an-

ders, als den düstren Prophezeihungen der Alten zu glauben. Mehr

noch - ich versuch schließlich sogar, den Kameraden klarzuma-

chen, daß was Schlimmes passiern wird. Aber erstens sind die be-

soffen, und zweitens finden die meine Warnung mindestens genau-

so bekloppt, wie das Gebrabbel der ollen Hexe. Die lachen sich 

eins und torkeln einfach weiter. Und ich bleib mutterseelenallein

zurück und glotze ihnen traurig nach.

Viermal dröhnt das Horn noch, nachdem der Pott startklar ist. Dann,

punkt acht Uhr, fährt die Mary hafenauswärts. Und ein Matrose

fehlt an Bord....<

 

Manni stockt. Er zieht einen Muntermacher aus der Tasche, nimmt

einen kräftigen Schluck, sieht uns der Reihe nach an. Schließlich

sagt er langsam und geknickt: > Drei Tage später sank die Mary

im Sturm. Unfassbar...Is einfach nich zu fassen...! <

An dieser Stelle endet seine Geschichte. Er spießt den nächsten

Stummel auf; pafft schweigend, während er prüfend in die weitauf-

gerissenen Augen seiner Zuhörer blickt.

Erst nach langer Sinnpause seufzt Mona, die direkt neben Manni

sitzt: > Schööön... Schön traurig. <

Er streicht ihr mit zittriger Hand durchs Haar; lächelt genügsam. 

Eine winzige Träne seilt sich von seiner Nase ab.

Endlich gibt er sich einen Ruck.

> So, für heut war’s das, Kinnings. Nächstes Mal gib’s wieder was

vom alten Seebärn. Und...lasst den ollen Manni nich im Regen 

stehn...<

Schon grinst er breit, schielt verliebt hinab, auf seine Kippensamm-

lung.

> Geht klar!, < rufen wir fast gleichzeitig und stürmen in alle Him-

melsrichtungen davon. Natürlich wissen wir schon jetzt, daß er

nächstes Mal dieselbe Geschichte erzählen wird, und übernächstes

Mal auch. Eigentlich ist es immer die gleiche Geschichte. Aber das

macht nichts, denn Manni vergisst ab - und zu auch mal was da-

von; denkt sich dafür was Neues aus. Also ist es doch nie dieselbe

Geschichte. Wahrscheinlich hat er das alles auch garnicht selbst er-

lebt. Auch das stört uns nicht die Bohne. Wenn er erzählt, ist das

wie Kino für die Ohren - nur darauf kommt’s an, oder? Und wer

zuhört, kriegt glänzende Augen. So, wie Manni.

 

 

 

Schwarzer Mann

 

 

Eigentlich dürfte ich Euch die folgende Geschichte garnicht erzäh-

len, denn das könnte großen Stunk geben. Stunk deswegen, weil

die Sache streng geheim bleiben sollte - so jedenfalls war es abge-

macht. Weil die Geschichte aber ziemlich lange her ist, so daß al-

les längst verjährt sein dürfte, und weil es für jeden von uns das

Größte war, mit vollgefuttertem Bauch nach Hause zu schleichen,

und weil dieser Glücksfall wohl nie mehr wiederkommt, 'verpetz’

ich unser Geheimnis. Also von Anfang an...

 

Es war an einem Abend im Herbst. Ein kalter Abend...Manni

schlenderte durch die Straßen unserer Kleinstadt, auf der Suche

nach nichts. Vielleicht war ihm nach Schnaps zu Mute, vielleicht

auch nach einer fallengelassenen Zigarettenkippe. Jedenfalls war

er nüchtern, was nicht oft der Fall ist. Was ebenfalls nicht häufig

vorkommt: Manni war an jenem Tag ausnahmsweise mal gut ge-

kleidet. Das war auch nicht weiter verwunderlich, denn Morgens

fand die Beerdigung eines Nachbarn von Manni statt. Dieser ver-

storbene Nachbar war Mannis’ engster Vertrauter und Trinkkum-

pan, aber das ist nicht so wichtig.

Doch - für Manni war das schon wichtig, drum hatte er, wie gesagt,

dem Anlass entsprechend, seine besten Klamotten an. Schwarz -

alles an ihm war schwarz. Schuhe, Hose, Lederjacke, Hut. Sogar

das Hemd auf seiner schmalen Brust war rabenschwarz. Kurz: er

war der ‘schwarze Mann’, vor dem sich niemand fürchten muß.

 

Manni zog also gemächlich seine Runden. Sein Gang war schlep-

pend, sein Kopf voll von schweren Gedanken. Fipps, sein Trink-

bruder, ruhte seit Stunden in einer Holzkiste, drei Meter unter

dem glitschigen Herbstlaub. Es wurde höchste Zeit, einen ‘Munter

macher’ runterzukippen. Problem: Manni hatte seinem Freund

Fipps am Grab hoch und heilig versprochen, nie wieder einen Trop-

fen Schnaps anzurühren. Das war heute morgen.

Nun grübelte er über die Lösung des Problems nach - überlegte,

wie er das Versprechen aufheben, oder schöner gesagt: elegant um-

gehen kann.

Als er in die nächste Straße einbog, kam ihm die Erleuchtung.

Gleichzeitig nistete in seinen Mundwinkeln ein unverschämtes Grin-

sen. Er brummelte: > Ich hab Fipps versprochen, keinen Schnaps

mehr anzurühren. <

Sein Grinsen wird noch breiter.

> Von Bier war nich’ die Rede... <

Sein lautes Lachen war im ganzen Viertel zu hören. Er klatschte

sich aufs Hinterteil, was wohl wie bei lahmen Pferden, los!, oder:

hüüh, Manni!, bedeuten soll. Er straffte sich, peilte in die Runde,

steuerte das nächste Wirtshaus, zwei Straßenecken weiter, an.

Zu seiner Linken ragten die Umrisse einer Fabrik ins spärliche

Licht krummer Straßenlampen. Die Schokoladenfabrik.

Er schenkte den grauen Fabrikhallen keine Beachtung, denn er

dachte bereits schmatzend an den ersten, erfrischenden Schluck ge-

zapften Bieres...Der Zapfhahn zischt, obendrauf die Schaumblume,

der nette Wirt hinterm Tresen...wohl bekomms, und dann, nichts

wie rein, damit...! Er sieht alles schon haarklein vor sich...

Doch seine Pläne werden überfallartig durchkreuzt...Auf der ande-

ren Straßenseite; genau vor dem Fabriktor, wartete ungeduldig ei-

ne kleine, dicke Frau auf den zuständigen Wachmann. Doch der

kam nicht. Stattdessen kam Manni des Weges, und es bahnte sich

das schönste Unheil an, das die Stadt je gesehn hat...

Die Leute vom Wachdienst sind immer ein bisschen spröde und

maulfaul. Und sie tragen schwarze Kleidung - genau wie Manni,

der gerade um die nächste Ecke biegen will. Es ist duster, da drau-

ßen, und wer will es der Frau verübeln, daß sie Manni für den

diensthabenden Wachmann hält. Also ruft sie schrill: > Heee, hier!

Wird aber auch Zeit, daß Sie endlich antanzen! Ich steh’ mir hier

schon die Beine in den Bauch! <

Sie wackelt auf kurzen Beinen über die Straße, direkt auf Manni

zu. Der wiederum ist viel zu verblüfft, um etwas sagen zu können.

> Hier, nehmen Sie schon! <

Ein Schlüsselbund klirrt in seiner Jackentasche.

> Ich muß los!, < motzt die Dicke aufgekratzt. Schon ist sie in der

Dunkelheit verschwunden. Dann taucht ihr Kopf nochmal an der

Straßenecke auf.

> Sie sind neu bei der Wachtruppe, stimmts? <

Ehe Manni ein Wort der Erklärung stammeln kann, ruft die Frau

noch: > Macht ja nichts. Flotte Kerle hatten die schon immer.

Tschüssi! <

Ihr Kopf verschwindet wieder, und mit ihm das helle Gekicher.

 

Totenstille. Keine Menschenseele zu sehen. Der Wind frischt auf,

prasselnder Regen setzt ein, klatscht Manni ins Gesicht. Dort drü-

ben, in der Fabrik, sind alle Lichter aus. Da steht er nun, der ‘schwar-

ze Mann’, der ein Nachtwächter sein soll - einsam, verlassen und so-

was von durstig!

Es schüttet wie aus Eimern. Manni hat nur drei Möglichkeiten, dem

Treiben ein Ende zu machen...der Dicken nachrennen, um die Ver-

wechslung zu erklären. Kann er vergessen, denn die Dicke ist längst

über alle Berge.

Oder: ab, ins Wirtshaus, zwei Straßen weiter; dort ein Bierchen

kippen, oder drei, und die Fabrikschlüssel ganz nebenbei sonstwo-

hin schmeißen.

Weil es aber wie blöde regnet, ist die letzte Möglichkeit erstmal die

Beste. Rein, in die Fabrik und das Ende des Mistwetters abwarten.

Außerdem ist das der kürzeste Weg. Eine Fabrikbesichtigung ist ja

auch nicht so übel. Na denn: Beine in die Hand, und los!

 

Keine Minute später steht Manni in der großen Produktionshalle. Er

tastet nach dem Lichthebel, gleich neben der quietschenden Eisen-

tür. Und dann ist er doch ziemlich überrascht...Er sieht Schokola-

de, er riecht Schokolade; stolpert fast über Schokoladenmassen,

die in Kartons verpackt, für die Abreise bereit stehen. Was hat er

auch anderes erwartet? In einer Schokoladenfabrik gibts eben nur

Schokolade und sonst nichts.

Er irrt. Noch ein anderer Duft kitzelt seine Nasenhaare. Ein Duft,

wie....Er schnuppert; schnuppert wieder - er kann einfach nicht an-

ders, als der betörenden Fährte zu folgen....

Riesige Kessel ragen zu beiden Seiten des breiten Ganges in die

Höhe. Er sieht Förderbänder - kilometerlang - na ja, nicht ganz so

lang. Die sind von aufgetürmten Schokoriegeln besetzt. Wirklich

schmackhaft sehn die Leckereien aus. Aber Manni folgt immer

noch der Fährte, die ihm viel interessanter erscheint....Er gelangt

in die Pralinenabteilung. Dort gibt es nicht nur Schokolade, son-

dern auch gefüllte Schokolade - gefüllt mit Nüssen, Marzipan, Nou-

gat, und mit...Schnaps!

In Mannis großer Nase juckt es unerhört. Schließlich ist er am Ziel

aller Wünsche. Da drüben, der Kessel...Ein Monstrum von einem

Bottich. Und in dem Bottich - er schiebt seinen Riechzinken weit

über den Bottichrand - da schwappt eine braune Flüssigkeit;

schwappt da einfach vor sich hin, ohne daß sich einer drum küm-

mert. Manni steckt einen Finger - nein, gleich zwei, hinein.

> ‘n bisschen zu süß. Aber Schnaps bleibt Schnaps, < befindet er.

Mindestens fünfmal steckt er die Finger noch in den Kessel,

schleckt sie jedesmal sorgsam ab. Dabei schließt er genießerisch

die Augen und gibt grunzähnliche Töne von sich.

> ‘n ganzer Kessel voll Schnaps...Jesses, wenn das der olle Fipps

wüsste!, < nuschelt er kopfschüttelnd. > Wenn dat alles bei mir im

Bauch is’, na denn gut’ Nacht. <

Er sucht die nähere Umgebung nach einem Behälter ab. Eine

Schöpfkelle fällt ihm in die Hände. > Attacke, die Erste! <

Tief taucht die Kelle ein. Taucht wieder auf. Manni läuft aus lau-

ter Vorfreude Spucke am Kinn runter.

Ganz plötzlich stoppt er, weil ihm eine kühne Idee durch den Kopf

schwirrt. Und er beschließt, sofort zu handeln.

> Kinner lieben Schokolade; is’ doch ma’ klar. Also, her mit die

Kinners! <

Er fackelt nicht lange. Die Schöpfkelle fällt schebbernd in den

Bottich zurück, und da bleibt sie erstmal für die nächste halbe

Stunde liegen. Manni reibt sich vergnügt die Hände. Schließlich

klatscht es wieder auf seinem Hinterteil, und er singt fast, was er

sagt. > Abmarsch, aber ganz fix. Das is’ die Gelegenheit! <

Seine Schritte schweben einige Zentimeter über dem Hallenboden -

jedenfalls scheint es so. Ab, nach draußen. Der Regen hat aufge-

hört. Er gelangt ans Fabriktor, schließt nicht mal ab, als wär Tag

der offenen Tür - was ja irgendwie auch stimmt. Sein Blick huscht

hoch, zur Rathausuhr. Kurz nach zehn. Die nächste Frühschicht

beginnt erst um sechs Uhr. > Haben wir also acht Stunden Zeit, <

lacht er. Wirklich ‘ne super Nacht, is’ das! <

Er pfeift ein Lied. Alle Lieder pfeift er durch - alle, die er noch aus

seiner Jungenzeit kennt.

 

 

Acht Stunden später.

Die Schlüssel zur Fabrik sind wieder da. Sie baumeln vorne, am

Werkstor. Schichtbeginn. Die ersten Arbeiter rücken an.

Alles ist wie immer. Nicht ganz...

Es herrscht ein leichtes Durcheinander. In der Produktionshalle

fehlen ungefähr zweihundert Schokoriegel und an die fünf  Liter

Pralinenlikör. Alles deutet auf Einbrecher hin. Die bösen Diebe

haben sich nur an unverpackter Ware gemästet, aber das ist schon

‘verbrecherisch’ genug. So klagt Direktor Eisenbart dann auch

wutschnaubend: > das hier ist ein glasklarer Fall von verbrecheri-

schem Mundraub! <

Nach vorübergehenden Heulanfällen seiner dicken Chefsekretärin,

die reuevoll zugibt, die Werksschlüssel am Vortag offenbar dem

falschen ‘schwarzen Mann’ übergeben zu haben, legt sich der Zorn

von Herrn Eisenbart. Die Bezeichnung ‘verbrecherischer Mund-

raub’ degradiert er zu ‘einfachem Mundraub’. Schließlich - nach-

dem ihm ein Licht aufgeht - ist jener einfache Mundraub nur noch

ein Vergehen, harmloserer Art.

Ist er nicht ein lieber Mensch, der Herr Direktor?

Was noch viel schöner ist - es gab nie Untersuchungen, wegen des

Vorfalls. Direktor Eisenbart machte nicht mal Meldung bei der Po-

lente. Na ja, ein Wunder ist das nicht, denn Gerd war auch dabei,

letzte Nacht. Gerd klagte nämlich am Frühstückstisch über schwei-

nische Bauchschmerzen - und das kam seinem Papa, dem Direktor

Eisenbart, gleich verdächtig vor....

 

Übrigens: Manni lässt sich nach der Naschsause in der Fabrik

zwei Tage lang nicht sehen. Also klingeln wir Sturm bei ihm - be-

fürchten schon das Allerschlimmste. Fünf Liter Zuckerschnaps sind

für einen Menschen ja nicht gerade gesund.

Zu unserer Freude öffnet Manni seine Wohnungstür. Er sieht

schlimm aus - nackig, mager, wie ein Regenwurm - aber er lebt.

Er kann auch schon wieder sprechen, wenn auch mit einer Stimme,

die klingt, wie von einem rülpsenden Bär.

> Mensch, Kinners, muß wohl hackeduhn gewesen sein... <

Erst jetzt bemerkt er, daß er nackt im Türrahmen steht. Die Tür

fliegt zu und öffnet sich erst wieder nach ungefähr zehn Minuten.

Manni steckt wieder in seinen alten Lumpen.

Zum Dank für die Einladung zur großen Schokoriegelorgie halten

wir ihm einen Schuhkarton, voll mit gesammelten Zigarettenkip-

pen, hin.

Er ist gerührt, fischt eine Kippe aus dem Karton; knipst sie an.

> Und...keine Bauchschmerzen mehr? <

Er sieht uns der Reihe nach an.

> Na ja, ‘n bisschen ist schon noch, < klagt Heike.

> Halb so wild, < meint Manni und langt ihr aufmunternd ins krau-

se Haar.

> War doch ‘ne flotte Futtersause, ne?! Dat müssen wir bei Gelegen-

heit unbedingt nochmal starten! <

Nachdenklich und auch ein bisschen traurig bekratzt er seine Nac-

kengegend. > Weiß der Geier, warum, aber ich hab dat blöde Ge-

fühl, dat so ´ne Gelegenheit, wie die Nacht in der Leckerfabrik eben

nich' so schnell wiederkommt. So' Zufälle, die gib’s wohl nur ein-

mal... <

 

Er hatte Recht.

 

 

 

Weisse Mäuse                                     

 

 

> Eine Buddel. Zwei Buddeln. Vier... <

Manni setzt die vierte Bierflasche an; kippt den Inhaltsrest auf

ex in seinen Hals. Das anschließende Rülpsen ist nicht zu über-

hören.

> Eine Buddel. Zwei Buddeln. Drei Buddeln. Sechs.... <

Nachdenklich bekratzt er sein Stoppelkinn.

> Sechs? Alle doppelt? Nanu...<

> Nochmal von vorn. Eine Buddel. Zwei Buddeln...<

> Sind genau vier!, < lacht Heike, die ihn vom Fenster aus schon

eine ganze Weile lang beobachtet.

Sein Kopf hebt sich mühsam. Ein übellauniges Murren kommt aus

seinem Mund. Offenbar fühlt er sich in seiner Konzentration ge-

stört. Drum schnauzt er: > denkste, ich kann nich mal mehr bis 

vier zähln?! <

Heike zuckt zusammen. So hat sie Manni noch nie erlebt. Eigent-

lich ist er meist gut drauf, trotz, oder gerade wegen seiner Trinke-

rei. Aber heute scheint ihm alles zu stinken. Vor Schreck weiten 

sich ihre Augen.

> Was glotzte denn so blöd!, < faucht Manni. > Mach die Luke 

dicht, hier ziehts nämlich! < Und leiser: > lass Dir doch von dei´m

Papi den Weihnachtsmann spieln. Inzwischen frier ich mir hier 

ein ab! <

Das ist es also - es ist Weihnachten Alles wartet gespannt auf die

Geschenke. Nur Manni ist allein - so allein, daß ihm die wunder-

bare Vorfreude mächtig auf den Geist geht...Irgendwie verständ-

lich, denkt sich Heike wohl. Unsereiner sitzt hier, in der warmen

Stube und er hockt auf der kalten Kellertreppe und langweilt sich

zu Tode. 

Andererseits: er muß ja nicht da hocken. Er hat auch eine warme

Bude - klein zwar, doch gemütlich allemal. Warm kann er es also

auch haben, wenn er nur will.

Will er aber nicht, der Sturkopf. Lieber sitzt er unter ihrem Fenster

und flaumt unschuldige Mädchen an.

> Du bist doch doof!, < ruft sie nach unten.

Ehe Manni eine passende Antwort parat hat, fliegt das Fenster zu.

 

Eine Stunde später - draußen ist es dunkel; die Geschenke sind aus-

gepackt - öffnet sich das Fenster einen Spalt breit. Ein Wäscheseil

rutscht an der Wand herab. Unten dran hängt eine Flasche Schnaps,

und auf dem Etikett steht: Auch Doofen soll man schöne Weihnach-

ten  wünschen!

Schade nur, daß sich Manni in der Zwischenzeit schon nach Hause

verdrückt hat, weil es ihm dann doch zu kalt wurde.

 

Am nächsten Morgen - alles schläft noch - ist er wieder auf Posten

und kapert das Geschenk vom Vorabend. Viel besser gelaunt als

gestern ist er nicht, doch er grinst immerhin, als er Heikes Gruß

erspäht.

> Verrückt, die Görn, < brummelt er nur und setzt die Flasche zum

Verkosten an. Nach dem ersten Schluck sieht die Welt schon bes-

ser aus - aber nicht viel. Also noch ein Schluck.

Er breitet das mitgebrachte Frühstück auf der Treppe aus. Harzer

Käse, Bierflasche, Brot von Vorgestern; zum Nachspülen den 

Kräuterlikör im Taschenformat. Der soll ja gesund sein und sorgt

dafür, daß Käse und Brot im Bauch bleiben.

Er schmatzt ausgiebig, starrt vor sich hin, glotzt in die Luft, die 

Hauswände lang, ins düstre Kellerloch - dann das Ganze von vorn.

In schlechten Zeiten ist dies sein Lieblingsplatz. Hier wird gedöst,

ab - und an kommen die Gören vorbei, denen er Lügengeschichten 

auftischt; aber momentan will er nur seine Ruhe haben und allein

sein. Das sind die elenden Deprischübe, die ihn alljährlich zur 

Weihnachtszeit befallen. Den Moralischen wird er dann für Tage

nicht mehr los. > Machste nix, dagegen, < pflegt er zu grummeln.

Schon zigmal haben die Leute versucht, ihn von hier zu verjagen.

Aber er ist zäh und die Nörgler sind ihm piepegal. Freunde hat er

ohnehin nicht viele - von den Kindern mal abgesehn. Die mögen ihn

und das tut insgeheim schon gut. Für die Kinner reißt er auch schon

mal die Klappe zu weit auf, wenn was oberfaul ist. Und die Stories, 

die er ihnen erzählt...na ja, wahr sind die meist nicht, aber immerhin

spannend genug, um sie bei Kippensammellaune zu halten.

Die Nörgler mögen ihn, wie gesagt, nicht; nennen ihn 'Stinker.

Letztens bestätigte sogar eins der Kinder, daß er ein Stinker ist. 

Kleiner, feiner Unterschied: die Lütte sagte: netter Stinker.

 

 

Über die Feiertage sitzen wir zusammen, weil es Grund genug da-

zu gibt...Manni, der Anti-Held, ist nur noch ein trauriger Held. Daß 

er Schnaps und Ähnliches trinkt, sind wir gewöhnt. Schlimmer ist, 

daß er in letzter Zeit dermaßen traurig aus der Lumpenwäsche 

glotzt, daß wir ernsthaft fürchten, er springt freiwillig von der 

Streckbrücke an der Kröpeliner Allee. Wenn man andauernd trau-

rig ist, wird man auf kurz oder lang meschugge. Mit doppelt gemop-

pelten Flaschen fängt’s ja noch relativ harmlos an. Neuerdings

quatscht Manni aber auch mit der Kellertreppe, mit den Popeln, 

die er ab - und zu aus der Nase fischt - und gestern schwor er hoch

und heilig, grüne Pferde in der Fußgängerzone gesehn zu haben. 

Grüne Pferde - Nachts, um zwei!

Wir wissen nicht, was er sonst noch alles sieht, aber wir ahnen 

Schlimmes. Nächste Woche sind denn wohl weisse Mäuse dran, 

die mit ihm auf der Kellertreppe Verstecken spielen. Wahrschein-

lich ist es dann schon zu spät... Also beschließen wir, schnellstens

einzugreifen. Nur wie? Wie einem Bekloppten im Anfangsstadium

helfen? Ihm die Bier-und Schnapsflaschen wegnehmen? Das würde

er nicht mit sich machen lassen. Vieles, aber nicht das! Schäumen

würde es vor seinem Mund, wenn er nur zu hören kriegt, daß Milch

nahrhafter als Bier ist.

Die Trockenlegung der Promillesümpfe können wir uns also spa-

ren. Wichtiger sind erstmal seine abgefahrenen Visionen. Grüne 

Pferde in der Fußgängerzone....Das kann nicht gutgehn. Die müs-

sen wir ihm irgendwie austreiben, bevor es so schlimm wird, daß 

er sich für den Kater hält, der die weissen Mäuschen auf der Kel-

lertreppe zum Fressen gern hat.

Außerdem sind wir ihm noch mindestens einen Gefallen schul-

dig - schon wegen der heimlichen Naschsause, neulich Nacht, in der

Schokoladenfabrik. Die hat er schließlich für uns organisiert, und

überhaupt: er soll wieder sein, wie vorher; soll Quatsch machen,

seine Stories erzählen, zwischendurch ne Kippe qualmen und uns

seine drei Zahnstummel zeigen, wenn er lacht.

Ist lange her, daß er gelacht hat - viel zu lange!

> Mein Vatter meint, Bekloppten ist nicht zu helfen, < melde ich

mich zu Wort. > Der meinte sogar, die gehör’n lebenslänglich in die

Blödenanstalt. <

Hätte ich bloß die Klappe gehalten....Heike - einen Kopf kleiner, 

als ich - braust sofort auf.

> Bekloppte vielleicht. Manni ist aber nicht bekloppt! <

> Na ja, n bisschen schon, < kommentiert Sabine kleinlaut.

> Wenn schon. Das kommt, weil er keine Familie hat, wie wir, 

und so oft allein rumhängt, < findet Peter.

Heike sagt klar und deutlich, was alle denken: > ab jetzt sind wir

seine Familie! Wer is dagegen?! <

Keiner, ist doch klar. Aber weiter hilft uns das auch nicht.

Langes Schweigen.

> Ich hab’s !, < ruft Peter endlich.

Wir beugen uns vor, geiern wie Bello nach der Bockwurst.

> Oder auch nicht, < stammelt Peter und kratzt sich am Kopf. An-

scheinend ist er sich plötzlich sicher, die rettende Idee doch nicht

gefunden zu haben. 

Oder doch?

Schließlich wagt er sich ins kalte Wasser.

> Wie wärs, wenn wir Manni zur Strullmutz schicken? <

Wir staunen nicht schlecht. > Die Seelenklempnerin? <

> Klar. Warum nicht. <

Heike nickt. > Ja, warum eigentlich nicht. Schlimmer kann’s da-

von auch nicht werden. <

Strahlemann Peter. > Die Strullmutz ist jedenfalls die beste Medi-

zin, die ich kenn’! Meine Mutter war auch schon bei ihr. War voll

begeistert, von der Strullmutz! <

> Ist deine Mutter denn bekloppt?, < will Sabine wissen.

> Bisschen überstresst. Nicht bekloppt. Konnte nicht richtich schla-

fen. <

> Und jetzt schläft sie besser? <

> Jo, kann man so sagen. Nur schnarcht sie lauter, wegen der Pillen,

die sie schlucken muß. <

> Meinste, daß die Pillen Manni auch helfen? <

> Klaro. Nur...die doppelte Dosis soll´s schon sein. Weil das nämlich

bei Manni länger dauern kann, bis die Schnarchklopper wirken. <

> Wieso? <

> Weil er vorher noch mit der Strullmutz reden muß. <

> Worüber reden die denn? <

Peter zieht die Schultern hoch.

> Weiß nicht. Ist alles ziemlich geheim. Verraten will Mutter jeden-

falls nix. <

Es klatscht auf seinem Oberschenkel.

> Jetzt ist sie jedenfalls wie nigelnagelneu. Gut, ne? <

Sein Blick schweift in die Runde. Die Beifallsstürme halten sich in

Grenzen - auch, weil wir längst ahnen, daß Frau Strullmutz die Leu-

te nicht für leckeres Wurstbrot wieder flottkriegt.

Schließlich fällt die alles entscheidende Frage.

> Was kostet das Gesundreden? <

Peter druckst herum.

> Hundert Kröten. Normalerweise das Doppelte!, < fügt er schnell

hinzu.

Allgemeines Stöhnen.

> Hundert Kröten...Dicker Strohsack!, < meint Heike. > Wenn ich

größer bin, werd ich auch Gesundredner! <

 

Nachdenklichkeit macht sich wieder breit.

Hundert Märker - das ist für uns hart an der Grenze zu wahrem

Reichtum. Woher soviel Geld nehmen, ohne es zu klauen? Unsere

Eltern anpumpen? Die pusten uns was, wenn sie erst den Grund 

dafür kennen. Keiner gibt uns soviel Geld. Warum auch? Und wer

weiß schon, wie lange Manni mit der Strullmutz reden muß, bis

er wieder fit im Kopf ist?

> Hundert Kröten, nur für’s Reden...Das ist wirklich bekloppt!, <

sagt irgendwer.

 

 

Wir sind noch viel bekloppter, denn wir schaffen das Unmögli-

che...Die ersten hundert Mark werden mühsam zusammenge-

kratzt. Dann die nächsten...Wir schuften wie Galeerensklaven -

schleppen zentnerweise Altpapier zum Händler, und Gläser, und

Flaschen; hin-und her, immer hin-und zurück. Zeitungen werden

gewogen; Armeen von Flaschen und Gläser gezählt. 

Weiter gehts. Wir kümmern uns um ausgelatschte Schuhe, um olle

Kleider; sacken alles ein; schleppen die prallen Säcke hin, zum

Altstoffhändler. Der grinst schon amüsiert, wenn er uns nur von

Weitem sieht; doch er zahlt guten Lohn.

Wir ziehen wieder los, um all den Plunder der Stadt einzusam-

meln - tage, - wochenlang; rackern uns ab; schwitzen schweinemä-

ßig; sammeln nebenbei auch viele dicke Blasen an Händen und

Füßen.

Egal! Weiter gehts!

Irgendwann platzen die Blasen. Sieht eklig aus und brennt höl-

lisch.

Spucke drauf, und weiter! Rein, in die Häuser; Treppen hoch,

Treppen runter; nächstes Haus; Treppe rauf; wieder runter - jap-

sen, schwitzen; schinden, daß die Knochen knacken.

Muß so um den zwanzigsten, oder einundzwanzigsten Tag sein -

wir sind viel zu platt, um noch geradeaus gucken zu können - die

Stadt ist endlich frei von allem Altpapier und sonstigen Plünnen -

da kommt endlich der Moment der Erlösung.

Riesenneugier beim Zählen der Einnahmen.

Dann Jubel.

> Reich! Wir sind reich! <

Tausend Mark reich!

 

 

Zwei Monate später

Manni ist wieder ganz der Alte. Er kann schon wieder lachen, er-

zählt uns allerlei Unsinn, und er will sogar heiraten - nicht die

Strullmutz, sondern Frau Lutti, die unter ihm im Haus wohnt. 

Zwar ist Frau Lutti auch nicht mehr die Jüngste und ziemlich

schrumplig, aber das macht ja nichts, denn Manni ist auch schon

was älter und verschrumpelt. Hauptsache, er ist jetzt nicht mehr

so allein und wird glücklich.

Natürlich trinkt er immer noch gern sein Schnäpschen, doch

deutlich weniger - vor allem heimlich, mit Pfefferminzbonbons, 

damit seine neue Freundin nichts riecht.

Die Beiden sind richtig ineinander verknallt, und nächste Woche

zieht sie bei ihm ein - schon wegen der einen Miete, die sie dann

sparen. 

 

Die tausend Mark? Ihr wollt wissen, wo die schwerverdienten 

tausend Mark abgeblieben sind?

Gut verplant sind sie, für was ganz Besonderes...

 

Manni war nur ein einziges Mal bei der Strullmutz. Dat Gequas-

sel, wie er sagte, fand er ja noch ganz nett. Als es aber ans Bezah-

len ging, zückte Manni schwersten Herzens einen Hunderter, knall-

te ihn volle Breitseite auf den Tisch und verschwand auf Nimmer-

wiedersehn.

Schocktherapie, sozusagen. Die grünen Pferde hat er seitdem jeden-

falls nicht mehr getroffen. An Stelle der Pferde traf er Oma Lutti im

Treppenhaus, schäkerte verwegen und lud sie beizeiten zu sich ein. 

Noch in der gleichen Nacht willigte sie ein, seine Mamsell - par-

don: Frau zu werden. Ich schwör’s ! - sie wollte ihn sofort. 

Kein Wunder, denn Manni prahlte mächtig damit, ab jetzt, wegen

einer Erbschaft ein reicher Mann zu sein. Der log, daß das Haus

wackelte! Als Beweis zog er mal eben ganz lässig die restlichen, sauer

verdienten neunhundert Piepen aus der Hosentasche, fischte nach ei-

nem Hunderter und steckte sich damit die nächste Kippe an. 

Ziemlich beknackt.

Zum Glück rettete Oma Lutti den Schein vor der endgültigen Ver-

nichtung. Sie lächelte nachsichtig, zog den reichen Mann in ihre

weichen Arme - versprach, nun alles mit ihm zu teilen: die Sorgen

und Freuden; das Leben sowieso, und natürlich die zigtausend Mo-

neten, die Manni besitzt - zumindest in seinen Träumen.

 

Übermorgen ist es soweit. Dann wird geheiratet. Und wir feiern

mit - schon, weil wir Mannis Freunde sind. Dann verjubeln wir

die ganzen neunhundert Mark! Das wird bestimmt ne schöne 

Sause, mit allem Drum und Dran. Manni wird als der reiche King

gefeiert und Oma Lutti, die Braut, wird hin und weg sein.

Wenn sie vorher nichts merkt...

 

Das Blaue vom Himmel

 

 

Im Februar schmilzt der letzte Schneemann endgültig dahin.

> Ward ok Tit, dat de Frühling biekümmt, < sagt Vatter dann im-

mer. 

Manchmal frage ich mich, was die Leute am Frühling so toll fin-

den? Öfter draußen sind sie dann auch nicht - Vatter jedenfalls

nicht. Der fletzt sich stundenlang in der Wohnstube, wenn er von

der Arbeit nach Hause kommt, starrt bis spät in die Glotze, trinkt

Bier und lässt Salzstangen krachen. Ab - und zu meldet er sich

auch zu Wort. > Stell Dir vor, Mutt, jetz schaffen die Regierungs-

fritzen auch noch die Mark ab. Unse gute, alte Mark! <

Oder: > Nanu, der Leo Dingsbums is verstorben...Armer Kerl,

der! < Dann das Wetter. Darüber kann Paps ewig reden, auch 

wenn er nicht viel davon mitkriegt. > Dreizehn Grad werden dat

Morgen. Na, dat is doch mal wat, ne?! Und ich dacht schon, dat

mit dem Frühling wird gornix. Kiek, die ersten Schneeglöckchen

kannste auch schon sehn! <

Mutter blickt nur kurz  von der Sockenstopferei auf.

> Wo blühn die Schneeglöckchen, Hannes? <

> Na, da, im Fernsehn. Kuck doch hin!, < schnarrt Vatter.

> Ach so, im Fernsehn. Ja, sieht schön aus. <

Damit ist das Thema Schneeglöckchen abgehakt. Mutter stopft

weiter.

 

Am nächsten Morgen stapft Vatter wie gewohnt zur Arbeit, hält

zehn Stunden lang die Hitze in der Schmiede aus; kommt abends

kaputt nach Hause. Während er schnaufend, weit vornübergebeugt

am Küchentisch sitzt, seinen Durst mit einem Bier löscht und das

Essen in Beschlag nimmt, überlege ich, ob er auf dem Nachhause-

weg vielleicht ein Schneeglöckchen gesehn hat?

Ein paar Minuten zum Luftholen muß man ihm schon lassen, ehe

Fragen erlaubt sind.

Also warte ich.

Ein Rülpsen. Die Flasche senkt sich. Vatter packt das Fleisch-

stück; will gerade reinbeißen.

> Papa? <

> Wat is denn?! <

> Hast Du unterwegs Schneeglöckchen gesehn? <

> Wat für Dinger? Schneeglöckchen? Nee, dafür hab ich nu wirk-

lich keine Zeit! <

Ende der Unterhaltung. Vatter isst - da darf man sowieso nicht

stören - später, beim Fernsehn auch nicht; höchstens mal in den

Werbe - oder besser: Pinkelpausen. 

Also nehme ich an, daß Schneeglöckchen immer nur in der Glotze

blühen. Hier, im Viertel, gibt’s nämlich zuviele Straßen aus Teer

und Beton. Ist ja logisch, daß Schneeglöckchen nur in Wiesen oder

Gärten wachsen. Bei uns gibt’s keine Gärten; auch keine Wiesen. 

Doch - da wo Sabine wohnt; sieben, acht Straßen weiter, da ist ne

Wiese. Aber da scheißen immer alle Hunde hin; das stinkt so ex-

trem, daß die Schneeglöckchen garnicht erst rauskommen, weil sie

sonst erstinken und umfallen.

Okay, der Frühling ist da, keiner sieht ihn - Vatter schuftet weiter

in der Schmiede, Mutter putzt, kocht, stopft zwischendrin Socken,

und wir bau’n keine Schneemänner mehr. Über Arbeitsmangel

können wir trotzdem nicht klagen, denn in der Schule ist jetzt viel

zu tun. Wir haben eine Schülerzeitung gegründet. Nicht wir, son-

dern die aus der achten Klasse. Aber alle können dabei mitma-

chen. Das sollen wir sogar!, mahnt Frau Knocke, unsere Deutsch-

lehrerin. Sie hat auch schon einen Vorschlag parat. > Schreibt 

doch mal was über die letzte Klassenfahrt nach Hamburg! <

Gute Idee, nur: was gibts da viel zu schreiben, wenn man die 

meiste Zeit im Bus hockt und irgendwelche Häuser und Kirchen

anglotzt. Viel Aufregendes haben wir nicht von Hamburg gesehn.

Doch, eines vielleicht; aber das ist bestimmt kein Thema für die

Schülerzeitung... Sankt Pauli! Da waren lauter schöne Frauen;

fast nackt waren die, trotz der Kälte. Schade, daß wir nur vorbei-

gefahren sind; garantiert hätten wir noch ganz Nackige gesehn!

Die Mädchen im Bus haben laut gekichert, und wir Jungs haben

Löcher in die mit hübschen Frauen übersäte Straße gestaunt.

Leider war nach knapp zwei Minuten alles schon wieder vorbei.

Nachher sahen wir nur noch langweilige Häuser; noch mehr Kir-

chen, Museen, und Leute, die mit Kleider bis oben zugepackt wa-

ren. Die fast splitternackten Frauen, vorher, die haben gelächelt -

einige winkten sogar. Aber die vermummten Leute im Stadtzen-

trum, die winkten nicht und lachen konnten die auch nicht.

Klar, über Sankt Pauli würde sich ne Menge schreiben lassen. Nur

sind zwei Minuten eben zu wenig, um gründlich zu recherchieren.

Außerdem ist eine Schülerzeitung ja für die Probleme der Schule

da.

Sankt Pauli hat bestimmt ne eigene Schülerzeitung, denn die 

fast nackten Frauen haben ja auch Kinder - und wenn Mutti sich

auf der Straße erkältet, weil sie dauernd nur rumsteht, dann müs-

sen die Kinder Mutti gesundpflegen, damit sie wieder auf der

Straße stehn kann. Glasklar: die in Sankt Pauli haben ihre The-

men - wir unsere - drum sind Schülerzeitungen auch so wichtig.

Mein Freund Gerd sieht das Ganze etwas anders. > Die Frau’n 

warten auf Männer, < meint er. > Kundschaft... <

> Da müssen sie bestimmt lange warten, ne?, < frage ich ihn. 

> Mein Vatter, zum Beispiel, hat nie Zeit, and’re Frauen zu tref-

fen. <

> Dein Vatter hat auch garnicht soviel Geld. <

> Wieso Geld? Ich denk, die gehn zusammen spaziern? <

Er lacht sich eins.

> Spaziern?...Mensch, Alter, du bist wirklich vom ander’n 

Stern! <

Seine Worte treffen mich hart. Gut, er ist zwei Jahre älter als ich

und weiß schon, wie dies und das läuft. Deswegen muß er aber 

nicht gleich fies werden. Das sage ich ihm dann auch.

> Jaja, krich dich wieder ein, < beschwichtigt er. > Jetzt blickste

wenigstens durch, was da abgeht. <

Das will ich genau wissen.

> Nee, was denn? <

Er formt Daumen und Zeigefinger zum Minikreis; klatscht die 

freie, rechte Hand dagegen.

> Kapito? <

Ich sage ja, weiß aber genausoviel wie vorher - nämlich nichts.

 

Noch am gleichen Abend, zu Hause, am Küchentisch, klatsche ich

die Hand so gegen die andere, wie Gerd es vormachte. Dann frage

ich Vatter, was das bedeutet. Er ist gerade am Mampfen, hat aber

genug Zeit, sein Kottlett samt Gabel fallen zu lassen, um mir eine

zu scheuern. 

Ehe ich heulend wegrennen kann, kriegt er mich am Pullover zu 

fassen, zerrt mich zu sich.

> Dat war für din Fründ, weil der dir immer nur Schweinkram

beibringt. Abmarsch, ins Bett, aber ganz fix!, < brüllt er noch ei-

nen Ton schärfer.

 

Später, als ich mich schlaflos im Bett herumwälze, höre ich Vatter

und Mutter laut in der Wohnstube reden. Vatter motzt in einer 

Tour. Und Mutter beruhigt ihn. So geht das bis in die Nacht rein.

Verstehe ehrlichgesagt den Zirkus nicht, den Vatter veranstaltet.

Jedenfalls weiß ich jetzt, was in punkto Fingersprache Sache ist.

Apropos Schweinkram .... Gegen ein Uhr geht nebenan das Licht

aus. Ich höre Bettgeknarre. Vatter lallt. Mutter kichert....Schlei-

che auf Zehnspitzen zur Schlafzimmertür. Durch den fingerbrei-

ten Spalt sehe ich nicht viel. Erst als sich die Augen ins Dunkel

gewöhnt haben, erkenne ich Mutters weisse Füße, die seitwärts

aus dem Bett hängen. Und Vatters Riesenfüße dazwischen. Oben-

auf ne dicke Wolke aus Bettzeug, die sich bewegt. Auch die Füße

bewegen sich immer flotter und das Bett hält auch nicht mehr lan-

ge, bei dem Gerüttel. 

Nach wenigen Minuten ist es still im Schlafzimmer. Eher ent-

täuscht als zufrieden krieche ich ins Bett zurück. Bevor ich ein-

schlafe, denke ich noch: morgen kann Vatter bestimmt nicht ar-

beiten, weil er keine Kraft mehr hat.

 

Ach ja, die Schülerzeitung - bin total davon weggekommen...Das

Thema Sankt Pauli ist wohl doch zu exotisch für die Zeitung. Drum

fällt Sabine was Besseres ein. Kürzlich war Herr Lockner in unse-

rer Schule. Herr Lockner ist ein kinderfreundlicher Opi, so um die

Sechzig. Wir nennen ihn den Märchenonkel, weil er uns seine

eigenen, lustigen Märchen vorliest. Er ist kein Lehrer, sondern

Schriftsteller. Er schreibt viel und ist richtig berühmt. Zweimal jähr-

lich ist er bei uns. Deutsch fällt dann aus; stattdessen liest Herr

Lockner Märchen vor. Toll, wie er das macht! Sogar Frau Knocke,

die Deutschlehrerin, hört jedesmal gespannt zu.

Was liegt also näher, den allseits beliebten Märchenonkel für die

Schülerzeitung zu befragen? Frau Knocke hat jedenfalls nichts da-

gegen, als Sabine diesen Vorschlag macht.

 

Ein paar Tage später ist es soweit. Sabine, Gerd und ich dürfen

Herrn Lockner auf seinem Hausboot besuchen. Gerüstet mit Mikro,

Tonband und Schreibzeug zockeln wir los.

Das Boot unseres Opis ist nicht irgendein Boot. Es ist das größte

und schönste Hausboot überhaupt! Herr Lockner ist wirklich reich,

das kann man schon von Weitem sehn. Sein Boot im Hafen ankert

auch nicht da, wo die gewöhnlichen Fischkutter sind, sondern 

weitweg davon, in einer Bucht, wo nur große Yachten vor sich

hinschaukeln.

Wir sind furchtbar aufgeregt, während wir auf das Riesenboot zu-

steuern. Da nirgendwo Gelegenheit zum Klingeln ist, klettern wir

an Bord, bestaunen das blitzblank gewienerte Vorderdeck, trotten

ehrfurchtsvoll zur Schiffsglocke und lassen es zaghaft bimmeln, 

damit der Hausherr keinen Schreck kriegt.

Unter Deck rührt sich nichts. Nur Stimmen sind zu hören, Geläch-

ter und Musik. Laute Musik.

Wir bimmeln nochmal. Insgesamt sieben Mal.

Dann öffnet sich endlich eine Luke und ein Kopf erscheint darin.

Es ist der Kopf unseres Märchenonkels. Irgendwie kommt der uns

heute verändert vor. Knallrotes Gesicht, von der Hakennase trieft

Schnotter, die restlichen Haare stehn steil in alle Richtungen weg,

kurz: unser Interviewpartner sieht aus, als hätte er gerade mit

nem Bären gekämpft. Reichlich abgekämpft redet er auch.

> Sssiiee wünschen? < Erst Gelalle und dann auch noch so komisch

die Augen verdrehn. Das kann ja heiter werden...

Sabine schubst Gerd an. Der mich.

> Wir kommen wegen der Zeitung, < stottere ich. > Sie wollten 

uns doch erzähln, wie man als Schriftsteller.... <

Weiter komme ich nicht. Herr Lockner klatscht sich an die Stirn.

> Jesses, hab ich glatt vergessen! < Er grinst und schmatzt gleich-

zeitig, schielt in Sabines Kleidausschnitt, wo ja noch nicht viel

ist, gröhlt urplötzlich in Befehlston: > denn mal rrrrrein, in die 

Hütte, mit Euch! <

Wir klettern die Treppe runter und staunen nicht schlecht. Den 

Bauch eines so großen Schiffs mit eigenen Augen sehn zu dürfen,

ist schon was. Noch mehr staunen wir aber, weil Herr Lockner of-

fenbar ne Party schmeisst und überhaupt nicht auf s Interview

vorbereitet ist. Er ist besäuselt, und zehn, elf weitere Gäste - über-

wiegend Frauen ohne Büstenhalter - ebenfalls. Funzlige, rote Lam-

pen an der Holzdecke geben dem zugequalmten Raum auch nicht

gerade eine freundliche Atmosphäre. 

Fassen wir mal zusammen: spärliches Rotlicht, spärlich angezogene

Frauen, mehr oder weniger abgefüllte Gäste und mittendrin ein

Schriftsteller, der ab und zu noch durchblickt, wenn auch knapp -

so, wie jetzt. Wieder das Gefechtsgröhlen.

> Aaaaachchtung!! Herrschaften, darf ich vorstellen...das hier sind

meine Freunde aus der Pasta, Pesta...Pasta, ääh... <

>Pestalozzischule, < hilft Gerd nach.

> Richtig, aus der Pusta...Pesta...Pasta...basta! <

Mühsames Straffen. Er zieht eine der Frauen in seine Arme,

knutscht sie ab, leert anschließend den glibbergrünen Inhalt eines

Glases und nuschelt mit kleiner werdenden Viertelmondaugen: 

> Ssssiiee wünscheeen?, < reisst die Augen wieder auf. Wir mer-

ken, daß er einen lichten Moment hat. Oder auch nicht...

> Was wolln die Görn hier?!, < blökt er plötzlich. > Schafft mir 

die Görn vom Hals! Ich kann Görn nicht ausstehn! <

Er torkelt auf uns zu. Jetzt sieht der gute Märchenonkel genauso

aus, wie der böse Wurzelzwerg aus einem seiner Märchen. Und so

redet er auch.

> Na, Ihr Schisser; warum seid Ihr denn nicht in der Heia? Quäl-

geister, wie Euch, sollte man im Bett festbinden, damit Leute, wie

ich, zufrieden sind. Oder wollt Ihr schon wieder ne Trallalla - Ge-

schichte von mir hör’n, he?! <

Er kommt noch näher - viel Sabber an Mund und Kinn.

> Ohne Money is nix mit Vorlesen. Habt Ihr Moneys, he?! Kein

Zaster, keine Geschichte, so einfach ist das. Und jetzt verschwin-

det! <

Wir stehen im Regen seiner Spucke. Und der Typ wird immer un-

berechenbarer. Aber dann hört er im Radio sein Lieblingslied und

singt laut gröhlend mit.

Wir sind versteinert. Er glotzt uns an - grinst hämisch.

> Wisst Ihr was? , < schnarrt er eine Spur zu freundlich.

> Nee, was denn?, < frage ich eingeschüchtert.

Wieder beugt er sich vor, kommt mir so nah, daß seine saure Fah-

ne kaum auszuhalten ist. Hoffentlich kippt er um, wenn er sich 

noch krummer macht, denke ich.

> Was wisst Ihr Knirpse schon! <

Die freundlichere Stimme meldet sich zurück.

> Ich will Euch was verraten. Aber....pschscht! <

Sein dicker Zeigefinger zittert. Wir spüren, daß er uns ganz gehei-

me Dinge anvertrauen will - geheimer als geheim.

Wir platzen fast vor Neugier.

Sein Mund öffnet sich gaaaaanz langsam. Schließlich schnarrt er

verächtlich: > letzte Woche hab ich meinen Hund im Meer ersäuft,

weil mir das Vieh mit seinem Gekläffe auf den Geist fiel...Ging 

ganz schnell...rein damit, und weg! <

Er findet das mächtig lustig; lacht sich eins.

In dem Moment wissen wir, daß der Scheisstyp nicht flunkert, son-

dern die reine Wahrheit sagt. Voller Entsetzen erwachen wir aus

der Versteinerung, und dann sind wir nur noch stinksauer - vor al-

lem Sabine. Die tritt dem Mistopa mitten in die - na, Ihr wisst schon.

Er sackt fluchend zusammen. 

Wir verduften derweil auf die Schnelle.

 

Damit wär besagter Beitrag für die Schülerzeitung eigentlich ge-

storben, weil ja kein Interview stattfand. Aber wir sind ja auf

Zack - haben gut aufgepasst, was der Opa vom Stapel ließ. Noch

besser: Biene hat geschaltet’; ließ ihr Tonband mitlaufen, als der

Schnarchsack so fiese Sachen ausplauderte...Daraus lässt sich doch

was machen, finden wir. Also, ran an die Arbeit! Wir schreiben auf,

was gehört und gesehen wurde. Jede Kleinigkeit. Nichts lassen wir

aus.

 

Zwei Wochen danach erscheint unser Bericht in der Schulzeitung -

einen Tag später sogar in der Stadtzeitung.

Jetzt sind Biene, Gerd und ich fast genauso berühmt, wie der 

Hundekiller mit Hausboot - zumindest für ein paar Tage.

 

Was der Opa heute so treibt?

Keine Ahnung. Mal dies, mal das. Bücher für Kinder schreibt er

jedenfalls nicht, weil die keiner mehr kauft. Sein protziges Haus-

boot liegt auch nicht mehr bei uns im Hafen. Vielleicht ist er da-

mit abgehaun, oder ist seinem Hund nachgesprungen. Vielleicht

hat er sich auch zum Mond schießen lassen. In einem seiner Mär-

chen konnte der rabiate Mistzwerg ja auch fliegen.

                                                                                            

 

 

Die Dicke

 

 

Auch kleine Leute haben manchmal große Sorgen....Es geht um

die Dicke - um die nackte Dicke, genauergesagt. Der Einfachheit

wegen nennen wir sie Musch. Das ist die Bronzefrau, bei uns, 

hinter dem Hausblock. Die gibts hier schon mindestens solange, 

wie es uns gibt.

Na ja, besonders schön ist die Musch nicht (ihr Hintern ist viel

zu groß, und die Brüste hängen runter, bis zum Bauchnabel). Da-

für ist in ihrem Schoß reichlich Platz zum Lümmeln, und das ist

ja auch schon was. 

Manni sitzt oft zu Füßen der Dicken, um ihr seine Promilleträu-

me anzuvertrauen. Irgendwer ist eigentlich immer da, der ollen

Musch streng geheime Sachen zu verraten, oder einfach nur im

Schutz ihrer bulligen Arme zu faulenzen.

Bukow ist nicht gerade üppig mit Attraktionen von Muschs Art

ausgestattet. Mir ist jedenfalls nur die eine nackte Musch bekannt.

Ich muß es ja wissen - schließlich wohne ich hier. Okay, drüben,

am Schotterplatz, gibt es auch ne Statur, aber die ist grottenhäss-

lich - aus morschen Brettern und Stroh, und hat ne löchrige Jac-

ke an. Das ist die Statur von Kohlepaul, der ziemlich stolz auf

sein Meisterwerk ist.

Von mir aus. Nur verstehe ich nicht ganz, was an einer Vogel-

scheuche so toll sein soll? Mit unserer Musch kommt die jeden-

falls nicht mit. Und überhaupt: Musch forever!

Da wo sie steht, oder besser: sitzt, soll ein Supermarkt hin, sagt

Paps. Die ganze Wiese drumherum wird aufgerissen. In einem

Vierteljahr steht der Scheiss-Supermarkt. 

Können die nicht woanders ne Wiese plattmachen?! Gibt eh

schon genug Einkaufstempel in der Gegend. 

Genau da, wo Musch sitzt, soll die Flaschenannahme hin. Die

Flaschenannahme...! Entwürdigend ist das! Pure Grausamkeit!

Weil die dicke Musch sich nicht rühren kann - als Verkäuferin

in der Flaschenannahme also nicht in Frage kommt, soll sie bal-

digst nach Neu-Bukow verfrachtet werden. Über fünf Kilometer

weg vom angestammten Platz! Paps meint, vor’s Rathaus in Neu-

Bukow würde die Musch gut passen. Und fügte grinsend hinzu:

denn könnt Ihr ja öfter mal rüberradeln, um der Witzfigur nen

Besuch abzustatten. 

Paps hat manchmal ganz schön ein Rad ab. Der weiß doch gar-

nicht, was uns die Musch bedeutet. So beknackt quatscht nur ei-

ner, der nie in ihren Armen schlummerte. Ich schlief jedenfalls

schon öfter in Muschs Armen. Meist im Sommer. Eine Decke un-

term Hintern. Über mir ihr sanftes Lächeln.

Später kam Sabine dann oft und weckte mich zum soundsoviel-

ten Mal, weil es wieder mal dunkel wurde. War eingeschlafen -

einfach so - für mehrere Stunden. Hörte nicht mal mehr die to-

benden Kinder, auf der Wiese, ringsum. Ist schon ein bisschen

plemplem - ich weiß. 

Schade, daß ich dies nur in Worten beschreiben kann. Ihr solltet

bei nächster Gelegenheit nach Bukow kommen, um die dicke

Musch zu sehen, dann würdet Ihr besser verstehen...Über drei

Meter ist sie groß, obwohl sie sitzt. Ihr gewaltiger Rücken hält

alle Blicke ab, wenn man ihren Schoß erobert hat und drin lüm-

melt. Vorn hat sie die Beine angewinkelt. Darauf ruhen Arme und

Hände, zum Kreis geschlossen - ideal, um dahinter zu verschwin-

den und mal in Ruhe mit sich selbst zu reden.

Kann sein, daß Musch beim ersten Hinsehen nur als müde, nack-

te, hässliche Alte aus Bronze durchgeht. 

Na und, wenn schon. Hier rutschen jedenfalls alle kleinen und

größeren  Leute gern auf Musch herum - vergessen schnell, daß

sie aus Bronze ist; erzählen ihr so manches - von den ersten, ver-

flucht flott gedeihenden Pickeln im Gesicht, zum Beispiel; von

Jungs und Mädchen; daß der, oder der gern mit Biene - notfalls

auch mit Heike gehn würde; das Schule öde ist - nicht immer, 

aber immer wieder; daß Paps und Mutter keinen Schimmer haben,

was wirklich in dir vorgeht; daß letztens, im Sportunterricht, Ra-

monas’  Leck -mich -Tattoo am Ansatz der Arschritze gesichtet

wurde. Daß die Mehrheit das krass, aber irgendwie gut fand. Daß...

Du redest und redest dir alles von der Seele, und Musch lächelt

immer noch. Irgendwann bist du genauso erschöpft, wie sie aus-

sieht, und schläfst ein.

Versteht Ihr jetzt, warum es um mehr, als nur ne dicke Nacksche

geht?

 

 

An einem Märztag, in aller Herrgottsfrühe, rückt der Bautrupp an.

Binnen weniger Stunden sieht die Spielwiese aus, wie ein geplün-

derter Acker. Die Bagger leisten ganze Arbeit. 

Endlich kriegt auch Manni mit, daß da was Krummes läuft. Er

ist kaum zu bremsen - nennt die Baufritzen Arschlöcher und elen-

de Scheisspenner.

Viel nützt das nicht. Die Scheißpenner machen munter weiter.

Bald schon rollt ein Monster von Kran an, der Mannis Muse ge-

fährlich nah auf die Pelle rückt.

Verzweiflung macht sich breit. Wir stehen geschockt da - suchen

fieberhaft nach einem Ausweg, den Abtransport zu verhindern.

> Die bleibt da, wo sie is’!, < brüllt Manni und reckt die Faust.

Fast wie von selbst, tun wir das, was zu tun ist...Wir fassen uns

an die Hände, treten dem Kranmonster wildentschlossen entge-

gen. Zunächst haben wir Schiss, daß uns der Kranfritze einfach

plattwalzt. Doch die Wut fegt alle Ängste weg.

Knapp einen Meter vor uns stoppt das Monstrum. > Haut schon

ab!, < brüllt der Fahrer. > Los, weg da! <

> Komisch, dasselbe wollt ich Dir auch grade raten, Arschge-

sicht!, < entgegnet Manni.

Der Fahrer flippt völlig aus, springt vom Kran; stürzt sich auf 

Manni.

Das hätte er besser gelassen...Wir sind nämlich zu acht, und er

ist allein - jedenfalls für den Moment, weil seine Leute im Bau-

wagen frühstücken. Pech für ihn...

Habe noch nie auf Leute eingedroschen, die in Paps Alter sind.

Aber diesmal gehts um Manni und um Musch. Kurz: es geht um

alles! Deshalb gibt es entschuldbare Ausnahmen, bei Gefahr im

Verzug. Außerdem hat der Kranfritze angefangen, weil er Manni

an die Gurgel sprang. Demzufolge ist das Eingreifen unserer-

seits ein klarer Notwehrakt, wenn auch mit mehr oder weniger

unerlaubten Mitteln. Schließlich sind wir ja die Guten. Fragt spä-

ter eh keiner, wieso und warum. Entscheidend ist, was am Ende

dabei rumkommt, ist ja mal klar. Der Kranfritze ist böse - logisch.

Also, Attacke!

Fäuste sausen umher. Kleine Fäuste und große. Hin - und wieder

fliegen auch Beine durch die Luft. Den Kranfritzen trifft es ziem-

lich hart - auch da, wo es besonders wehtut. Armer Kerl, der.

Aus Fairnisgründen muß gesagt werden, daß auch die Guten - al- 

so wir - einiges einstecken, was wohl daran liegt, daß ´Fritz´ so um

die zwei Meter groß ist und nen echten Bums hat. Trotzdem 

klatscht Fritzl irgendwann geschlaucht in den Matsch - ist prak-

tisch kampfunfähig. Fluchen kann er immerhin noch. Vor allem

Biene schnauzt er keuchend an, weil die ihm abschließend mitten

in die Gegend tritt, wo der Hahn zum Pinkeln ist. 

Tut schon weh, so ein Tritt. Dennoch ist Fritz nach Ablauf einiger,

tiefer Atemzüge und knallrot angelaufener Rübe noch halbwegs

gut beieinander - mal abgesehn von einigen, unbedeutenden Krat-

zern, Flecken und Beulen, die Brust und Rübe bevölkern.

 

Nur wenige Minuten hat der Kampf um Musch gedauert. Fritz, 

der Kranfahrer, stemmt sich schnaufend hoch; klatscht wieder 

hin...Hoch, weiter, Richtung Kran. Er klettert rauf, schmeißt den

Motor an; zockelt, samt Ungetüm, von dannen.

Für’s Erste ein klarer Sieg für uns.

> Nächstes Mal fahr ich Euch über’n Haufen!,< giftet Fritz noch

aus sicherer Entfernung.

> Wetten, daß nich, < beruhigt Manni, dem im Eifer des Ge-

fechts das Ersatzgebiss wegflog.

Wir suchen es.

Leider ist es zweimal gebrochen, als Heike es endlich findet.

> Dat kostet..., < stöhnt Manni. Er versucht ein tapferes Lachen -

lässt es dann aber, weil es sich ohne Zähne nicht so gut lacht.

> Schiet druff, < meint er schließlich. > Lieber ohne Beisser, als

ohne die dicke Musch, ne? <

Feiner Kerl, der Manni.

Dann ist es still in der Runde. Schrecklich still. Biene zittert; sagt

leise: der kommt bestimmt wieder.

 

 

Wenn in Alt-Bukow Wunder geschehen, sind nicht Engel am

Werk. Doch, Engel schon. Aber ohne Flügel. Manchmal auch

ohne Zähne...

Manni hat die rettende Idee - regelt noch am gleichen Tag eine

Audienz beim ’lieben Gott von Ganzbukow. 

Nachmittags, punkt drei Uhr, ist es soweit. Zu acht stehen wir

vor dem Mann, der den Bau des Supermarkts stoppen könnte. 

Könnte....Will er aber nicht, seiner Flunsch nach zu urteilen. Der

äußerst miesgelaunte Herr Bürgermeister glotzt erstmal lange

und herausfordernd aus der Wäsche.

Wir sind beeindruckt - aber so wie er sich das wünscht, auch wie-

der nicht. Von unserer Tischseite her wird nämlich genauso un-

erbittlich geglotzt - eiskalt und ohne das kleinste Gezwinker.

Jetzt scheint er beeindruckt zu sein. Was ihm wohl gerade durch

den Kopf schwirrt...?

Vielleicht dies: kommen hier rein, die Gör’n und der krumme Alte

und wagen es, mich, den einzig wahren Bürgermeister...Jammern

mir hier was vor....Denen gehört mal tüchtig in den Arsch getreten!

Wie die schon dastehn...Wie ‘ne Bande Schwerstkrimineller. Richtig

verbissen sehn die aus...!

Trotz spürbarer Abneigung, die er freiweg versprüht, ahnt er im-

merhin, daß die Schwerstkriminellen erst wieder abziehen, wenn

er irgendeine Ansage, positiver Art, verlauten lässt. Ohne echte Zu-

sage verschwinden die Rüpel nicht - das weiß er in dem Moment. 

 

Da denkt er völlig richtig...Genau deswegen sind wir hier - und drum

rührt sich auch keiner vom Fleck, bis der Obermurksmeister ein-

knickt.

Offiziell knickt er natürlich nicht ein - will als Gewinner dastehen - 

klar, das verstehen wir.

Und inoffiziell?

> Also..., < mault er.

Dieses also klingt schon mal vielversprechend.

> Das Projekt läuft. Der Markt wird auf jeden Fall gebaut. Daran

gibts nichts zu rütteln! <

Er lehnt sich gönnerhaft zurück, ringt um ein saures Grinsen, holt

tief Luft und sagt deutlich entspannter: aber...

Nur aber?

Ja und? Weiter?

Nichts weiter, erstmal. Eine lange Pause entsteht. Vielleicht, um

die Spannung zu steigern.

Okay, wir sind gespannt. Achtmal zwei Ohren stellen ihren Emp-

fang auf höchste Bereitschaft ein.

> Aber....In Anbetracht der dargelegten Gründe will ich ausnahms-

weise mal Gnade vor Recht ergehn lassen. <

Mann, ist der eingebildet!

Dann folgt ein Schwall überflüssigen Geschwätzes - lauter beleh-

rendes Zeugs, doofes Gefasel von Vorschriften; von Händen,

die ihm eigentlich gebunden sind; von Vorteilen des Baupro-

jekts für die strukturarme Region, undsoweiter, undsoweiter. Ge-

schwafel, halt.

Erst als er - gnädig, wie er ist - endlich auf den Punkt, also beim

alles entscheidenden Satz ankommt, horchen wir wieder auf.

> Die Statur bleibt, wo sie ist. < Und zerknischt hinterher: > Zu-

frieden?! <

> Jo, < meint Manni knapp. Er beugt sich über den Cheftisch, um

der Type mit Ziegenbart kräftig die Hand zu schütteln.

> Geht doch. Und keine Faxen im Nachhinein, klaar?! <

Ziegenbart bleibt die Spucke weg.

 

> Abmarsch, Leute. <

Manni hat die Ruhe weg.

Auf dem Rückweg hält sich die Freude in Grenzen. Irgendwie

ist uns nicht wohl bei dem Gedanken, daß der Fressalienmarkt 

gebaut wird, obwohl Musch da bleibt, wo sie ist.

 

 

Drei Monate später

Ganz glücklich sind wir mit der neuen Regelung nicht....Um auf

Musch rumzuturnen, müssen wir jetzt sogar um Erlaubnis fra-

gen. Und abends, nach acht, läuft garnichts mehr mit Kuscheln,

weil Musch dann eingesperrt wird.

Na ja, besser so, als ganz ohne. Immerhin gibts jetzt weit und 

breit nur den einen Supermarkt, wo ne vollnackte Statur -

pardon: Musch sitzt. Vorn, neben der Eingangstür, sitzt sie. 

Direkt an der Flaschenannahme.

                                                                     

Die Allerschönste

 

 

Mona ist die Schönste in Alt-Bukow. Die Allerschönste. Das Pro-

blem ist, daß nicht nur ich dieser Meinung bin, sondern auch Mi-

cha Sommer und Ulf Bittner. Bittner meint sogar, Mona wär die

größte Sexbombe der Welt - was ja irgendwie auch stimmt. Im-

merhin ist sie schon drei Jahre älter, als wir. Am besten be-

schreibt man Mona so: sie ist siebzehn, hat langgelocktes Haar,

dunkelblaue Augen, ein paar Sommersprossen um die kleine Na-

se; großer, runder Fischmund und Brüste wie Birnen mit Stengel.

Kurz: eigentlich ist Mona ein ganz normales Mädchen - nur eben

zehnmal schöner. Sie wohnt erst seit kurzem bei uns im Viertel.

Und genau seit diesem Zeitpunkt ist nichts mehr, wie es mal war.

Früher waren ich, Bittner und Micha Sommer die besten Freunde.

Jetzt sind wir nur noch Kumpels, und das auch nur noch gerade

so. Dreimal dürft Ihr raten, wer daran Schuld ist?...Mona natürlich. 

Die hat uns total den Kopf verdreht. Weil das so ist, und weil wir

nichts dagegen tun können, oder wollen, sind schon die ersten Ge-

heimkämpfe in Gange. Zuallererst muß natürlich geklärt werden,

wer zuerst bei Mona,  zwecks Händchenhaltens, vorsprechen darf. 

Bittner schlägt vor, den bewährten Dreikampf wieder aufzuneh-

men, der sich in ähnlichen Situationen bestens bewährt hat. Die-

ser Dreikampf besteht logischerweise aus drei Disziplinen. Für

die erste Disziplin benötigt man nicht viel - nur ein ungestörtes

Plätzchen im Freien; eine Wiese vielleicht; Feldweg ist auch ge-

eignet. Die wichtigsten Mitbringsel hierbei sind: ne gut gefüllte 

Blase und ein Maßband. Dann heißt es: Wasser marsch!

 

Micha gewinnt, weil er am weitesten pinkeln kann. Bei drei Meter

zehn ist sein Strahl zu Ende. Das ist nicht schlecht, denn immerhin

kommt der Wind von vorne. 

Bittner bringt es noch auf zwei Meter siebzig. Ich selbst versage

bei mickrigen Einsachtzig, mit klatschnasser Hose, weil der Wind

im Moment stärkster Konzentration fies von schräg nach hinten

weht.

Macht also drei Gewinnpunkte für Micha, zwei für Bittner und

einen für mich.

 

Aber es stehen ja noch zwei Wettkämpfe aus. Nun ist das Reiten

auf Tante Frieda an der Reihe. Derjenige, der sich am längsten auf

Tante Frieda halten kann, kriegt die nächsten drei Punkte.

Wer Tante Frieda ist, wollt Ihr wissen?

Eine Kuh. Keine gewöhnliche Kuh. Sie ist die älteste Milchspende-

rin weit und breit. Bauer Bubbattel, dem Frieda gehört, motzt an-

dauernd, daß (wörtlich...) dat Viech elendich lang brauch, bis et

Moins inne Wies schlappt, un to Fierobend inne Stall kümmt.

Weil das gemütliche Stapfen des Tiers dem Getrödel von Tante

Frieda, auf dem Weg zum Konsum unheimlich ähnlich sieht, heißt

die Kuh eben Tante Frieda.

Die richtige Oma Frieda, die hier sowas wie die Ortsurmutter ist,

weiß natürlich nichts von ihrem Glück, oder Unglück - je nach dem.

Denn wenn sie wüßte, daß die olle Muhkuh so wie sie heißt, würde

sie uns wahrscheinlich ganz schön den Marsch blasen.

 

Okay, jetzt ist also das Reiten dran.

Ich bin fest entschlossen, Punkte aufzuholen. Tante Frieda kaut

gerade seelenruhig, mit halbgeschlossenen Augen vor sich hin, als

ich mich kurzerhand auf ihren Rücken schwinge. > Hüüh, Frie-

da!, < sporne ich sie an.

Nochmal: > Hüüüüh, Frieda! <

Nichts.

> Komm Frieda, mach voran!, < rufe ich schon viel schlechtge-

launter. > Komm schon, los!... <

Weil die blöde Kuh sich rein garnicht bewegt, gebe ich ihr barfü-

ßig die Sporen.

Nix passiert. Frieda steht wie bedebbert da, zermalmt obercool 

ihr Grasbüschel und rührt sich keinen Fatz vom Fleck.

> Lebt die überhaupt noch? <

Ja, sie lebt, denn ihr Schwanz schaukelt ein bisschen hin-und her.

 

So gesehn hab ich diese Disziplin locker gewonnen. Mindestens

zehn Minuten hocke ich nun schon auf Frieda. Zehn Stunden wä-

ren wohl auch drin, ohne daß die Kuh grummeln würde. Aber so

wird die Sache langweilig. 

Ich rutsche ihr den Buckel runter und lande im Gras.

> Die will nich rennen, < stelle ich resigniert fest.

> Die kann nich mehr rennen, < verbessert Bittner treffend.

> Letzte Woche war sie jedenfalls noch superfit, < widerspreche

ich.

> Tja, is nu ma so, < tröstet Bittner. > Wenn die Frieda nich so

dicke Milcheuter hätt, wär sie wohl schon n Kotlett. <

> Meinste? <

> Logo. <

Wir klopfen der ollen Kuh ein paarmal auf die Arschbacken, füt-

tern sie noch eine Weile und zockeln unerledigter Dinge zurück,

ins Viertel.

 

Punkte werden für Friedas Bändigung natürlich nicht vergeben.

Zunächst betrübt deswegen, sehen wir schließlich ein, daß Frieda

eben auch ihren Stolz hat. Welche Kuh will schon ein Rennpferd

sein? Also, Schwamm drüber.

 

Die nächste Disziplin - eigentlich die Letzte - ist auch die Gefähr-

lichste. Wir nennen es Schanzenspringen. Nicht weit weg von

Bukow gibt es einen steilen Abhang. Da sausen wir im Winter 

mit unsern Schlitten runter. Der Abhang ist steil, wie gesagt, und

ungefähr hundert Meter lang. Unten endet der Hügel in einem

Teich, der im Winter zufriert. Man muß den Schlitten also nicht

abbemsen, oder besser: manchmal schon. Könnte sein, daß das

Eis eben nicht dick genug ist, und dann macht’s klatsch!

Am Berg gibt es noch so einen Buckel, der etwa drei Meter aus

der Wiese ragt. Wer den unterschätzt, kann ganz schön bös durch

die Luft fliegen und ne Bruchlandung hinlegen. Über den Buckel

kommt man nur mit Skier heil rüber. Schlitten sind da Schrott. Um

es abzukürzen: da runterzudonnern - mit dem Fahrrad - jetzt, im

Herbst - alles ist sauglatt vom vielen Regen und der Hang ist mit

Schafkacke vermint - das ist ziemlich bekloppt.

 

Die Bekloppten ziehen trotzdem los.

Am Hang angekommen, schluckt Micha Sommer, der per Los-

entscheid zuerst dran ist. Auf seiner Stirn glänzt Schweiss.

> Könn wir nich von unten nach oben fahrn?, < stottert er.

> Nix is’!, < antworten Bittner und ich fast gleichzeitig.

> Runter geht schneller, < grinst Bittner und senkt den Daumen.

> Den Buckel mußte auch mitnehm, weißte ja, ne? <

Schweigen.

Wir sehen uns an.

Schließlich nuschelt Bittner schon deutlich leiser: > Mach’s gut,

Alter...< Er klopft Micha auf die Schulter. Der ist leichenblass;

beisst sich auf die Unterlippe.

Los gehts.

Die langsame Fahrt wird deutlich schneller. Micha schreit - wahr-

scheinlich, um die eigene Angst zu verjagen. Immer lauter schreit

er, und immer schneller hoppelt sein Rad den Hang runter. Da -

der Buckel ist direkt vor ihm!....Wir merken, daß er bescheißen

will, aber wir sind ja nicht blind, und das weiß Micha auch....Sein

Geschrei überschlägt sich....der Buckel....jetzt hat er ihn erreicht.

Absprung....Die Haltung ist ganz wunderbar, doch dann sackt Mi-

cha, samt Fahrrad, ins Leere, einige Meter tief. Die Haltungsnoten

verschlechtern sich rapide. Er fuchtelt wild in der Luft herum; die 

Arme rudern rückwärts, die Beine vorwärts; das Fahrrad saust al-

leine weiter - Micha noch’ne Weile hinterher....dann das Scheb-

bern...mächtig gewaltig!....Absturz des Fahrrads....kurz drauf, der

letzte Schrei von Micha Sommer....

 

Ruhe am Hang. 

Friedhofsruhe.

Bittner und ich können sich zunächst nicht von der Stelle rühren.

Zu groß ist der Schreck. Doch dann atmen wir auf, weil wir ein

schwaches Lebenszeichen hören. > Micha!...<

Er reckt einen Arm; jammert; ruft.

Bittner findet seine Sprache zuerst wieder. > Oh Kacke!, < zischt

er, rammt mir seinen Ellbogen in die Rippen. > Los, komm! <

Wir hetzen den Berg runter. > Halt durch, Alter!, < brüllt Bittner.

> Rettung naht! <

Wehklagen aus dem hohen Gras. > Leck mich doch am Arsch!

Scheiße, mein Bein! Is tot!....Auaaah!....Nee, is doch nich tot.

Aber gebrochen is die Stelze garantiert! <

> Kann schon sein, < meint Bittner nach eingehender Besichti-

gung. Ist nicht zu übersehen, daß, trotz aller Tragik, ein dünnes

Grinsen in seinen Mundwinkeln nistet.

> Scheißspiel!... Alles Scheiße!!, < flucht Micha noch, als wir ihn

später abwechselnd huckepack nach Hause schleppen.

 

 

Einige Tage danach.

Michas Bein ist wirklich gebrochen. Er muß jetzt sein Bett hüten;

scheidet somit als ernsthafter Konkurrent - Mona betreffend - aus.

Also darf Bittner zuerst bei ihr anfragen, weil er beim Weitpinkeln

die höhere Punktzahl erreichte.

Er gibt sich alle Mühe, muß aber feststellen, daß plötzlich noch 

ein Konkurrent auftaucht, den Mona diesen Samstag aus der Disco,

im Nachbarort, abschleppt. Wer der Typ ist, wissen wir nicht, aber

daß er ordentlich auf den Putz kloppt, ist nicht zu übersehen. Mona

ist jedenfalls beeindruckt, als der Typ im Sportwagen vorfährt und

lässig die Beifahrertür öffnet, um seine neue Mieze reinspringen

zu lassen.

Auch Bittner ist beeindruckt - weniger wegen des Sportschlittens -

sondern, weil er erleben muß, daß so ein aufgeblasener Fatzke

ihm locker die größte Sexbombe der Welt vor den Augen weg-

schnappt. Die ganze Zeit vorher hat sie mit Bittner getanzt. Dann

kommt der Typ rein, packt seine Autoschlüssel auf den Tisch,

spendiert ein Getränk nach dem andern; sagt lässig: > Na, Puppe,

Lust auf ne heisse Dääänznummer? <

Statt dem Schönling eine zu scheuern, ist Mona hin - und weg,

wackelt mit ihm zur Bühne, und Bittner weiß in dem Moment, daß

er sich abmelden kann.

Das macht er denn auch. Stinkesauer haut er dem Türsteher beim

Rausgehn noch was in die Fresse, weil er den auch noch nie leiden

konnte.

 

Tagelang ist Bittner nicht zu sehen. Der Schock wegen der Verlade,

neulich, sitzt tief.

Micha kann inzwischen schon wieder laufen. Zwar an Krücken,

aber besser, als im Bett zu schmoren, versichert er, als wir zu zweit

in meiner Bude rumhängen.

Als wir auf  Mona zu sprechen kommen, merken wir, daß aus dem

Thema irgendwie die Luft raus ist. Merkwürdig still ist es plötz-

lich im Zimmer. Micha glotzt mich an. Ich ihn.

Schließlich sagt er nachdenklich: > Wir war’n ganz schön bescheu-

ert, weil wir der blöden Tussi hinterher sind, ne? <

> Blöde Tussi!, < wiederhole ich standhaft.

> Die is nix. <

> Wem sagste das. <

> Die passt sowieso nich ins Viertel. Is viel zu verwöhnt, die

Schnecke. <

> Recht haste. <

> Klar hab ich recht. <

> Vergessen kannste die. <

> Stimmt. Einfach abhaken... <

Eine Pause entsteht.

Micha sagt zögernd, mit prüfendem Blick: > Haste schon gehört,

daß Mona nächste Woche im Fernsehn is’? Die macht da Reklame

für irgendein Schlabberzeug. Angeblich soll der Typ aus der Disco

ihr den Job besorgt haben. <

Er setzt eine Unschuldsmiene auf.

> Na ja, hab das nur so nebenbei aufgeschnappt, weißte? <

Ich gebe mir Mühe, gleichgültig zu wirken.

> Juckt mich nich die Bohne. Bei mir is die voll unten durch. <

> Klar, die kann uns mal! Abhaken... <

Sein kurzes Lachen wechselt schnell in Nachdenklichkeit.

Als er geht, frage ich betont uninteressiert, wann die Mona denn

im Fernsehn ist? > Kucken kann man ja mal, ne? <

Als hätte er die Frage erwartet, antwortet er voll unterkühlt, aber

blitzschnell: > Montag. Kurz vor Sieben, auf  Sat eineinhalb...Hau

rein, Alter... <

Polternd rennt er die Treppe runter.

 

Endlich allein.

Kulli. Wo ist mein Kulli?!

Montag. Kurz vor Sieben - sofort aufschreiben!

 

 

Es ist Montag. Kurz vor sieben Uhr.

In Alt-Bukow sitzen jetzt mindestens drei Leute gebannt vor der

Glotze.

Mona ist tatsächlich in der Kiste. Sie ist hübscher und noch etwas

nackter, als sonst. Genauergesagt: sie trägt nur einen Bikini, rekelt

sich aufreizend in der Sonne am Strand - und da kommt so ein 

Idiot daher, den man nur von hinten sehn kann. Der Typ legt ihr

einen eiskalten Joghurtbecher auf den nassglänzenden Bauch. Mo-

na schreckt hoch, dann lächelt sie verführerisch, knackt den Be-

cher mit einem leichen Blop....steckt einen Finger rein. Als der

Finger abgeschleckt ist, folgt ihr Schlafzimmerblick dem Joghurt-

fritzen, der wie eine Fatamorgana im Hitzedunst verschwindet. Sie

legt sich hin, wühlt genüsslich im Sand und haucht: > Früher oder

später krieg ich dich, Freddy Müller. <

Ganz am Schluss sagt eine andere Stimme: > Alles Freddy, oder

was? <

 

Ende. Der nächste Spot.

Meine Hände sind nass vor Erregung. Alles in allem finde ich den

Joghurt-Spot volle Kanne bescheuert - aber Mona war einsame

Klasse!

Ich seufze, falle zurück, aufs Bett; träume so vor mich hin...Mona

im Fernsehn. So weit weg. Unerreichbar. Als lockender Engel. Und

ich als ihr Joghurtverkäufer. Sie ist wie eine Pusteblume. Der Star

aller Pusteblumen! Ich will sie fangen. Renne und renne. Dann ein

Windhauch. Weg ist sie....

 

 

Apropos Pusteblume...

Letztens hab ich Mona in der Stadt gesehen - im Kino, als Karten-

abreisserin. Sie sah schlimm aus. Richtig traurig. Hab sie später

von da abgeholt und wir waren noch auf eine Limo zusammen. Sie

hat mir was vorgeheult, weil der Typ aus der Disco schon wieder

ne Neue hat. > Ich liebe ihn doch!, < beteuert sie. > Hab noch kei-

nen so geliebt, wie den Freddy! <

Noch keinen?, überlege ich. 

> Freddy?... Was für ’n Freddy?, < will ich wissen. > Etwa der mit

dem Joghurt? <

Sie nickt und stimmt ihr lautes Geheule erneut an. > Er hat mich

fallen lassen, wegen der ander’n Pute. Dabei  ist die noch nicht mal

so hübsch, wie ich! Grausam! Ich lieb ihn so...! <

Weitere Tränenströme.

 

Soviel Liebe auf einmal halte ich nicht aus. Ich erwische mich jetzt

sogar bei dem Gedanken, daß Mona mir garnicht mehr so toll - ja,

sogar reichlich verdreht, ziemlich eingebildet sowieso, um nicht zu

sagen: doof erscheint.

Das ist sie also - meine Traum-Mona - bildschön und strohdoof. 

Schade.

Meine Beine befällt so ein komisches Kribbeln. Ich muß schnells-

tens verschwinden, weil ich aus meinem Traum erwacht bin.

Zum Abschied schenke ich ihr mein Taschentuch. Dann werde 

ich zur Pusteblume - draußen, vor der Tür. Straße runter. Der

erste Windstoß an der nächsten Ecke....Und weg bin ich.

 

Ein ganzer Kerl, dank Papi

 

 

Wer später mal richtig viel Geld verdienen will, muß Fußballer
werden, meint Vatter. Und weil er dann seine Arbeit in der Schmie-
de hinschmeißen kann - einer muß schließlich das viele Geld zäh-
len - meldet er mich unverzüglich beim hiesigen Fußballclub an.
> Dat hätt’ ich schon viel früher machen soll’n!, < betont Vatter.
> Aber aus ’nem Spätzünder kann ja auch noch was werden...<
Na gut. Ich tu ihm den Gefallen. Zwar hat man mit Zwölf wichti-
gere Dinge im Kopf - Mädchen, zum Beispiel - aber wenn’s denn
sein muß...
Es muß sein. Paps hat sich regelrecht in die Idee verbissen, aus
mir einen ganzen Kerl zu machen. Außerdem ist es nicht schlecht,
in der Schmiede prahlen zu können, daß der Sohn auf dem besten
Weg ist, ein Weltklassespieler zu werden.

 

Allerdings hab ich schon beim ersten Probetraining das komi-
sche Gefühl, daß mein Talent nicht ausreicht, um Vatter in den
Ruhestand zu schicken. Klar - ich geb’ mir wirklich Mühe; renne
und hau volle Pulle an den Ball. Nur leider verirrt sich die Leder-
pille meistens im Gebüsch, drei Kilometer neben dem Tor.
Mit etwas mehr Übung und viel gutem Willen, schaffe ich es,
diese Distanz auf zwei Kilometer zu verkürzen; aber dann ist
erstmal Sense. Der ‘Weltklassemann’ braucht noch Zeit, und Jo-
chems, der Trainer, stellt völlig richtig fest: > Du mußt noch viel
lernen, wenn Du was werden willst. <
Ich gelobe Fleiss und Besserung und trotte geknickt nach Hause.
> Na, wie wars?, < will Vatter sofort wissen.
> Toll! Ich war supergut, Papa!, < krähe ich vollmundig.
> Hast’n Tor geschossen? <
> Drei, Papa! <
> Drei? <
Er zieht eine Augenbraue hoch; bekratzt sein linkes Ohr und
verschlingt sein Kottlett.
> Drei  is’ gut, < mampft und sagt er gleichzeitig. > Hast Talent,
Junge. War mir von Anfang an klar, daß Du ‘nen echten Bums

hast; so wie dein Oller, ne? <
Er lacht; drückt mir sachte seine Riesenfaust ins Gesicht.
> Weiter so. Immer schön weiterüben, denn wird auch ’n.... <
> Weltstar? <
> Genau. Denn wirste Weltmeister. Hier.... <
Er kramt einen Fünfer raus.
> Danke, Papa. <
Elend fühle ich mich, während ich den Fünfer einstecke und
schnell verdufte, um mir weitere Fragen zu ersparen.

Weil Papa sichtlich stolz auf mich ist - nur deswegen - ziehe ich
wieder los, um ein berühmter Fußballer zu werden. Von nichts
kommt nichts - also heißt das für mich: rennen, rennen, noch-

mals rennen - und fummeln, flanken; auf’s Tor ballern. Ich be-

mühe mich übermenschlich, doch am Trainingsende flaumt Jo-

chems, daß ich noch viel lernen muß.
Den Spruch kennen wir ja schon, aber besser den, als garkeinen.
Schlimmer wärs, wenn der Trainer mich ohne ein Sterbenswört-
chen rausschmeisst, weil ich ein hoffnungsloser Fall bin.

 

Also gehts weiter...Ich trainiere wie blöd; noch blöder; so blöd wie:
weiß der Geier - jedenfalls wie blöde. Mein Kopf kocht über vor
Anstrengung. Irgendwann brennen auch die Beine; eiern nur noch
rum. Nach dem sechsten Training in zwei Wochen blasen sie sich
quasi über Nacht zur doppelten Dicke auf. Das heißt: Beinstreik!
Bald kann ich sie nur noch wie volle Mehlsäcke mitziehen, weil
mein störrischer Kopf es so will. Los, weiter, ihr lahmen Stelzen!
Macht gefälligst voran...!

 

Muskelkater? Hab ich - logisch. Das fängt oben an und hört unten,
an den Käsefüßen nicht auf. Ich bin ein einziger Muskelkater; über-
all katert es - sogar zwischen den Zehen! Am allermeisten zieht's
in der Arschgegend. Sitzen klappt nicht. Liegen? Na ja. Und im
Stehn war ich auch schon mal glücklicher.
Trotzdem: ich bekämpfe alle Schweinehunde der Welt; laufe irgend-
wie weiter - immer weiter - bis zum Gehtnichtmehr. Und siehe da:

ich werde besser. Nicht viel, aber immerhin. Jetzt schieße ich nur

noch knapp neben das Tor. Da steht ausgerechnet Jochems, der uns

die Bälle zuwirft - und den schieß’ ich ab.
Mindestens...wenn nicht noch länger, krault er sich die ‘kleinen Bäl-
le’ und ist ganz schön stinkig. > Flasche!, < motzt er. Und nach dem
Gröbsten nuschelt er: > Mußt noch viel lernen... <
Wo er Recht hat, hat er Recht.

 

 

Irgendwann - es muß der siebte oder achte Monat nach Trainings-
beginn sein, geschieht ein mittelgroßes Wunder... ich hab die Leder-
pille dem Tormann direkt in die Arme geschossen! Das heißt auch:
ich hab das Tor getroffen. Zwar nicht ins Tor, aber fast...Das ist
der endgültige Durchbruch! Micha Sommer und Ulf Bittner - beide

Stürmer - klatschen lässig Beifall.
> Astrein, Alter. Wenn der Ball auch noch im Netz landet, spendier’
ich nachher ‘ne Lulle, < ulkt Bittner.
So sehr ich mich auch anstrenge - der Ball fliegt nicht ins Netz.
Soviel Glück ist des Guten denn doch zuviel. Und auf die verspro-
chene Lulle kann ich freiwillig verzichten. Zigaretten schmecken
sowieso nicht. Die stinken nur. Lauter Qualm, nichts weiter.
Aber wie schmeckt Qualm?
Will ich garnicht wissen.
Oder doch?

 

Nach einem Jahr schärfsten Trainings darf  ich zum ersten Mal

spielen. Gegen Mückenbach. Die können sowieso nichts; stehn auf

dem letzten Tabellenplatz; also kann auch nichts schiefgehn, dachte

sich unser Trainer wohl und holt mich in die Mannschaft.
Zur Halbzeit führen wir schon 3 : 0.
Danach holen die Mückenbacher auf - schießen zwei Tore.
Micha Sommer, unser bester Spieler, wird gefoult. Genau zehn
Minuten vor Schluss muß ich ihn ersetzen. Das ist meine Chance...!
Die Letzte, wie sich herausstellt....Übermütig stürme ich vorwärts,
dann rückwärts; schnapp’ mir den Ball, trickse drei Leute aus...lei-

der die eigenen, und zieh’ voll ab, auf’s Tor.
Plötzlich geht mir ein Licht auf - aber da ist es schon zu spät....

3 : 3
Das 4 : 3 für die Mückenbacher fällt in der letzten Minute - nach ast-
reinem Fehlpass, der ebenfalls auf meine Kappe geht.
Irgendwie bin ich heute mental nicht in Topform, ist mein erster Ge-
danke, nachdem der Schiri das Spiel abpfeift. Die Mannschaftskame-
raden sehn das so ähnlich. Sie drohen mir Kloppe an. Nur der Trainer
nimmt’s etwas gelassener, wenn auch nicht frohgelaunt. Er beschützt
mich, und sagt, na, was wohl....?
> Mußt noch viel, viel lernen, Junge. <

Das ist nichts, im Vergleich zu dem, was Paps mir später an den Kopf
knallen will. Er war ebenfalls auf dem Fußballplatz, und was er da aus-
halten mußte, lässt ihm keine Ruhe, bis er grollend feststellt: > Sag ma’,

kann es sein, dat Du mich die ganze Zeit lang verarscht hast?! Wo hast

Du dat ganze Jahr lang trainiert? Inner Klapsmühle?! <
Er holt weit aus, aber Mutter hält seinen Arm fest.
> Dat hat der Bengel mit Absicht gemacht!, < schreit Vatter spucke-
regnend. > Volle Absicht war dat! Um mich zu blamier’n! <
Mutter kämpft tapfer mit seinem zuckenden Arm.
Ausnahmsweise gewinnt sie.

 

Nach einem Jahr voller Lügen und Ausreden sollte man es mal wie-

der mit Ehrlichkeit versuchen. Also sage ich: > Ja, das war Absicht.

Aber nicht, um Dich zu blamier’n. <
Ich erwarte das nächste Donnerwetter. Seltsamerweise beruhigt sich
Paps augenblicklich. Vielleicht ist ihm ein ehrlicher Junge ja lieber,
als einer, der Geld wie Heu ranschafft.
Schön wärs. Doch immerhin hört er mit einem Ohr hin, als ich zuge-
be, daß ich Fußball schon immer öde fand - daß ich nur, um ihm zu
gefallen, trotzdem damit angefangen hab - aber schnell merkte, daß
es nicht mein Ding ist, und daß ich mich absichtlich doof anstellte,
weil ich nichts anderes wußte, da wieder rauszukommen.
Das war schon alles.

 

Langsam schwimmt er davon - Vatters schöner Traum vom sorgen-
freien Leben. Der Kummer darüber ist ihm deutlich anzumerken. Er
übt sich standhaft in Gelassenheit; zuckt schließlich die Achseln und
knackt ein Dosenbier.
> Und was wünschen der Herr dann zu werden? Etwa Kuhbauer in
Bukow, oder gibts sonst noch Perspektiven?! <
Er ist eingeschnappt. Trotzdem hab ich das Gefühl, daß Paps an sich
arbeitet. Wie, weiß ich noch nicht; aber es ‘arbeitet’ in ihm. Bin er-
leichtert. Und lange überlegen muß ich auch nicht.
> Entweder werd’ ich später Busfahrer, oder Geschichtenerzähler,
wie Manni! <
> Hör bloß auf mit dem Manni!, < schnarrt Vatter schon viel leiser.
> Wat der wegsäuft, da muß der doch schon hunnert Mal unter der
Erde liegen, oder mindestens nich’ ganz dicht sein! <
> Stimmt. Manchmal ist Manni ‘n bisschen woanders. Macht aber
nix. Seine Geschichten sind jedenfalls so spannend, daß wir... <
> Nu’ hör schon auf mit dem dussligen Kerl! Geschichtenerzähler...
Lachhaft! Werd’ was Anständiges. Von mir aus auch Busfahrer, oder
Bauer, aber den Geschichtenonkel schlag Dir gefälligst aus ’m Kopp!
Prost! <
Wenn Vatter Prost sagt, heißt das grundsätzlich: Ende der Durchsa-

ge. Kommentar unerwünscht.

 

Am nächsten Tag laufen mir Micha Sommer und Ulf Bittner über den
Weg. Zwar sind sie noch sauer, wegen des vermasselten Spiels, doch
irgendwie finden sie es cool, daß ich nicht mehr trainieren muß.
> Mein Alter würd’ mir in den Arsch treten, wenn ich den Krempel
hinschmeiß’, < meint Bittner.
> Und meiner erst!, < schmollt Micha Sommer.
Bittner kramt eine Zigarette raus. > Hier.... <
Ich ziehe dran - hole den Qualm tief rein.
Dann weiß ich, wie Lullen schmecken. Nach nichts. Und ich weiß,
daß kurz danach schwarze Sterne in meinem Kopf aufziehn - lauter
große, schwarze Glitzersterne.
Abflug, ins Gras.
Micha und Uli Bittner retten mich. Ich liege da - höre, wie es knallt.
Was ist das für ein Knallen?, wundere ich mich und öffne die Augen
wieder.
> Der kricht keine Lulle mehr!, < japst Bittner aufgeregt. Und haut
mir sicherheitshalber noch ´ne Klatsche rein.

 

Schneewittchen küsst Streuselbeere

 

 

Dies ist mein voller Ernst: Kinderarbeit muß verboten werden!
Warum?
Weil Kinder lieber rumtoben, als arbeiten - so einfach ist das.
In unserer Schule sehen das alle so - bis auf einige Lehrer, und
die haben meistens das Sagen. Neuerdings schicken sie uns in
den Ferien zur Obsternte nach Mückenbach. Da sind riesige Fel-
der und dort müssen wir schuften. Erdbeeren pflücken. Erdbeeren
naschen macht natürlich mehr Spaß. Also tun wir erstmal so, als
ob wir wie verrückt arbeiten, futtern uns aber ganz nebenbei die
Bäuche voll. Zwei Erdbeeren ins Körbchen, eine in den Mund. Ei-
ne ins Körbchen, zwei in den Mund. Eine im Korb, drei im Mund...
Mittags - es ist warm, wir schwitzen und sind knüppeldickesatt -
gibt es Bohnensuppe aus Blechkübeln.
Bohnensuppe? Nee, danke. Erdbeeren schmecken besser.
Weiter gehts.
Zwei Stunden später pfeift uns der Biolehrer zurück. Schluss für
heute. Körbe werden eingesammelt, die letzten Erdbeeren ver-
putzt, und dann krabbeln wir mit hängenden Bäuchen in den Bus,
der uns nach Hause fährt.
> Nie wieder Erdbeer’n!, < jammert mein Busnachbar, während
er sich die Wampe hält und dauernd rülpst. > Sorry, geht nicht
anders. Hab tierischen Druck!, < entschuldigt er sich.
> Wem sagste das, < klage ich. Hoffentlich sind wir bald da, denn
sonst....

Zu spät. Den eigenen Furz kann ich nicht stoppen.
Zum Glück furzen und rülpsen auch die Anderen im Bus. Sogar
einige Mädchen. Warum auch nicht. Die haben ja genauso viele
Erdbeeren gefuttert, wie wir. Und wenn Mädchen Winde bekämp-
fen, weil der Bauch streikt, dann helfen weder Ein - noch Rück-
sicht. Dann hilft nur noch ein kräftiger Furz!
Nach Lachen ist uns wegen der Stinkbomben aber nicht zu Mute.
Wir wollen nur noch eins: schnell nach Bukow - so hurtig, wie
möglich! - denn wo sich viele ´Winde´ anstauen, da ist’s bis zum
Durchfall ja meist nicht mehr weit hin. Mein Nebenmann bringt es
auf den Punkt. > Hab mich total überfressen. Muß dringend aufs
Klo! <
Ich muß ziemlich angestrengt aussehn. Drum fragt er: > Du
auch? <
> Logisch! <
> Aber ich zuerst! <
> Werden wir ja sehn! <

Endlich hält der Bus vor der Schule.
Türen klappen auf.

Luft. Sauerstoff, endlich...!
Ungefähr vierzig Jungs und Mädchen stürmen gleichzeitig drei
Schulklos. Hackengas geben! Wer zuerst kommt, darf zuerst. Ist
ja klar.

 

Am nächsten Morgen, vor dem Badezimmerspiegel:
Ich sehe was, was Ihr nicht seht und das ist rot - feuerrot, spitz,
dick, und es wächst mitten im Gesicht. Nicht nur da - auch am
Hals wächst es - an Brust und Bauch. Überall sind die elenden, ro-
ten Beulen - groß wie Hühneraugen an abgelatschten Füßen.
Wachsen Hühneraugen neuerdings auch im Gesicht?
> Nich’ so schlimm, < meint Paps nach kurzer Inspektion. > Krät-
ze haste jedenfalls nich’. <
Das beruhigt mich - aber nicht viel. Sehe aus wie Fliegenpilz mit
Ohren. Mist! Ausgerechnet heute wollte ich doch zum ersten Mal
in die Livedisco. Daraus wird wohl nichts. ’Fliegenpilze’ lassen die
da garantiert nicht rein.

 

Dann die rettende Idee.
Drüben, in Mückenbach, ist nachher Hexenparty. Jeder, der sich
verkleidet, darf rein. Also verkleide ich mich und gehe zur Hexen-
party.
Etwa eine Stunde dauert die Verwandlung. Dann steh’ ich, schon
besser gelaunt, abmarschbereit in der Wohnstube. Paps glotzt ir-
gendwie komisch aus der Wäsche.
> Was soll denn dat für ‘ne Gestalt sein? <
> Rate mal...<
> Ich seh nur ‘n halbnackten, rotbemalten Bengel mit Mutts blon-
der Wusche auf’m Kopp. ‘n Wilder mit Kopfbedeckung, < stellt
er trocken fest.
Über soviel Phantasieknappheit kann ich nur mühsam lachen.
> Sieht doch jeder, daß ich ‘ne Erdbeere bin, Papa! <
> Und wat soll denn Mutters Perücke darstell’n?, < will er wissen.
> Die Streuseln. <
> Streusel? <
Seine Augenbrauen rutschen ein Stockwerk höher.
> Wat denn für Streusel? Ich denk’, du gehst als Erdbeere? <
> Streuselbeere, < verbessere ich.
> Du meinst Stachelbeere? <
> Nee, Streuselbeere. <
Er lehnt sich zurück, grinst sich eins.
> Aha. Streuselbeere. Noch nie wat von gehört. Wat soll dat denn
sein? <
> Streuselbeeren sind Erdbeer’n mit Streuseln obendrauf. <
> Also Streuselkuchen...<
> Nee, Streuselbeer’n! <
Er gibt auf, holt tief Luft.
> Von mir aus. Lass doch dem Bengel seine Streuselbeern, und mir
min Ruh!. <
Die nächste Frage des Tages kennt Paps schon ganz gut. Trotzdem
hört er sie immer wieder gern.
> Krieg’ ich ‘n bisschen Taschengeld? <
Fünf Euro gibts, mehr nicht. Mit dem Auszahlen lässt Vatter sich
jedesmal viel Zeit. Wenn ich schon halb zur Tür raus bin, ruft er
noch: > Spar dir die fünf Euro lieber für wat Besseres. Deine Kum-
pels brauchste nich’ mit durchfüttern!. Und außerdem heiß’ ich
nich’ Rockefeller! <
Amen.
Bin schon über alle Berge.

 

Auf der Hexenparty sind jede Menge Bekannte. Micha Sommer
ist da, Bittner, Heike und Sabine, die in der 6b ist. Auch ältere
Leute. Sogar Manni und Oma Lutti trudeln ein. Manni wollen die
Kassierer erst nicht reinlassen, weil er kein Kostüm hat.
Hat er doch. Heike schnallt ihm auf die Schnelle eine Holzpistole
um, und schon geht er als Sheriff durch. Passt ja auch irgendwie:
er ganz in schwarzen Klamotten (...muß ein Tick von ihm sein),
plus schwarzem Hut. Den Colt dazu - fertig ist der neue Sheriff
von Mückenbach.
Oma Lutti sieht noch viel besser aus. Sie geht als Rotkäppchen.
Manni rückt ihr nicht von der Pelle, so stolz ist er auf sein
schrumpliges Rotkäppchen.
Heike ist die bucklige Waldhexe und Sabine Schneewittchen. Hin-
ter König Drosselbart erkenne ich Bittners Rübe. Micha Sommer
sieht so ähnlich aus, wie ich, nur daß er ein Rothautindianer ist,
und ich ‘ne Streuselbeere.
> Scheiss Erdbeern!, < zischt mir der ‘rote Indianer’ ins Ohr. > Bin
total voll mit Beulen! <
> Fällt aber garnich’ auf. <
> Nich’? <
Er grinst tapfer. > Nächstes Mal könn’ die sich ‘n andern Doofen
für die Flückerei suchen. Mich scheuchen die jedenfalls nich’ mehr
auf’m Acker rum! <
> Die Erdbeern war’n lecker. Nur zuviele, < halte ich dagegen.
> Jaja. Aber der Dünfiff danach...Und die Scheissblasen! Mir is’
jedenfalls jetzt noch sauschlecht. Alles Kacke!. Und Heike will
auch nich’ mit mir gehn, weißte...? <
Weiß ich nicht. Will ich auch nicht wissen. Sein Gejammer geht
mir auf den Keks, also tauche ich ab und irgendwo in der bunten
Menge wieder auf.

Oben auf der Bühne tut sich was. Die Band grüßt alle - legt los
mit Heavy Metall. Manni und Oma Lutti schieben sich zur Tanz-
fläche durch, legen ‘ne flotte Sohle auf’s Parkett. Oma Lutti fliegt
die Rotkäppchenhaube vom Kopf. Auch die Pilze in ‘Rotkäpp-
chens’ Korb fliegen sonstwohin. > Is’ nich’ ganz mein Jeschmack!,<
überschreit sie die Musik. > Aber wat mut, dat mut! < Sie schnappt
nach Manni. Dann wirbeln die Beiden von hier nach da und von da
nach hier.
Ein schönes Durcheinander. Alte, Junge, ganz junge Leute. Ist nicht
so wichtig. Hauptsache, man hat Spaß!
Micha Sommer versucht es nochmal bei Heike.
Sie will nicht mit ihm tanzen. Pech für ihn.
Als Bittner kommt, will sie doch.
Einige Schreckminuten später dienert Micha vor Sabine.
> Willste tanzen? <
Auch keine Lust.
> Denn nich’, blöde Kuh!, < schnauzt Micha und zieht Leine.
Zwei Abfuhren, kurz hintereinander - die reichen für heute.
> Tschüssi!,< ruft er scheinbar unbeeindruckt über die Köpfe hin-

weg.
Keiner ruft >tschüssi!< zurück. Wir tanzen, hopsen munter umher.
Die Tanzfläche ist viel zu klein, weil immer mehr Leute Spaß ha-
ben wollen. Jeder tanzt mit jedem - die Hexe mit dem Sheriff,
Schneewittchen mit König Drosselbart, Streuselbeere mit Rot-
käppchen.
Abklatschen. Dann tanzt Streuselbeere mit Schneewittchen. Streu-
selbeere schwitzt immer mehr. Folge: die rote Gesichtsfarbe ver-
dünnisiert sich. So ein Mist!
Die Waldhexe fängt an zu kichern, weil sämtliche Beulen sichtbar
werden. Schneewittchen tritt ihr ans Bein. Das wirkt. > Auaaah!,<
beschwert sich Heike.
Schließlich tanzen sie eng zusammen - Schneewittchen und Streu-
selbeere. Sie knutschen sich. Sie knutscht ihn, bessergesagt. Er
wird rot, doch das hilft nicht viel. Die ganze Farbe ist futsch - der
Schutz, die einzige Tarnung. Schluss, aus - jetzt bin ich nur noch
Streusel - ohne Beere. Trotzdem: Sabine, pardon: Schneewittchen
hat mich wachgeküsst.
> Was machst du da?, < frage ich sie.
> Na, was schon. Dich küssen. <
> Und wieso? <
> Frag nich’ so doof! <
Na gut.


Später, auf dem Nachhauseweg, haben wir noch viele Autos und
Mopeds mit Senf eingeschmiert. Hexennacht - da darf man das.
Wenn es verboten wär, würden wir’s erstrecht machen, weil Ver-
bote nur für Miesepeter erlaubt sind.
Manni ist nach langer Abstinenz mal wieder ziemlich besäuselt.
Sein Singen hält uns davon ab, die Haustür von unserem Bürger-
meister einzuschmieren. Schade, da hätten wir auch gern was hin-
gemalt...Nichts zu machen. Manni, der schwarze Sheriff, gröhlt
halb Bukow zusammen. > Iiiihr seieieid alllle verhaffftet, Iiiihr
Schmiiiiiiiiierfinken! Hände und Füße hoch! Beieieine in diiie Wand
und Zzzunge rauauaus! <
Wir tun ihm den Gefallen, lassen uns der Reihe nach verhaften und
werden wieder freigelassen.
Ganz zu Schluss wird Oma Lutti verhaftet - vor ihrer eigenen Haus-
tür. Dann schlappen die Beiden Arm in Arm und fröhlich lallend, die
Treppen rauf.

Sabine muß an diesem Abend um zehn zuhause sein. Ich halb elf.
Es ist aber schon nach elf. Also spazieren wir noch einige Runden
um die Wohnblocks, bis es nach zwölf ist.
Bevor sie geht, fragt Sabine, ob ich morgen wieder mit nach Müc -
kenbach komm’, zum Erdbeernflücken?
Bei dem Wort ‘Erdbeernflücken’ fangen meine Beulen sofort wie-
der an, zu jucken.
> Na klar, < sage ich.
Du mußt bekloppt sein, denke ich.
Oder verknallt.

Hermann ist tot

 

 

Neulich nacht ist es passiert....Ich träume gerade so schön vom
Bootfahren im Hafen....Die Sonne lacht. Sabine lacht....ich schie-
le schwitzend in ihren Brustausschnitt, schwinge tapfer die Boots-
paddel. Biene kriegt spitz, daß meine Augen gleich rausfallen. Sie
will mir eine kleben....Da weckt mich ein Schrei von draußen.
Wühle mich also aus dem Kopfkissen. Kurz vor zwei, zeigt der

Wecker.
So ein Stinker! Kann der nicht morgen weiterschreien? Nach sie-
ben wär nicht schlecht, dann bin ich sowieso weg, zur Schule.
Pustekuchen. Der nächste Schrei folgt prompt. Und Glöckchenge-
bimmel. Hundeknurren. Dann eine Stimme. > Aus, Bolle! Hier-
her! <
Bolle will anscheinend nicht hören. Sein Geknurre geht weiter.
Schließlich bimmelt das Glöckchen zum letzten Mal. Der eben-
falls letzte Schrei einer Katze, die Bolle offenbar erwischt hat,
schallt umher.
> Lass endlich los, Köter, elender!, < schnauzt die Männerstimme.
> Los, bei Fuß! <
Stille.
Einige Sekunden vergehen. Dann sind Schritte zu hören. Dazwi-
schen unverständliches Gebrummel. Etwas schleift über Kies...Ei-
ne Tür klappt auf und wieder zu. Reifen quietschen; ein Wagen

braust davon.

 

Etwa zehn Minuten später werde ich nochmal wach, weil der Mann
im Auto zurückkommt. Eine Tür fliegt zu. Die Haustür. Rummss.
Dann ist endgültig Ruhe.
Ich werfe mich auf den Bauch; will weiterschlafen, doch plötzlich
spuken grausige Ahnungen durch meinen Kopf...Bin hellwach. Die
Ahnungen und Geräusche, vorhin, formen sich zu Bilder. Immer
deutlicher werden die Bilder....Hundeknurren, Glöckchengebim-
mel....Katzenschreie. Aufgeregte Männerstimme. Schleifen auf
Sand. Schnelle Schritte, Richtung Wagen. Mit Karacho verschwin-
den....Mächtig verdächig, das Ganze!
Mir fällt ein, daß in der Nachbarschaft ein Kater rumstrolcht, der
ein kleines Glöckchen am Hals trägt. Die Besitzerin des Katers
kenne ich auch. Oma Lutti - Mannis’ Augapfel.
Oma Lutti ist total verliebt in ihren schwarzweissen Straßentiger.
Aber jetzt hat Bolle ihn gefressen....Au Backe, das gibt Ärger!
Will immer noch nicht glauben, was ich mir da zusammenspinne.
Denke aber, ich liege richtig: Der Hermann ist tot - toter gehts

nicht.

Am nächsten Morgen ist was los im Viertel. Oma Lutti sucht fie-
berhaft nach Hermann, der seinen Futternapf nicht mal angerührt
hat. > Da is’ wat oberfaul!, < schimpft sie, schon halb weinend.
> Wenn der Hermann den Fressnapp stehnläßt, denn isser ausge-
büchst, oder auf Brautschau, oder... <
Sie schluckt ein paarmal. Dann kommen ihr auch schon die ersten,
dicken Tränen.
Die Suche geht weiter - den ganzen Tag lang. Manni schaltet sich
auch mit ein; schon deshalb, weil er seine Perle - also Oma Lutti -
schnellstens wieder lachen sehn will.
> Hermann!....H e r m a n n!, < schallt es durch ganz Bukow.
Nichts. Kein Kater in Sicht. Nur ein paar streunende Katzen, die
sich als Hermann ausgeben zeigen sich - und auch nur, weil sie sich
Extrafutter erhoffen.
Der echte Hermann bleibt verschwunden. Oma Lutti heult sich die
Augen aus. Manni hat Mühe, sie zu beruhigen. > Der ströbt nur
rum, Muttchen. Wirst sehn, moin steht der Rumtreiber hier auf
der Matte! <
Oma Luttis Kuchen bleibt uns fast im Hals stecken, weil sie so
traurig dahockt.
Ich überlege, daß es jetzt an der Zeit ist, zu erzählen, was ich letz-
te Nacht hörte. Also erhebe ich mich vom Küchenstuhl, öffne den
den Mund, will anfangen....Na, was ist denn?
Kein Sterbenswort kommt mir über die Lippen....Biste etwa

stumm geworden?

Nee, nur ein bisschen heiser. Huste. Nochmal - und setze mich
wieder.

Irgendwas hält mich zurück. Vielleicht ist es Bolle, die doofe Rie-

sendogge, den ich trotz allem mag. Normalerweise frisst der ja

keine Katzen, sondern nebenher Kartoffeln in Bratensoße, die

ich ihm bringe, wenn was vom Mittag übrig bleibt.
Nee, Bolle frisst nur das, was er nebenbei schnorrt. Außerdem ha-
ben Hermann und er oft gespielt. Na ja, Hermann hat ihn meistens
gefoppt, und Bolle ist dann hinter ihm her. Hermann ist immer
schneller, weil Bolle nur langsam rennen kann, oder will. Mit seinen
langen Stelzenbeinen und dem dicken Wanst sind auch keine Sprints

machbar, schätze ich mal.
Letzte Nacht war Bolle wohl ausnahmsweise mal schneller. War ja
dunkel, und Bolle hat den Hermann bestimmt im Schlaf überrascht.
Bockmeyer, der Nachbar, hatte natürlich Schiss, daß Oma Lutti or-

dentlich Rabatz macht, wenn rauskommt, daß Bolle den Kater zum

Nachtisch verdrückt hat. Also muß er Hermann schnellstens ver-

schwinden lassen.
Wie es aussieht, bin ich der einzige Zeuge - Ohrenzeuge, besserge-

sagt. Doch: was nützt mir das? Will pardu auch nicht verstehen, wa-
rum Bolle seinen Spielkameraden einfach frisst. Mich würde er je-

denfalls nicht zerfleischen. Logisch, ich bring’ ihm ja auch lauter Ex-

trafresschen vorbei. Wär doch dumm, den Spender gleich mitzufres-

sen. So doof  ist Bolle denn doch nicht.

Trotzdem - warum Hermann? Da soll einer schlau draus werden.
Kohldampf muss Bolle nicht schieben. Der alte Bockmeyer arbei-
tet nämlich im Schlachthof. Da hat Bolle immer gut zu futtern, und
so ’ne kleine Miezekatze garnicht nötig. Aber: sicher ist, daß Her-
mann tot ist - und Bolle hat ihn gekillt. Hab keine Ahnung, warum.
Vielleicht war die Anschleicherei auch ‘ne Art Spiel für ihn. Kurz-
um: Fakt ist, daß in Bolle ein höchst gefährliches, unberechenbares
Monster steckt, und das muss schnellstens bekämpft werden! Fest
entschlossen, ihm das teuflische Ungeheuer auszutreiben, renne
ich nach Hause, schließe mich im Zimmer ein und denke mir pas-
sende Strafmaßnahmen aus.

 

Herr Bockmeyer hat nichts dagegen, daß ich Bolle gleich nach der
Schule abhole. Er kennt mich ja schon lange und gut - weiß, daß
Verlass auf mich ist und daß ich keiner Kreatur die Mecke krüm-

me - außer zum Streicheln.
Wenn er sich da mal nicht irrt...
Außerhalb von Bukow gibts noch einige alte Kriegsbunker. Die sind
tief unter der Erde, eignen sich also bestens für Teufelsaustreibun-
gen.
Mit viel Mühe öffne ich eine der moosigen Erdluken, die tief ins
schwarze Höllendunkel führen, lasse Bolle vorspringen. Der kläfft,
als wolle er sagen: los, du auch!
Ich pfeif’ ihm was und schließe einfach die Klappe, kaum daß er vor-

gesprungen ist.
> Angeschmiert, Freundchen. Jetzt kannste kläffen bis Sankt Nim-
merlein. Hier draußen hört dich sowieso keiner. Doch, ich. Bin aber
nur der Monsteraustreiber, der ganz schlecht hört, weißte...<
Vielleicht bekennt sich Bolle ja freiwillig des heimtückischen Mor-
des für schuldig. Wahrscheinlich ist das zwar nicht, weil er ein
ganz zäher Hund ist. Den zu bändigen, kann lange dauern. Jeden-
falls wird er jetzt erstmal eine Weile da unten schmoren. Morgen
komme ich dann wieder. Auch Übermorgen und Überübermorgen.

Mal sehn, ob er bis dahin ein ganz braver Bolle geworden ist, der

keine Katzen mehr jagt, sondern ihnen die Ohren abschleckt, weil er

sie ganz doll lieb hat.
Verhungern lasse ich Bolle natürlich nicht. Minimalst-Fütterung.

Klappe auf. Futter rein. Klappe zu. Mehr ist nicht, denn Strafe muß

sein.

Blöder Spruch, doch diesmal passt er.

Ich wälze mich im Gras - Bolles Erdgefängnis immer in Sichtweite.
Döse so vor mich hin. Der Himmel ist riesig und blau. Nach dem
vierten Gähnen schlafe ich ein.

Kling Glöckchen klingelingeling....
Nanu?, staune ich. Schon Weihnachten? Mitten im Sommer?
Kling Glöckchen klinge....Kein Schnee weit und breit, kein Weih-
nachtsmann, keine Geschenke, oder dergleichen. Dafür Gebim-
mel....Immer deutlicher wird es. Dann ein Rascheln im Gras. Das
wird spannend....Wälze mich herum - schrecke plötzlich hoch und
starre direkt in zwei grünliche Augen, die mich genauso überrascht
anblitzen, wie ich sie....

Muss die Hitze sein. Eine Fatamorgana. Klar, die Hitze ist dran

Schuld, denke ich noch, als mir das rabenschwarze Wesen auch

schon um Arm und Beine streicht....
Schließlich kratzt es sanft an meiner Schulter, es schnurrt und jault,

als wolle es mich mit lauter abenteuerlichen Lügenmärchen überhäu-
fen....Sicherheitshalber reibe ich mir nochmal die Augen....Klein,
schwarz, weisse Flecken an Bauch und Nase - das kann nur einer
sein: endlich kapiere ich, daß Hermann kein gewöhnlicher Kater
ist.

 

Tja, so war das mit dem toten Hermann, der wieder auferstand.
Bei Bolle hab ich mich inzwischen auch entschuldigt. Er hat die
Entschuldigung sofort angenommen - schon wegen der zwei Ex-

trabuletten, die nicht mehr in Paps’ Wampe, dafür aber bestens in
Bolles’ Bauch reinpassten.

 

Eigentlich sind wir alle happy. Vor allem Oma Lutti. Die sperrt ih-
ren Hermann jetzt nachts im Schuppen ein, wo er vor lauter Lan-
geweile Mäuse, notfalls auch Fliegen fängt. Alles geht wieder sei-
nen gewohnten Gang. Na ja, nicht ganz, denn eine Besonderheit
muß unbedingt noch erwähnt werden...Seit der glücklichen Rück-
kehr macht Kater Hermann einen großen Bogen um Bolle. Er wird
wissen, warum.
Doch da ist noch eine Besonderheit, die ziemlich merkwürdig ist...
Der Hermann ist wieder zu Hause, aber dafür fehlt jetzt Biggi, die
Katze von Frau Köster. Die war neulich nacht ebenfalls auf  Wan-
derschaft, und ich ahne schon bildlich, wie das war...Hermann hat-
te wohl beschlossen, Biggi zur Freundin zu nehmen....Sie strolch-
ten also verliebt zu zweit die Straße lang. Neidisch, wie er war,
kam Bolle angerannt, und.....Schnapp.

 

Seitdem vermisst Frau Köster ihre Biggi.

 

Mit allem Sörvis

 

 

Ein grauer Wohnblock. Max-Pietsch-Straße. Nummer 3.
Hinten, im Hof, der Schuppen. Ein Schild an der Tür.

Fahrradwerkstatt mit allem Sörvis

Die Tür geht auf.
> Immer rein in die Rumpelbude!, < flappst der Werkstattbesitzer.
> Bier kann ich Dir nich’ anbieten, < meint er.  > Mit dem Supen
(saufen) is’ endgültich Schluss. <
Sein Grinsen wirkt säuerlich.
> Muttchen Lutti gönnt ei’m aber auch garnix. <
Er verwischt Schweiss im Gesicht.
> ‘ne Affenhitze is’ dat. Entschieden zu trocken, die Luft, ne? <
Da ist sein Lachen wieder.
> Zuviel Trockenheit is’ ungesund für die Bronchien. Kuck ma’
inne Putzlappenkiste. Da muß noch ‘ne Brause für uns drin sein.
Für mich die gelbe Brause, die so schön schäumt. <
Er blickt auf - kneift die Augen.
> Nanu. Biste eingeschnappt, weil sich der olle Fahrradfritze ‘n
Bierchen gönnt? <
> Nee, < antworte ich geknickt. > Nur in der Klemme... <
> Manni? <
> Jo. <
> Du kennst doch Biene? <
> Jo, kenn ich. Hat se ‘n neuen Freund? Ich mein’nur, weil Du
so käsich aussiehst. <
> Nee, viel schlimmer! <
> Noch schlimmer? <
Er beugt sich vor.
> Sach bloß, sie hat zwei neue Freunde? <
> Viel, viel schlimmer! <
> Mensch Jung’, Du machst dat aber spannend. Na los, raus da-
mit! <
> Biene will heiraten. Undzwar mich! <
> Heiraten? Jetz’ schon? Is’ dat Mädel noch zu retten?! Die is’
doch erst...( er kratzt sich hinterm Ohr)....die is’ doch erst drei-
zehn, ne? <
> Vierzehn. <
> Vierzehn, aha, < nickt er anerkennend und setzt die Flasche an.
> Tut gut, die Brause, < scherzt er. Dann nimmt sein Gesicht den
Ernst der Lage an.
> Und Du? <
> Fast vierzehn. <
> Dat mein’ ich nich’. Dat and’re... <
> Nee, heiraten will ich eigentlich garnicht. Aber ich hab’s ihr
fest versprochen. <
> Wie nu’? Kapier ich nich’. Versprochen haste’s, aber heiraten
willste doch nich’? Wie soll dat denn funktionier’n? <
> Ich bin dafür, daß wir erst später heiraten, wenn ich achtzehn
bin. Biene will aber schon früher heiraten. Mit sechzehn. In Eng-
land geht das, hat sie gesagt, weil sie’s im Fernsehn gesehn hat. <
> Im Fernsehn? <
> Ja. Nee, in England. <
> Mit sechzehn? <
> Sag ich doch. <
Er schüttelt den Kopf.
> Ganz schön bekloppt, die Engländer. <
> Manni? <
> Noch ‘ne Überraschung? <
> Nicht weiter schlimm...Biene will Dich nachher noch selbst fra-
gen, ob Du denn unser Trauzeuge wirst? <
> Trauzeuge? Halt, stopp ma’. Ich denk’, Du willst nich’, oder nich´
gleich, oder wat willste denn nu’? <
Er strafft sich und glättet seinen grauen Arbeitskittel.
> Also, eins is’ma’ klar...Grundsätzlich hab ich nix dagegen, dass
ihr beide nach England abhaut, wegen der Heiraterei. Nur will ich
schon wissen, wann genau die Sache startet. Wenn Du also mit acht-
zehn und Biene schon mit sechzehn... <
Diesmal ist sein Kratzen am Ohr heftiger.
> Nö, dat haut schon garnich’ hin, Leute. Dat müsst Ihr schon ‘n
büschen genauer abklärn, wann Ihr abhaun wollt. Nachher seid
Ihr schon in England, und ich, der Dussel von Trauzeuge, trudelt
erst zwei Jahre später ein...Nö, macht dat ers’ ma’ fest und denn
sagt mir Bescheid, ne? <
> Geht klar. <
> Na denn...Prost, Ihr Glücklichen! <
Flaschen klirren.
Nach einer Denkpause macht Manni sich wieder an die Arbeit.
Schläuche flicken, Achten raushaun, Ketten ölen, und was sonst
in einer Werkstatt zu tun ist. Geld verdient er damit nicht. Die
Werkstatt ist nur so eine Idee, um ab-und zu den scharfen Geier-
blicken Oma Luttis’ zu entwischen. Die passt nämlich furchtbar
auf, daß Manni außer Kaffee, morgens, nur Milch und Tee trinkt.
Hier schraubt er jetzt an kaputten Fahrrädern herum, ist ganz in
seinem Element - zwar auch manchmal betrunken, dafür aber
bestens gelaunt.
Neuerdings bildet er sich was drauf ein, daß letztens sogar der
Stellvertreter vom Bürgermeister sein Fahrrad vorbeibrachte. Je-
denfalls schadet ihm das bisschen Einbildung nicht. Manni bleibt
Manni - mit oder ohne Fahrradsörvis.

> Tschüssi!, < ruft er noch. > Und sagt mir rechtzeitich Bescheid,
wenn die Sause nach England losgeht! <
Er hebt die rechte, ölverschmierte Hand zum Schwur.
> Top sikret. Is’ ma’ klar. <
Keine Miene verzieht er. Das Lachen ist auch verschwunden. Fei-
erliche Stille. Und das heißt: wir können uns auf ihn verlassen.
Bin total happy und renne los, um Biene die neuen Nachrichten

zu überbringen.

 

Das mit dem Loswerden neuester Nachrichten ist garnicht so
leicht, denn heute ist Neptunfest im Hafen und da ist immer
mächtig Trubel. Halb Bukow wartet schon gespannt auf die An-

kunft von Neptun.

 

Da ist er endlich!
Wie jedes Jahr kommt der König aller Tümpel, Seen und Meere
im Boot ans Ufer. Nur diesmal sieht Neptun nicht aus, wie Nep-
tun aussehn sollte - mit Dreizackspieß, Schilfrock, langem, nassen
Haar, reichlich Seegras an Schultern und Beinen, und mit furcht-
einflößender Bärenstimme. Nee, heute scheint der alte Herr irgend-
wie nicht bei der Sache zu sein.... Dauernd muß er rülpsen und
sich kratzen. Die vier Häscher müssen ihn hin - und herschieben,
damit er nicht umkippt. Außerdem nuschelt Neptun extrem, fliegt
einmal sogar hin, als er im knietiefen Wasser seine Botschaft ans
Landvolk verliest.
> Ich der große, große.... <
Seine Nase drückt sich fast platt auf dem Pergamentpapier, wo
die Buchstaben seiner Botschaft langsam zerlaufen.
Nächster Versuch.
> Ich, der riesich große Wassergott...der allergrößte Herrscher
über Wal, Walrösser, Rollmops, Wattwurm und Wandermuschel,

bin gekommen, um Euch Landratten...hicks....Also denn...ich,
der allergrößte Großherzog...Nö, kann nich’sein....Bin ja Könich...

Ich komm also, um Euch Sandlatscher zu bestrafen, weil Ihr mein
riesich großes Reich verunschweinigelt...nö, verunreinigt...Und
deshalb muß ich einige von Euch mit besonderer Härte...undzwar
diejenigen, die besonders viel rumschweinigeln....Prost, erstma’...!
Neptun greift unter sich, zieht schwuppdiwupp ‘ne tropfende Bier-
flasche zwischen den Beinen hoch.
Nach anfänglichem Staunen wegen Neptuns eigenwilligem Stil
und seiner Aufmachung (er trägt Römersandalen, poppige Bade-
hose und den schwarzen Hut verkehrt herum. Kurz: er sieht aus
wie ein Hilfssheriff für Arme...), werden die ersten Pfiffe laut.
Das sind meist ältere Leute, die sich über den torkelnden Neptun

ärgern. Die große Mehrheit dagegen findet den Sheriff in Römer-
latschen, der Neptun sein soll, ziemlich ulkig und abgefahren. Der
wiederum regelt die Aufregung schließlich auf seine Weise.
> Donnerwetter nochmal!, < bläht er sich auf. > Wenn nich’ gleich
Ruhe is’ im Schiff, lass ich die ganze, meuternde Mannschaft ver-
haften! <
Das wirkt. Noch einige, schwache Proteste. Dann ist es mucks-
mäuschenstill. Der könnte ja Ernst machen...
> Nu’ also, geht doch, < schnauzt Neptun.
Langsam liest er die Namen auserwählter ‘Schmutzfinken’ vor.
Wegrennen nützt nichts. Die Häscher schnappen jeden. Die Auf-
gerufenen müssen einiges aushalten - eklige Glibberbrühe, die
nach Senf, Salz und gekochter Stinksocke schmeckt und riecht,
trinken. Danach werden sie von oben bis unten eingeseift, mit
Holzspachtel rasiert, an Händen und Füßen gepackt - zwei, drei
Luftschwinger - und dann landen sie - platschsch! - im Wasser.
Der Lohn für diese Tapferkeit ist eine läppische Urkunde vom
wilden Neptun. > Ich, der große, starke Herrscher über alle Ge-
wässer, ab Pfütze aufwärts, taufe dich hiermit auf den Namen:
leuchtendgelbe Seerose....Ich, Neptun, der riesich Starke....auf
den Namen: neunarmige Riesenkrake....auf den Namen: schnau-
fendes Flusspferd.... <

 

Sabine muß auch dran glauben. Dafür darf sie sich später ‘sturm-
feste Schwarzkopfmöwe’ nennen.
Eigentlich wünscht sich Biene einen schöneren Zweitnamen, weil
sie Möwen nicht gerade toll findet. > Die kacken mir jedesmal
auf’n Kopp, wenn ich im Hafen Schwäne fütter’, < beschwert sie
sich bei mir.
> Schwarzkopf passt doch, wegen deiner schwarzen Haare, < halte
ich dagegen.
> Na und! Bin trotzdem keine Möwe, die andern auf’n Kopp
kackt! <
> Sagt ja auch keiner, < versuche ich sie zu beruhigen.
> Sagst Du doch! <
> Sag ich nicht! <
> Hast Du doch gesagt! <
> Ich hab nur gesagt, daß... <
Weiter komme ich nicht. Sie tritt mir ans Bein.
> Dich heirate ich bestimmt nicht, Doofmann! <
> Selber doof, Kackmöwe! <
Sie holt aus. Ich kann gerade noch abtauchen, so daß sich Bittner,
mein Nachbar, die Ohrklatsche einfängt. Der steht da und hat von
Tuten und Blasen keine Ahnung. > Was war das?, < wundert er
sich, während seine linke Gesichtshälfte immer bunter - vor allem
rot - wird.
Sabine verschwindet.
Und ich verschwinde in die andere Richtung.
Über England und so haben wir seitdem nicht mehr gesprochen.


Zwei Wochen später. In Mannis’ Fahrradschuppen.
Ein Brief für mich. Von Sabine. Sie schreibt: wir könnten ja
trotzdem wieder zusammen gehn. Auch ohne England.
Neptun, der Sheriff in Badehose, oder einfach nur: Manni stößt
mich an. > Na los. Abmarsch. Dat Mädel wartet im Hafen auf
Dich. <
Hab auch meinen Stolz; also lasse ich sie noch eine Weile schmo-

ren.
> Nu’, wirds bald!, < motzt Manni.
Das hilft.
> Geh ja schon...! <
Er schiebt mich sanft zur Tür raus.
> Manni? <
> Jo. <
> Biste jetzt stinkig, weil Du kein Trauzeuge wirst? <
> Stinkich? Iwo. Na ja, dat verrückte England hätt’ ich mir schon
gern ma’ angekuckt. <
Er lacht sich eins.
> Lass ma’. So’ne nette Räuberhöhle, wie hier, krich ich da auch
nich’ für nix. Und denn verstehste ja sowieso kein Wort nich’,
wat die da drüben für’n Kauderwelsch quasseln. <
Er klopft mir ins Kreuz.
> Ab durch die Mitte. Und grüß mir dat Mädel! <
In seinen Augen blitzt plötzlich ein heller Schimmer. Wenn die
Augen lachen könnten, dann jetzt - genau jetzt.
Ich gehe - dreh mich um und sehe das Großgeschriebene an

der Schuppentür.

....mit allem Sörvis

Stimmt.

Grün und blau


Heike hat überall Flecken auf der Haut - vor allem grüne und
blaue. > Bin hingefallen, < sagt sie.
Komisch, denn in letzter Zeit fällt sie offenbar dauernd hin. Je-
denfalls verschwinden die Flecken überhaupt nicht mehr.
> Sie lügt!, < meint Sabine, Heikes’ zweitbeste Freundin. > Jede
Wette, daß sie zuhause feste Prügel kriegt! <
Biene ist deswegen richtig sauer. Aber auch hilflos.
> Kann man ihr denn garnicht helfen?, < fragt sie geknickt.
> Kann man schon, < brummt Manni, als wir bei ihm zusammen-
sitzen. > Is’ aber nich’ so leicht...<
Je mehr er über Heike hört, desto wütender wird er. Zuletzt wirft
er sogar das Fahrrad um, an dem er gerade werkelt, und motzt:
> Wer Kinner kloppt, is’ ‘ne Oberflaume! <
Da sind wir ganz seiner Meinung, doch weiter hilft uns das nicht.
Allmählich arbeitet es in Mannis’ Kopf. Er lässt sich viel Zeit, ehe
er fragt: > Wo wohnt dat Mädel denn? <
> Rudolf  - Breitscheid - Ring. Garnicht weit weg von hier! <
> Nummer? <
> Elf. <
Er beugt sich weiter vor.
> Welcher Stock? <
> Zweiter, glaub ich, < sagt Biene.
> Glaubst du, < bohrt Manni. > Ich muß dat genau wissen! <
> Warum?, < fragt Biene.
> Weil ich der holden Sippe ‘n Besuch abstatten werd’! <
> Würde ich nicht machen, < warnt Biene.
> Wieso? Schießen die scharf? <
> Nee, das nicht, aber ihr Stiefvatter ist fast doppelt so groß, wie
du. <
> Na und!, < schnauzt Manni. Ich marschier´ dahin, und wenn
der dreimal so groß is’! <


Er macht seine Ankündigung wahr.
Einige Tage danach suchen wir ihn im Fahrradschuppen auf -
sind natürlich gespannt, ob sein Besuch was gebracht hat.
Hat er wohl nicht, denn Manni hockt geknickt in der Ecke - zwei
Veilchen um die Augen und mit aufgeschlagener Lippe. Er zerrt
ungeduldig an einer Fahrradkette - zerrt solange, bis sie ihm um
die Ohren fliegt. Auf die paar Schrammen mehr kommt’s wahr-
scheinlich auch nicht mehr an. Manni kratzt sich nicht mal am
blutenden Ohr.
> Ich hab dich gewarnt, < meint Biene.
> Weiß ich doch!, < schnauzt Manni los. > Der Schietkerl is’
wirklich ‘ne Bedrohung inner Landschaft. Grade ma’ zwei Sätze
hab ich rausgekricht...da hat’s schon bums gemacht...Ich segel
die Treppe runter, da is’ mir der Kerl nach und kloppt mir noch-
mal was auf die Rübe...Dreimal hatter hingelangt. Jedesmal ‘n
Treffer! <
Ihm stehen Tränen in den Augen - nicht wegen der Kloppe - die
hakt er unter ‘unvermeidbare Kriegsverluste’ ab. Nein, die Tränen
sind aus Wut und Verbitterung. Er konnte Heike nicht helfen - das
wurmt ihn!
Erstmal sind wir alle ratlos.


Heikes bunte Flecken nehmen in jenen Tagen immer größere For-
men an. Bald ist sie nur noch ein einziger, grünblauer Farbfleck.
Wieder vergehen Tage. Wochen. Heike weint immer öfter - ver-
kloppt neuerdings einige Mädchen aus unserer Klasse. Auch
Jungs - sogar die, die zehnmal stärker sind. Die Biolehrerin, Frau
Suppe, nennt sie ‘blödes Suppenhuhn’ und Herr Brockmann, der
Mathelehrer, muß sich ‘alter Saftsack’ gefallen lassen.
Heike ist wie ausgewechselt - völlig anders, als früher. Sie klaut
jetzt sogar Schulgeld, starrt meistens müde vor sich hin, statt zu
lernen. Wenn man sie nur leicht antippt, zuckt sie heftig zusam-
men - schreit sofort los, wie ‘ne Verrückte.
Es gebe noch viel mehr aufzuzählen, doch ich denke, das reicht
für’s Erste. Ihr merkt auch so, daß es Bienes Freundin schlecht,
oder bessergesagt: total beschissen geht.
Wir fühlen uns genauso beschissen - fragen uns, wieviel Zeit wir
noch mit Zuglotzen und Nichtstun verplempern wollen?!

Noch genau eine Woche. Dann ist endgültig Sense, mit Glotzen.
Wieder sitzen wir bei Manni zusammen, und endlich sagt jemand
den befreienden, kurzen Satz: > Jetzt reichts! <
Ohne Gegenstimme wird eine härtere Strategie beschlossen. Das
heißt: Hiebe für den Schläger, undzwar reichlich!
Acht gegen einen - okay, das ist unfair. Klops (Stiefvatter) gegen
Krümel (Heike) ist aber auch nicht koscher. Also los, Fäuste
aus dem Sack!
Manni muß uns bremsen, damit wir nicht sofort blindlings auf
die Schweinebacke losgehn.
> Wir warten ab, bis dat dunkel is’...<
Allgemeines Schmollen, aber auch Einsicht, daß es wohl besser
ist.
Also warten wir.

Sieben Uhr.
Acht.
Neun.
Halb zehn. Zehn vor zehn.
Endlich! Draußen ist es stockduster.
> Sind wir klar, zum Angriff?, < fragt Manni.
> Jo, < kommt es relativ kleinlaut zurück.
> Dat klang nich’ grade überzeugend, < stichelt er. Derweil
schnappt er nach einem zerschnittenen Stück Reifengummi und
prüft dessen Griffigkeit. Dann knallt’s an der Wand, daß der Putz
nur so fliegt.
> Passt, < stellt Manni trocken fest. Er glotzt uns der Reihe nach
an - so intensiv, als könne er so jede Menge Muckies und Mumm
beizaubern. Jedem klopft er einzeln auf die Schulter - tapfere Krie-
ger, die wir sind. Das wirkt, denn wir merken langsam aber sicher,
daß wir auf einmal ungeheuer groß und stark sind - zumindest den
Moment lang.
Sicherheitshalber die zuletzt gestellte Frage nochmal.
> Is’ die Mannschaft klar zum Angriff? <
> Arschklaaar!! <
> Schon besser, < nickt Manni. > Na denn, Abflug! <


Rudolf Breitscheid-Ring 11.
Wir klingeln.
Bittner will abhaun, weil er plötzlich doch Schiss hat.
Manni hält ihn am Kragen fest - zieht ihn zu sich. > Keine Bang’,
Jung. Dat wird schon...<
Bittner schluckt und verspricht, ganz tapfer zu sein.
Ein Summen. Die Haustür öffnet sich. > Kein Licht!, < zischt
Manni.
Wir tasten uns rauf, in den zweiten Stock. Da steht er auch schon...
Heikes Stiefvatter....groß und breit wie Omas’ oller Wohnzimner-
schrank! Gerade will er das Flurlicht anknipsen; da trifft ihn ein
halber Fahrradreifen volle Breitseite mitten im hässlichen Gesicht.
Der Typ haut reflexartig um sich, trifft aber niemanden. Dafür tref-
fen wir...seine Knöchel, das Schienbein, die dicke Wampe.
Höher gehts vorerst nicht - der Typ ist einfach ‘ne Latte zu groß für
Unsereinen. Aber kein Problem für Manni...er bearbeitet die obe-
ren Körperetagen des Riesen - langt ordentlich hin - schon wegen
der ‘Andenken’, die er neulich selbst einstecken mußte. Ein Schwin-
ger, ein Treffer...Nächster Schwinger, Treffer Numero zwei. Dritter
Hammer - voll auf die Zwölf....und so geht das munter weiter.
An der Stelle höre ich lieber auf, in die Einzelheiten zu gehn. Nur
soviel: die fiese Type hat ganz schön viel Saures gekriegt; sah letzt-
endlich ziemlich bombardiert aus. Kein Wunder, denn wir waren
ja auch höllisch sauer auf ihn.
Jedenfalls hat der Stinkstiefel irgendwann seine Rotzfahne, zum
Zeichen der Aufgabe, geschwenkt. Besser so - für ihn. Er ist näm-
lich voll im Eimer.

Das wars. Jetzt ist Heikes Stiefvatter grün und blau. Mehr als zu-
frieden ziehen wir Leine.


Leider freuen wir uns zu früh, denn nach jener Nacht geht der
Terror für Heike erst richtig los. Zwar hat die Schweinebacke den
Kampf gegen uns verloren, aber die Wut darüber lässt er nun an
Heike ab. Immer öfter drischt er auf sie ein - meist ohne Grund,
einfach so. Heikes Flecken werden Beulen - die fangen an, zu
bluten. Sie schlägt um sich - schreit wie am Spieß, sogar dann,
wenn ihr kein Mensch zu nahe kommt.
Schließlich klappt sie zusammen; traut sich nach der Ohnmacht
endlich, alles zu erzählen, was sie vorher eisern verschwieg.
> Als mein richtiger Paps noch bei uns wohnte, war alles schön...
Aber seit Mutti den neuen Freund hat, woll’n die mich und Benni
nicht mehr. <
> Macht deine Mutter rein garnix, wenn dein Stiefvatter dich ver-
trümmt?, < will Biene wissen.
> Doch, Mutti geht denn mit Benni spaziern, < sagt sie leise.
Wir erfahren noch mehr Interessantes. Benni, der Bernhardiner,
zum Beispiel, wird nachts im Keller eingesperrt. Ohne Licht und
Heizung. Und Heike sperren sie neuerdings dazu. Draußen ist
tiefster Herbst - die Nächte werden kälter - Heike und Benni
frieren sich einen ab.
> So geht dat nich’ weiter!, < poltert Manni. Den Schietkerl
kannste hunnert Mal verkloppen, denn kloppt der dat Mädel
zweihunnert Mal! <
Er ist total gereizt und traurig. Wir natürlich auch. Kurzum: die
Stimmung im Schuppen ist am tiefsten Tiefpunkt. Manni starrt in
die Runde; kann leider nichts Erbauliches finden. Sein Kopf sackt
immer weiter nach vorn. So unglücklich haben wir ihn, und uns
selbst, nie erlebt.
Eins ist klar: es muß was passieren. Irgendwas! Aber was, ver-
dammt???
Wir hocken da - stumm wie Fische und grübeln. Biene heult.
Manni holt sich Schnaps von der härtesten Sorte. Bittner killt
genervt ‘ne Mücke. Micha Sommer versucht dasselbe mit einer
Fliege, was aber nicht klappt.
Und ich?
Weiß nicht. Vielleicht hab ich Biene einfach nur beim Heulen
zugeguckt. Oder selbst geheult.


Ende Oktober
Montag kommen die Leute vom Jugendamt. Sie holen Heike ab.
Jetzt wohnt sie in einem Kinderheim, in Wismar.
Heute, am Donnerstag, kommt ein Brief für Biene. Heike schreibt,
daß es im Heim garnicht so schlimm ist, wie sie erst dachte. Ich
hab hier viele, neue Freundinnen (nicht böse sein, Biene!), steht

in Klammern dahinter. Ihr könnt mich hier auch besuchen.

Bringt Benni mit!
Tschüssi!

Die Stimmung ist schlagartig besser. > Wann fahrn wir nach Wis-
mar?, < ruft Biene aufgeregt.
> Wegen meiner jetz’ gleich!, < kommt Mannis schnelle Antwort.
> Mit dem Bus? <
> Mit wat denn sonst?!, <flappst Manni. Denkste, mit ’n Fahrrad?
Dat halten min morschen Knochen bei euerm Tempo nich’ mal bis
Mückenbach aus! <

Wir rennen zur Busbude. Noch zehn Minuten warten.
> Und Benni?, < kräht Biene. > Heike will doch, daß wir Benni mit-
bringen! <
> Den kriegen wir auch noch frei, < beruhigt Manni.
> Und wie? <
> Wirst schon sehn... <


Beim nächsten Wismarbesuch ist Benni tatsächlich dabei.
Wie wir das geschafft haben?
So...ich mußte mich von Benni beissen lassen, und dann hab ich
ganz laut Hilfe! und Auaaah! geschrien; hab den blutenden Arm
hochgehalten, daß es an die hundert Leute sehn.
Natürlich war das Blut nur Schweineblut, und Benni war auch
nicht wirklich da, weil er wieder mal eingesperrt im Keller saß.
Trotzdem hat mir der Mann vom Ordnungsamt glatt jedes ein-
zelne Wort geglaubt. Er hat sofort angeordnet, daß Benni wegen
‘völliger Verwahrlosung’ abgeholt und ins Tierheim gesteckt wird.
Von da hat Manni ihn später wieder abgeholt - zum Futterselbst-
kostenpreis - ganz offiziell, mit Papiere und allem Drum und Dran.
Jetzt gehört der Bernhardiner Manni im Speziellen, und ansons-
ten der Allgemeinheit.


Warum das alles so superglatt lief, mit Heike, dem Hund, und
überhaupt?
Das ist eigentlich ‘ne Geschichte für sich.
Also, das war so....Manni repariert doch immer den Platten vom
2ten Bürgermeister. Wenn der das Rad abholt, trinken die Zwei
noch gemütlich ein’ Köm, oder drei; schnacken dabei und lachen
sich eins.
Dann kommt der Stellvertreter vom Rathaus zwei Wochen später
wieder mit ‘nem Platten an - und das Ganze von vorn. Schnacken,
Gelache, einer genascht - und man kennt sich ja auch schon viel
besser. Ist nicht schlecht, den zweiten Chef von Bukow zu kennen,
denn man kann ihm auch ganz nebenbei ‘stecken’, daß dat arme
Mädel - also Heike - unbedingt von diesem Miststiefvatter freikom-
men muß, und daß Benni immer unten, im Keller haust, und daß er
deshalb auch da weg muß!
Ja, und dann kommt die Rettung langsam, aber rechtzeitig, ins Rol-
len...Der zweite Rathausminister steckt den Leuten vom Jugendamt
was. Die Jugendamtsfritzen spitzen die Ohren und rufen die Leute
vom Ordnungsamt an. Das Ordnungsamt steckt’s den Leuten vom
Tierheim - und schon läuft das....

Gut, daß das Fahrrad vom zweiten Bürgermeister so oft ‘nen Plat-
ten kriegt!

 

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