Manche Geheimnisse sind so grauenvoll, daß sie besser bleiben

sollten, was sie sind: geheim.

 

R.B.

Mystery-Erzählungen

Inhalt: 

 

Licht

Das Auge

Es folgt ihr

Der anhängliche Friedel Johnson

Conni

Conni (Teil 2)

Licht

 

 

Möwen schwirren ins Abendlicht.

Dieselgeruch mischt sich mit dem von Fischen und nassem Holz.

Nebelwolken ziehen vom Meer heran.

Hinter der Anhöhe, die ins Dorf führt, fallen Fensterläden zu. Boo-

te verschwinden im Dunkel, auch die Möwen. Der Himmel - eben

noch tiefblau, wird schwarz. Gespenstisch liegt der Hafen da.

Mit dem Nebel kommt auch Kälte. Im Dorf ist die Sicht besser,

aber nicht viel. Stubenlampen werfen matte Lichtfetzen auf die

Straße.

Folke mag es, im Vorbeigehen helle Zimmer anzusehen. Er kennt

hier jeden - Mütter und Kinder, die jetzt, im Herbst Drachen bauen,

in Schulhefte kritzeln, enger zusammenrücken, und Väter, die ein

Nickerchen halten oder in Zeitungen blättern.

Morgen werden sie die Papiervögel fliegen lassen. Morgen. Viel-

leicht auch übermorgen - das weiß der Wind.

Am liebsten würde er an jedes Fenster klopfen, Freunde grüßen, 

Schwätzchen halten und gemächlich weiterziehen. Doch es ist 

schon spät und er will niemanden erschrecken.

 

Dahinten wohnt Folke, im drittletzten Haus vor der Nacht. Das Kü-

chenlicht brennt noch. Er hat vergessen, es auszumachen. Na ja, er

ist alt - da darf man schon mal was vertüteln. Die Augen sind auch

nicht mehr die Besten, doch hier findet er jedes Ziel notfalls auch

blind.

Am Haus von Ina Schmeling stoppt er. Sie sieht fern. Eigentlich 

hört sie fern, weil es mit ihrer nachlassenden Sehkraft auch nicht 

mehr zum Besten steht. Er ist oft - war oft - bei Ina. Fast wären sie

ein Paar geworden. Dann verloren sie sich wieder, weil Folke lange

Zeit krank im Bett lag und kein Mitleid - erstrecht keine Besuche

wünschte. Alter Sturkopf, der.

 

In diesem Moment blickt Ina müde zum Fenster raus. Sie sieht ihn

nicht - er weiß es. Dennoch winkt er, wie zum Abschied.

 

Das Küchenlicht. Er sollte es ausmachen. Ordnung muß sein.

Langsam stapft er zum Haus. Davor raschelt der Apfelbaum, des-

sen Früchte im Gras liegen, weil sie in diesem Herbst niemand aß.

Nur diesen Herbst...Bald ziehen seine Enkelkinder in das stumm ge-

wordene Haus und die werden schon Leben in die Bude bringen -

werden sich ratzfatz über die Pfannkuchen ihrer Mutter herma-

chen – mit Appelmus natürlich.

Ihm ist nicht bange um den Baum, den er einst pflanzte. Ist nicht 

bange um das Haus, und darum, was mal sein wird. Alles geht wei-

ter, auch ohne den ollen Folke.

 

Vier Steinstufen. Dann die Haustür. Sie ist zu. Er geht hindurch.

Ist ganz leicht, durch verschlossene Türen zu gehn...

Der Flur. Die helle Küche. Auf dem Tisch liegt die aufgeschlage-

ne Zeitung von gestern. Und ein Taschentuch seiner Ältesten.

> Weine ruhig, Kind. Wirst spüren, daß ich wieder da bin, daß ich

immer für dich da bin, dich beschütze, < sagt er zu sich selbst,

denn hier ist ja niemand.

 

In der Zeitung fehlt etwas. Die Todesanzeige. Seine. Sie wurde 

ausgeschnitten.

Tot. Aber er ist hier...Nur die Vergessenen sind wirklich weg, für 

immer, das ist so sicher, wie das Amen seiner Lieben.

 

Sein Lächeln wirkt alles andere, als traurig.

Er ist zurück. Bald wird wieder Leben ins Haus einziehen. Und

Kinderlachen. Vielleicht schon morgen, diese Woche, nächstes 

Jahr. Wer weiß. Zeit ist aufgehoben. Uhren sind bedeutungs-

los.

 

Das Licht.

Er knipst es aus, geht ruhig in völliger Dunkelheit umher.

Draußen heulen Hunde.

Und der Wind.                                                 

 

 

 

© Ralph Bruse

Licht ist unter (selbst-) gesprochene Geschichten auch zu hören.

Das Auge

 

 

Die Schaar Zugvögel verbrannte in der untergehenden Sonne -

nicht wirklich, aber ihm kam es so vor, als er ihre Umrisse wie

schwarze Aschefetzen vom glühenden Himmel fallen sah.

Die See ist unruhig. In der anbrechenden Dunkelheit kann er

Berge erkennen - Berge aus Wasser, die sich am Horizont zum

Angriff türmen. Die flaue Brise verwandelt sich in Sekunden-

schnelle. Sturm wird kommen. Letzte Fußspuren werden un-

ter schlingerndem Sand begraben.

Er ist allein am Strand. So ist es meist - sinkt die Sonne, flüch-

ten die Schwärme von Feriengästen. Abends; bei Nacht, traut

sich keiner mehr raus. Nur ein Meer, das bei Tag verschwen-

derisch funkelt, ist sehenswert, munkeln sie. Bei Dunkelheit

macht die See ihnen Angst. Jenes tiefe Rauschen aus ebenso

tiefer Schwärze, lässt sie frieren. Also reißen sie aus und war-

ten auf den ander'n Morgen.

Hilke ist nicht wie sie. Eigentlich ist er weder Feriengast, noch

Einheimischer. Er ist niemand - so jedenfalls sieht er das -

bestenfalls ein lebender Toter. Nein, nein; ein Geist, der die

Gegend unsicher macht, ist er nicht. Eher ein harmloser Spa-

ziergänger der Nacht; ein Mensch aus Fleisch und Blut. Seit

Tagen stapft er nach dem Abendessen los, um sich ins Meer

zu stürzen. Doch den Mut, ein - für allemal Schluß zu machen,

findet er bislang nicht. Was er findet, sind Ruhe und Schutz.

Auch das Zittern der Glieder ebbt relativ schnell ab.

Immerhin isst er gelegentlich ein paar Happen - was schon mal

tröstlich ist. Andererseits ist er dennoch mehr tot, als lebend;

ein seelisches Wrack - den Kopf schwer von Traurigkeit; Lee-

re in den Augen und die Schnauze gestrichen voll.

Er sieht ein Schiff, das sich hinter den weissschimmernden Was-

serbergen verliert...Und hört Schritte. Die eigenen. Er horcht

in sich. Der pfeifende Atem klingt nicht gut. > Egal!, < schnauzt

er gegen den Wind an. > Dieses armselige Leben ist mir sowieso

egal! <

Seine Beine sind sich im Weg. Er stolpert und klatscht in den

feuchten Sand.

Dann läutet das Telefon...Unglaublich, doch von irgendwoher

schrillt wahrhaftig ein Telefon. Er kann es deutlich hören!

Schnaufend stemmt er sich hoch. Sein Blick jagt umher. Das

Läuten lässt nicht nach - und das stört ihn so sehr, daß er be-

ginnt, nach der Ursache zu suchen, um das Gebimmel kur-

zerhand lahmzulegen. Er irrt hierhin; dahin; im Kreis. Die Su-

che führt ihn schließlich vom Strand weg, auf einen spärlich

beleuchteten Parallelweg, hinter den Dünen.

Ein halbgeknickter Laternenmast - gekrümmt wie ein Tatter-

greis - beugt sich über ein verwittertes Etwas, das dem ram-

ponierten Unterschlupf einer Busbude ähnelt. Der krumme

Lichtpfahl und das im Wind schebbernde Welldach des Unter-

standes - sonst ist nichts Nennenswertes auszumachen. Kein

Haus weit und breit. Niemand zu sehen. > Wahrhaftig der Arsch

der Welt!,< schnauzt er. Und zu allem Übel läutet das verdamm-

te Telefon..!

Schließlich erkennt er im diffusen Licht den roststarren Kasten.

Er bückt sich, um unter das rappelnde Wellblech zu gelangen;

reisst den Hörer des eisernen Uraltkastens zu sich.

> Was ist denn?!,< schreit er ungeduldig. > Soll das etwa lustig

sein?! <

Und dann brüllt er wütend: > Verscheißern kann ich mich sel-

ber! < Er will einhängen. Doch plötzlich sagt eine Stimme - eine

seltsame Stimme -  rauh, heiser und so tief, als käme sie direkt

aus der Erde, unter ihm: > Wenn du dich umdrehst, stirbst du.

Sieh dich nicht um...! <

Eine kurze Pause entsteht. Dann gewinnt die Stimme an Kraft.

> Du darfst dich nicht umsehen! <

Hilke spürt sofortige Zweifel. Warum sollte er der fremden

Stimme trauen? Er ist drauf und dran, den Kopf - trotz der

Warnung - herumzuwerfen. Aber da ist noch etwas anderes;

vielleicht nur ein Instinkt und Verwunderung, daß er der deut-

lichen Mahnung im Grunde vertraute. Da schlich sich irgend-

eine Gefahr an - eine große, übermächtige Gewalt. Und jene

Gefahr kommt vom Meer ans Ufer; sie kann über Wasser ge-

hen, kann alles niederwalzen. Sie kommt näher; immer näher...

Da, endlich, die wiederkehrende Erinnerung - seit Tagen, im

Radio, unheilvolle Meldungen - fast ununterbrochen Ankün-

digungen, daß es kommen wird. Niemand weiß genau, wann.

Aber es wird kommen, soviel ist sicher...!

Seitdem lief Hilke immer wieder an den Strand - sehnsüchtig

wartend. Endlich die Aussicht, seinem verkorksten Dasein ein

schnelles Ende machen zu können. In seiner trostarmen Situ-

ation schien es ihm nicht wichtig, wie das Sterben gelingt. Ent-

scheidend ist ein zügiges, möglichst schmerzfreies Ende. Da-

für sind die vorhergesagten Unheilsmeldungen wie geschaf-

fen...

Doch dann kommen ihm Zweifel. Alles ist anders. Er fürchtet

den Verlust letzter Lebensjahre plötzlich; und: ja, er bereut;

will leben - will weiterleben!

 

Über der offenen See entsteht ein Auge - blutunterlaufen,

von monströsem Ausmaß; größer als zwei Monde. Umschlos-

sen von schwarzroten Schwingen, stiert das Auge in Richtung

Ufer. Lange Feuerzungen schlagen hervor; peitschen über die

See hin - das Meer steigt immer höher - bis es ausbricht...mit

Getöse an Land donnert - und das Auge stiert der Brandung

gottgleich hinterher.

Hilke steht da - starr und bleich, im diffusen Licht der krummen

Laterne. Die Erde bebt. Winde wüten. Sandfontänen bohren sich

in jede Pore seiner Haut. Berge explodieren. Wasserberge. Sie

reißen ihn um - wollen sein Leben. Das Wellblech fliegt weg -

alles fliegt; auch der Kasten, aus dem die Stimme sprach, ver-

sinkt in Fluten. Auch Hilke versinkt darin, doch er taucht wie-

der auf, ringt nach Luft; wird von der nächsten Welle gepackt;

vorbei an umstürzenden Bäumen, an Geröll und stechendem

Gestrüpp. Reste zerborstener Schiffe sieht er - keine Leute an

Bord; die haben sich rechtzeitig in Sicherheit gebracht; sind

garnicht erst rausgefahren. Niemand wagt es, dem Auge zu

trotzen...

Ein riesiger, dunkelroter Schatten schiebt sich über das Land.

Was noch kreucht, muß sterben. Aber Hilke kämpft. Er kämpft -

kämpft um sein Leben - endlich! Er verfängt sich in Takelagen;

kommt wieder frei- die nächste Wucht brodelnder Wassermas-

sen!- auch die übersteht er halbwegs unbeschadet. Ein faustgro-

ßer Stein schlägt in seinem Nacken ein; er schreit den Schmerz

hinaus; brüllt sich Wut und Trauer aus dem Leib.

Er schluckt Wasser - viel Wasser; keucht; flucht; fleht, und gibt

nicht auf - den Teufel wird er tun!

Nicht ein einziges Mal blickt er sich nach dem Auge um. Das ist

seine Rettung.

 

2.

Noch Wochen später sinniert er, wessen Stimme es gewesen

sein mag, die ihn vor dem Auge warnte? Es gibt diverse Mög-

lichkeiten; aber keine, die einen realen und logischen Schluß

zulassen. So nimmt er sich vor, nur noch gelegentlich über je-

ne Sturmnacht im Spätsommer nachzugrübeln, was auch ge-

lingt - bis zum Frühherbst des folgenden Jahres...

Diesmal fahren sie zu zweit ans Meer - er und Senta. Die

lebensfrohe Senta schenkte ihm neuen Lebensmut. Dafür

liebt er sie - und auch dafür, daß sie weit über Sechzig ist und

noch immer im Bikini baden geht - bei Lust und Laune auch

ganz nackt. Mitunter halten sie sich stundenlang an den Hän-

den; und manchmal, wenn ihnen danach ist - ihnen ist ziem-

lich oft danach - lieben sie sich mindestens ebenso lange

in den Dünen - nicht heimlich, oder nachts - nein; wenn die

Sonne scheint und der Strand mit Leuten proppevoll ist.

Senta ist eher ruhig. Sie kann auch anders, aber meist lacht

sie schon im nächsten Moment wieder. Sie ist, wie sie ist: ein

stilles Wasser, dessen Grund er wohl nie ganz sehen wird -

und das gefällt ihm.

 

Es ist ein Abend von vielen. Die Sonne steigt ins Meer hinab.

Stille, da draußen.

Senta ist müde vom Tag. Sie streckt sich im Bett aus; dann

streckt sie sich nach ihm. Sie küssen sich.

> Ich geh noch ‘n bisschen an den Strand, < sagt er, nachdem

sie ihm kichernd ein einzelnes, graues Haar seiner buschigen

Augenbrauen ausgezupft hat.

> Viel Spaß!, < schmollt sie etwas; wissend, daß er nicht lange

wegbleibt und daß sie sich nach seiner Rückkehr um so hitzi-

ger lieben werden.

 

Draußen schlägt ein kühler Wind nach Hilke. Er zieht den Man-

tel enger um sich, geht den leicht abfallenden Weg, zur Hafen-

mole, hinunter. Es ist stockduster. Er hat Mühe, sich zurecht

zu finden, obgleich er die Gegend wie seine Westentasche

kennt. Überall Schwärze - sie kriecht ihm unter die Kleider,

nimmt sein heiteres Gemüt gefangen; zieht ihn an unsichtba-

ren Fäden genau an die Stelle, wo einst...

Er kneift die Augen; reisst sie wieder auf - und dann sieht er

den mittlings aufreißenden Nachthimmel. Blutrote Zungen

lecken die Schwärze weg. Flammen gieren zum Durchbruch,

und das aufplatzende Loch in der Himmelsmitte wird groß und

größer...Der stärker auflebende Wind zerrt ihm die Mütze vom

Kopf. In flimmernder Ferne türmen sich Wasserberge.

Jetzt - genau jetzt, starrt Hilke in das unerträglich langsam auf-

gehende Auge...Er sieht hinein; mutig, ohne jede Angst. Er

weiß, daß es ihm nichts mehr anhaben kann. Zunächst scheint

es so, als wolle sich alles Gewesene wiederholen - doch dann

schließt sich der hässliche Schlund - und der Sturm bleibt aus.

Hilke lächelt. Er lächelt auch noch, als er in aller Seelenruhe

seinen Weg zurückgeht.

Im dunklen Flur des Bungalows zieht er die Schuhe von seinen

Füßen. Dann - im Weitergehen - hört er abermals die warnen-

de Stimme. > Dreh dich nicht um. Du darfst dich nicht umse-

hen..! <

Er zuckt zusammen - fährt herum.

Nichts. Da ist niemand.

Er ruft nach Senta. Ihr sanftes > Komm doch...! < aus dem

Schlafraum beruhigt ihn. Alles in Ordnung.

> Schutzengel. Stimmen, die dich warnen - kompletter Blöd-

sinn!,< lacht er.

Er schüttelt den Kopf; atmet schon viel ruhiger. Auf Zehn-

spitzen schleicht er in Richtung Schlafzimmer; öffnet den Gür-

tel seiner Hose. Wieder das vielversprechende > Komm doch! <

von nebenan.

Am Flurende - die Wanduhr mit den phosphornen Ziffern. Sie

zeigt eine Stunde vor Mitternacht an. Darunter; schemenhaft,

die Kommode, auf der das grüne Telefon steht. > Keiner da,<

flappst er. > Wir sind praktisch gemeinsam verhindert. Auch

für Schutzengel! <

Ein Kichern. Dann sie: leicht mit Vanilleduft parfümiert, weil

ihm das gefällt. In knapper, knallroter Seide – das, wiederum,

gefällt ihr.

Komm...! <

Die Schlafzimmertür - er will sie gerade schließen; will Senta

in die Arme nehmen, ihre Brüste umfassen, die Beine, den

wohlgeformten Hintern; will sie küssen, überall küssen; ihre

Erregung spüren - da sieht er plötzlich mit Schrecken im  Fens-

ter, zur Seeseite hin, daß sich das gewaltige Auge wieder öff-

net...

Und dann klingelt das Telefon!                  

 

 

Zeichnung: (c) Heidi Schmitt-Lermann

Erzählung: (c) Ralph Bruse

 

 

 

veröffentlicht in der Literaturzeitschrift Haller, Ausgabe 8

´Ins Auge blicken´; ISSN 1869-4624

Es folgt ihr

 

 

Sssssst.

Ein grässliches Geräusch.

Heike schließt die Augen. Ich will nicht, daß ihr mir wehtut. Bitte tut mir

nicht weh..! Sie blinzelt zaghaft.

Der Zahnarzt sieht aus, wie ihr Vater - groß, mit blöd glotzenden Kuhaugen

unter struppigen Augenbrauen. Auf seiner Stirn zeigen sich sorgenvolle

Falten. Er beisst sich fast auf die Zungenspitze.

> Kind, du mußt stillhalten, sonst kann ich deinen Zahn nicht reparieren. <

Heike zuckt unwillkürlich zusammen. Auch die Stimme des Arztes ist fast

dieselbe, wie die ihres Vaters - tief und spuckeregnend.

Sie schließt die Augen wieder, aber was sie aus der Schwärze, dahinter,

auf sich zukommen sieht, macht ihr noch mehr Angst. Ihr Vater... Seine

schwieligen Hände greifen gierig nach ihr... Heike will ihnen ausweichen -

will ihnen entkommen. Aber sie kann sich nicht rühren. Starr vor Entset-

zen ist sie.

Ssssst. Der Bohrer senkt sich tiefer ins Zahnfleisch.

> Gleich haben wir’s geschafft, Kindchen, < brummelt die Stimme, dicht

an ihrem Ohr. Heike erschreckt sich so sehr, daß ihr weit offenstehender

Mund zuklappt. Der Bohrer ist im Dunkel ihrer schmerzbetäubten Wan-

ge gefangen. Ihr sollt mir nicht wehtun!, schreit es aus ihr. Bitte, bitte 

nicht !!

Aber sagen kann sie nichts.

Der Zahnarzt grinst nachsichtig, muß sich dabei aber schon sehr anstren-

gen. > Na ja, mit Kindern isses wie mit Verrückten, < sagt er. > Einfach

unberechenbar. < Die dabeistehende Assistentin - eine rundliche und

freundliche Frau mit vertrauenserweckendem Lächeln im breiten

Gesicht - spürt, daß mit dem Mädchen etwas nicht stimmt. Sie redet

Heike gütig zu - sagt, daß alles garnicht so schlimm ist.

Dann streichen die weichen Hände an der Stirn des Mädchens entlang.

Im nächsten Moment öffnet Heike ihren Mund wieder; gerade so, als

würde sie zur Belohnung einen großen Sahnebonbon erwarten. Sie

schiebt die eine Hand von der Stuhllehne, der warmen, gütigen

Stimme folgend, in den Kittel der Assistentin - tief in die Kitteltasche

der Frau - gerade so, als wolle sie sich selbst darin verstecken.

Warum kann sie nicht meine Mutter sein?, überlegt sie. Sie streichelt

mich - völlig selbstlos, einfach so. Sie ist nicht meine Mutti... Mutter

streichelt mich nicht. Sie stößt mich weg, wenn ich Trost bei ihr suche.

> So, das wars schon, Kindchen, < brummelt der Arzt. > Jetzt noch die

Füllung, und denn biste erlöst. <

Seine Augen verengen sich.

> Oha, was sehn meine Augen denn da noch... Noch so ‘n fauler Oschi,

den wir in Angriff nehmen müssen. <

Heike zittert. Gleich wird der Bohrer ihr wieder wehtun. In ihrem Kopf

hämmert es laut. Ich will nicht, daß ihr mir wieder wehtut. Ich will

nicht...! Ihr aufflammender Wille scheint sich augenblicklich mit einer

unsichtbaren, nie gekannten Macht zu vereinen. Quält mich nicht!

Nein, ich will das nicht..!

Das Zittern wird immer unbändiger. Ihr Blut rast umher - kommt aus

allen Gliedern, hoch, in Richtung Kopf; stürzt zurück, in Leib, Arme,

Beine, und wieder empor, zum Kopf. Hinter der feuchten Stirn dröhnen

jetzt riesige Hämmer, die nach außen - ja, die raus wollen. Ihre großen,

grünen Augen werden noch größer - so groß, daß ihr selbst graust, als

sie für einen Moment den kleinen Metallspiegel des Zahnarztes da-

ran vorbeihuschen sieht. Die Augen scheinen fast ihre Schläfen zu

berühren. Es sind schreckensweite Monsteraugen, die unmöglich ihr

gehören. Schweiss rinnt ihr den Nacken hinab, und Spucke läuft ihr

aus dem Mund.

Gleich wird etwas passieren...! Die Assistentin bemerkt die dramati-

sche Veränderung im glühenden Gesicht des Mädchens. Sie versucht

abermals beruhigend auf Heike einzureden. Aber sie spürt auch

instinktiv, daß das Mädchen entweder jeden Moment vom Stuhl springt

und wegrennt, oder aber... Sie weiß es sich selbst nicht zu erklären. Aber

sie ahnt nichts Gutes.

Der Zahnarzt greift erneut zum Bohrer, setzt gerade am Mund des

Mädchens an. Das monotone Surren aber bleibt aus.

Nichts rührt sich.

Er drückt ein paarmal hecktisch auf den Startknopf des Instruments.

Nichts.

Er sieht an der Stromzuleitung nach, zwirbelt hier herum, und da, drückt

wieder auf den Startknopf. Nichts. Der Bohrer muckst sich nicht. An die

zehn Minuten sucht er fieberhaft nach dem Corpus Delicti, also dem

vermeintlichen Kurzschluss in der Leitung, inspiziert sämtliche Sicherun-

gen. Auch die scheinen in Ordnung zu sein. > ’n Bohrer, der nicht bohren

will. Gibt’s ja garnicht!, < motzt er. > Ist mir völlig schleierhaft. <

Jetzt glotzt der Arzt ziemlich irritiert aus der Wäsche. Und das nicht nur

wegen eines streikenden Bohrers, sondern auch wegen des jungen

Fräuleins, da, auf dem Stuhl. Die lacht ihn doch glatt aus. Ja, die Göre

strahlt plötzlich über’s ganze Gesicht. Dabei war die gerade eben noch ein

ängstliches Häufchen Elend. Und das heisere Kichern aus dem Mund des

Mädchens hört sich an, als käme es aus einer uralten Frau, die das gräss-

liche Geröchel mit ins Grab nehmen wird.

 

 

Später, auf dem Weg nach Hause, kommt Heike bei ihrem Lieblingsbäcker

vorbei. Sie hätte sich so gern eine dieser Mohnschnecken, mit viel Zucker-

guss obendrauf gekauft, doch dafür reicht ihr Taschengeld nicht. Papa wird

ihr erst wieder Taschengeld geben, wenn sie besonders lieb zu ihm ist. Das

will sie aber nicht. Nie mehr! Dann verzichtet sie schon lieber auf ihre heiss-

geliebten Mohnschnecken.

Aus dem Backraum ruft jemand ihren Namen. Es ist Fredi. Der Junge ist ihr

einziger Freund. Kein hübscher Junge. Dafür nett. Sie gehen fast jeden

Morgen zusammen zur Schule. Fredi ist vierzehn und in der achten Klasse.

Heike ist zwei Jahre jünger. Sie geht in die sechste Klasse. Der Unterricht ist

zumeist langweilig, findet sie. Und eine Tortour, weil sie wegen ihrer kleinen

Hasenscharte von allen Mitschülern gehänselt wird.

Fredi schert sich nicht um die Scharte. Er mag Heike, wie sie ist.

> Hasenvatter!, < johlen ihm die anderen nach. Oder: > Und? Gehste nachher

wieder zu deiner Häsin? <

Am liebsten würde er diesen Blödschwätzern eins auf's Maul kloppen, aber

Fredi ist viel zu schmächtig, um gegen die muskelbepackten Jungen in seiner

Klasse anzukommen. So duldet er zerknirscht die Hänseleien und verspricht

seiner Freundin, daß er eines schönen Tages - wenn er erstmal groß und stark

ist - jeden verdreschen wird, der schlecht über sie beide spricht. Daß er das

schon wegen seiner ruhigen und besonnenen Art niemals könnte, weiß er

natürlich. Er will Heike ja auch nur beweisen, wie fest seine Zuneigung für sie

schon in seinem Herzen verwurzelt ist. Worte nur - doch die sind immerhin

aufrichtig gemeint.

Heike ist fast ebenso still, wie er. Das gefällt Fredi. Sie ist kein bisschen ein-

gebildet, und sie findet auch keinen Gefallen an unwichtigen Dingen, wie

schicke Kleider, schnelle Mopeds und geleckt aussehenden Jungs, die mit

starken Sprüchen die doofen Mädchen seiner Klasse beeindrucken... Nein,

Heike ist anders. Und Fredi auch. Er will später Bäcker werden, wie sein

Vater. Er will nicht in einem jener Banktempel als Geldabzähler versauern.

Die gockelnden Kunden würden ihn ohnehin

nur auslachen, wegen seiner Hamsterbacken und dem ebensolchen Gesicht.

Weil Fredi sich allen Normen verschließt, hat er natürlich auch einen

schweren Stand. Die Rolle des Außenseiters hängt ihm wie ein Fluch an.

Doch schließlich gewöhnte er sich in diese Rolle. Er wird ein fleißiger,

kleiner Bäcker - na und!

 

Eines Tages sah Fredi durch das Fliegengitter der Backstube hindurch

Heike die Straße entlangschlendern. Es machte peng! in seiner Brust, und

er war von diesem Tag an in das stille Mädchen, da draußen, verschossen.

Und das Schicksal meinte es auch mal gut mit dem schmächtigen, verschlos-

senen Bäckersjungen. Heike kam von da an fast jeden Tag in den Laden, um

sich ihre geliebten Schnecken zu kaufen.

Wenn sie dann einmal nicht kam, wurde Fredi schon unruhig, und er grübelte

darüber nach, warum seine heimliche Freundin gerade heute keine Lust auf

Schnecken hat. Er gab sich doch wirklich alle Mühe, mit dem Backen. Ja, er

bat seinen Vater sogar darum, die Schnecken für Heike höchstpersönlich

backen zu dürfen. Sein Vater meinte zwar, er sei ein bisschen verdreht im

Kopf, ließ seinen eifrigen Sohn aber gewähren. Fredi stand also jeden Morgen

um vier Uhr in der Backstube, und wehe, ein anderer machte sich an den

Mohnschnecken zu schaffen!

Eines Tages kam Heike dann endlich wieder in den Laden. Fredi raffte

wildentschlossen allen Mut zusammen und sprach das Mädchen an.

 

Alles fügte sich zum Guten. Die Zwei verstanden sich auf Anhieb. Heike

war offensichtlich froh und geschmeichelt, von einem älteren Jungen aus

ihrer Stille geweckt zu werden. Sie hatte auch nichts dagegen einzuwenden,

daß Fredi sie bis an ihre Haustür brachte - und das in mehlverstaubten

Arbeitskleidern. Vor dem Abschied machte er einen altmodischen Diener.

Dann ging er davon und winkte ihr noch fröhlich aus der Ferne.

Sie wurden enge Freunde. Die Zeit nach Schulschluss verbrachten sie, so

oft es eben ging, miteinander. Fredi zeigte seiner Freundin voller Stolz

die große Backstube seines Vaters, in der es auch im eisigsten Winter

noch gemütlich warm war. Heike durfte von allem naschen, was ihr in die

Finger kam. Und wenn sie zufrieden nickte - was bei den süssen Lec-

kereien ja auch kein Wunder war - dann lachte Fredi begeistert, während

seine etwas abstehenden Ohren im Gleichtakt dazu wackelten.

Eines Abends, als die Sonne flimmernd über der Stadt versank, gingen sie händchenhaltend hinüber, in den schon düster aussehenden Stadtpark.

Es war dort sehr still um diese Zeit. Niemand war zu sehen. Sie küssten

sich zum ersten Mal. Etwas ungeschickt noch, aber sehr behutsam und

zärtlich. Es war eine schöne, federleichte Zeit für beide.

Doch eines Tages kam Heike verstört und viele Tränen weinend in die

Backstube gerannt - und nichts war mehr so, wie vorher.

 

 

2.

Eine Hand legt sich auf ihre Schulter. Ganz sanft. Aber Heike springt scheu

zur Seite. Fast hätte sie das Gleichgewicht verloren. Sie taumelt an’s Schau-

fenster, bleibt dort schreckensbleich, ohne zu atmen, stehen. In ihren Augen

funkelte kalte Wut. Selbstzerstörerische, blanke Wut.

> Ich wollt’ dich nicht erschrecken, < sagt Fredi hastig. Er will sie stützen.

Aber sie wehrt ab. > Geh weg!, < schreit sie.

> Fass mich nicht an! Geht alle weg!, < überschlägt sich die zittrige Stimme.

Dann läuft Heike davon. Sie lässt einen Freund zurück, der von nichts weiß -

der nicht mal ahnt, warum seine Freundin plötzlich alles abwehrt - sogar ihn.

Nachdenklich und nur widerstrebend geht er in die Backstube, nach

nebenan.

 

Zu Hause angekommen, verkriecht sich Heike in ihrem Zimmer. Ihr

Zuhause ist zur Hölle geworden. Ständig wird sie von Weinattacken

geschüttelt. Die Mutter steht vor ihrer verschlossenen Zimmertür und

ermahnt sie, sofort zu öffnen.

Heike bleibt auf ihrem Bett sitzen; öffnet niemandem. Dann hört sie eine

andere Stimme vom Flur her. Eine tiefe Stimme. Zunächst einschmeichelnd.

> Komm Liebes, öffne deinem Papa... Sei ein liebes Mädchen und mach’ die

Tür auf. <

Heike springt hoch; versteckt sich im hintersten Eck ihres Zimmers, so

weit wie möglich weg von der Tür. Sie ist gefangen im eigenen Zimmer...

Hinter ihren Schläfen fährt das Blut Achterbahn. Ihre Lippen beginnen

unaufhörlich zu zittern.

Ich darf ihn nicht hereinlassen. Er wird mir wehtun...

Wie ein wundes Tier drückt sie sich noch tiefer in’s ungeschützte Eck

und hält die Luft an.

Die Mutter keift: > Los, mach endlich auf! <

> Mach du dich vom Acker!, < hört Heike ihren Vater brüllen.

> Auf dich hört die Göre sowieso nicht! < Von einem Moment zum

nächsten ist aus der ruhigen - eine messerscharfe Stimme geworden.

Und diese Stimme duldet keine Widerrede.

Heike hört, wie sich die Schritte der Mutter entfernen. Dann wieder die

schneidende Stimme ihres Vaters. > Mach endlich auf, elende Göre, oder

ich prügel' dich mit Gewalt da raus! Ich zähl’ bis drei. Wenn bis dahin

nichts passiert, komm ich ins Zimmer, egal wie! <

Er zählt. > Eins. Zwei...<

Heike flirrt wie ein sterbendes Herbstblatt. Sie hat Mühe, aufzustehen.

Sie fühlt nichts, kann nicht mehr denken. Sie weiß nur, daß sie ihrem

Vater öffnen muß, weil er sonst die Tür eintritt und sie bis zur Bewusst-

losigkeit prügelt.

Auf Zehnspitzen schleicht sie zur Tür. Das wallende Blut fällt wie Blei aus

dem glühenden Gesicht. Kreidebleich, über alle Maßen zitternd, sperrt sie

die Tür auf.

Da steht er - der alles beherrschende Vater. Selbstgefällig, den dicken

Wanst weit vorgeschoben, grinsend, mit glasigem Blick aus fixierenden

Augen. Sie kennt diesen Blick. Er bedeutet, daß er ihr gleich wehtun wird.

Die Tür kracht ins Schloß. Er schließt ab. Alle Wege verschlossen. Weglau-

fen ist sinnlos. Alles ist sinnlos. Eiszeit. Die Seele des Kindes vereist.

 

Sie ergibt sich ihrem gefräßigen Vater. Ja, fressen wird er sie. Mit roher

Gewalt wird er ihr alle Lebensfreude aus dem Leib reißen. Von draußen

hört sie den Lärm der Straße. Niemand wird ihr Schreien hören. Nie-

mand!

Dann hört sie nur noch ihren Vater. > Sei ein liebes Mädchen. Komm,

spiel ein bisschen mit ihm. <

Er nestelt an seinem Hosenstall herum...

 

 

3.

Es wurde mit jedem Tag schlimmer.

Kaum war ihr Vater von der Arbeit nach Hause gekommen, stürzte er ins

Zimmer seiner Tochter, um wieder und wieder über sie herzufallen.

Die Mutter heulte sich die Augen aus, wagte aber nicht, gegen den bulligen

Mann an ihrer Seite aufzubegehren. Grün und blau würde der sie schlagen,

wenn sie ihn nur anfleht, endlich aufzuhören. Sie holte aber auch keine

Hilfe herbei; suchte nirgends Rat, kurz: sie ließ ihr Kind im Stich; brütete

stattdessen nur vor sich hin, und ahnte nicht, daß auch sie damit dem To-

de geweiht war...

 

 

Eines Tages geschah Folgendes:

Heike saß, endlos traurig, über ihre Schulaufgaben gebeugt. Draußen

regnete es in Strömen. Sie schien das garnicht wahrzunehmen. Endgültig

an den Brutalitäten ihres Vaters zerbrochen, war sie im Begriff, dem Grauen

selbst ein Ende zu machen. Nur tief unten, am Grunde ihres Herzens, glimm-

te noch die Asche der Hoffnung, vor der Pforte zu ewiger Dunkelheit.

Sie schob ihr Rechenheft zur Seite. Viel zu kaputt war sie, um noch an irgend-

etwas Tröstliches denken zu können. Verzweifelt schlug sie die Hände vor’s

Gesicht. Ihr flehendes Weinen war bitterlich.

> Hilf mir, doofer Gott! Hilf mir endlich!, < stammelte sie.

> Und mach, daß mein Vater tot ist. Ja, tot! Er soll mir nie wieder wehtun

können! Und mach, daß meine Mutter wieder jung wird - genauso jung,

wie ich jetzt bin. Und dann schenk sie meinem Vater nochmal, damit er ihr

genauso wehtun kann, wie mir - bevor alle beide in die Hölle kommen und

verbrennen. Los, mach, daß es so wird!!, < rief sie zornig.

 

Minuten vergingen.

Bedrückende Stille im Zimmer.

Draußen ist es Nacht geworden. Alle Straßen leer und verlassen. Winde und

peitschender Regen sind zur Ruhe gekommen. Feiner Nieselregen streut

lautlose Rinnsale in die schlafende Stadt. Gespenstisch tauchen die Straßen-

lampen aus der alles überlagernden Finsternis auf.

Heike kippt vom Stuhl. Sie kippt ohne jede Vorwarnung vom Stuhl - völlig

ermattet, vollkommen losgelöst von der realen Welt, die ihr nichts Gutes

gab.

Glücklicherweise fällt sie weich auf ihr nah dabeistehendes Bett. Dort bleibt

sie schweissgebadet liegen. Ihre tränenschweren Blicke tasten sich ans

Fenster. Der Mond da draußen sieht jetzt aus, wie sterbende Glut. Blass

schimmert er durch die schwere Nässe. Ihr wird das Sehen zur Qual. Ihr

Körper schmerzt höllisch. Er ist mit blauen und grünen Flecken übersät. In

ihrem Schoß klebt getrocknetes Blut. Sie betastet die wunde Stelle, zieht

die Hand aber schnell zurück. Ihr hagerer Leib ist eine einzige große Wunde

und viel zu schwach, um noch länger gegen den ersehnten Tod anzukämpfen.

> Hilf mir und lass mich jetzt sterben, < haucht sie erschöpft. Die Augenlider

senken sich.

> Sterbe ich jetzt?, < lallt sie halbschlafend. > Lass mich einschlafen und nie

mehr aufwachen. Alle Leute sind schlecht... Vater, Mutter, meine Schulkame-

raden - alle sind sie gemein! Einer nicht, und den hab ich gemein behandelt.

Vielleicht denkst du trotzdem mal an mich, wenn ich tot bin, Fredi...

Ich kann Dich nicht mehr sehn, Fredi... <

> Fredi....? <

Am Fenster erscheint plötzlich der tiefschwarze Schatten eines Vogels. Das

heisere Raahraaah! weckt Heike aus ihrem todesähnlichen Schlaf. Sie ist so

unendlich müde und erschöpft, will sich zur Seite drehen, weg von dem Vogel,

weg von allem, um endlich Seelenfrieden zu finden.

Doch das schwarze Federtier scheint sie aus ihrem Todesschlaf zurückholen

zu wollen. Rahraaahraaaah! Wild mit den Flügeln schlagend, prescht es drau-

ßen, am Fenstersims, entlang. Höchst erregt gegen Mauern und Scheiben

fliegend, riskiert es beinah sein eigenes Leben.

Heike öffnet die schweren Augenlider. > Du bist kein Singvogel, sondern der

des Todes, < wimmert sie schwach. > Mein Todesvogel. Lass mich sterben,

ja? <

Stille. Jedoch nur für den Bruchteil einer Sekunde. Dann schlägt der große

Vogel seinen Schnabel mit aller Wucht ins Glas des Fensters.

Rahraahraaaah!

Nur langsam, mit viel, viel Mühe kann sich Heike aufrichten. Schmerzen -

innere, wie äußere - rasen wild in ihrem geschundenen Leib umher. Sie

schafft es ans Fenster, tritt auf Scherben, dreht den Griff seitwärts und

öffnet das Fenster weit. Der schwarze Vogel fliegt ihr laut kreischend ent-

gegen, als wolle er sie stürmisch begrüßen. Dabei reisst er das Mädchen

fast um, so schwach ist es geworden.

Heike sinkt auf‘s Bett zurück. Sie kann sich nicht mehr wachhalten, so

sehr sie auch wollte, und sei es auch nur, um zu erfahren, was es mit

dem seltsamen Tier auf sich hat. Sie fällt hintenüber - versinkt in

tiefem Schlaf.

 

Der schwarze Vogel schwirrt die ganze Nacht hindurch in ihrem

Zimmer umher. Und auch das Zimmer nebenan, wo die Eltern

des Kindes schlafen, lässt er nicht aus.

Es sieht wirklich so aus, als würde das kluge Tier den heilsamen

Schlaf des Mädchens bewachen. Immer wieder setzt es sich zu ihr,

auf die Kopflehne, überhäuft sie mit wohlwollenden Blicken aus

finsteren Argusaugen.

Erst gegen fünf Uhr in der Früh fliegt der Vogel mit rauschenden

Flügelschlägen durch’s weit offene Fenster davon.

 

Heike erwacht gegen zehn Uhr. Seltsam erholt, und auch ein wenig

wie zu neuem Leben geboren, fühlt sie sich.

Zunächst der Schreck... Sie müßte längst in der Schule sein! Noch

mehr aber ist sie erstaunt, weil niemand sie weckte. Wo bleibt die

ängstlich kreischende Mutter, die ihre Tochter sonst immer, punkt

sechs Uhr, aus dem nachtwarmen Bett scheucht?

Heike spürt deutlich, daß sich an diesem Morgen ihr Leben schlagartig

geändert hat. Sie fühlt, daß irgendetwas nicht in Ordnung ist - und dann

doch wieder mehr als in Ordnung ist. Dies wird ein guter Tag, das weiß

sie. Es ist der erste gute Tag, nach vielen, langen Wochen und Monaten.

 

Sie will aufspringen, um in der ungewohnt stillen Wohnung nach der

Mutter zu sehen. Doch irgendeine unsichtbare Hand legt sich auf ihre

Stirn. Alle Zeit der Welt... Nun ist alle Zeit der Welt, raunt eine Stimme.

Ihre Stimme...?

Niemand wird dich bedrängen. Von nun an wird dir niemand mehr weh-

tun...Und in die Schule musst du auch nicht, wenn du nicht willst. Alles ist

gut. Sieh dich um. Alles, alles ist gut...

Sie dachte an den Traum der letzten Nacht. Ein schwarzer Vogel war zu

ihr ins Zimmer gekommen.

Ein Rabe? Eine Krähe?

Ihr Blick spaziert zum Fenster hin. Es steht offen. Auf der Fensterbank

wippt eine schwarze Feder sachte auf und ab. Gleich wird sie auf’s Bett,

darunter, fallen.

Dann fällt die Feder. Heike fängt sie in ihren Händen, blickt nachdenklich

vor sich hin, während ihre Finger den weichen Flaum ertasten.

> Er war hier, mein Todesvogel. Doch er wollte mich nicht holen. <

Hat er sich jemand anderen geholt ?

 

Der sanfte Druck auf ihrer Stirn löst sich. Heike nimmt die Feder fester

zu sich. Sie will nun jene Wahrheit wissen, die ihr Innerstes schon kennt.

Es ist unwiderruflich vorbei. Sie ahnt es - weiß es.

Sie erhebt sich. Ihr ist, als wär die unsichtbare Hand wieder bei ihr. Sie

spürt einen Lufthauch. Dann spürt sie ganz deutlich eine andere Hand

in ihrer eigenen. So geht sie langsam aus dem Zimmer. Der Druck der

anderen Hand wird stärker. Das Mädchen spürt, daß sie jetzt die Wahr-

heit erfahren wird. Die ganze Wahrheit. Alle Angst ist fort, als sie ins

Schlafzimmer der Eltern kommt. Sie ist nicht sonderlich betroffen, oder

überrascht von dem, was sie dort sieht....Vater und Mutter liegen auf-

gedeckt in ihren Betten - eigenartig verkrümmt, mit schreckenswei-

ten, starren Augen. Ihre Augenhöhlen sind leer, bis auf ein paar ange-

trocknete Blutfäden, die wie Spinnweben darin herumschwingen. Ihre

Nachthemden und die Leiber, darunter, sind über und über mit Einsti-

chen durchsiebt, aus denen noch immer geronnenes Blut quillt. Die

fetten Pranken ihres Vaters sind nur noch ein Klumpen undefinierba-

rer, roter Masse. Die Hände, die ihr immer Schmerzen zufügten - sie

liegen jetzt still und ausgeblutet da.

Sie will den toten Vater anspucken, will nach ihm treten, ihn mit Flü-

chen überhäufen.

Aber sie geht seelenruhig, völlig gefasst in ihr Zimmer zurück und spürt

nur noch jene ungekannte, ungeheure Wärme, die ihren gemarterten 

Leib endlich wieder durchströmt. Eine Wärme, die ihr das Leben zurück

gibt, das sie so lange nicht haben durfte.

 

 

Sie streift ihr blutverschmiertes Nachthemd ab, wirft es stumm und teil-

nahmslos in die Wäschetruhe, dicht bei ihrem Bett. Ihr Blick eilt dann

aber doch hinter dem Wäschestück her. Nein, soviel Blut war gestern

abend nicht daran. Hat sie letzte Nacht etwa selbst nebenan...?

Sie zuckt die Achseln. > Hab tief und fest geschlafen. <

Da ist es wieder, dieses leise, heisere Lachen, das klingt, wie aus der

zahnlosen Mundhöhle einer Greisin. Ein selbstvergessenes, krächzen-

des Lachen. Wahrlich schaurig!

Sie kleidet sich an, geht nochmal ins Schlafzimmer der Eltern, nimmt

ohne nennenswerte Regung das Portmonee ihres Vaters an sich.

Dann geht sie hinunter, auf die belebte Straße.

 

Was sie nicht weiß....In sicherer Entfernung folgt ihr jemand. Nein, kein

menschliches Wesen. Es ist ein großer, schwarzer Vogel, der ihr nacheilt.

Eine Krähe, vielleicht. Oder ein Rabe. Das Tier starrt aus dunklen Augen

durchdringend das Mädchen an - so fest und unbeirrt, als sei ein Teil

seiner selbst auf das Mädchen übergegangen. Überall kommt das Starren

des Tieres hin - durch schützende Kronen alter Bäume, durch lautes Ge-

tümmel, Stimmenwirrwarr und dichten Verkehr - die Augen finden sie

überall. Immer bleiben die beinah magischen Blicke aus finsteren Augen

nah bei dem zwölfjährigen Mädchen, das soeben um die Straßenecke

biegt. Das kann kein Zufall sein.

Rahraahraaaah! eilen die gespenstischen Rufe des Tieres umher.

Der tosende Lärm vorbeirasender Autos schluckt ihren Hall.

 

Nach fünf Minuten Fußweg gelangt das Mädchen in einen Bäckerladen.

Der Junge hinter der Ladentheke sieht das Mädchen etwas irritiert an.

Seine Freundin war schon seit Tagen nicht mehr hier. Er hatte schon

ernsthaft geglaubt, sie wolle nichts mehr mit zu tun haben.

Aber jetzt steht sie wie hergezaubert vor ihm und lächelt, wie schon so

lange nicht mehr.

> Hast du noch ‘ne Mohnschnecke für mich?, < fragt das Mädchen.

> Zehn, wenn du willst!, < jubelt der Junge.

> Na gut, < erwidert sie. > Gib mir zehn! <

Ihre Stimme klingt heute so anders als sonst, denkt Fredi verwundert

bei sich. Sie ist viel dunkler, und auch etwas krächzend. Na ja, vielleicht

ist sie ja erkältet. Aber ihr Lachen - das ist so bezaubernd, wie nie.

Wenn er sich recht erinnert: eigentlich hat er sie noch nie lachend ge-

sehn.

Aber nun: hinreissend, das wunderschöne Lachen!

Es wirkt so rein und unschuldig.

Bild: Nevit & R. Bruse

Erzählung: (c) Ralph Bruse

 

Der anhängliche Friedel Johnson

 

 

Am Fenster, der Baum, verliert seine Blätter.

Greta setzt die Tasse ab. 

Das Rascheln der Birke, Rauhreif im Geäst, mattes Glänzen und

Rauchen hoher Gräser und Windgeflüster - dies alles lässt sie ruhi-

ger atmen. Sie führt die Teetasse wieder an ihren Mund, schlürft,

blickt gleichzeitig zur Küchenuhr. Kurz nach sechs Uhr, abends.

Lange hat sie geschlafen. Mehr als zwölf Stunden. Sie hebt die Schul-

tern, wölbt die Lippen, lächelt knapp.

Eine Schar Krähen fällt in den Garten ein. Das grässliche Krei-

schen holt Greta aus der Sorglosigkeit zurück. Eigentlich mag sie 

die schwarzen Vögel, doch so plötzlich kann sich alles ändern...Sie

klatscht in die Hände - drei, viermal. Eine der Krähen lässt sich

partout nicht verjagen. Dem Vogel hängt ein Flügel schlaff herab.

Offenbar hat sich das Tier verletzt. Nun muß es die Gier nach Futter 

mit dem Leben bezahlen - nicht sofort, aber in ein paar Stunden, 

oder Tagen ist der schwarze Vogel tot. Verhungert. Greta sieht,

wie er schließlich Schutz suchend in dichteres Gestrüpp flieht.

Stille.

Abermals wird die Stille unterbrochen. Schritte nähern sich von der

Straße her. Schon dem Geräusch nach weiß sie, zu wem die Schritte

gehören.

Ein Seufzen. 

> Was willst du?, < ruft sie schon von Weitem durchs offene Fenster.

Der dünne, junge Mann verharrt an der Gartenpforte. Er ist schüch-

tern, drum stammelt er: > Greta, öffne mir bitte. Nur für eine Minu-

te!, < fügt er schnell hinzu.

> Zeit läuft...!, < antwortet sie störrisch. Und: > Bleib da stehn, bis 

ich komm’! <

Er steht. Und wartet.

Sie tappt widerwillig nach nebenan, schlüpft noch widerwilliger in

den hellen Hausmantel. Die Mühe, ihr zerwühltes Haar zu kämmen,

macht sie sich nicht. Der Spund da draußen ist schließlich kein Kun-

de - jedenfalls keiner der durchschnittlichen Sorte. Der will immer

nur reden - quatscht sie schwindelig, weil er in sie verliebt ist. Aus-

gerechnet in eine alte Hure muss sich der Schwachkopf verlieben!

Schon zig Mal hat sie versucht, ihm den Unsinn auszutreiben. So

ziemlich alles hat sie angestellt, um den treudoofen Kerl abzuwim-

meln. Und was tut der? Er schreibt ihr unbeeindruckt weiterhin

schmachtende Liebesbriefe - undzwar täglich, mit dicken Herzchen

verziert und von Amorspfeilen durchbohrt. Lachhaft! Anfangs fin-

det sie das noch ganz nett, fühlt sich sogar etwas geschmeichelt.

Doch als seine Zudringlichkeiten ausufern, zerreisst sie die Briefe 

vor seinen Augen.

Ihn schreckt das keineswegs. Er stellt ihr auch weiterhin Blumen,

Parfümfläschchen und sonstwas vor die Tür - heimlich, nachts - was

ihm rein garnichts nützt. Weil das ordentlich ins Geld geht, beginnt

er, zu stehlen. Schicke Kleider haben es ihm angetan - sündhaft teure

Stücke. Mehrmals wird ihm der Zwang zum Verhängnis. Ihm ist es

egal, beim Stehlen erwischt zu werden. Er macht munter weiter. Al-

les nur für einen Wink, ein erlösendes Zeichen von Greta. Doch sie

hustet ihm was. Stur bleibt sie - undzwar aus dem einen, triftigen

Grund: sie mag den lästigen Kerl einfach nicht. Die katzenfreund-

liche Art des Jungen findet sie unausstehlich. ‘Kletten’ sind ohne-

hin lästig, und überhaupt: von erwiderter Zuneigung keine Spur.

Ihr Fehler ist, dass sie hin-und wieder doch das eine oder andere

Geschenk annimmt. Jedoch nur, um seine Zudringlichkeiten halb-

wegs in Schach zu halten und ihn schnellstens aus der Nähe ihres

Hauses verschwinden zu sehn.

Trotzdem: er ist immer da. Irgendwo lauert der trottelige Kerl ihr 

immer auf – meist Nachts im Schutz der Tintenschwärze. Sie spürt,

daß er da ist, wie ihr Schatten - weiß es genau. Und im Dorf wissen

inzwischen auch alle Bescheid. Mist, vertrackter! Ihr ist nicht wohl

bei dem Gedanken, den Spund Namens Friedel Johnson ständig in

der Nähe zu wissen.

 

Nun steht der spacke Kerl wieder am Gartentor, wartet geduldig, 

eingelassen zu werden. 

Diesmal muß sie ihm öffnen - soviel ist klar. Neulich traute er sich

schon vor, ins Haus, weil sein Rufen gänzlich unerhört blieb. Zu

besagter Zeit saß ein üppig zahlender Gast im Wohnzimmer. Ein

Stammkunde.

Stammkunden haben so ihre Gewohnheiten, die man keinesfalls -

nicht mal für eine Minute - unterbrechen darf, will man sie nicht 

verlieren. Außerdem wird sie dafür bezahlt, dem Gast das Gefühl

grenzenloser Einzigartigkeit zu vermitteln - gerade, oder weil jede

Stunde mit ihr nur sechzig Minuten hat. Sie lässt den Ruhestörer 

also draußen stehn, lächelt tapfer, während der Gast die Wander-

schaft seiner Finger nach kurzer Unterbrechung wieder aufnimmt.

 

Nicht mal zehn Minuten vergehen - da taucht das Milchgesicht von

Friedel Johnson plötzlich im Türrahmen auf...Er ist zutiefst er-

schüttert, gleichzeitig auf eine schrille Art auch angetan, Greta end-

lich mal nackt betrachten zu dürfen.

Dieses Betrachten, das eher einem Gaffen gleicht, dauert allerdings

nicht sehr lange, denn Greta springt auf und schmeißt den ungebe-

tenen Zuseher eigenhändig zur Tür raus. Sie schickt ihm wüste Flü-

che nach - hofft, den liebesblinden Kerl damit endlich los zu sein.

Leider ohne Erfolg. Los ist sie lediglich den letzten Stammkunden.

Und Friedel Johnson kommt nächsten Morgen an, entschuldigt sich

mindestens, wenn nicht noch öfter, wegen seines Eindringens, und

heult wie ein Schlosshund.

Sie stellt auf Durchzug - ist taub für sein Gejammer. Der Kerl wird

zur echten Plage - ja, zur Bedrohung! So geht es nicht weiter!

Zunächst will Greta ins Haus eilen - will den Kerl abschütteln.

Doch dann geschieht etwas mit ihr - etwas, das sie nicht an sich

kennt. Noch nicht....Während der flennende Kerl auf die Knie fällt,

um dem Tränenstrom freien Lauf zu lassen, macht sich in Greta der

brennende Wunsch breit, dem Mann am Gartentor kräftig eins über

den Kopf zu ziehn - undzwar so kräftig, daß er am Zaun liegenbleibt -

für immer.

 

Im allerletzten Moment besinnt sie sich - klar vorhersehend, daß 

dieses Tun eher selbstmörderisch ist. Die Leute werden den ‘armen

Jungen’ bedauern, denn der ist gut, und die Hure ist schlecht. Die 

Hure ist sowieso an allem Schuld, denn die hat dem Jüngling den

Kopf verdreht. Nein, ein Toter an ihrem Gartenzaun...wahrlich kei-

ne Erfolg versprechende Idee. Also vollzieht sich besagte Wandlung

in ihr...Sie hilft dem elendig Weinenden auf, zieht ihn ins Haus, 

schiebt ihn vor sich her, ins Allerheiligste. Und dann wähnt sich

der angenehm überraschte Verehrer im Hafen seiner Träume...Das

Geflenne verstummt, denn Greta krault ihm Nacken und Haare. Sie

haucht ihm tollkühne Versprechen ins Ohr. Schließlich nimmt sie

sich seines Hosengürtels an, öffnet die Schnalle, lächelt lasziv, führt

seine zittrigen Hände an Brust und Bauch - stöhnt auf, als er die Ni-

sche ihrer Venus erreicht.

Welch’ Irrsinn, denkt sie, während er sich reichlich ungeschickt und

erfolglos abmüht, seinen Mund auf ihren zu pressen.

> Küssen ist nicht!, < warnt sie.

Schwacher Protest. 

> Ich muss dich aber küssen, wenn ich mit dir schlafe. Ohne Küssen

ist es doch keine richtige Liebe! <

> Echte Liebe, soso...Du warst noch nie bei ‘ner Nutte, stimmts? <

Er weicht der Frage aus, meint stattdessen, dass sie ja garkeine Nut-

te sei - und wenn doch, würde ihm das nichts ausmachen. Sie sei je-

denfalls ganz anders, als die albernen Mädchen im Dorf.

> Kann man wohl sagen, < amüsiert sie sich.

Plötzlich stirbt ihr Lachen.

> Du bist auch anders, als die meisten Kerle, < meint sie eher spöt-

tisch. > Die andern kommen immer gleich zur Sache. Ich könnte

dir Sachen erzähl´n....Der Matschke von der Feuerwehr, zum Bei-

spiel. Der hat’s sich neulich selbst im Baum besorgt. Da draußen.

Kommt nachts hier angeschlichen, klettert in den Baum, und ich 

zieh’ mich ganz langsam in der Küche für ihn aus...Oder der Stock-

mann...Der sieht mich liebendgern in Engelsplünnen. Richtig, mit

Flügel und so...Der Meyer erst...Dem die Schlachterei gehört. Der

prüft mich grundsätzlich erstmal nach Fleischesgüte. Meine Beine

nennt der Keulen, den Nacken ‘Filetstück’....

Zugabe gefällig? Der liebe Herr Bürgermeister...So ein netter Mensch

aber auch...Hat’n Treckerfimmel. Dauernd will der Trecker fahr’n.

Hat sich extra ‘n Spielzeugtrecker zugelegt. Damit tuckert er hier

stundenlang durch´s Haus....Willste noch mehr hören? <

Sie starrt Friedel Johnson herausfordernd an. Der ist sichtlich einge-

schnappt.

> Nehmen wir noch Reuter, den Boss von der Sparkasse. Den hat’s

ziemlich erwischt...Der bildet sich ein, ein Außerirdischer zu sein,

der die böse Welt von jeglicher Hurerei und anderen Lastern befreit.

Der kommt hier schon in galaktischen Klamotten angetanzt und bis

an die Ohren bewaffnet. Ich muss denn mindestens zwanzig Mal tot

umfall’n, bis er glaubt, dass die Erde nun endlich frei von allem Übel

ist. 

> Na, willste Nachschlag, oder haste genug gehört?! < 

Ihre Stimme ist hart und laut. Ebenso hart packt sie den jungen 

Kerl plötzlich an der Rute, zieht heftig dran. 

> Törnt dich das an, Friedel Johnson? ...Na klar törnt dich das an.

Komm schon, Friedel Johnson. Auf die Gratisnummer mehr kommt’s

auch nicht an. Nalos, komm schon her! <

Sie reisst sich das Höschen weg. 

> Nenn’ es von mir aus Liebe. Aber mach voran, F r i e d e l  J o h n-

s o n! <

Die Worte sind wie Schläge für ihn. Er starrt sie an - ungläubig und

scheinbar geläutert. Umständlich kriecht er in seine Kleider zurück,

wirft ihr einen fragenden Blick zu und verlässt grußlos das Haus.

Greta lauscht den davoneilenden Schritten. Dann atmet sie auf -

lacht befreit. > Bei dem hilft wirklich nur die Schockmethode. Na ja,

egal. Ziel erreicht. Den bin ich endgültig los. <

 

Glaubt sie.

Irrglaube.

Jetzt steht er wieder am Gartentor und will mit ihr reden.

Das schmeckt ihr garnicht. Widerwillig streift sie den Hausmantel

über, lässt ihn herein. Währenddem sagt sie sich wieder und wieder:

ich bring ihn um!...Bring ihn um...Bring ihn um!

Es ist kurz nach sechs Uhr, abends.

Sie setzen sich an den Küchentisch. Schweigen. Die Teekanne 

dampft. Die Wanduhr tickt. Tick...tick....tick...tick...Nebel schleicht

ums Haus. Die Stille wirkt bedrohlich. Nicht Greta ist in Gefahr, 

sondern der Gast, am Tisch. Der zögert noch, greift dann aber nach

ihrer Hand und sagt: > Ich verzeihe dir, Greta. Verzeihe dir alles! <

Pah! Weiß der Kerl überhaupt, was er da für einen Stuss zusammen-

redet?! Das nackte Frieren packt sie. Pure Verachtung, und Ekel -

mehr kann sie für den Kerl nicht empfinden.

Er verschluckt einen Halskloß, bringt das Fass endgültig zum Über-

laufen. 

> Du musst mir aber versprechen, dass du nur noch mich liebst,

und keinen ander'n sonst. <

Greta verspricht garnichts. Sie denkt auch nicht mehr - funktioniert

nur. Sie löst ihre Hand aus seiner. Lächelt sogar und sagt: > Tee? <

Er nickt. Seine Augen folgen ihr. Dann - ganz kurz - lassen seine Au-

gen von ihr ab. Er blickt zum Fenster raus, zum schwarzen Himmel.

Sie greift sich den schweren Eisenkessel, in der Ofenecke, tritt hin-

ter ihn, und....

 

Sein Kopf blutet stark. Dennoch schafft er es, wieder vom Boden

hochzukommen. 

Er torkelt. 

Sagen kann er nichts. 

Vorbei. Er weiß, dass es endgültig vorbei ist. Sie wird es wieder 

versuchen. Immer wieder.

Er taumelt zur Tür. Raus, in die sternenlose Nacht. Die Dunkelheit

umarmt ihn wie einen Bruder.

Stille im Haus.

Endlich Stille.

 

 

Der andere Morgen.

Nässe und Rauch lichten sich. Letzte Blätter wirbeln im Wind. Die

alte Birke knarrt. Im kahlen Geäst baumelt ein Mann. Friedel John-

son hat sich erhängt. Greta rennt hinaus, zerrt den Toten herunter -

gehetzter Blick, die Straße lang. Keiner, der sieht, wie sie den Leich-

nam hinter’s Haus schleppt, um ihn dort zu begraben. Schnaufen,

graben, schnaufen, graben. Schließlich gleitet der Leblose ins nasse

Loch. Und damit auch alle Erinnerungen an ihn.

Erde drauf und welkes Laub. Geschafft. Alle Spuren beseitigt. 

Von irgendwo Krähengeschrei.

Endlich. Nun wird alles gut - wird alles besser - glaubt sie.

 

 

2.

Einige Wochen später, im frostgrauen Dezember, hört sie die Stim-

me zum ersten Mal....Von draußen. 

> Greta, öffne mir...! <

Doch da ist niemand.

Die Angst ist groß. Sie hetzt durch’s Haus, sucht alles ab, lässt keinen

Winkel aus.

Niemand da.

Tagelange Unruhe. Schwer die Augen, doch: tröstlicher Schlaf will

sie nicht holen.

Wieder, ganz deutlich, die Stimme von draußen. > Greta, öffne 

mir! <

Sie stürmt an’s Fenster. Bestürmt alle Fenster.

Aber: da ist ja niemand.

> Friedel Johnson, du bist tot!... T O T !!! <

Sie läuft hinaus. Das froststarre Grab, hinterm Haus - unberührt.

Aber: was ist das da...?! Im schwachen Schein der Taschenlampe

erkennt sie den breiten Erdriss in Friedel Johnsons Grab. Und hört

die widerliche Stimme, als würde er direkt hinter ihr stehn.

> Greta, öffne mir...! <

Sie schnellt herum. 

Nichts.

 

Er folgt ihr ins Haus - folgt ihr überall hin. Von nun an wird sie ihn 

immer bei sich haben - in langen Winternächten, an düsteren und

hellen Tagen. Er ist allgegenwärtig. Auch ihre Schreie werden ihn

nicht vertreiben.

Daß sie in Gefahr ist, langsam den Verstand zu verlieren, schert 

ihn kaum. Er hört sie nicht - sieht nur, daß sie sich verändert. Und

wenn sie fiebrig nach ihm schlägt, spürt er nichts, weil er garnicht

da ist. Nicht wirklich - sondern nur für sie. Er kann sie sehen. Kann

sie immerfort ansehen - das ist mehr, als genug. Wenn sie sich auch

massiv gegen seine Anwesenheit sperrt: sie wird sich dran gewöh-

nen müssen...

 

 

 

(c) Ralph Bruse

Conni

 

 

Nie werde ich sie vergessen können: Conni, das kleine Mädchen

mit der kornblonden Lockenmähne und der unergründbaren,

schwarzen Seele.

Es war vor einigen Jahren...

Damals führte ich einen Krämerladen in einer mecklenburgischen

Kleinstadt. Das mickrige Geschäft lief mehr schlecht als recht; den-

noch war ich zufrieden - hatte ja genug zu essen, ein sonniges Ge-

müt ohnehin, und Stammkunden, die mir auch die Treue hielten,

als am andern Ende der Straße ein riesiger Supermarkt seine Pfor-

ten öffnete.

Das Leben ist mitunter ungerecht. Und so änderte sich alles bis-

her Gewesene rasend schnell ins genaue Gegenteil....Jener Tag im

November, der bislang ruhig und ohne nennenswerte Geschehnis-

se verlief, warf mir jemanden vor die Füße, deren Einzigartigkeit 

am anderen Ufer von Glück und Frohsinn vegetierte.

Schon länger hatte ich sie versunken vor dem Schaufenster stehen

sehn. Mit großen, verweinten Augen spähte sie ins Innere des klei-

nen Ladens. Sie trippelte von einem Bein auf's andere. Dann kam

sie herein.

> Was darf's sein, schönes Frollein?, < fragte ich schnippisch, in

der Hoffnung, sie etwas aufzuheitern.

Sie aber antwortete nicht; blickte mich nur scheu an. Ihr hübsches,

etwas verschmutztes Gesicht, glühte. Was hat sie nur?, grübelte

ich angestrengt. In dem bleichen, verwaschenen Baumwollkleid,

daß knittrig um die schmalen Beine schlodderte, wirkte das Mäd-

chen ärmlich. Ihre nackten Füße steckten in übergroßen Herren-

Sandalen, deren Sohle so abgewetzt war, daß sie ebenso gut hätte

barfuß laufen können. In ihrer linken Hand baumelte ein Plüsch-

teddy, der genauso verdrießlich, wie das Mädchen aussah. Des

Mädchens Blick aus großen, blauen Augen tastete sich langsam

umher und stoppte schließlich an einem Glas kunterbunter Zuc-

kerkugeln. Sie wagte, kein Wort zu sagen.

Geistesgegenwärtig öffnete ich den Deckel des Rundglases, griff

hinein und reichte ihr eine Handvoll. Sie zögerte, sah mich lange

prüfend an, ehe sie, einem Vogel ähnlich, behutsam eine Murmel

nach der andern aus meiner Hand pickte und sich in den Mund

schob. Ja, sie vertilgte die süßen Kugeln Stück für Stück an Ort

und Stelle; zerkaute sie mit solcher Hingabe, daß es mir mitleidig

fast das Herz zerriss. Sie weinte immer noch leise, obgleich ihr

Mund unaufhörlich Schmatzgeräusche hervor ließ. Und der ver-

schleiert wirkende Blick hing nach wie vor an mir.

> Wie heißt das schöne Frollein denn?, < fragte ich sie mehrmals.

Sie aber pickte die nächste und übernächste Kugel aus meiner 

Hand; schmatzte und schluchzte zugleich. Dennoch: keine Sekun-

de lang ließ sie mich aus ihren großen, unergründlichen Augen.

Komisches Kind, dachte ich resigniert. Wirklich sonderbar.

 

Ein Stammkunde betrat den Laden. Schnell schob ich das Mäd-

chen sanft zur Tür raus, gab ihr noch ein paar von den Naschku-

geln mit und kam gedankenverloren zurück, um auch die weni-

gen, nachströmenden Kunden zu bedienen.

So ging der Tag zur Neige.

 

Gerade will ich die schebbernde Ladentür zuschließen - da steht

das Mädchen, scheinbar wie aus dem Nichts hergestoßen, direkt

hinter mir - also im Laden; nicht draußen, vor der Türe. Verständ-

lich, daß ich jäh erschrecke...! Sie jedoch streckt seelenruhig die

eine Hand aus. Darin ist ein Zettel. Behutsam entfalte ich ihn und

lese die krackelige Schrift.

 

Ich heis Conni, steht da in krummen Buchstaben.

 

Da endlich fällt es mir wie Schuppen von den Augen...Das Mäd-

chen kann garnicht sprechen. Herrje; auch das noch. Armes Ding.

Erstmal tief Luft holen. Und seufzen. Ihr den Kopf wuscheln.

> Was stell'n wir zwei denn jetzt an, Conni? <

Offenbar wusste, oder ahnte sie zumindest meine Frage schon 

vorher, denn sie nimmt zielstrebig meine Hand; zieht mich ein-

fach fort, durch viele schwach beleuchtete Straßen der Stadt. 

Ich protestiere zwar mehrmals lautstark, aber sie zerrt unbeirrt 

und mit solcher Kraft an mir, daß mir keine Wahl bleibt, außer 

der, ihr zu folgen.

 

Der Tag dunkelt.

In Häuserfenstern schimmern zumeist blassgelbe Lichter gegen

die dunstige Nacht an. Von irgendwo hallt eine Turmuhr. Eine

mit sich selbst redende Frau scheucht ihr Federvieh von der lee-

ren Straße; rüber, in den Stall.

Stille. Dichter Nebel setzt sich wie eine riesige, fette Henne auf

Häuser und in alle dunklen Ecken der Kleinstadt.

Mir ist nicht wohl in meiner Haut. Wohin zerrt mich das Mäd-

chen? Sie eilt; drängt ruhelos dem Ziel zu, das nur sie allein kennt.

Endlich stoppt sie abrupt.

Wir stehn vor einem schäbigen Haus, dessen Giebel als schwache

Silhouette in die Schwärze aufragt. Dürftiges Lampenlicht dringt

aus einem der niedrigen Fenster.

Das Mädchen weist heftig gestikulierend zu einem Fenster, oben,

unter dem Dach.

> Wohnst du dort?, < will ich wissen.

Sie schüttelt heftig ihre Lockenmähne, aber ihre weitaufgerissenen

Augen treten entsetzt hervor; wollen ihr Nein offenbar Lügen stra-

fen.

> Soll das heißen, daß wir die ganze Zeit einfach so in der Weltge-

schichte herum tappen? <

Sie schüttelt abermals ihr Haupt; zeigt aber immer wieder zum

Dachfenster rauf. Sie zieht mich noch näher zum Haus hin. Das

spärliche Licht aus dem Zimmer im Erdgeschoss streift ihr Ge-

sicht...Erschrocken weiche ich zurück. Das Grauen, das dann 

kommt - kommt überfallartig. Ungeahnter Hass - ja, blanker Hass

und Zorn wüten nun in ihrem Gesicht. Aus irgendeiner fernen Er-

innerung wagt sich Unheilbringendes in das todernst gewordene

Antlitz...Aber da ist noch etwas, das mich zittern lässt: das Mäd-

chen wirkt plötzlich sehr, sehr alt...Sie ist es offenbar auch...Die 

vorher sanften, eher gütigen Züge nehmen harte Kontouren an. 

Die schweissglänzende Stirn zerreisst in dutzende, tiefer Falten. 

Die vollen Lippen schnellen vor; werden spitz und lang, wie der 

harte Schnabel eines überdimensionalen Raubvogels. Scharfe 

Zähne beißen die Unterlippe blutig. Der schmale Hals schwillt 

zusehends an.

Wahrhaftig: das schüchterne Mädchen ist in Sekunden zur be-

drohlichen Kreatur geworden...

Was ist hier einst geschehen, daß die zarte, geschundene Men- 

schenseele mit solcher Macht nach außen drängt, um solch eine 

grässliche Fratze hervorzubringen?

 

Ein Fenster fliegt auf. Heraus windet sich der schrumplige Kopf

einer alten Frau. Sie ist augenscheinlich ängstlich, stammelt wirre

Worte und verschanzt sich schließlich schreiend im schützenden 

Zimmer.

Vor wem fürchtet sich die Alte?

Ich kann die Fremde nicht mehr im Licht des Zimmers ausmachen.

Sie muß in den hinteren Teil des Hauses gerannt sein.

> Wer ist die Frau, Conni? < Und: > Was, zum Teufel, ist hier 

los? <

Ich rüttle am Arm des Mädchens - zerre in einer Tour daran.

Erst dann bemerke ich ihr Verschwinden. Sie ist weg, ohne daß

ich auch nur leisesten Wind davon bekam. In meiner Hand halte 

ich lediglich den feuchten Schmuddelteddy, den sie mitbrachte.

Es ist, als habe das folgerichtige Grauen all seine Schleusen ge-

öffnet; als ob tödliches Unheil jetzt - genau jetzt - seinen Lauf 

nimmt. Und ich kann mich nicht rühren; keinen einzigen Zenti-

meter; stehe wie zu Eis erstarrt da, vor dem Haus; kann weder ein-

greifen; geschweige denn helfen - wem auch immer - nichts - gar-

nichts kann ich tun. Ich muß stehen bleiben, wo ich steh und an 

meinem eigentlich gesunden Verstand zweifeln.

Einige Minuten lang - oder sind es Stunden? - höre ich nur jene

fürchterlichen, gellenden Schreie der Alten im Haus. Aber zwi-

schendurch vernehme ich auch kurze, schnelle Schritte, die ganz

sicher nicht der Alten zuzuordnen sind...Jene sprunghaften Schrit-

te trippeln und trippeln - einem flügellahmen Vogel gleich - tack

tack, tack tack...Helle Schritte auf Lenoleum; Schritte, die längst 

im Haus sind - ja, da drinnen...Und das Schreien der Alten wird 

noch lauter. Immer lauter...!

Schreien will auch ich - will warnen, wenn ich nur wüsste: wen

und wovor? - doch jene unerhörte Kraft zwingt mit aller Macht 

Stimme und Glieder nieder. 

Nichts kann ich tun - die Knie sacken mir weg; ich stürze hin; hö-

re zwar klar und deutlich jeden einzelnen Ton - muß aber schwei- 

gen und verkrümmt auf kaltem Asphalt liegend verharren.

In das nunmehr hysterische Geschrei der Alten mischt sich ein

krachendes, undefinierbares Geräusch, so als würde auch im Haus 

jemand zu Boden knallen...Die Schreie werden zu jammernden

Klagelauten. Leiser; noch leiser wird jenes Flehen und Bitten der

Alten - bis nur noch ein dünnes Weinen aus dem Haus nach außen

dringt.

Dann ist es mucksmäschenstill. So verdammt still, daß mir jeder

Herzschlag der Brust zum würgenden Hals hochtrommelt.

 

Hier ist Schreckliches geschehen. Grauenvolles - das ahnte - nein,

das wusste ich!

 

Conni, das scheinbar unschuldige, Naschwerk kauende Mädchen, 

sah ich seither nicht wieder. Auch das Haus, in dem es offenbar 

zu einer Bluttat kam, fand ich bei Tageslicht nicht mehr. Vielleicht 

holte das unergründliche Schweigen jener Nacht im Nachhinein al-

les zu sich - ließ absolut nichts wirklich Erklärendes da - außer eini-

ger, weniger Trümmerteile, die weit verstreut umher lagen.

Ich selbst fand mich frierend und gottverlassen in einem Straßen-

graben voller Unrat liegend, wieder.

Klarer Sinne beraubt, stolperte ich heimwärts.

Was nur geschah letzte Nacht? Welche unheilvolle Macht zwang

mich in größtem Wollen, zu helfen, zum Nichtstun? Und: wo ist 

das Mädchen abgeblieben???

Das stumme Kind ließ sich jedenfalls nicht mehr im Laden sehn,

obwohl ich mich auf wahrlich unerklärbare Art sehr danach sehn-

te. 

Nichts geschah. Das Mädchen Namens Conni blieb verschwun-

den. Sieben Tage lang suchte ich sie - vergebens.

 

Nach weiteren Wochen größter, innerer Unruhe wurde ich lang-

sam aber sicher zu einem übellaunigen Nervenbündel. Die Leute

im Laden blieben aus, weil ich ihren dämlichen Wünschen angeb-

lich nicht mehr zur Genüge nachkam. Ständig grübelnd saß ich

nunmehr im Laden und zerkaute eine Zuckerkugel nach der ande-

ren. All meine Blicke huschten angstvoll und gierig zugleich zur Ein-

gangstür - aber niemand trat ein. Also zerschlug ich überaus wü-

tend schließlich sämtliches Inventar. Zu guter Letzt das Rundglas

mit den Zuckerkugeln schon zum Zerdebbern in der Hand, sah

ich einen Zettel darin liegen.

Zittrig und schnaufend griff ich danach; entfaltete den zerknüllten

Papierfetzen und las: 

 

Ich heis Conni

 

Jäh aufbrausend und brüllend zerriss ich den Zettel zu zig Mini-

Zettel, schleuderte den Schnippselregen wiederum ins nächstbeste Eck; 

trat immer und immer wieder darauf herum; schrie ungehobeltes Zeugs; 

riss mir in grenzenloser Wut gar Büschel von Haaren aus - verlor irgend-

wann gänzlich alle Selbstkontrolle, und den Verstand ohnehin. Sie hatten 

Besitz von mir ergriffen - endgültig. Wer sie sind, weiß ich nicht - will ich 

auch garnicht wissen, verdammt! Ich weiß nur, daß sie in mir sind; daß 

sie langsam und gründlich alles Gewesene zerschlagen werden - daß sie 

nur Chaos und Wahn da lassen werden, wenn sie fertig mit mir sind.

 

 

Ich kam in eine Anstalt für Nervenkranke.

Dort erzählte ich allen von dem unheimlichen Mädchen - erzählte auch

von jener Schreckensnacht. 

Alle lächelten nur und meinten, daß ich hier absolut sicher sei.

Das beruhigte mich etwas.

Aber heimlich, wenn es keiner bemerkt, schreib ich mir alle Abende lau-

ter kleine Zettelchen:

 

Ich heis Conni

...heiße Conni

heiße...

 

 

 

(c) Ralph Bruse

Conni

 

(Zweiter Teil)

 

Fünf Winter danach wurde ich aus der Anstalt entlassen.

Rauhreif durchzieht das kalte Land.

Heute morgen dudelten erste Schneeflocken umher. Nach und 

nach deckten sie Häuser und Straßen zu.

Wenn auch allein - so war ich doch wieder Mensch, der selbst

entscheiden kann, wann er des Abends zu Bett geht und in der

Früh aufsteht.

Oben, unter'm Dach eines ziemlich schäbigen Hauses, fand ich

eine neue Bleibe. Das karge Zimmer wurde mir möbliert zuge-

wiesen. Darin sieht es, ehrlich gesagt,  nicht viel besser aus, als 

in einer Höhle. Von schrägen Wänden baumeln - wie in besagter 

Höhle - tropfsteinähnlich lauter gilbe Tapetenfetzen herab. In der 

spitz zulaufenden Zimmerdecke eine nackte Glühbirne. Morsche 

Holzmöbel sind auch vorhanden - Möbel, die bei jedem Schritt 

knarren, als wollten sie gleich zu Späne zerfallen. Dann noch ein 

dreibeiniger Tisch; daneben der mit löchrigem Kunstleder bezo- 

gene Stuhl. Einen Blick weiter, das mickrige, in einer Tour wac- 

kelnde Nachtschränkchen. Das schmale, quietschende Eisenbett 

aus Armee-Urzeiten. 

Was noch?

Ach ja: die Kochstelle. Zwei Platten, von denen eine so stark ver-

rostet ist, daß kein Strom mehr durchkommt.

Tropfendes Waschbecken. Plätscherndes Klosett. Und jenes 

Duscheck, ohne Vorhang, aus dem es gütigerweise nicht tropft 

oder plätschert, dafür jedoch faul aus dem Abfluss riecht.

Hier fühlt sich ein Mensch natürlich nicht wohl, aber ich bin

dennoch zufrieden. Schließlich bin ich wieder ein freier Mann -

nur das zählt im Moment.

 

Einmal wöchentlich soll ich zu Gesprächen mit schlecht gelaun-

ten Ärzten in die Tagesambulanz kommen. Ist nur zu meinem

Besten, meinen sie. Ohne viel Gemurre lasse ich also mit mir 

machen, was andere für das Beste halten. Ebenso folgsam neh-

me ich die verordneten Pillen ein, deren Wirkung nicht unbe-

dingt das Gefühl von  - ach, wie ist die Welt heute wieder schön -

entfacht. Aber immerhin schlagen die Wunderpillen auf wunder-

sam beruhigende Art an.

So verläuft mein neues Leben also mehr oder minder in geregel-

ten, überraschungsarmen Bahnen...Bis, ja, bis eine Begebenheit

genau all das über den Haufen wirft...

 

Es ist ein Samtstag. Früh am morgen.

Gerade beknabbere ich ein vier Tage altes Stück Brot, als es von

draußen bimmelt.

Unwillkürlich zucke ich zusammen. Wer will mich schon an ei-

nem trostlosen, grauverhangenen Samstagmorgen sehen? Nicht

mal der Vermieter der schäbigen Bleibe lässt sich hier blicken.

Und ich hab zugegebenermaßen auch garkeine Lust, irgendwen 

in die ungastliche Absteige zu führen.

Dennoch: es klingelt an der Tür und die Tatsache zwingt mich zu

einer schnellen Entscheidung. 

Mürrisch erhebe ich mich, und ebenso mürrisch schlurfe ich in

Richtung Tür; betätige den Summer zum Öffnen des Hausein-

gangs; gehe dem Besucher ein paar Schritte im Treppenhaus ent-

gegen. 

Nichts. Keine Spur von einem Gast. Niemand, der die Treppen

raufkommt. Auch kein Schatten hinter dem Milchglas der Au-

ßentür.

Ich öffne die Tür. Ein Zettel weht durch den Spalt ins Treppen- 

haus - direkt vor meine Füße. Sofort spüre ich, daß dieses weiße 

Etwas nichts Gutes verheißt. Das Schnüren im Hals tut sein Üb-

riges.

Dennoch nehme ich den sorgfältig gefalteten Zettel hoch und le-

se die mit roter Tinte geschriebenen Worte. 

 

Ich hab keine Schuld. Was auch immer geschah, damals. Du

wirst es irgendwann verstehen.

Wir werden und bald wiedersehn!

 

Conni

 

Conni...?

Conni!!!

Der Name donnert in meinem Kopf, martert mich mit schlimmen

Erinnerungen. Doch gleichzeitig rettet er all die stumpfsinnig ge-

wordenen, eigenen Gedanken vor dem endgültigen Untergang.

Das Gewesene war kein böser Traum - sie lebt hier irgendwo, 

wahrscheinlich ganz in der Nähe...In fünf langen Jahren wollte 

ich sie und alles Vergangene auslöschen.

Vergebens. Schlagartig knallt sie in die Wirklichkeit - und ich

Narr gestehe mir ein, tief im Innern doch all die Jahre nach ihr 

gesucht zu haben.

 

Langsam steige ich wieder die Treppen rauf. Oben angekommen,

fühle ich mich plötzlich unsagbar erleichtert, matt und müde. In

diesem Gefühl höchster Zufriedenheit gefangen, schließe ich die

Zimmertür, sinke auf die Couch hin, rede mit mir selbst - und

mit ihr... > Wir werden und bald wiedersehn...Ja, das werden 

wir...< 

Alle Bilder von einst steigen auf. Der Laden. Dann sie....Ihre

Lockenmähne. Die großen, traurigen, blauen Augen....Höre das

das Schmatzen des eigentlich stummen Kindermundes...Bis hier-

hin alles gut.

Doch dann drängen andere, düstere Bilder aus jener Nebelnacht

hinzu...Die hellen Schreie der alten Frau in dem halb gammeli-

gen Haus am Ende der Stadt. Und auch das plötzliche Verschwin-

den des von brennendem Hass besessenen Mädchens, das selbst

zur hässlichen Kreatur wurde, ehe es ins Haus stürmte, um....?

 

Wieder kommt das Zittern und Frieren mit aller Macht. Schnell

zerre ich die Bettdecke bis unter's Kinn; schlage sie um den Kör-

per, als könne sie schützen.

Nein, das gelingt nicht, denn ich kauere bereits mit angezogenen

Knien im hintersten Stubeneck, starre andauernd zur Tür, in der

Hoffnung, sie möge doch besser für immer zubleiben.

Andererseits... Es wird geschehen. Irgendwas wird auch mit mir

geschehn. Und ich will mich nicht dagegen wehren.

Mein Puls rast und rast. Ganz plötzlich fällt er - ja, stoppt fast. 

Ein Hin und Her. Rasen. Stoppen. Rasen. Hitze. Kälte. Heiss und 

Frösteln....Das müssen die elenden Pillen sein.

Dann endlich die Erlösung. Große Ruhe nimmt mich gnädig zu

sich. Wohlig durchströmt sie alle Glieder; findet auch entlegen-

ste Winkel. 

Ich werfe die Decke wieder zur Seite, tappe drei Schritte hierhin,

und vier dahin; zünde mir schließlich zur Feier des Augenblicks

ein Pfeifchen an.

Langsam besiegt der süssliche Tabakduft den Muff des Zimmers.

Ganz still sitze ich da, und warte. 

Warte auf sie...Und: sie wird kommen - soviel ist sicher.

Conni....längst hat sie ihren Namen unauslöschbar in all mein

Unbewusstes geritzt.

 

Draußen, am Kippfenster, wird der graue Tag zur Nacht. Nur ein

paar Straßenlampen trotzen der Schwärze noch.

Jemand trippelt - kaum hörbar - die Straße lang. Unten, vor dem

Haus, hinter dessen Wände sich vieles entscheiden wird, verhal-

len die Schritte. Es klingelt abermals. Diesmal nur kurz. 

Sehr gefasst öffne ich die Stubentür, drücke auf den Summer; hö-

re kurze Schritte die Treppe hinaufsteigen. Immer noch merkwür-

dig ruhig stehe ich an der Türschwelle und bin sicher, daß sie je-

den Moment hier hereinkommen wird.

 

Dann steht sie im gelblichen Licht des Zimmers...Das Mädchen

von einst ist nach fünf langen Jahren zum unvergleichlich schö-

nen Fräulein geworden. Die großen, traurigen Augen, die mich 

genau wie damals unweigerlich fixieren...schrecklich und faszi-

nierend zugleich! Die nassen, zerzausten Haare bedecken Stirn

und Gesicht fast völlig. In den Mundwinkeln versteckt - ein zar-

tes Lächeln. Aber es gelingt nicht vollends. Schmale, spitz zu-

laufende Schultern, die nicht mal der dicke Filzmantel verber-

gen kann. Hilflos streckt sie die bleichen, zerbrechlich wirken-

den Arme aus.

Unfähig zu sprechen, geschweige denn zu handeln, sehe ich sie

nur an. Sehe, wie sie sich würdevoll auf den einzigen Stuhl setzt; 

wie sie zuvor den feuchtdampfenden Mantel über die Lehne 

hängt...Sie ist es. Wahrhaftig, das ist sie...! Dem einstigen Mäd-

chen ist eine schweigende Schöne entstiegen, die alle Kraft bis-

heriger Vorstellungen sprengt!

Wir sehen uns an - innig; sehr lange - und begreifen, wie sehr

wir uns ähneln. Sie - die Stumme - die offenbar tötete, um irgend-

wie weiterleben zu können. Und ich - der auf ewig ihr Komplize

sein wird. Doch da ist noch etwas anderes, das ich nicht begrei-

fe - nicht mit logischem Denken. Es ist da...ich kann es fühlen -

fast greifen - jedoch nicht in klare Worte fassen. Noch nicht...

 

Minuten verrinnen zu Stunden. Die Nacht im Zimmer ist ebenso

still, wie die draußen, hinter dem schmierigen Dachfenster.

Dort: sie, auf dem Stuhl. Schweigend; fast ohne jede Regung. Sie

blickt her.

Hier, am Bettrand: ich. Es gäbe soviel zu sagen, zu fragen; doch

kein Wort will gelingen. Kein einziges Wort. Wir schauen uns 

nur an. Und die Zeit verrinnt wie Sand in unseren Händen. Wir

werden einander wieder verlieren. Ich ahne es. Drum sehe ich

sie nur an, in dieser letzten Nacht; ziehe sie schließlich, samt 

Stuhl, zu mir; greife zaghaft nach ihren kühlen Händen und wär-

me sie in meinen. Sie erwidert meinen sanften Druck; blickt 

mich noch intensiver und direkt an.

Weint sie?

Ja, eine Träne fällt nieder.

Noch eine.

Ich wische sie ihr von Wange und Hals.

Es werden immer mehr. Zuviele. Ich muß stark sein. Muß ihre

Tränen stoppen. 

Beides gelingt nicht. Ich ziehe das tränennasse Gesicht an meine

Schulter. Dort bleibt es lange liegen - solange, bis....bis ich ihren

wirklichen, physischen Leib nicht  mehr so stark spüre....nicht

das Zittern und nicht das dünne, ohnehin kaum hörbare Schluch-

zen.

Was geschieht nur mit ihr? Mit uns?

Verliere ich einen Menschen schon im Moment erster, scheuer

Glückseligkeit?

Und: warum verliere ich sie? Warum gerade jetzt?!

 

Wie bleich sie ist. Immer blasser wird sie, und zerbrechlich, wie

ein kühler Windhauch, der weiterzieht, oder ganz erlischt.

Trost will ich geben. Nur Trost, weil nichts sonst bleiben wird.

Sie aber taumelt mit letzter Kraft empor, löst sich gänzlich aus

meiner Umarmung; zieht mich, wie schon damals fort; zur Tür;

raus; ins Freie; in die sternenlose, frostige Nacht; über Straßen

und Plätze; zum Ortsrand. 

 

Ein Haus. Ihr Haus.

Nur noch Ruine. Ein Steinhaufen.

Wir halten kurz.

Gehen weiter. Nein, eigentlich geht sie. Ich spüre mein Gehen 

nicht. Folge nur.

Schließlich ein Friedhof. Kaum Lichter. Die meisten Gräber in

tiefem Schatten. Neue. Verwitterte.

Der Druck ihrer Hand lässt merklich nach. Als wir an einem

Grab, direkt neben der Kirchmauer stoppen, spüre ich ihre

Hand garnicht mehr. Und weiche entsetzt zurück.

Cornelia Ruben steht da, in Stein gehauen.

Cornelia Ruben?

Sie?

Ja, Conni!

 

 

( Der Pfaffe der Gemeinde wird mir später berichten, daß in je-

nem - inzwischen ganz abgerissenen Haus am Ortsrand, eine

Mutter ihr Kind mit in den Freitod nahm. Er wird davon erzäh-

len, daß die Mutter in geistiger Umnachtung das eigene Haus in

Brand setzte. Und daß hernach genügend Überbleibsel der Mut-

ter gefunden wurden, um sie identifizieren und dann bestatten

zu können. Der Sarg der Tochter aber blieb leer, weil man keinen

einzigen, tatsächlichen Nachweis für ihren Tod fand...

> Nun...< wird der Pfaffe seufzend enden. > ... Die Flammen ha-

ben das arme Kind wohl vollends verschlungen. < )

 

 

Noch kann ich sie sehen. Dort, hinter dem Stein stehend...Aber

ihre Kontouren verblassen mehr und mehr - werden unabänder-

lich eins mit der grauenvollen Nachtschwärze.

Langsam beginne ich, zu verstehen. Doch tatenlos zusehen, wie

sie mir genommen wird - das will ich nicht. Drum rufe ich nach

ihr, sinke auf die Knie; schrei und schrei ihren Namen hinaus;

flehe, brülle; springe wieder auf; stürme vorwärts...! Ihr allerletz-

tes Winken aus der Schattenwelt...wie ein Dolchstoß mitten in 

die Brust! 

Fort. Ich hab sie verloren...verloren...!

Die tränenerstickte Stimme ergibt sich und schweigt. Stumm ist 

auch die Nacht, da draußen.

Kalt und stumm.

 

 

Wochen danach.

Schnee fällt ins Land.

An besonders stillen Wintertagen, wie diesen, kann man von der

Straße her ganz deutlich das Trippeln kurzer Schritte hören.... 

 

 

 

(c) Ralph Bruse

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