Kleine Schwester

 

Draußen fährt der letzte Bus.
Lena redet im Schlaf, und mir schläft der Arm ein.
Ihr Atem weht mich an. Wie Engel auf Wolke sieben, fällt mir
ein. Die Hände tasten umher, finden meine Nase und besetzen
sie. Ich öffne den Mund - japse nach Luft. Ein Kichern. Ist sie
wach?
Halbwach. Engel schlafen nie ganz.
Die Schnur mit dem Lederbeutel unter ihrem Kinn kommt be-
drohlich nah. Da steckt Scharfes drin. Rasierklinge. Die
schleppt sie seit Wochen mit sich rum...Engel und Rasierklin-
ge passen nicht zusammen. Also: kein Engel. Schade - wär
schön, ‘ne kleine Schwester zu haben, die so problemlos ist,
wie sie aussieht - strohblonder Wuschelkopf, kurze Nase, lan-
ge Finger, große Augen, kleine Brüste. Nicht zu vergessen, die
Riesenklappe in dem blassen Unschuldsgesicht.
Die Klappe schweigt - ebenso lange, wie die Rasierklinge an
ihrem Hals baumelt. Lena ist eine andere - vertraut sich nur
mir an. Dauernd fragt sie, ob ich sie nächstes Mal beschütze?
> Nächstes Mal gibts nicht!, < flaume ich. > Na klar beschütz’
ich dich jetzt überall! <
Das reichte ihr nicht.
> Schwör! <
Also schwör ich, wie ein Schießhund auf ‘ne Dreizehnjährige
aufzupassen, obwohl ich noch nicht weiß, wie das funktionie-
ren soll. Ihr auf Schritt und Tritt folgen?
Schwesterchen nickt.
Ich stöhne. > Okay, Nervensäge. Werde mein Bestes geben. <
Das wollte sie hören. Wie ‘ne Klette hängt sie seitdem an mir.
Anfangs haben wir noch gequatscht, über den Arsch, den die
Bullen neulich früh verhaftet haben. Der schmort jetzt in U-
Haft. Ein paar Jahre sind ihm sicher - logisch.
Und wenn nicht..?
Eigentlich quatschte ich ja die ganze Zeit lang. Und Lena gras-

te mit den Zähnen ihre Fingernägel ab.

Am nächsten Tag fiel ihr Opas Rasierer in die Hände. Klinge
raus, angesetzt...Einmal ratsch, und das Leben ist Pusteblu-
me, hörte ich sie im Badezimmer nuscheln.
Wollte sie erst: die Pulsadern aufritzen; doch dann schnitt sie
vorbei, in die Handmulde. Sie hat nicht geheult; nicht ge-
schrien - nichts. Sie stand nur da und zeigte mir stolz die klei-
ne Blutpfütze in der Hand.
Mir war auch nicht nach Schreien. Geht ja auch schlecht, mit
Kloß im Hals.
Schnell Handtuch drum; Lena aufs Moped gepackt und dann
ab, Richtung Krankenhaus. Die wollten sie gleich weiter ver-
frachten. Klappse. Psychiologische Betreuung und so.
Keine Chance. Lenas große Augen fixierten mich; und kurz
drauf verkündete sie fast frohgelaunt: mein großer Bruder be-
schützt mich jetzt!
Der große Bruder stand da wie Kleindoofi und nickte zaghaft
vor versammelter Schwesternschaft.
> Gut. Nee, nicht gut, < meinte die Dickste der Schwestern
nach einer Weile. > Wie Ihr wollt. <
Begeistert sah die Dicke nicht gerade aus.

Wir knatterten heimwärts. Unterwegs schrie Lena gegen den
Fahrwind: ich wünsch mir, wir sind ganz groß und stark - alle
beide! Und wir sind total ineinander verknallt, wie ’n richtiges
Liebespaar..!
Sie kniff mir aufmunternd in die spacke Brust - und da wußte
ich, daß sie langsam den Verstand verliert.


2.
Einen Monat danach lassen sie den Arsch frei. Der Arsch heißt
Munz. Klaus Munz. Er wohnt drei Straßen weiter. Achtzehn ist
der Typ; zwei Jahre älter als ich, doppelt so breit und vermut-
lich auch doppelt so stark. Drauf gepfiffen! Wut ist härter, als
Angst.
Sein Vadder hat ihn rausgeholt; schiebt einfach ‘n Batzen Geld
rüber und kann Sohnemann mitnehmen. Am gleichen Tag lässt
er rumerzählen, das kleine Biest - er meint Lena - hätte Munz
Junior solange mit eindeutigen Verführungsposen provoziert,
bis der nicht mehr wußte, was er tat.
Scheißhausparole. Lauter Lügen!!
Trotzdem glauben manche den Unsinn; andere sind zumindest
verunsichert. Und nur wenige im Viertel sind sich sicher, daß
der alte Sack Übles ausheckt.
Demnächst muß Klaus Munz vor Gericht erscheinen. Vielleicht
denkt sich sein alter Herr, da muß doch was zu drehen sein...
Jedenfalls dreht er ganz schön die Fresse auf, um Lena in die
Pfanne zu haun.
Zwei Tage vor der Verhandlung sitzt er plötzlich in Opas ver-
rauchter Wohnstube, und wie sich die Beiden Freundlichkei-
ten um die Schnauzen schmieren, wird mir kotzübel.
Opa schließt schnell die Tür, als er Lena und mich erspäht.
Zwei Stunden später öffnet sich die Tür wieder und er schüt-
telt dem ollen Munz länger als üblich die Hand.

 

Am nächsten Morgen kauft Opa groß ein. Für Lena ein schic-
kes, blaues Kleid; für mich teure Markenjeans. Er selbst be-
gnügt sich mit ‘ner neuen Pfeife.
> Hat der Munz gesponsert, stimmts?, < frage ich ihn auf die
Nase zu.
Er wiegelt ab.
Also ja.
Scheißopa. Und den hab ich mal geliebt.
Ich sage kein Wort. Er hat meinen zornigen Blick trotzdem
verstanden und verzieht sich.
Spätabends wackelt er wieder an und lässt sich seufzend auf
seinem Lieblingssessel, in Ofennähe, nieder.
So weit waren wir nie auseinander. Mindestens vier Meter tren-
nen uns - vielleicht auch vierhundert, oder tausend. Großvater
hat sich kaufen lassen. Das kapiere wer will - ich jedenfalls
nicht; und Lena am allerwenigsten. Sie zittert wie Mücke im
Winter, rutscht mir noch mehr auf die Pelle, obwohl da garkein
Platz zwischen uns ist. Sie würde auch weiterkriechen - in mich
rein, wenn sie könnte.
> Wir sind arme Leute, < stellt Opa fest.
> Soll das ‘ne Entschuldigung sein?!, < schnauze ich.
Gleich platze ich vor Wut.
> Was haste dem versprechen müssen? <
> Versprechen? Dem Munz? <
> Opa!, < schrei ich dazwischen.
Er zuckt zusammen; setzt eine Bettlermiene auf.
> Ich soll der Kleinen nur’n bisschen zureden, daß sie sich nicht
mehr so genau an den Vorfall erinnern kann. <
Das übliche Seufzen.
> Wir könn’ das Geld gut brauchen. Is’ doch kein Beinbruch,
wenn die Lütte einfach sagt, sie kriegt das nicht mehr richtig
zusammen. <
Ich platze! - trete dem Alten, der mein Großvater sein soll,
volle Wucht ans Schienbein und renne aus dem Haus.
Zum Glück rennt Lena mir nach. Zum Glück, oder Unglück,
weint sie und klammert solange, bis ich wieder normal atmen
kann und beschließe, das Schlimmste noch nicht, sondern erst
später passieren zu lassen. Das Allerschlimmste...

3.
Klaus Munz hat mehr Schwein, als Verstand. Da es zwei ver-
schiedene Aussagen und angeblich keine sicheren Zeugen gibt,

wird der Typ, trotz brutalster Angrapsche, wegen geringer

Schuld in der Sache - so der Richter - zu einem Jahr, auf Bewäh-

rung, verurteilt.
Klappe zu. Klaus Munz ist fein raus.
Sein Vadder strahlt über alle Backen; also strahlt auch der jun-
ge Munz. Die strahlen sicher noch, als sie längst zu Hause sind.
Irgendwie strahlt anscheinend jeder im Gerichtssaal - Opa ein-
geschlossen. Abends serviert er Fisch und Kartoffelsalat, trägt
Omas bunte Schürze, was noch nie vorgekommen ist; er ist su-
pernett und fröhlich und trinkt einen Schnaps nach dem andern,
bis er nur noch Blödsinn brabbelt und dämlich kichert. Irgend-
wann kippt er einfach vom Stuhl und richtet sich schnarchend
unter dem Küchentisch ein.
Früher wären wir sofort hingesprungen, um ihn ins Bett zu ver-
frachten.
Vorbei. Früher ist Pusteblume.
Lena und ich sehen uns an - und ich weiß in diesem Moment,
daß ihr Wunsch wahr geworden ist - schlagartig wurde sie groß
und doch nicht viel stärker. Sie zieht die Rasierklinge aus dem
Lederbeutel und massakriert den verschmähten Fisch auf dem
Teller, vor sich. Armer, toter Fisch, der. Aber besser der, als
Munz, oder Opa, oder sonstwer. Für’n gefledderten Fisch, der
schon tot war, gibts ja kein lebenslänglich.
> Du beschützt mich doch, ne?, < fragt Lena zum soundsoviel-
ten Mal. Auf ihrem Fischteller liegen nur noch Gräten. Der gro-
ße Rest klebt irgendwo unter dem Tisch, und davon reichlich in
Opas grinsendem Gesicht.
> Ja, < sag ich. > Komm, lass uns abhaun. <

4.
Es ist kalt. Mitten im Winter. Wir sitzen, eng beieinander, auf
einem kahlgewehten Acker. Lena hat Mühe, den angestauten
Hass zu bändigen. Am liebsten würde sie dem Munz die Fres-
se sofort aufschneiden.
Das kann ich ihr ausreden.
> Denn landest Du im geschlossenen Heim, und ich im Knast,
weil ich dein Beschützer bin. <
Sie glotzt mich lange an.
> Wir könn’ doch beide in den Knast gehn. Ganz freiwillig! <
> Ja, ich schon. Aber beide haut nicht hin, weil Du erst drei-
zehn bist. <
Ihre Eishände kriechen unter mein Hemd.
> Wär schön, ne? <
> mh..<
Sie rüttelt mich.
> Sag doch mal..! <
> Was? <
> Na, daß es schön ist, im Gefängnis! <
> Jo, schön. Wenn sonst keine Beschützer da sind. <
> Och, die schicken wir alle nach Haus!, < albert sie.
Gerade will ich mitalbern, da sagt sie: > Jetzt müssen wir nur
noch überlegen, wie man ins Gefängnis reinkommt?! <
Ich wüßte schon, wie.

Wochen später - nur knapp nach Lenas 14ten Geburtstag,
sitzen wir tatsächlich im Knast - präziser: geschlossener Ju-
gendarrest, weil wir dem Munz bei Nacht und Nebel auflauer-

ten, ihm mindestens fünf Zähne rausgekloppt und anschließend

rund hundert Mäuse abgeknöpft haben. Schwere Körperverlet-

zung und räuberischer Diebstahl, nennen das die Gerichtsfuzzis.

Deshalb der Jugendarrest.
Halb so wild. Die Aufpasser, hier im Jugendknast, sind echt nett -
jedenfalls die meisten.
Lena sitzt im Mädchentrakt, schräg überm Hof. Wir sehen uns
jeden Tag am vergitterten Fenster. Abenteuer pur, irgendwie.
Keine Tränen und erstrecht keine Reue. Alle paar Minuten win-
ke winke und unser schallendes Lachen im Hof. Jeden Abend
ruft mir Lena einen Gutenachtkuss zu.
Klasse Zeit, die leider schon nach einer Woche vorbei ist. Der
Jugendrichter hat einen guten Tag und schickt uns einfach
wieder raus.
Draußen wartet Opa.
Der nu’ wieder!, motzt Lena. Sie macht kehrt marsch und trom-
melt wild gegen das Eisentor. Doch da rührt sich keiner.
Ziemlich geknickt trotten wir stadteinwärts, den lahmen Alten
immer in Sichtweite.

5.
Ich schreibe und schreibe und spüre, daß Lena und ich sich
wohl noch viel Schlimmeres ausdenken...Dann werden sich die
eisernen Tore für sehr lange Zeit hinter uns schließen. Viel-
leicht sehen wir uns dann nicht mehr so oft im Gefängnishof -
oder garnicht; die netten Wärter werden andere sein, zu Essen
gibts weniger; die einst abenteuerliche Zeit hat plötzlich keine
Stunden mehr, oder Tage; sondern Jahre! Dann ist Schluss mit
lustig.
Na und, wenn schon! Soll sie doch endlos sein, die Zeit hinter
dicken Mauern! Sie schützt uns. Schützt auch die anderen vor
uns.

 

Schreiben. Gegen das Unheil anschreiben - für Lena; daß sie
gesund wird - kleine Schwester. Aufhören; wir müssen auf-
hör’n, Lena! Ich will nicht im Knast alt werden! Will nur schla-
fen..!
Wir kriechen ins Bett.

Draußen fährt der letzte Bus.
Lena redet im Schlaf, und mir schläft der Arm ein. Ihr Atem
weht mich an. Die dünnen Hände tasten ruhelos umher.
Wie Engel auf  Wolke sieben, fällt mir ein. Nein, auf Blume.
Pusteblume.


6.
Seit kurzem futtert Lena für zwei. Aber davon allein wird ihr
Bauch nicht dicker...



(c) Ralph Bruse

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