Die Unsichtbare

 

 

Sein großer Zeh wackelt zuerst.

Die buschigen Augenbrauen zucken; die Lider; erst links, dann

rechts. Emmo blinzelt ins Licht.

> Morgen, allerseits! <

War ‘ne lange Nacht, gestern, ist sein erster, undeutlicher Ge-

danke. Auf die Dauer zu hart, diese Touren.

Er friert, obwohl die Heizung hochtourig arbeitet.

Nur noch’n bisschen dösen. Oder viel schöner: noch ‘ne Runde

schlafen... Wenn’s nur so einfach wär... Der Durst ruft! 

Irgendwo muß doch noch ein Muntermacher sein!

Emmo im Pech - jeder Vorrat geht mal zur Neige.

Er knurrt mürrisch; setzt sich auf. Flugzeugähnliche Objekte

wirbeln ihm vor den Augen herum. Ihm ist übel, und das Klo

ist viel zu weit weg.

Er hält die Hände auf. Leider reichen sie nicht, um alles aufzu-

fangen. 

Wildentschlossen kämpft er sich zur Kloschüssel durch.

Geschafft! Aber wie den Deckel anheben, wenn die Hände Ma-

gensaures durch die Gegend tragen?

Er versucht es mit einem Fuß; verliert das Gleichgewicht, lan-

det rücklings im Duschbecken und bleibt benommen liegen.

Es wimmelt von Fliegen. Die Biester kommen von allen Seiten;

stürzen sich auf ihn und auf das verschüttete, glibberige Zeugs.

Minuten vergehen.

Emmos Hände tasten in Zeitlupe umher - suchen Halt. 

Endlich - der Duschhahn. Er öffnet ihn.

Kaltes Wasser. Eiskalt. Brrrrr!

Lange hält er den Eisregen nicht aus - aber immerhin lange

genug, um halbwegs klar zu werden.

Nur flüchtig trocknet er sich ab. Und dann nichts wie los -

Nachschub holen!

Er reisst die Tür auf, stolpert die Treppen runter und merkt

erst an der Haustür, daß er prompt vergessen hat, Klamotten

überzuziehen. Also retour; rauf, in den zweiten Stock.

> Piepen...Verflixt, wo sind die Piepen?! <

Kein Geld - weder in der Arschtasche seiner Jeans, noch sonst-

wo. > Scheiße, elende! Wieder mal im Suff verbummelt..! <

Dann erinnert er sich lückenhaft an Trudi. Die ist dafür be-

kannt, besoffene Kunden restlos auszunehmen. Bei Emmo -

also bei ihm - macht sie eine Ausnahme - er ist sich da ziemlich

sicher; wahrscheinlich, weil er sie wie ‘ne Dame behandelt -

nicht wie den letzten Dreck. Nutte hin, Nutte her - klauen würde

sie seine paar Kröten jedenfalls nicht. Wozu auch, wenn sie alles

von ihm haben kann - freiwillig.

Kurz und gut - nee, nicht gut: über zweihundert Piepen haben

sich in Luft aufgelöst.

Emmo grübelt. Mit dem Nachschub wird es wohl nichts. Kein 

Geld, kein Fusel. Ihm schwant Böses. Bald schon kommt der 

Tatterich; dann wird es richtig schlimm! 

Oder aber...geklaut schmeckt der Sprit ja auch nicht schlechter.

Holst dir halt ‘ne Flasche. Die erwischen dich schon nicht...

Und wenn doch?

Ach was: klappt nicht, gibts nicht! Abmarsch!

Er rauscht die Treppen runter.

An der Haustür begegnet ihm Hanna Beck- den Kehrbesen in

der Hand.

Welch gütiges Lächeln! Fast schon unheimlich.

> Na, Emmo. War wieder ‘ne feuchte Nacht gestern, ne? <

Das gütige Lächeln schwächelt etwas.

> Mensch Emmo, sauf bloß nicht soviel. Das dicke Ende kommt

bestimmt! Mir würdste jedenfalls fehlen. Ohne Quatsch!, < fügt

sie schnell hinzu.

Wieder das blühende Gutmensch-Lächeln. Das beruhigt Emmo

keineswegs. > Ich muß los, Hanna!,< wiegelt er ab.

Sie hält ihn am Hemd fest.

> Sag mal, vermisst du nichts...? Zweihundert Mäuse sind doch

‘ne Menge Geld, oder etwa nicht? <

Die reinste Freude, ihr Lächeln - nun auch für Emmo.

> Na, macht's Klick? <

Er glotzt und glotzt; stottert erleichtert: > Hahahast du etwa die

Radatten gegefunden? <

> Ja, hab ich, < schwindelt sie. > Direkt hier, vor der Haustür!

Gut, ne? Kannst froh sein, daß ich so früh aus den Federn bin,

sonst wär die Brieftasche jetzt nämlich futsch. <

Sie zieht die braune Lederbörse aus der Kitteltasche hoch; hält

sie ihm unter die Nase.

> Und, was sagste? <

Erstmal nichts. Gierig grapscht er nach den rettenden Piepen.

Sie ist schneller; zieht ihre Hand zurück.

> Nur wenn du mir versprichst...<

> Nicht mehr soviel zu trinken. Und ein anständiger Mensch zu

werden. Ist gebongt. Ehrenwort! <

Er hebt zwei Finger zum Schwur und zieht sie an seine spacke

Brust.

> Bist ‘n Schatz, Hanna. <

Zum ersten Mal nennt er sie beim Vornamen.

Sie wird rot.

> Weiß ich doch. Irgendeiner muß sich ja um dich kümmern. <

> Na ja, eigentlich kümmer ich mich schon lieber sel....<

Die Frotzelei hat sie nicht verdient, merkt er schnell.

Zu spät. Sie windet sich aus seiner Umarmung.

> Nimm schon! <

Weg, das Lächeln. Wut schwingt jetzt in ihrer Stimme mit. Und

in ihren Augenwinkeln ziehen Tränen auf. Die hält sie tapfer

zurück, bis er zur Tür raus ist.

Sie blickt ihm lange nach - und denkt daran, was er ihr letzte

Nacht erzählt hat...Währenddessen spielt ihr Herz verrückt...

Sturzbetrunken polterte er die Treppen hoch. Sie fing ihn auf;

schleppte ihn in die Wohnung... Heulend faselte er von der 

Frau, die angeblich tot sein soll...Wie hieß die noch? Hanna 

hat den Namen vergessen, obwohl er ihn zigmal wiederholte.

Sie blendete ihn aus, den Namen; auch das Gejammer um die

Tote blendete sie aus, oder versuchte es zumindest. Er spinnt,

sagte sie sich. Das bildet er sich nur ein.

Aber Zweifel kamen dann doch. Wenn besagte Trudi(?) -genau,

Trudi heißt das Miststück. Wenn die also wirklich tot ist, müßte

man sie inzwischen gefunden haben.

Hanna blickt unwillkürlich auf ihre Armbanduhr.

Elf Uhr fünfzehn.

 

Gegen Zwölf findet eine Strich-Kollegin Trudi Solms tot in ihrer

Wohnung.

 

Emmo vertrödelt diesen - wie auch andere Tage zuvor, in düs-

teren Kaschemmen. Er trinkt nicht mehr als sonst, und nicht 

weniger. Sein Soll sind zehn Bier und zehn Kurze. Diesbezüg-

lich ist er ziemlich penibel - schon wegen der Finanzen, die 

nicht mehr erlauben.

Hin - und wieder macht er schlapp; hält ein Nickerchen im

Kneipeneck. Die Leute rempeln, oder klopfen ihm auf's Bein -

kratzt ihn alles nicht. Emmo ratzt einfach weiter. Nur in Aus-

nahmefällen glotzt er schlechtgelaunt aus der Wäsche, rafft

sich langsam auf; gaaaanzz laaannngsaaam, zieht sich zurThe-

ke; zieht sich am Tresen hoch, bis alle Knochen gerade stehn

und stiert den langweiligen Wirt an. Arm heben ist nicht nötig.

Für die Bestellung reicht ein Gähnen oder Rülpsen. Auch Nase-

bohren oder Furzen sind geeignet, den eigenen Durst kund zu

tun. Den Rest besorgt der langweilige Wirt.

 

Die Nachricht, daß Trudi Solms letzte Nacht ermordet wurde,

verbreitet sich schnell. Kein Wunder, denn hier, in dem schä-

bigen Viertel, hat sie die meisten ihrer Kunden aufgegabelt.

Fast ebenso schnell wird an Vermutungen geschustert, die je-

doch allesamt ins Reich der Märchen und Fabeln gehören.

Schließlich erinnert sich aber ernsthaft jemand an Trudis 

letzten Gast - und plötzlich richten sich viele Augen gleich-

zeitig auf den noch schläfrigen Kerl an der Theke, der ge-

rade dabei ist, sein Tagessoll zu erfüllen: also Bier Nummer

Zehn zu löschen. Und das ist ihm nicht gegönnt...

Emmo wird verhaftet - ziemlich schnell; ohne pardon. Aus.

Ihm dämmert, daß sein Soll für heute unerfüllt bleibt. Das be-

trübt ihn weitaus mehr als die Tatsache, daß er plötzlich Bei-

ne aus Gummi hat. Mehrmals segelt er zu Boden. Nach dem

vierten Gehversuch mit Bruchlandung bleibt er einfach liegen

und lässt sich von den Bullen wegtragen.

 

 

Aus Emmos Tagebuch:

11. September.

Auf dem Bau lachen sie schon über mich. ‘n Strichweib. Wie

kann man sich nur in eine Nutte verknallen?!

Na und! Ich liebe sie wirklich. Trudi ist nicht wie die andern 

Nutten.

 

12. September.

Dauernd muß ich an sie denken.

Ich weiß jetzt, daß Trudi einen Beschützer hat. Er hat mir auch 

schon Schläge angedroht, falls ich die Finger nicht von ihr 

lasse.

 

14. September.

Langsam glaub ich, daß Trudi mich auch mag. Heute waren 

wir schick essen und hinterher sind wir zu ihr gegangen.

Ich bin der erste Mann, der sie küssen darf, sagte sie.

Wir haben uns richtig geliebt, ohne Flunkern, und so. Hinter-

her bot ich ihr Geld an. Da hat sie mir eine gescheuert.

Die schönste Ohrfeige meines Lebens!

 

15. September.

Ihr Beschützer hat Wind gekriegt, daß zwischen uns was Ern-

stes läuft. Er hat Trudi verprügelt. Sie war grün und blau.

Ich war so wütend, daß ich dem Kerl aufgelauert hab, als er

spätabends aus der Kneipe kam.

Er war stärker; hat mir drei Zähne ausgeschlagen und gedroht, 

daß er mich ganz alle macht, wenn ich Trudi nochmal zu nahe

komm.

 

16. September.

Den Job auf dem Bau hab ich gekündigt, oder besser: die haben 

mich rausgeschmissen, weil ich die Lohnkasse geklaut hab.

Dabei wollte ich mit dem Geld nur Trudi freikaufen.

Zwanzigtausend. Das ist dem Beschützer von Trudi zu wenig. 

Er will dreißigtausend.

Dreißigtausend! Soviel hab ich nicht; verdammt!

 

17. September.

Ich saufe zuviel. Aus Liebeskummer. Trudi zieht sich wieder vor 

mir zurück, weil ich ein Schlappschwanz bin, wie sie sagt.

Na und, denn bin ich eben ein Schlappschwanz!

Wir waren trotzdem wieder in ihrer Wohnung; haben nicht 

viel gesprochen, mehr gebumst. 

Sie hat mir einen Orgasmus vorgespielt - und danach mußte 

ich zahlen.

Sie taugt vielleicht doch nichts, aber ich liebe sie immer noch.

Ich trink triinkk jetzzzt nnoch die Ffflaaschsche lleeer undd 

ddenn hauau ich mmichch inn dieie Fffallle. Viellleieichcht

kannnn ichch endlichch mmal durchschlaaafen.

 

25. September.

Trudi hat das Verbot, mich zu treffen, gebrochen. Ihr Beschüt-

zer ist stinkesauer.

Heute hat sie mich nach langer Zeit angelächelt. Sie wolle ab-

haun, sagte sie. Egal wohin. Und sie fragte, ob ich mitkomme?

Was für ‘ne Frage. Na klar geh ich mit!

Bin total glücklich!!!

Morgen darf ich nicht soviel trinken. Das fällt mir schwer, weil

ich mich schon daran gewöhnt hab.

Abends wolln wir heimlich aus der Stadt verschwinden. Trudi

ist schon ganz aufgeregt. Und ich erst!

 

 

Hanna schließt das Tagebuch.

Weint sie? Sie mag Emmo - mag in viel zu sehr und weiß nicht,

ob sie das durchsteht, was nun kommt. Trotzdem will sie es ver-

suchen. Daß er diese Trudi liebt, verdrängt sie; schiebt es weit, 

weit weg. Gerade weil er sie liebt, kann er auch ihr Mörder sein...

Hanna zieht den Mantel über; verläßt das Haus.

 

> Emmo war bei mir!, < gibt sie im Polizeipräsidium zu Proto-

koll.

> Mag sein, < erwidert ihr Gegenüber ruhig. > Aber bis 24 Uhr

war er bei dieser Frau Solms - das ist ganz klar durch Zeugen-

aussagen gedeckt.<

Er räuspert sich.

> Leider helfen Sie ihrem Nachbarn damit nicht viel weiter. Er

wird wohl noch eine Weile hierbleiben müssen. <

Gerade will er aufstehen, um ihr zum Abschied die Hand zu 

reichen - da greift Hanna in die Manteltasche; zieht ein Buch

hervor.

> Das ist sein Tagebuch. Lesen Sie, dann werden Sie schnell

den richtigen Mörder finden...! <

Sie ist blass und wütend. Grußlos verlässt sie das Zimmer.

Der Mann hinter der Schreibmaschine will sie zurückpfeifen,

lässt es dann aber. Eile ist relativ und der Jüngste ist er ja auch

nicht mehr. Außerdem sind unscheinbare Möchtegern - Zeu-

ginnen weißgott kein Grund zu größerer Unruhe. 

 

Schon nach kurzer Sichtung des Tagebuchs schwant dem Pro-

tokolleur, daß er die Zeugin besser doch noch ein Weilchen hier-

behalten hätte. Da gibt es schon ein paar drängende Fragen. Zum

Beispiel: wie kommt die Frau in den Besitz des Tagebuchs? Im-

merhin gehört es ihrem Nachbarn, und der ist nicht mal um zehn

Ecken mit ihr verbandelt...Oder doch?

Verwandt nicht, soviel ist mal klar. Verbandelt schon eher...Die

Beiden sind offenbar ein Paar. Und dieser Emmo treibt es mit

zwei Frauen gleichzeitig. Pascha, der.

 

Eine Woche danach wird Trudis Zuhälter wegen dringenden

Mordverdachts festgenommen. Erst nach zähen, stundenlangen

Verhören bricht er sein Schweigen. Er gibt zu, Trudi Solms er-

würgt zu haben.

Eine Frage bleibt bis zuletzt offen: wie konnte der Mistkerl wis-

sen, daß Trudi und ihr Liebhaber heimlich die Stadt verlassen

wollen? Niemand sonst wußte davon.

Wirklich niemand...?

 

2.

Hanna fand keinen Schlaf in dieser Nacht. Sie mußte immer wie-

der an Emmo denken...Sie erinnerte sich an den Abend des 25sten

Septembers, als er ihr sein Tagebuch gab...Sie sah seine Tränen -

seine Verzweiflung; die Angst...Er war völlig betrunken, als er in 

ihre Arme sank, um Trost zu finden.

Am andern Morgen wußte er nichts mehr - auch nicht, daß sie ihm

mehr als Zuspruch und gütige Hände gab. Sie fühlte ihn ganz nah 

bei sich - in sich; war in dieser Nacht für ihn da - ganz und gar.

Nüchtern würde er sie nie so begehren; dessen war sie sich be-

wusst. Er roch nach Schweiss und Alkohol - sie nahm es gelassen

hin. Er warf sich tierhaft auf sie; plünderte roh ihren Leib; kniff

so hart zu, daß gelbblaue Flecken zurückblieben - auch das nahm

sie gelassen hin. Ihre heimliche Liebe kann unendlich viel aus-

halten. Keine Illusionen. Träume sind für hübsche, junge Dinger

da - nicht für sie. Der Augenblick zählt. Und den genoss sie, trotz

seiner Unbeherrschtheit. Ihm würde sie alles verzeihen. Alles...!

Als er zusammengekrümmt neben ihr einschlief, las sie sein Tage-

buch. Schon kurze Zeit später erschien ihr diese Trudi Solms wie

eine Bedrohung; wie eine kühne Zerstörerin all ihrer Hoffnungen.

Hannas Unruhe wuchs und wuchs. Schließlich hielt sie es nicht 

mehr aus...Gegen zwei Uhr in der Frühe schlich sie aus Emmos

Wohnung, lief die Treppen runter, stoppte vor ihrer Wohnungstür;

zögerte aufzuschließen. Der Schlüssel fiel zu Boden. Wie auf ei-

nen Wink; ein Zeichen hin, bückte sie sich danach; steckte den

Schlüssel ein. Weiter, die Treppen hinab; weitergehen; sich am

Geländer stützen; an Hauswänden, Straßenlaternen; immer wei-

ter - von Liebe und bösen Mächten getrieben - tiefer, in die un-

wirklich scheinende Stadt. Ihn verraten. Ihn halten - und wieder

verlieren.

 

3.

Tage danach holen sie auch Hanna ab.

Wegen Anstiftung zum Mord an Trudi Solms - sie hatte deren Zu-

hälter angeheuert - wird sie zu sechs Jahren Haft verurteilt. 

Nach etwa der Hälfte dieser Zeit, verstirbt sie - ohne nennenswer-

te Krankheitsgeschichten - einfach so. Kaum jemand nimmt No-

tiz davon. Sie stirbt, wie sie lebte: beinah spurlos.                                      

 

 

(c) Ralph Bruse

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