Heimat ist nicht da, wo man herkommt,

sondern wo man sterben möchte.

 

(Carl Zuckmayer)

 

 

Am Abgrund

 

 

Wer hier draußen, hinter der schroffen Steilküste lebt, ist 

die meiste Zeit mit sich allein. Nur ab und zu verirrt sich 

ein Fremder in die karge Gegend, und auch nur dann, wenn

die kurzen Sommer diesen Flecken nicht übersehen. Die we-

nigen Leute, oberhalb sandiger Klippen sterben aus, sobald 

ihre Häuser an der Reihe sind, von der tosenden Brandung

fort gerissen zu werden. Hier ist das Meer tückisch und die 

Klippen müssen ihm immer öfter weichen. Meter um Meter 

Land versinken in manchmal turmhohen Fluten. Und diejeni-

gen, die zu nah am Wasser gebaut haben, flehen ohne Unter-

lass, daß der nächste Sturm kein Unheil über sie bringen mö-

ge. 

Vergeblich - denn das Meer in seiner grenzenlosen Urgewalt 

ist viel stärker als all ihre Gebete. Haus um Haus stürzte nach

und nach in die Tiefe - und mit ihnen so mancher Bewohner, 

der das Unabwendbare nicht wahrhaben wollte.

 

So gingen Jahre hin...Und nur ein einziges Haus aus rotem Zie-

gelstein duckt sich noch auf der vorderen Landzunge vor Wind 

und Wetter. Sein jammervoller Anblick verursacht bei zufällig 

vorbeikommenden Fremden eher Unbehagen, als Wohlgefühl.

Die Fensterscheiben der letzten, standhaften Behausung sind 

schon vom Wind zerschlagen. Es lohnt nicht, sie zu erneuern. 

Von der Eingangstür blättert blaue Farbe, die Nässe und Sturm

sich holen. Die liebevoll geschnitzten Ornamente an Tür und 

Fenster verblassen und modern. Bald werden auch letzte, von 

Menschen erschaffene Spuren auf immer fort sein.

An manchen Stellen des schiefen Daches fehlen Ziegel. Der 

Mörtel, der seitwärts den roten Mauerstein zusammenhält, löst 

sich kräuselnd, um das marode Anwesen jeden Augenblick in 

sich einbrechen zu lassen. Der salzstarre Wind, der fast pausen-

los umherzischt, verbeisst sich in jede Fuge, jede noch so klei-

ne Ritze. Gebälk und Fensterläden knarren - das ganze Haus 

knarrt und ächzt bei jedem noch so schwachen Luftzug - doch 

es steht noch immer hier - seit über hundert Jahren.

 

Nun ist der tiefe Abgrund zum weiten Ozean dem Haus ganz nah

gekommen. Bis auf etwa fünf, sechs Meter. Es kann Minuten dau-

ern, vielleicht auch Stunden oder Tage - aber keine Ewigkeit 

mehr - bis es aus achtzig Metern Höhe in die brodelnde Tiefe 

kracht. Der Zeitpunkt seines Vergehens ist vorbestimmt und bei-

nah schon zur Unwichtigkeit geworden. Wichtig ist nur noch der 

Mensch, der dort unruhig in dem wüst aussehenden Vorgarten

auf und abgeht. Es ist eine Frau. Sie ist nicht mehr jung, aber

auch nicht mal halb so alt, wie das Haus, in dem sie seit jeher lebt.

Ihr Haar ist so bleich wie die Sonne, die gerade schwach den grau-

en Nebelmantel durchdringt.

Sonst ist auch niemand in der trostlosen Einöde zu sehen. Eine 

Schar Schwalben jagt über das schiefe Haus hinweg. Die Frau 

schreckt auf vom schrillen Schreien leerer Vogelschnäbel. Still

steht sie da, hebt den Kopf in Richtung Himmel, um dort irgend-

etwas zu finden: ein Zeichen oder Ahnen, das leise Hoffnung ma-

chen könnte. Doch der riesige Himmel wirkt heute noch trüber 

und trostloser, als am gestrigen Tag, wo er immerhin eine kurze 

Zeit lang Sonne und vage Heiterkeit über den Landstrich ausgoss.

Ein Regentropfen fällt aus einer schwarzen Wolke - genau auf die 

heisse Stirn der Frau.

Sie lächelt. Und dieses Lächeln ist keineswegs erzwungen. Es ist 

frei von aller Bitterkeit. Die nachfolgenden Tropfen fängt Gitta in 

ihren Händen. Ganz plötzlich ist der Regen so stark, daß ihre zwei 

Hände zur Hälfte gefüllt sind. Und ebenso schnell hört es auf zu 

regnen.

Sie trinkt das Wasser in ihren Händen, beleckt dieses bisschen Le-

benswasser sogar, ehe ein Teil davon durch ihre Finger rinnt. Sie 

genießt den Moment wie eine Todkranke, die nach langem Heil-

schlaf zum ersten Mal erwacht und mit allen Sinnen Licht in ihren 

Augen einfängt. Sie hockt sich hin und pflückt eine Blume aus dem

wild wuchernden Gestrüpp des Gartens. Eine Blütenflocke trudelt 

tänzelnd in ihren Schoß. Gitta bemerkt es nicht. Sie ist fasziniert 

vom Duft der zarten Blume, die sich über die Zeit retten konnte. 

Tief atmet sie den schwach süsslichen Duft ein. Und verliert sich,

wie schon öfter, in Erinnerungen...

 

Doch dann raschelt es hinter ihr!

Gitta kann nicht sehen, wer oder was es ist. Das dichte Gestrüpp 

nimmt ihr die Sicht.

> Ist hier jemand?, < ruft die tiefe Stimme eines Mannes.

Gitta macht sich klein - ganz klein. Sie ist verunsichert.

> Hallo, lebt hier noch jemand?, < ruft der Mann wieder. Und leise 

hinterher: > G i t t a ...? <

Ein Instinkt sagt ihr, daß diese Stimme eigentlich für immer schwei-

gen sollte...Ja, sie hat die Stimme schon öfter gehört - irgendwann, 

vor Jahren...Ihr inständiges Beten; ihr übermächtiger Wunsch, sich 

einem nahe stehenden Menschen noch ein einziges Mal anvertrauen 

zu können, ist also erhört worden.

Trotzdem wagt sie nicht, sich dem Fremden zu zeigen. Noch nicht. 

Eine unbestimmte Macht hält sie zurück.

Ihr Herz klopft rasend schnell.

Sie hört Schritte, die über die Schwelle ihres Hauses schreiten. Und 

sie sieht die Silhouette des Mannes von hinten. Groß ist die Gestalt 

und ihr Gang ist so schwer und laut wie das Aufschlagen von Pferde-

hufen. Der Mann trägt einen Hut von der Art, wie ihn Einheimische 

bei Unwetter tragen: aus Gummi und mit breitem Rand. Der Hut 

überragt Kopf und Nacken des Fremden - der ihr so vertraut wie das 

eigene, bisherige Leben wird - ein Leben das trotz aller Mühen schön 

war und das sie zwei Jahrzehnte lang hingebungsvoll mit jemandem 

teilte...

Gitta atmet wie ein von Hand gefangener Vogel: hastig und angstvoll. 

Doch der leise Seufzer ihres Mundes verrät auch die gewollte Erlö-

sung durch jenen Besucher, der jetzt im Innern des Hauses umher

geht. Noch fürchtet sie sich, ihm zu folgen, aber der tröstliche Klang

von Stimme und Schritten durchdringt allmählich jedes Gefühl von

Angst und Zurückhaltung.

Das ist kein schöner Schein. Sie  kann ihn wirklich sehen, wie er da 

drinnen jeden Winkel nach ihr absucht.

Auf zittrigen Beinen steht sie nun da. Sie wankt näher, um sich dem 

Mann zu zeigen.

Noch ehe sie das modrig riechende Zimmer zu ihrer Linken erreicht, 

treffen sich die Blicke der wohl einsamsten Menschen, diesseits der 

tobenden See...Und dann bebt das Haus, bebt und stöhnt ergeben un-

ter der rohen Gewalt, die ihm angetan wird.

Immer stärker werden Donnern, Grollen und Beben! Die aufgeweich-

te Erde unter dem Haus sackt endgültig in sich zusammen; rutscht ab,

in die schäumende Brandung - und die klägliche Behausung - das letz-

te aller Häuser dort oben - bricht mittlings entzwei!

Die rechte Haushälfte stürzt zu Tal - jedoch nur die eine Hälfte. Der 

andere Teil krallt sich noch immer standhaft an sein Weiterleben. Von 

überall lecken die hochschlagenden Fluten an seinem Grund. Tagelang. 

Längst ist der Küstenflecken einverleibt - doch mitten im brodelnden 

Ozean trotzt ein etwa zehn Meter breiter Erdsockel aller Übermacht. 

Und auf diesem Sockel trohnt die fast zertrümmerte Ruine des Hauses.

 

 

Schiffe fahren vorbei und zuweilen erzählt man sich noch heute die 

Geschichte von der spleenigen Frau, die ihr angestammtes Haus par-

tout nicht verlassen wollte. Und von dem Mann, der angeblich wieder-

kam.

Die einen sagen, sie wären beide schließlich doch in den Fluten ertrun-

ken. Andere wiederum behaupten starrsinnig, immer mal wieder zwei 

schemenhaft tänzelnde Gestalten, oben, auf dem Sandfelsen, gesehen 

zu haben. Wieder andere beschwören überhaupt keine Theorien, son-

dern halten sich schlicht an die sachliche Tatsache, daß Schnaps eben 

Schnaps und Legende eben Legende ist.

 

Doch das Licht, da draußen - jenes schwach flimmernde Licht, das bei

Sturm schon manchem Schiffbrüchigen den rettenden Weg zum nahen 

Ufer wies...Wer zündet es jede Nacht an?

 

 

(c) Ralph Bruse

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